Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 41-42 (10.10.1935)
- Date
- 1935-10-10
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450858-2450898--81628-2539532- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
10. Oktober 1935 Der Israelit Nr. 41/42 Seite 3 der europäischen Philosophie zum Ausdruck kommt, die entsprechenden Komponenten aus dem jüdischen Kreis zur Seite zu stellen und das Hin und Her des'Beemflußtwerdens und der Beeinflussung, auf jüdischer Seite . meist natürlich .des Beeinflußtwerdens aufzuzeigen. So treten als geistige Schüler und Fortbildner Kants nacheinander Lazarus Bendavid, Salomon Maimon,, Moses Lazarus und Hermann Cohen in die Erscheinung. Von der Romantik, von Herder bis Hegel, beeinflußt, erscheinen Isac Bernays und Samson Raphael Hirsch und alsdann die ganze Serie der Träger der sogenannten „Wissenschaft des Judentums", ausmündend in dem jüdischen Nationalismus der Heß, Pinsker, Herzl, Achad-haam und Martin Buber. Bis dahin läßt sich das Schema einigermaßen aufrecht erhalten, wenn man von einzelnen Gewaltsamkeiten und Ungerechtigkeiten, auf die wir zum Teil noch zurückkommen, absieht. Dann aber bewährt sich diealte Erfahrung, daß derartige Schemata schließlich immer zu Unmöglichkeiten führen. 'Als Vertreter des Judentums im Verhältnis zum positivistischen Naturalismus der Umwelt erscheinen, man höre und staune, Sigmund Freud und Karl Marx und gegenüber dem Irrationalismus von Schopenhauer und Nietzsche wird Henry B e r g s o n zum Vertreter des Judentums gemacht! Es ist seltsam, daß der Verfasser nicht dien Widersinn dieser Konstruktion empfunden hat. Kein vorurteilsloser Beurteiler wird herausfinden, warum Sigmund Freud, Karl Marx und Henry Bergson ihrer geistigen Physiognomie nach in höherem Maße Juden sind und als Vertreter jüdischer- Ideen angesprochen werden dürfen, als etwa Schopenhauer, Engeis oder Spencer. Wenn Herr Lefkowitz nicht zufällig wüßte, daß die drei genannten Männer von jüdischen Müttern geboren wurden, so hätte eine Analyse ihrer Geistesschöpfungen ihn sicherlich niemals auf die'Idee gebracht, daß hier Gestaltungen jüdischen Geistes vorliegen. Im Zeitalter der Rassenlehre sollte man um so vorsichtiger sein, bevor man das geistige Bild eines Menschen ohne weiteres aus seinem Blute ableitet, ohne auch nur den leisesten Versuch zu unternehmen, diese Ableitung zu begründen. Protest eingelegt werden muß gegen die Identifii kation des Hamburger Chacham Bernays mit dem „Biblischen Orient"." Bernays hat seine Autorschaft an diesem Werke niemals zugegeben und die ganze Darstellung, die Lefkowitz selbst von dem Gedankengang des. „Biblischen Orients" gibt, zeigt zur Evidenz, daß eine gläubige, thoratreue Persönlichkeit, wie Bernays, unmöglich der Verfasser dieser durchaus traditionswidrigen Geschichtsphantasien sein kann. Daß bei. Lefkowitz die Gedankenwelt Samson Raphael Hirschs, der hier mit Bernays zusammen zum Vertreter einer „symbolisierend-dtgmatischen Auffassung des Judentums" bagatellisiert und auf sechs Seiten abgetan wird, nicht gerecht werden konnte, ist wohl auf seinen parteidogmatischen Standpunkt zurückzuführen, Auf alle Fälle ist der außerordentliche Fleiß anzuerkennen, mit dem das Buch zusammengetragen ist. Man legt es mit dem wehmütigen Gefühl au® der Hand, daß hier einer abgeschlossenen, man möchte sagen zu Grabe gehenden geschichtlichen Epoche ein immerhin imposantes Denkmal gesetzt ist. Der Ursprungsgedanke im biblischen Schöpfungsberichte und in Goethes „Faust". Von Kurt Sternb erg. Berlin -Grunewald. 