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Der Israelit · 1935-10-10 · Heft 41-42 (10.10.1935) · page 24

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 41-42 (10.10.1935)
Date
1935-10-10
Page
– (sequence 24)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr.' 41/42 Der Israelit 10. Oktober 1935 nimmt, unsere Vorstellungen über das Gebiet der menschlichen Charakterbildung zu klären. „Der Charakter eine« Menschen ist die Gesetzmäßigkeit seine® Handelns, etwa von der Art einer Regel oder einer Maxime". An gleicher Stelle (S. 28) nennt ihn Allers, in Anlehnung an den bekannten Ausdruck Kants, „den individuellen kategorischen Imperativ", Die Kapitel über Wesen und Entstehungsbedingungen des Charakters bilden z. T. eine Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Strömungen in der Psychologie, wobei die katholische Wissenschaft naturgemäß besondere Berücksichtigung findet, -Was jedoch für jeden praktischen Pädagogen den bedeutsamen Wert dieses Buches ausmacht, das sind seine Ausführungen zur Charakterologie der Geschlechter (Erziehung bei Knaben und Mädchen), über das Sexualproblem und über die Behandlung abwegiger und neurotischer Charaktere. Und es entspricht durchaus positiv-jüdischer Einstellung, was Allers in seinem Vorwort als zustimmende Meinung eines auf anderer weltanschaulicher Basis stehenden Psychologen zitiert: „Es gibt ... kein Erbschicksal, das die ethische Möglichkeit nicht völlig offen ließe. Das heißt: Kein ererbtes Grundfuniktionsgefüge hat zwangsläufig die Ausbildung ethisch unerfreulicher Charaktereigenschaften zur Folge." (S. XVIJ. Gerade dieser Hinweis wird genügen, um die Aktualität der in Allers Werk behandelten Probleme darzulegen. A. Die Familiennamen der Juden in Deutschland. Von Gerhard Keßler. Leipzig 1 93 5. Zentralstelle für deutsche Personen- und Familiengeschichte, tfeb. Mk, 5,—, Als 53. Heft der „Mitteilungen der Zentralstelle für deutsche Personen- und Familiengeschichte" ist diese Arbeit erschienen. Verf. berichtet in einem Vorworti daß vorliegende Untersuchung nur die „Nebenfrucht" einer größeren Arbeit über „Das Hofjudentum in den Jahrhunderten des deutschen Frühkapitalismus" sei, einer Arbeit, die er 1933 habe abbrechen müssen. Wir habeii alles Anlaß, diese „Nebenfrucht" mit dem größten Dank entgegenzunehmen. Nicht nur wegen des ungeheuren Materials, das hier verarbeitet ist — über 3000 FamiÜennamen sind geschichtlich, kulturhistorisch und etymologisch erklärt — sondern noch mehr wegen der vornehmen Gesinnung, die aus jeder Zeile ersichtlich ist. Familiengeschichte ist Volksgeschichte, und so bietet eine Analyse der jüdischen Familiennamen einen tiefen Einblick in die Geschichte der Juden in Deutschland und in das Wesen des jüdischen Volkstums. Die Entwicklung zur Zweinamigkeit (Vor- und Nachname) 'kennzeichnet stets entwickeltere Lebensbedingungen und gibt deshalb auch Aufschluß über die soziologische Struktur der Judenheft in vergangenen Jahrhunderten. Inwieweit nun die jüdischen Familiennamen reine Herkunftsbezeichnungen sind (Orts-, Stammes- und Hausnamen), ob sie aus Väternamen entstanden sind oder Berufen, Eigenschaften oder gar Absonderlichkeiten, das alles wird bei Keßler wissenschaftlich untersucht und an zahlreichen Beispielen belegt. Eine Gegenüberstellung von bloßen Ortsnamen (ohne Endung) als Bezeichnung jüdischer und nichtjüdischer Familiennamen ergibt die interessante Feststellung, daß bei den Deutschen die Dorf-, bei den Juden die Stadtnamen überwiegen. Sie findet ihre Ursache darin, daß die Familiennamen der Deutschen in den mittelalterlichen Städten vielfach als unterscheidende Beinamen ländlicher Zuwanderer -entstanden. Die Juden aber waren bei der Bildung ihrer Herkunftsnamen meist schon von Stadt zu Stadt verzogen. Auf Vollständigkeit