Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1935-12-12 · Heft 50 (12.12.1935) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 50 (12.12.1935)
Date
1935-12-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450858-2450906--81751-2539539
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 Nr. 50 Der Israelit 12. Dezember 1935 ohne dieses Merkmal ist gar nicht denkbar. Was ersetzt aber dem Juden des sinnenfernen, ideellen de-jure-G'ttesstaates den 'Mangel solch eines positiven Merkmales? — Den ersetzt ihm die sinnenahe Realität des--Golus und seines Innu). Auch Mizrajim und Bowel waren Golus. Aber erst dieses dritte hat unser ganzes Volk zu scheinbar heimatlosen Menschen gemacht, die, — — wie von fremder Willkür und blinden Zufällen dahin und dorthin verschoben, bald diesem bald jenem Volk ungebeten als Gäste ins Haus gebracht werden. Irgendein Ereignis wirft sie hoch, ein Windstoß fährt dazwischen und treibt sie wehrlos auseinander —-) mTK D3J1iO 0"1JQ- Scheinbar heimatlos. In Wahrheit ist gerade diese unsere Zwangsgastschaft auf Erden das ehrwürdige, wenn schon nicht Liebe, so wenigstens Respekt heischende g'ttesstaatliohe -Hoheitszeichen, ist das negative, darum asber niclfl minder untrügliche Merkmal unserer Angehörigkeit zum himmlischen G'ttesstaat. Das ist ein traurig-ernstes Wort und doch der unversiegliohe Quell heiliger Freude. Es schenkt uns Heimat in Heimatlosigkeit, und nur der Jude, der es verneint, ist wirklich heimatlos. Ein Narr, wer sich sträubt und schüttelt; Feigling, wer sich verleugnet. Wohl dem, der stolz das G'tteszeichen trägt, wenn auch die Tränen rinnen — NtTPJl ipaiy ">Bipa smm3) Man kann uns von Volk zu Volk jagen — unser Vater im Himmel weiß und vergißt nicht, wie weh, wie weh das tut — aber wir werden nicht aufhören, g'ttgesandter Gast der Staaten zu sein, solange uns Golus beschieden ist. Wir selber können bis dahin unseren Gastzustand nicht eigenmächtig beenden, auch die Menschheit kann das nicht, kein Volk und kein Völkerbund. Gegen das System autonomistischer Erdenbürgerlichkeit und für die G'ttesreichsbürgerlichkeit eben als „Gastbürger" zu zeugen, ist ja grade auch eine, schon von den Ahnen4) uns vorgelebte, Bestimmung unseres Golusschioksals. Die welthistorische Lehre dieser Wahrheit ist: nicht die Staaten der Erde sind unsere eigentlichen Wirte, sie sind es nur scheinbar. Der Herr der Menschheit, G'ttkönig, ist es, der uns zu ihnen in Quartier gab, damit sie seinem Volk auf seiner Erde Lebensraum gewährten genug um, dankbar und treu für ihr Gewähren,5) der Ehre. G'ttkönigs und seines Reiches zu leben. Er tat a) III 26, 33. :,j (Jaumo 47 a). 4) I 23, 4; 47, 9; (vgl. auch III 25, 22). s) Jir. 29, 7; Ow. III 2. es nach seinem Plan wahrhaftig beiden zum Wohl und beiden zur — Prüfung. Das Anormale unseres Golus-Daseins ist nicht nur unser Schicksal, sondern auch Schicksal der Menschheit. Es ist vollendeter Irrtum, zu glauben, eigenmächtige Normalisierungsmaßnahmen könnten beide Teile von ihrem Schicksal befreien, bevor noch die Stunde des dritten G'ttesstaates geschlagen hat. Und verhängnisvoller Irrtum wäre es aber auch, aus unserer irdischen Heimatlosigkeit ein Recht für dei Menschheit herzuleiten, uns die Gastfreundschaft zu kündigen und nach. Belieben Ruhelosigkeit aufzubürden, also, S'charjo's Mahnung zum Trotz, dort, wo „G'tt ein wenig zürnt, von sich aus das Unglück zu fördern",0) G'ttkönig wird den vorzeitigen Albbruch unserer Zwangsgastschaft nicht wollen, bis daß sie ihren Zweck als g'ttesstaatlicher Wegweiser erfüllt und Jißroeii und Menschheit heimgeführt ihat in sein Reich. Und die politische Lehre: wirtschaftspolitische Güter sind uns nicht mehr frei zu eigen. Verloren andere Völker ihre Heimat,, so war die Entwurzelung (wenn eben nicht Untergang) immer zugleich Verpflanzung. Sie durften wieder Herren ihres Brotes und Weines werden. Das ist kein Golus. Aber J u d e n in der Fremde