1934. Dr. Walter Rothschild. Diese Schrift, die dem Andenken Hermann Cohens gewidmet ist, versucht den Ursprungsgedanken in Goethes „Faust" als Fortsetzung des biblischen Ursprungsgedankens herauszuarbeiten. Um jedoch einen derartigen Beweis anzutreten, bedarf es einer umfassenderen,, Analyse.; des Begriffes von „Ursprung", als wie er von Sternberg geliefert ist. Und als zweite Schwierigkeit ist zu erwähnen, ob überhaupt jede AeußeruiLg in Goethes „Faust" Ausdruck eines solch geschlossenen Ideenkreises ist, daß aus ihm Goethes philosophisches System gefolgert werden kann. Alles Wissen um philosophische Probleme von der Antike * bis' zu Kant,' alles Bemühen um die Kenntnis des ,,Urstoffes" bei den Vorsokratikern, wie es in der konzentrierten Studie von Sternberg, die für den Laien in ihren philosophischen Gedankengängen sicherlich .manchmal zu gedrängt ist, zum Ausdruck kommt, dient höchstens dazu, Parallelen herzustellen, Den Ursprungsgedanken in Goethes „Faust" jedoch als Fortsetzung des gleichen Gedankens im biblischen Schöpfungsberichte herauszuarbeiten beweist zwar auf der einen Seite, wie stark Goethe „im Umkreis der Bibel" dachte, bewirkt aber andrerseits eine Relativierung der Bibel, worauf aufmerksam zu machen Pflicht des Rezensenten ist. A. D^IST Dtf nVTlp'Von Jakob Gutkowski. Lodz, Bd. T1932, Bd. II 1 934. Verlag „Masora". Der Verfasser legt in den beiden Heften die ersten Bändchen einer hebräisch geschriebenen jüdischen Geschichte vor, die sich bis in die Neuzeit erstrecken soll. Das erste Heft umfaßt die Zeit vom Untergang des ersten Tempels bis zum Auftreten der Makkabäer, das zweite führt bis Johann Hyrkan. Das Werk ist für die jüdische Jugend im Alter yon 13—14 Jahren bestimmt, aber in seinem leicht verständlichen und flüssigen Hebräisch durchaus geeignet, schon von Schülern vom 10. Lebensjahre an benutzt zu werden. Die Darstellung stützt sich in erster Linie auf |W tbxiw Jin^in ohne jedoch die Forschungsergebnisse des D'ntzrinn m*vn außer acht zu lassen. Soweit T3 als geschichtliche Quelle verwandt werden konnte, sind jeweils einzelne D'pioa als Motto vorangestellt, um auch auf diese Weise zum Lernen von "Ta anzuregen. In diesem Zusammenhang werden auch die o'mriK D'aina zitiert, ein Verfahren, daß der Verfasser in seiner Vorrede begründet, indem er auf den hohen ethischen Gehalt dieser Schriften hinweist. Wir dürfen mit Spannung die Herausgabe der weiteren Bändchen erwarten, und wenn es auch verfrüht ist, sie in den orthodoxen jüdischen Schulen als Schulbuch einzuführen, so erhoffen wir doch durch sie für unsere Jugend ebenso eine verbreiterte Kenntnis der jüdischen Geschichte wie eine weitere Beschäftigung mit der hebräischen Sprache. A. a) Nordisch-arische Wirklichkeitsreligion; b) Nordischdeutsches Seelentum von H e r m a n n_ Mandel. Stuttgart. 1 934. Erschienen bei C. L. H i r s c h f e 1 d. Brosch. Mk.' 0.75 bezw. Mk. 3.60. Das erstgenannte Büchlein ist die Niederschrift eines auf der zweiten Berliner Tagung über das heidnisch-religiöse Ringen der Gegenwart am 3. Lenzing 1934 gehaltenen Vortrages, der in gemeinverständ-j lieber Form die Gedanken des zweiten Buches ausdrückte. Man kennt aus den theologischen und poli-j tischen Veröffentlichungen der letzten beiden Jahre das Ringen um eine arteigene Religion, bei dem es sich zunächst immer um ein klares Herausarbeiten der Grundbegriffe handelt. Hermann Mandel ist Theologieprofessor in Kiel, den Anstoß zur Veröffentlichung seines „Nordischdeutschen Seelentums" bildet die Distanziefung gegenüber den „Deutschen Christen", da nach seiner Ansicht bei ihnen noch die Gefahr einer Durchsetzung mit jüdisch-paulinischer Dogmatik vorhanden ist. Das Buch zerfällt in zwei Teile, deren erster das „Nordisch-Deutsche' Seelentum", deren zweiter den „weltgeschichtlichen Gegensatz" zum morgenländiseheti Seelentum behandelt. Für den nordischen Menschen gibt es keinen Gegensatz G'tt-Welt, ihm ist die G'ttheit ,,nicht eine jenseitige Ueberwelt neben dieser Welt, sondern Kern und Grund, Einheit und Ganzheit, Seele und Selbstheit