in der Behandlung aller Namen wird wohl kein Anspruch erhoben und auch die Deutung erweckt zuweilen Widerspruch. Den be* sonders in Hessen-Kussel geläufigen Namen Abt mit dem polnischen Städtenamen Opatow erklären zu wollen erscheint ebenso abwegig wie Apt als Spitzname. (S. 47 bezw. 76). Beide Schreibweisen, mit b und mit p, gehen, wie sich unschwer nachweisen läßt, auf einen gemeinsamen Träger 'dieses Namens zurück, und sind möglicherweise Abkürzung von jn (vergL Brill oder Brilling aus Ben Rabbi Jehuda Haleva). Auch die Behauptung, daß den Juden u. a. alle friesischen Namen fehlen, wird dadurch widerlegt, daß z. B. der Name de Vries, der nach Keßler nur vereinzelt vorkommt, in Ostfriesland unter der jüdischen Bevölkerung ebenso häufig vorkommt wie in Fulda der Name Nußbaum. Aber das sind unwesentliche Beanstandungen. Zur Charakteristik des Ganzen sei nur noch der Schluß der einleitenden Kapitel „Ueber die alten Rufnamen der deutschen Juden" im Wortlaut zitiert (S. 27): „So befremdlich der größte Teil dieser Namen für den Deutschen auch ist, (Anschel, Baruch, Beer, Chajim usw.), so wird doch niemand der Volkstreue, von der sie zeugen, die Achtung versagen. Wahrscheinlich wäre viel Irrtum, Traum und Dünkel, viel Enttäuschung und Leid vermieden worden, wenn es auch unter den Juden des Berliner Westens, unter den Juden des Großbürgertums und der Bildtingsschieht, unter den altansässigen Juden Deutschlands im letzten 'Jährhundert mehr Baruch und Leiser, Moses und Scholem und weniger Alfred und Kurt, Arthur und Siegfried gegeben hätte." A. Mein Stammbaum. Eine genealogische Anleitung für deutsche Juden. Von Dr. med. Arthur Czellitzer. Berlin. 1934. Philo verlag. Familienforschung ist aktuell. Jeder, der sich in dieses interessante Gebiet begibt, wird sicher Befriedigung finden. Es ist grundsätzlich hierbei zu unterscheiden, ob der Betreffende, der Familienforschung treiben wird, eine Ahnentafel seiner Person aufstellt, oder ob er davon ausgeht, von irgendeinem seiner Vorfahren seine Abstammungstafel aiufzustellen. Beide Zweige dieses Forschungsgebietes sind interessant, weil aus dem durchgearbeiteten Urkundenmaterial viel Tatsächliches und Neues aus seiner näheren und weiteren Verwandtschaft erschlossen wird. Leider wird man aber die Erfahrung machen, daß mit den heutigen zur Verfügung stehenden Nachforschungsquellen nicht viel erreicht wird, und man ist auf eine eingehende Urkundenforschung angewiesen. Gerade für uns Juden ist .dies besonders schwer, weil Beurkundungen von Familiendaten erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts vorzufinden sind. Es ist daher sehr zu begrüßen, daß der verdienstvolle Vorsitzende der Gesellschaft für jüdische Familienforschung in Berlin auf die Quellen hinweist, aus denen man für seine Fomilienforschung Material schöpfen kann, während alle die früher und bis jetzt herausgekommenen Leitfäden für uns absolut unbrauchbar sind. Jedem Interessenten ist daher das Büchlein bestens zu empfehlen. Dr. med Max Nassauer, Frankfürt a. M. i.l'tfbn* Zeitschrift der Vereinigung von Schülern der Preßburger Jeschiwah: Bratiiiava. Verlag dieser Vereinigung. Jhrg. II, Heft 3. S-O^nn ISIK'Zeitschrift für Wissenschaft und Geschichte des Judentums. Von Ahr. Ch. L. Ehrenreich. iHumene Csl, Selbstverlag des Verfassers. Jhrg. XI, Heft 8/9. Diese beiden Zeitschriften beweisen, welch frischer Thorageist in der Tschechoslovakei obwaltet, „Unterland" und fJOberland" sind geeint im ernsten Forschen und frohen Finden. ]'ynn bietet neben Forschungsresultaten der jüngeren Kräfte in dankenswerter Weise auch wertvolle Inedita des Gründers der Jeschiwoh in Preßburg und seiner Söhne und Enkel. Das Ganze zeigt, daß der Wunsch des Chasam Sofer: „Es möchte die Quelle, die er in Preßburg erschlossen, niemals versiegen," auch für unsere Generation in wunderbarer Weise Erfüllung gefunden hat. cnn nxw bietet neben rein halachischen Auseinandersetzungen auch gute literar-historische Abhandlungen. Die Ausstattung beider Zeitschriften ist gut und vc-föehm. P, K. Der Kampf um Caesars Erbe. Von Ferdinand Mainzer. Leipzig und Wien. E. P. Tal u. Co. Verlag. 