Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 41-42 (10.10.1935)
- Date
- 1935-10-10
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2 Nr. 41/42 Der Israelit eine solche, irrational gegründete Thora kann mit dem .pa f-n eine Synthese eingehen. Freilich sind S.-.R. Hirsch und Franz Rosenzweig auch nicht dasselbe. Der Orthodoxie ist g'ttliche Offenbarung wesentlich die einmalige, in heiligen Dokumenten festgelegte Offenbarung am Sinai, bei Rosenzweig ist g'ttliche Offenbarung wesentlich das Wort des lebendigen G'ttes, das jeden Menschen zu jeder Zeit anrufen und erschüttern, ihn zur Umkehr bringen und in Verantwortung nehmen kann. Das Qffenbarungserlebnis von Mose am Sinai ist Glaubenssubstanz, von der wir Heutigen zehren, während das Erlebnis des Gläubigen jetzt, hier und zu allen Zeiten fließend bleibt und nicht greifbar ist. Beide Auffassungen sind im Akzent verschieden. Die eine betont das geschichtliche Faktum der Offenbarung am Sinai, aber auf Grund dieses vergangenen Glaubenswunders wird der Fromme auch heute noch persönlich von G'tt angerührt. Ohne die Ueberzeugung von einem lebendigen G'tt heute und hier würde seine Befolgung der Gebote blaß und leer werden. Und umgekehrt braucht der Gläubige, der in eigener Person G'tt gegenüber tritt, für sein Glaubenserlebnis die Befestigung in der Offenbarung am Sinai, er würde sich sonst ins Uferlose verlieren. Rosenzweig hat keinesfalls auf das Gesetz verzichtet, es auch mit zunehmender Lebensreife immer mehr gehalten, doch wurde es ihm sichtbar erst von der Offenbarung in der Gegenwart. Beide Lehren wurzeln im selben geistigen Ort, wenn man aufs Einzelne sieht, zeigen sie Verschiedenheiten. Aber gerade in ihren Verschiedenheiten brauchen sie einander und ergänzen sich gegenseitig. Franz Rosenzweig ist — leider — noch kein ,,Heros" des jüdischen Geisteslebens geworden, Das Studium seines philosophischen Systems: ,,Der Stern der Erlösung" ist schwierig und steht in den allerersten Anfängen. Kennenlernen, nicht Kämpfen darf heute nur die Losung sein, es wäre gewiß eine fruchtbare Losung. Wenn man Rosenzweig kennt, könnte sich der Kampf erübrigen. (Die verehrte Verfasserin des vorstehenden Aufsatzes hat unsre Ausführungen in Nr. 27 ihr et Tendenz nach mißverstanden. Wir haben dort Lewkowitz nicht etwa gegen Rosenzweig objektiv r e.c h t g e g e b e n , sondern ihn lediglich als Kronzeugen zitiert zur Abwehr jenes ernsten Vorwurfs, den Rosenzweig gegen die Orthodoxie erhob, sie bringe sich um jeden Einfluß, wenn sie an dem Dogma des g'ttlichen Offenbarungscharäkters des Pentateuch-T e x t e s (der Verbalinspiration) festhalte. Diesem Angriff gegenüber mußten wir auf die tragische JConstellation hinweisen, die dadurch entsteht, daß der Rosenzweig'sche Offenbarungsbegriff hier aus dem gleichen Grunde (dem der Irrationalität) von liberaler Seite abgelehnt wird, aus dem heraus Rosenzweig selber den der Orthodoxie ablehnen zu müssen glaubte. Vielleicht würde Rosenzweig, wäre ihm ein längeres Dasein hienieden besehieden gewesen, eines Tages seinen Weg zum Sinai ganz bis zu Ende gegangen sein. j^aNT ^3rJ- Red.).;; Bücherbesprechungen. The Schema, 11 s meaning and h i s t o r y. By the Chief Rabbd Dr;. J. Hertz-London. Oxford Uni versity-Press. Das kleine Heft, das einen Vorabdruck aus dein demnächst erscheinenden Deuteronomium-Band des an dieser Stelle wiederholt angezeigten Pentateuch- Kommentärs des Verfassers