dieser Welt" (S, 2). Nur die passive, landschaftlich bedingte Haltung des Morgenländers kann diesen Dualismus zum Dauerzustand erheben, der nordische, ebenso landschaftlich bedingte Mensch mit seinen stark ausgeprägten motorischen Kräften nimmt den Kampf auf zur Ueberwindung dieses Gegensatzes. Ein ganz anderes Lebensgefühl trennt den nordischen. vom morgenländischen Menschen. „Das aus der Mittelmeerkultur überkommene ex Oriente lux wird endlich yon neuerwachtem Deutsch- und Nordbewußtsein durch den nordischen Gedanken zu überwinden sein. Gegenüber dem Wahn, daß wir dem Morgenlande unser Bestes zu verdanken und uns zu ihm zu bekehren hätten, haben wir uns endlich auf uns selbst zu besinnen." (S. 21.,)' Als Stütze und Beleg für diese Behauptung wird eine Fülle von Literatur zusammengetragen, die gleich buntscheckig ist nach Thematik und Verfasserschaft. Es mutet tewas paradox an, daß ausgerechnet Georg Simmel zur Beweisführung herangezogen wird (S. 70), und wo einmal ein Gedanke Goethes nicht in das System hineinpaßt, wird schnell seinem dinarischen Einschlag die Schuld gegeben. (S, 96.) Diese Feststellungen besagen nichts gegen den Wert der Mandel'schen Schrift. Ihre Lektüre ist besonders nützlich für den, der sich mit den religiösen Strömungen der Gegenwart bekannt machen will. Und was über das Judentum ausgesagt wird, mag an nachfolgendem Zitat charakterisiert sein: (S. 99): „Die vorderasiatische Rasse ist weniger auf Beherrschung und Ausnützung der Natur als auf Beherrschung und Ausnützung des Menschen gezüchtet. Es scheint der zentral soziologische Typus zu sein, dem die Mitwelt geradezu das ist, was den anderen Landschaft und Heimat." Hier werden Ursache und Wirkung völlig vertauscht. Eine folgerichtig durchgeführte soziologische Betrachtungsweise würde das Faktum der jüdischen Eigenart auch anders erklären können. A. Das Werden der sittlichen Person (Wesen und Erziehung des Charakters). Von Rudolf A 11 e r s. 4. Aufl. Frei bürg i. B. Herder-Verlag. Lwd.'Mk. 6.50. In einer Zeit, die alte und als unumstößlich betrachtete Werte nicht mehr anerkennen will, regt sich — trotz allem — das Bedürfnis, immer wieder die Hauptlinien sich zu vergegenwärtigen, die Charakter, Persönlichkeit und Weg des Menschen bestimmen. Der Verfasser ist Privatdozent für Psychiatrie an der Universität Wien, ein Umstand, der für wissenschaftliche Betrachtungsweise bürgt. Das Buch, das 1929 im katholischen Verlag Herder in Freiburg zum ersten Mal erschien, erlebt heute die 4. Auflage, ein neuer Beweis dafür, daß die katholische Wissenschaft ihre Zielsetzung nicht aus den Ereignissen des Tages gewinnt, sondern mit größeren Maßstäben gemessen werden" will und muß. Nach Allers besteht die Aufgabe der Psychologie darin, den Menschen nicht mehr ^-"wie oft versucht — abstrakt in der Vereinzelung seiner psychischen Funktionen, vielmehr in der Einheit seines Lebens zu begreifen. Diesen Weg der „totalen" Betrachtungsweise hat zuerst Freud eingeschlagen, dessen Bedeutung eingehend gewürdigt wird. Aber Freuds fatalistische Auffassung von der Entstehung menschlicher Charaktere (Wirkung der Vergangenheit), dazu ihre grob-materialistische Grundlegung kann nicht auf die Dauer denen zusagen, die an eine Offenbarungsreligion glauben. An den Ergebnissen solcher Forschungen jedoch ist jede Religion interessiert, bei der das erzieherische Element ein entscheidender Faktor ist. Denn wer erzieherische Aufgaben zu lösen hat, und wer das Problem der Erziehung in seiner Schwierigkeit klar erkannt, muß mit Freude jeden Versuch begrüßen, der es unter- Die Schocken-Bücherei gewinnt iti ihrem räs'ch hintereinander folgenden' Ausbau immer mehr". Bedeutung für die Vebreitung und Pflege lebendigen jüdischen Interesses ' in den weiteren .Volkskteisen^ Man muß den Herausgebern das Zeugnis