323. S. Eine spannende Reportage vom Ende der römischen Republik. Sie beginnt mit der Ermordung Caesars und schildert die Kämpfe der Epigonen um das römische Weltreich, insbesondere die welthistorische Auseinandersetzung zwischen Marc Anton und Oc« tavian, dem späteren Kaiser Augustus. Ohne ideologische Verbrämung werden die nackten Machtinteressen, von denen die Kämpfenden allein geleitet werden, anschaulich aufgezeigt, und die Fülle von Niedertracht und Gemeinheit, die in diesem Kapitel Weltgeschichte aufgehäuft ist. Gestreift wird auch die wichtige Rolle, die Palästina in diesem Machtkampf an den Ufern des Mittehneerbeckens gespielt hat. Der judäische König /Herodes hat entscheidend zu dem endgültigen Sieg Octavians über Marc Anton und Cleopatra beigetragen. Ein interessantes und lesenswertes Buch. M. L. Verdeutschung der Paulinischen Briefe von den ersten Anfängern bis Luther. Herausgegeben von Hans Vollmer, Hamburg. Potsdam. 1934. Verlag der Akademischen Verlagsgesellschaft Athenaion m. b. H. Preis Mk. 20.—. In diesem neuen Bande, den das Deutsche Bibelarchiv herausgebracht hat, werden die Untersuchungen zur Geschichte der voriutheriscben Bibelverdeutschung fortgeführt und auf die Paulinischen Briefe ausgedehnt. In synoptisahei" Darstellung sind bis zu 66 verschiedene Texte abgedruckt, deren Vergleich dem germanistisch geschulten Leser neue Aufschlüssevermittelt über die Eigenart der deutschen Dialekte und die Heranbildung einer frühneuhochdeutschen Schriftsprache. Verhältnismäßiig spät ging man -an die Verdeutschung der Bibel. Man begnügte sich vorerst mit Auszügen und poetischen Bearbeitungen. Erst aus dem 12. Jahrhundert sind Bruchstücke aus .den Evangelien bekannt geworden, und im 14. und 15. Jahrhundert sieht man die Uebersetzungen einzelner Teile sich mehren und allmählich die ganze Bibel Umfassen. Aus der von Vollmer getroffenen Anordnung sieht man, wie viele Kräfte damals tätig gewesen sein müssen. Und allem Anschein nach hat sich zu Anfang des 16. Jahrhunderts schon eine gewisse Norm herausgebildet und überliefert, die auch Luther entscheidend beeinflußt hat, ganz unbeschadet der alles Frühere überragenden Genialität seiner Verdeutschung. A. Briefe des Staatskanzlers Fürsten Metternich-Winneburg an den österreichischen Minister des Allerhöchsten Hauses und des Aeußeren Grafen Buol-Schauenstein aus den Jahren 1852_1859. Herausgegeben von Carl J. Burckhardt, München. 193 4. geh. Mk. 8.50. R. Oldenbourg. In den Briefen Metternichts, die teils Deutsch, teils Französisch geschrieben sind, spiegelt sieh eine Epoche wieder, die heute fast nur noch historischen Wert -besitzt und kaum eine Beziehung zur Gegenwart aufweist. Es ist das alte, vornehme und müde Oesterreich aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, dessen führende Politiker in ihrer stockkonservativen Haltung lediglich * die Vorzüge einer adligen, stattlichen Erscheinung besitzen, sonst aber nichts. Ein ehemals ganz Großer, der die denkwürdigsten Unterredungen mit Napoleon I, hatte und auf dem Wiener Kongreß die Verhältnisse Europas nach seinem Gutdünken regelte, hat die politische Bühne verlassen und schreibt diese Briefe als. Epilog zu seiner Lebensleistung, Man erfährt von. den Wirren des Krimkrieges, der auch Oesterreich, trotz, seiner neutralen Haltung, in heftiger innerpolitische Kämpfe verwikkelt. Liberalismus und Reaktion stehen sich gegenüber, beide Richtungen von Metternich scharf kritisiert, wenn auch seine Sympathien auf Seiten der Reaktion sind. Zu erwähnen wäre noch, daß dieser Briefwechsel ein neuer Beleg sind für die Freundschaft Metternichs mit Disraeli, der sich ausdrücklich als Schüler des -einst allmächtigen österreichischen Staatsmmisters bekennt. A. Mystiker des Abendlandes, Eine Sammlung von Texten, Band 3: Gottfried Arnold. Eine Auswahl aus seinen mystischen Schriften und Dichtungen, besorgt und erklärt von Prof. Dr. Erich Seeberg. München. 