können nicht Herren des Brotes sein, das sie essen, nicht Herren des Weines, den sie trinken. Unser Golus allein ist bitter echt.7) Fremder Wohlstand und Frieden beherrschen unsere Nahrung und Ordnung. Ob die wirtschaftspolitische Symbiose zu einer 'gesunden organischen Einordnung führen soll oder nicht, das liegt wesentlich in der Hand unserer Wirte. Wir unsererseits aber müssen in jedem Falle wissen, daß unser Verhältnis zur Wirtschaftspolitik der Völker kein nutznießerisches sein kann, sondern nur ein treu mitwirkendes. Und auch dieses nur ein abhängiges, kein selbständiges; altes Schtadlonuß hat das bedacht; Führung, die das vergißt, mu ß scheitern. Und die Mussar-Lehre: schmerzt ein Glied, so leidet das Ganze. Man kommt dem Golusproblem nicht damit bei, daß man es in zusammenhanglose regionale, landsm.annschaftliche Probleme zerspaltet oder gar in lauter individuelle Einzelschicksale, Die erste Methode mag „natürliche" Erklärungen erleichtern; aber geht denn das Judesein überhaupt natürlich zu? Und die zweite fordert zwar jeden Betroffenen' zur Selbstprüfung -heraus, und die ist gewiß notwendig; damit ist aber das Gemeinschaftsge- °) 1, 15; K'ßub. 111 a; Comm. u. J'sch. 10, 15. 7) Midr. R. zu Eicho 1, 3 s. a. V 32, 43 u. Hirsch schick als solches nicht gedeutet. Beide Betrachtungsweisen sind zu kurzsichtig für das „große Ganze"; und gerade dieses bildet doch das schreiende Problem. Man bringt es nicht zur Ruhe, indem man es übersieht oder gar leugnet. Vielmehr, wenn Zwangsgastschaft uns alle noch heute als das G'ttesstaatsvolk legitimiert, dann ist eben das harte Erleben, das Juden irgendwo trifft, über Sühne oder Prüfung hinaus ein Signal zu zwangsgastschaftlicher Besinnung für die Juden aller Staaten, nicht nur für die Betroffenen. Wohl dsnen, die es begreifen! Es ist wahrhaftig etwas Gewaltiges um zwanigsgastschaftliche Besinnung! Sie ist g'ttesstaatsvolkliohe Besinnung, sie ist jedesmal eine huldigende Bundeserneuerung zwischen dem G'ttesstaatsvolk und seinem König, G'tt; was brauchen wir mehr? Und schließlich — warum kommt unser Volk nicht wirklich ohne Schmerzen zur Besinnung? Das Gesetz unserer Zwangsgastscihaft spricht "keineswegs nur aus den Leiden des Golus, es spricht vielmehr aus seiner ganzen unabänderlichen Eigenart; freilich ist die Sprache der Leiden lauter und deutlicher. Gastschaft ist immer eine ernste Sache. Sie muß deswegen noch nicht reihen. Wie Wirt und Gast miteinander auskommen, also die Judenfrage im üblichen Sinne, ist in dieser Welt der Freiheit im Grunde eine Frage des Taktes — von beiden Seiten. Aber bei ungezügelter Trieblichkeit führt nun einmal das Zusammenleben leicht zu Reibungen. Zwangsgastschaft gar verlangt von beiden Teilen ganz besondere Selbstzucht. Dazu muß man bedenken, daß als eigentlicher Wirt noch: ein Dritter dabei ist, G'tt. Urtrieibliches Sichgehenlassen der Gäste unter sich, der Wirtsvölker gegeneinander, der Gäste gegen den (scheinbaren) Wirt, des Wirtes gegen den Gast, beider gegen den wahren Wert muß vermieden werden. Das bedeutet durchaus nicht blinde Mechanik von Ursache und Wirkung. Daß es so aussieht, gehört tatsächlich zur Eigenart des Golus: G'ttkönigs Eingreifen mutet wie Zufall an,8) Daß aber „dennoch!" — nxt fjtfl — ibei alledem das Auge des himmlischen Vaters aus der Ferne durch die Gitter lugt und Gastvolk und Wirtsvölker für die g'ttesstaatliohe Golus-Erziehung wirksam überwacht — das ist das süße Wissen der Wissenden. Da sollte jeder schon um seinetwillen die Zügelung der Triebe nach G'ttes Weisung bei sich und beim andern fördern. Wüßten die Völkerr um was es geht, sie stellten neben jeden Juden III 26, 24-ff. "im Primitivierung. Von B. Cohen. •$•3 v '3i a-'p1?» 'ain '3 „Denn G'tt hat mich begnadet, daß ich alles besitze." 