darstellt, zeigt alle Vorzüge, die Dr. Hertz als Interpreten der jüdischen Lehre eigen sind. Die Darstellung verbindet Popularität und Schönheit im besten Sinne, volkstümliche Darstellung der philosophischen Grundideen mit wissenschaftlicher Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit. Es werden zuerst übersichtlich die „Negationen" des Schema, d. h. die darin enthaltene Ueberwindung des Polytheismus, des Dualismus-, und des Pantheismus dargestellt, dann der positive Sinn und die ethischen Konsequenzen des Satzes und schließlich in einer historischen Darstellung die geschichtliche Rolle, die das jüdische. Grundbekenntnis im Laufe der Jahrtausende für Herz und Gemüt und Leben des jüdischen Volkes gespielt hat. Eine Uebersetzüng ins Deutsche wäre heute recht zeitgemäß. Die Substanzlehre Avicennas bei Thomas von' Aquin von Dr. Wilhelm Kleine. Freiburg im Breisgau. 1 933. Herder, gr. 8°. 220 S. Geheftet Mkr 5—, Ob in unserer Zeit weitgehendes Interesse besteht für mittelalterliche Philosophie im allgemeinen und für die eines Avicenna und seines bedeutendsten Interpreten im besonderen, mag dahingestellt sein. Wenn wir das vorliegende Buch trotzdem warm empfehlen, so geschieht es deshalb, weil es. zu einer ersten Einführung in philosophisches Denken wohl geeignet ist. Sein Verfasser hat es verstanden, in klarer, auch dem. Anfänger im Philosophieren leicht zugänglicher Sprache, die Kernprobleme dieser Beschäftigung auseinanderzusetzen. Denn wenn auch der Substanzbegriff im Vordergrunde» der ganzen Erörterung steht, kommen doch auch die übrigen unentbehrlichen Grundlagen der Philosophie, Logik, Erkenntnistheorie und Metaphysik genügend zu ihrem Recht. Aber auch der "Freund der Scholastik gewinnt aus diesem Buche;einen wertvollen Einblick in die Gedankengänge eines ihrer bekanntesten Vertreter. Doelfi. Handbuch zum Alten Testament, herausgegeben von Otto Eisfeld. Erste Reihe, Band 15. Die Psalm e 'n von Hary Schmidt. Tübingen, 1934, Verlag J, C, B, Mohr, Das .uns vorliegende bedeutende Werk enthält neben: der .Uebersetzüng und dem aufschlußreichen Kommentar noch wertvolle Angaben über den Rhythmus der Psalmen. Wenn die Arbeit des nichtjüdischen Forschers auch auf der Bibelkritik fußt und von unserer Seite grundsätzliche Ablehnung erfahren muß, so wird trotzdem der überlieferungstreue Kenner .viel Interessantes in ihr finden. Geradezu erfreulich ist z. B. die Verteidigung des masoretischen Textes des Wortes in Psalm 22, 9. Die Form des Verses ist im ersten Teil Imperativ und geht dann im zweiten Teil in die dritte Person über >3 in^'X' inoi>3> 13 fsn- Das Wort hx als Infinitiv in der Bedeutung von aufzufassen leuchtet den Vertretern der alttestamentlichen Wissenschaft nicht ein, vermutlich im Hinblick auf Psalm 3„ 5, und Sprüche 16, 3, wo es Neue jüdische Dichtung. Vor uns liegen zwei kleine Gedichtsammlungen, die, wie alle echte Lyrik, aus -dem Zusammenklang des Zeiterlebens mit individueller seelischer Eigenart geboren sind. Das Zeiterleben hat diesen .Gedichten die jüdische Note gegeben — wer weiß, welche sonstigen Stoffgebiete' die Gestaltungssehnsucht der Dichter sonst aufgesucht haben würde. ) Fritz Rosenthals (Ben Chorin) starkes dichterisches Können, die Wucht und Originalität seiner Sprachformung und die Wärme, ja oft zur Leidenschaft sich erhebende Intensität seines jüdischmenschlichen Fühlens sind den Lesern des ,.Israelit" durch mancherlei hier veröffentlichte