193 4. Albert Lang ein—G e o r g Müller Verlag. (In Leinen geb. RM. 18.—, brosch. RM. 16.—.) Gottfried Arnold ist der Autor der unparteiischen Kirchen- und Ketzerhistorie, mit der er 1688 dem radikalen Pietismus die Bahn gebrochen und auf die Geistesgeschichte des 18. Jahrhunderts bestimmend eingewirkt hat. Nach Arnold ist die ganze Geschichte der Christenheit die Geschichte einer unheilvollen Entwicklung, in der das Innerliche der ersten Christenheit durch Institutionen und Formelwesen veräußerlicht wurde. Die Zeugen der Wahrheit sind ihm verfolgte Ketzer und einsame Große und bezeichnend für die unheilvolle Etnwicklung erscheint ihm, daß immer wieder schwache Fromme von starken Bösewichten! unterdrückt werden. Vor 10 Jahren ließ Seeberg über Gottfried Arnold bereits ein Werk erscheinen, worin er. die Wissenschaft und die Mystik seiner Zeit dargelegt hat. Der vorliegende 500 Seiten starke Band enthält eine Charakteristik der Auswahl seiner Schriften und Dichtungen. Es Ist eine Art geistlicher Hirtenpoesie mit tändelnd spielerischem Einschlag einer stark mystisch-sinnlichen Empfindsamkeit. Das Merkwürdige und im Vergleich zu unserer Mystik Charakteristische dieser Dichtungen ist, daß sie Bilder und Vorstellungen des Liebeslebens bevorzugt. Wie unsere Mystik spricht auch sie die menschliche Sehnsucht aus, die Schranken des eigenen Selbst zu sprengen und zum Einssein mit dem Unendlichen zu gelangen. Auch G. Arnold gehört zu den einsamen Gestalten im geistig-religiösen Leben der Menschheit, die, in der herben Tragik ihres kämpferischen Daseins aus dem Alles oder iNichts ihrer Jugendzeit zur Resignation des reifen Alters gelangen, die aus der Leidenschaft einer brennenden Seele zur weltüberlegenen Klarheit sich durchringen. Für die Vergleichung der mystischen Empfindungsweise unter den verschiedenen Religionen ist das Werk unentbehrlich. Entfesselung, Von K u r t G u g g e n h e i m. Roman. Zürich u. Leipzig. 193 5. Guggenb ü h 1 u. H u b e r. Schweizer Spiegel- Verlag. Fr. 6.80, Gin. Das Buch fesselt durch seine Darstellung, es ist eine Art Kino im Roman. AI® Erstlingswerk eines bisher völlig unbekannten Schweizer Autors verlangt es natürlich eine wolhwollende Beurteilung für einzelne Schwächen, aber die Art, wie er die Landschaft, die täglichen Erlebnisinhalte, Menschen der .verschiedensten Milieus in ihrem Ringen mit sich selbst und mit dem Leben schildert, verdient Anerkennung. Vom Könner zum Künstler fehlt allerdings noch eine Kleinigkeit. Jean Lioba, Priv.-Doz. oder die Geschichte mit dem Regulator, Humoristischer Roman. Von R i - chardZaugg. Zürich u. Leipzig. 193 5. Guggenbühl u. H u b e r. Schweizer Spiegel-Verlag. Fr. 5.80, Gin. Das Buch bringt gelungene Einfälle eines humorvollen, intelligenten Schriftstellers. Die Darstellung des schüchternen Privatdozenten, der nie über drei Hörer hinauskommt, der resoluten, im Grunde aber weichherzigen Zimmervermieterin, des Bankiers Räppold und sedner bildungsbeflissenen Gattin ist psychologisch sehr fein. Darüber hinaus aber versteht es das Buch, unss über das Leben wenn auch nicht zum Lachen, so zum mindesten zum Lächeln, zu bringen. Wir lernen Menschen trotz ihrer Schwächen lieben und das Leben trotz seiner Schwierigkeit interessant zu finden.

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