1. Daß unsere Lebenshaltung eine zu anspruchsvolle war, ist eine sehr allgemeine Erkenntnis geworden. So allgemein, wenigstens unter Juden in und aus Deutschland, daß sich schon eine- Art Gegenreaktion bemerkbar gemacht hat, die man „Eifer im sozialen Abstieg" genannt hat. Es ist nicht unsere Sache, zu prüfen, wie ernst dieser Eifer zu nehmen sei; wohl aber, uns nach der Meinung der Lahre unserer Weisen über diese (Erscheinung uns umzusehen. In Aboth 6, 4 wird das kümmerliche Leben dessen, der aus Thora-Eifer mit einem Lager auf Ende, mit trockenem Brot und zugemessenem Wasser vorlieb nimmt, als Weg zu jenseitigem und diesseitigem Glücke gepriesen. Das ist eine GlücklichpreLsung nicht dessen, der in rein negativem Sinne sich vornimmt, nur auf Kulturgüter zu verzichten, sondern dessen, der mit sedner Lebensenergie hauszuhalten weiß; der hier gemeint ist, hat sich etwa Folgendes überlegt: (Aboth 2, 2) „Schön ist Thorastudium. mit gleichzeitigem Erwerbe; die Mühe um Beide macht Sündengier vergessen; Thora ohne Erwerb verliert sich zuletzt und zieht Sünde nach sich; — ich aber kann, wenn ich in der Thora auch nur das Notwendigste erlernen soll, im Erwerbe nur das Notwendigste für mich erzielen. So will Ich denn auf äußere, würdige Ausgestaltung meines Lebens<miMeus verzichten und nicht so tun, als besäße ich noch die Geisteskraft meiner Vorfahren, die in Beidem es zu Großem gebracht haben. Wenn ich mär Einschränkungen auferlegen muß, so können diese immer nur das äußere, niemals das Thora-Leben betreffen." 2. Gilt diese Ueberlegung schon von der „geistigen Oekonomie", d. h. dem berechtigten Streben, geringe Geisteskraft in erster Linie für das Thora s t u d i u m zu sichern, — so hat sie noch dringlichere Geltung, wenn die Thora befolg u n g durch höheresi Kulturmilieu in Gefahr gerät. Leider existieren Länder, dn denen selbst der Tüchtigste und vom Thora-Derech- Erez-Prinzip Ueberzeugteste nicht bei voller Heiligung des Sabbat einen so ansehnlichen Erwerb entfalten kann, daß er in die dortige jüdische Gesellschaft gleiohgeachtete Aufnahme findet. -Es ist kein leichtes Opfer, aber ein notwendiges, in der Fremde ein Leben ohne Aussicht auf gesellschaftliche Geltung anzufangen. Man kann diesen bitteren Entschluß sich und, was viel notwendiger ist, den Kindern dadurch erleichtern, daß man sich und den Kindern Mut aus der Erinnerung des vorigen Jahrhunderts zuspricht und an die Zeit denkt, in welcher auch in deutschen Großstädten die Gesetzesbefolger sich ihre allgemeinmenschliche Geltung erst mühselig erwerben mußten. Das mag Manchem zum Tröste gereichen. 3. Wenn wir erst den Mut gefunden haben werden, unsere ganze Lebenshaltung zu primitivisieren, ers<t dann werden wir das Recht (haben, von Wunderglauben zu sprechen. Daher bleibt uns nur 'die Frage offen, dn welcher Richtung und mit welcher Absicht dies geschehen soll. Und da lehren uns obenerwähnte Worte und Vorschriften den Weg und die Antwort: Es muß in voller Unabhängigkeit, ohne Rücksicht auf Erfolg und öffentliche Meinung, geschehen. Das doppelte „Wohl dir" von Aboth 6, 4 kann dann für ganz Israel nicht ausbleiben. Es ist Verleumdung, zu meinen, die G'ttgetreuen seien nur dann lebensfähig, wenn ihre Umgebung leichtlebig ist. Nun, die Thora-Getreuen übertreffen in Anspruchslosigkeit auch eine in strenger Selbstzucht lebende Umwelt, wenn sie nur wollen. Sie werden das Wunder an sich vollziehen und mit aller dabei freiwerdenden Energie das riis^sn yp durch Selbstheiligung und Selbstbefreiung, .herbeinötigen. •B3^K naiarst >S>K 131» Kleines Feuilleton, Kurze Zeitrechnung aus VbVP\ Wurde l>K*itt^ p« in der biblischen Zeit einfach p» genannt? Der Name p«n mit bestimmtem Artikel wird sich oft genug nachweisen lassen. Von wem aber ist gesagt: ps V« l^'i »Er ging nach Erez"? — Nur von Eßaw. Gen. 36, 6. Gemeint ist dort allerdings nicht riK tonwv sondern ein anderes. Land. Ist das ein Sinnbild für soviele, die, um ttik apy 'isn ihrem jüdischen Geschick zu entgehen, „nach Erez" ziehen? C.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.