Proben bekannt. Die Sammlung, die den Titel „Das Mal der Sendung"*) trägt, und deren Titelblatt leider durch zwei scheußliche Kopf-Karrikaturen ganz unnötiger Weise entstellt wird, führt durchs, ganze jüdische Jahr von Sabbat und Peßach bis zum Chanuka, gestaltet manche biblische Situation (so z. B. die meisterhaften kleinen Kabinettstücke „Adam" und Malkizedek) in feinsinnigem Tiefblick und weiß das geschichtliche jüdische Leidensschicksal. —* hie und da mit der Bit-, terkeit trotziger Tragik — in die Töne der Leier zu; bannen. Nur eines ist zu bedauern; die Tatsache,, die der Dichter selbst in seinem schönen . Chanuka- ■ *) Das Mal der Sendung. Von Fritz Romenthal (Ben; Chorin). München. Verlag B. Heller. ' gedieht mit den schüchternen Worten zum; Ausdruck bringt: „Lichter, die zu spät in,,die Nacht meiner; Jugend brachen!', Der Dichter ist „zu spät" von der jüdischen Inbrunst erfaßt und aus den Fängen der Assimilation befreit' Worden — es haften seinem Denken und .Fühlen die Eierschalen fremder 'religiöser Kultur an. Dadurch konnte es zu-'dem '-'-ganz. aus solchem ^fremden- Empfinden geflossenen' pein-; liehen Gedicht: „Ahäsvef" und zu dem —ansi gänzlicher Instinktlosigkeit geborenen Anhang kommen, der ' dem „Rabbi von Nazareth" gewidmet ist. Da ist Rosenthal das Opfer der Gedankenverirrungen seiner Meister Buber. und B r o d , geworden. Die Krone der ganzen Sammlung ist die herrliche Gedichtfolge; „Der Tod der Mutter" — hier spricht; reinste jüdische Menschlichkeit so mächtig, daß die Form alle Geschraubtheit. und Gesüchthejt verliert und die Sprache in wundervoller bildhafter Klarheit: dahinströmt. .; - ,s ■ Eine Sammlung jüdischer Gedichte, die;den nicht gerade poetischen Titel führt: „Herkunft und "Gesinnung" legt auch der.schon^durch. mehrere,.Veröffent-, lichungen-als feinfühliger. Künstler bekannt 'gewordene^ junge M a n f r e d § t U r ma nn "*] vor. Sie sind zum, großen Teil aus der Palästina-Bewegung geboren, und spiegeln das Hineinwachsen junger. Juden in;die: Hach- -. «ohara, den Aufbruch.- ins, Land t ,uh<l"<Ke Siedlertäfig-; > . ,.. **) Herkunft und Gesinnung, Gedichte von" Man-; fred Sturmann. Berlin \935. Ericli R e i sji. . '__ 10. Uktober 1935 Imperativ ist. Wellhausen sieht sich infolge dieser Schwierigkeit veranlaßt,?w in Wsj. zu emendieren. Grätz)( Bickell und 'Andere übersetzen ,,er hat gewälzt", indem sie bi lesen. Originell und geistreich legt-Schmidt die einzelnen Teile des Satzes verschiedenen Personen in den Mund, was "durch das 'ST 1>3 des vorhergehenden Verses wohl begründet erscheint, „Eines geht dem Betenden bei allem besonders zu Herzen: daß man nämlich seine Frömmigkeit verdächtigt! „Wälz' es auf G'tt" sagt der Eine. Und das Scheinbar fromme Wort enthält eine Verhöhnung. „Der mag ihn retten" spottet ein zweiler 'über seine Schultern hinweg, ihn nicht einmal mehr anredend, und spricht wie von jemand, der schon im Grabe liegt: „Der hilft ihm, hat ja Gefallen an ihm." — Auf diese Weise entsteht bei Beibehaltung des masoretischen Textes eine Verlebendigung des Verses. Ablehnen müssen wir dagegen Schmidts Auffassung von Psalm 45, den er auf König Achab bezieht. Denn dieser kann unmöglich mit den Worten ,,danini hat dich .G'tt für immer gesegnet" (Vers 3Ji, „du liebst das Recht, du hassest den Frevel, darum hat dich G'tt dein G'tt gesalbt" (Vers 8} gerühmt werden, da sein Tun in Könige I 16, 30—33 als frevelhaft bezeichnet