ausstellen,: daß sie es mit einer dankenswerten Findigkeit' jv^r-j stehen, aus dem gewaltigen Stoff der Literatur 'ün-{ serer Vergangenheit und Gegenwart geschmackvollj gesttdtet«,. wiss«nschaftlach]5ftindierte. jund -dabei dp'chi den Rahmen des Volkstümlichen niemals überschreitende geistige Einheiten herauszugreifen und der Bibliothek einzureihen. Ludwig Strauß bietest, hauptsächlich auf dem Lebenswerke Fritz Mordeehai Kaufmanns und J, L.: Cahans fußend, 48 ausgewählte jiddische Völkslieder. Die größte Rolle spielen dabei die Liebesliedör, die allerdings ü. E. in ihrer Zahl etwas niehr hätten zurücktreten dürfen ■ gegenüber dem viel originaleren und deshalb, wertvolleren religiösen Volksliede. Der| Herausgeber, hat große Mühe auf die Festhalturig des* Rhythmus verwandt und sich in wertvollen erläu-, ternden Nachbemerkungen in jedes der Lieder ein-' •gefühlt. ' - -i- - : ' •■ "-• i - - Das Büchlein von dem Legendenkreis de r: 10 M ä r t.y r er ist, den bekannten Sammlungen' Micha Josef, ben Gu rions.entnommen, deren Vorzüge und Nachteile früher: im „Israelit" Bereits ein-! gehend gewürdigt wurden. Bei dem hier in Betracht ' kommenden. Stoff kreis '.'fallenaber die dabei an dieser" Stelle geäußerten Bedenken'so ziemlich weg. : Sehr verdienstlich ist die von Hans Löwy vorgenommene gekürzte Üebersetzung aus P hi 1 o s: gro- < Be rn griechischen. Geschichtswerk. Philo schildert da- -, rin die Leidensgeschich<te ' der alexandrinischen Ju-- den seiner Zeit in-, den Jahren 19—41 der gewöhnlichen Zeitrechnung. Dargestellt sind in dem hier vorliegenden Auszug die Gewalttaten des ägyptischen Präfekten Flaccus und die Vernichtungspläne des Kaisers Caligula sowie die von Philo wirksam herausgearbeitete geschichtliche Vergeltung der verübten Untaten. Die .Von Max Di'enemanh zusamm engestell-: teh ~ .Midräschifii der Klage und des Zuspruchs" sind häuptsächlich dem Midrä'sch Echa, der Pessikta, zum kleineren Teil auch den beiden Talmuden entnommen. Die Üebersetzung ist in allen Fällen außerordentlich ^ansprechend und meist recht sinngetreu. In einer längeren/Einleitung skizziert der Herausgeber das Wesen des"! Mi drasch und es soll hierbei nicht verschwiegen werden, daß auch in dieser Einleitung! das religiöse Empfinden des"'Jüljerlieferungstreuen Juden nicht verletzt " wird.1 Allerdings wird man der- — an sich nicht zur Sache-gehörigen — Darstellung; des, h a 1 a c h i s c h e n Midrasch, mit der die Einlei-; tühg "beginnt, vom Standpunkt der Tradition' nicht; durchweg" zustimmen können. ' Eine meisterhafte .Einführung! in Leben und Werk Chajim Nachman Baliks bietet ürnst Simon als Frucht einer zehnjährigen Beschäftigung mit dem Dichter. Das Büchlein ist selber ein Stückchen Kunstwerk und verdient eine eingehendere Würdigung, die vorbehalten bleibt. '. Eine historische Ausgrabung stellt der Auszug aus dem Reisebericht Ludwig August Frankls, des Wiener vormärzlicheh jüdischen Reformers dar, der im Auftrag der Edlen von Lämel im Jahre 1856 eine Orientreise zur Gründung der Lämelschule unternahm und bei dieser Gelegenheit die Juden des heiligen Landes mit der europäischen Kultur zu beglücken sich berufen fühlte. Frankls Reisebericht hat seinerzeit in S. R. Hirschs'„Jeschurun" eine scharfe eindringliche Kritik gefunden. Der hier vorliegende •Auszug hält sich von allen'politischen und religiösen Streitfragen fern und -trägt rein belletristischen Charakter. Der wiederum prompt auf den Büchermarkt gelangte Alma nach des Schocken-Verlags auf das Jahr 5696 präsentiert sich noch reichhaltiger als der vorjährige. Er enthält neben einigen Originalarbeiten, wie es in der Natur der Sache liegt, zumeist ausgewählte Kapitel aus bereits erschienenen oder vorbereitenden Publikationen des Verlage« und wird vielen eine anregende, angenehme Festtagslektüre sein. s