wird. Auch die Beanstandung der weiblichen Form mrn vmvn in Psalm 104, 22 ist irrig, da wir dieser auch an anderen Stellen z. B. in Genesis 15, 17, Exodus 22, 2, Könige II, 3, 22. Jona 4, 8 begegnen. Dem vom Verfasser etwa zu erhebenden Einwand, daß in unserem Psalm Vers 19 vnv männlich gebraucht wird, müßten wir entgegenhalten, daß der Genuswechsel bei manchen Worten sogarin ein und demselben Satz anzutreffen ist, so z. B, nana in Genesis 32, 9, m*> % in Könige I 19, 11 und Jjob 1, 19. Das Zitat Seite 237 „vgl., Talmud Babli Suckot V. 3 und Jeruschalmi V. 3" (bezw. - „2—5".) Im Rahmen dieser Besprechung ist es nicht möglich, weitere Einzelheiten anzuführen. Wir wollen nur noch auf die Erklärung des Autors zu Psalm 118 hinweisen, die auch für unsere Auffassung eine Reihe von glücklichen Gedanken enthält, Durchweg ist die Darstellung der Psalmen lebendig und gibt ein anschauliches Bild des Inhalts. Die Ausstattung und .der gute Druck des. Werkes machen dem Verlag alle Ehre. S. Speier, Das Judentum und die geistigen Strömungen des 19. Jahrhunderts. Von Albert Lefkowitz, Breslau. 19 3 5. M. u. H. Marcus-Ver- 1 a g. Preis brosch. Mk. 12.— geb. Mk. 14.—. Im Rahmen des 'Grundrisses der Gesamtwissenschaft des Judentums, den die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums herausgibt,, legt der Breslauer Dozent Dr. Albert Lefkowitz dieses umfangreiche, nahezu 600 Seiten umfassende geschichtliche Werk vor. Absicht der Darstellung ist es, die gegenseitige Beeinflussung des jüdischen un<f des europäischen Geisteslebens im 19. Jahrhundert aufzuweisen und daraus den Wert .der Synthese des Judentums und der philosophischen Kultur, wie sie sich in diesem Zeitabschnitt der europäischen Geschichte erneut vollzogen hat, mit wissenschaftlichen Methoden zum Bewußtsein zu bringen. Es sind demgemäß drei natürliche Abschnitte, in die das Werk zerfällt: ethischer Rationalismus, romantischer Pantheismus und ' positivistische r Naturalismus haben nacheinander das europäische Geistesleben - im 19. Jahrhundert beherrscht und Kant zuerst, dann Herder—Goethe— Schelling—Hegel, endlich Feuerbach—Spencer—Marx, sind die ragendsten Träger dieser drei geistigen Strömungen. Es folgt dann noch als eine Art Anhang der an Schopenhauer und Nietzsche orientierte Irrationalismus. Lefkowitz unternimmt nun den recht interessanten Versuch, dieser Geistesentwicklung, wie sie in keil mit starker Darstellungskunst wieder. Eine ' Ge- .dachtfölge ist. den sieben' Schöpfungstagen' gewidmet und endlich fohlt eine Reihe' biblischer Gedichte von verschiedenem Werte. Die Sammlung wird sicherlich den jüdischen Jügendvereinen ein für ihre Zusammenkünfte, und Feste äußerst willkommenes Material Bieten....' . ' :. ... Neue Bände der Sehocken-BüchereL Nr. 30 Jüdische Volkslieder. Ausgewählt aus dem Jiddische nübersetzt und erläutert von Ludwig Strau-ß. Nr,j 32 Die zehn .. Märtyrer.. Ein; Legend e n - ''k r e is. '"' " '"■'■ ' .. ' Nr. 35 Von dem Machterweisen G'ttes, Von P h i l o v ö n A 1 e x a n d r i e n. 1}ebersetzt, bearbeitet und eingeleitet von Hans L'.ö.wy. . \. Nr. 36 Midraschim der Klage üind des Zuspruchs. Ausgewählt, übersetzt und eingeleitet'von M-i'x Dienemann.' - '>s. . : *' , ';i Nr, 37 iL 38 Chajim Nachman Bialik. Eine Einführung in sein Leben und sein Werk von Ernst Simon. .. _ . . - xu, i.ii . Nr. 39 Nach Jerusalem. Ein Reisebericht! aus der Mitte des 18. Jahrhunderts von Ludwig August Frankl. •"