Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 41-42 (10.10.1935)
- Date
- 1935-10-10
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2450858-2450898--81626-2539530- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Franz und die Orthodoxie. Von Dr. Else Freund in Pardess Hanna (Palästina). Unter dem Titel „Ein Kampfruf gegen Franz Rosenzweig" stand in der Nr. 27 dieses Blattes {4. 7. 35) ein kleiner Aufsatz, der sich mit der Gegnerschaft eines idealistischen Religionsphilosophen*) gegen Franz Rosenzweig befaßt und sie bis zu einem gewissen Grade zu teilen scheint. Wieso? Weil Rosenzweig in seiner Bibelübersetzung dem historischen Relativismus der Bibelkritik verfallen sei und des weiteren, weil jener idealistische Gegner den irrationalen- Charakter der Rosenzweig'schen Lehre betont. Es ist Zeit, daß nach langem Stillschweigen eine Stellungnahme zu Rosenzweigs Philosophie versucht wird, sei es auch als Kampfansage. Und daher kann es vielleicht wichtig sein, die Fronten in diesem Kampfe klar abzustecken. Manchmal ist ein Freund gar kein Freund, und ein Gegner nur solange ein Gegner, als man sich ihm nicht vertrauensvoll nähert. Was den Vorwurf der bibelkritischen Einstellung anbetrifft, so ist es zweifellos richtig, daß Rosenzweig die Bibelkritik gut gekannt hat. Wie weit er ihr in der Praxis der Uebersetzung gefolgt ist, — und nur das wäre entscheidend —, wage ich als Nichtphilologin nicht selbständig zu beurteilen. Von Kennern der Materie, die zugleich Kenner der Rosenzweig'schen Gedankengänge sind, wie z. :B. von Rabbiner Dr. Jos. Carlebach ist, soweit ich sehe, ein solcher Vorwurf nicht erhoben worden. Rosenzweig selbst hat in seinem kleinen Artikel „Die Einheit der Bibel"*) sich scharf gegen die bibelkritischen Textscheidungen und für die Einheit der Bibel aus dem Geiste der Offenbarung ausgesprochen. Die Bibel ist ihm zwar nicht — und darin liegt der Unterschied zur Orthodoxie — Offenbarung an Mose, aber Offenbarung an jeden Menschen, Wort G'ttes, das den Menschen anspricht und täglich ansprechen soll. Und so gibt Rosenzweig in seiner Bibelübersetzung genau wie S. R. Hirsch eine bis ins Feinste durchgeführte Nachbildung des hebräischen Wortlautes aus der Ueberzeugung heraus, daß dieser hebräische Text heilig und unantastbar ist. Die idealistische Ablehnung der Philosophie Rosenzweigs muß als sehr natürlich und sehr verständlich gelten; denn die Grundlagen beider sind diametral entgegengesetzt. Der Idea- *) Albert Lewkowitz in Breslau. *} Der Morgen, 4. Jahrg., 4. Heft, S. 400/404. lismus ruht auf dem Prinzip des Ich, die gläubige Philosophie Rosenzweigs aber auf dem Prinzip der Offenbarung.' Der Begründer des Idealismus, Kant, hatte gelehrt, daß von den Dingen nur das allgemeingültig erkennbar ist, was wir selbst in sie hineinlegen. Das Ich, das denken de Bewußtsein des Menschen, schreibt der Natur das Gesetz vor. Diese Theorie, von Kant nur als Grundlage der modernen Naturwissenschaft gedacht, wurde von seinen Nachfolgern auf das Ganze der Erkenntnis ausgedehnt. Nicht nur die Welt, sondern auch die Existenz G'ttes machte man abhängig von einem wie immer gearteten menschlichen Ich. Hegel faßte dieses Ich rational als menschliches Denken, — und Hermann Cohen würde etwa zwischen Kant und Hegel . zu stehen kommen — Schelling und Schleiermacher erhoben irrationale Kräfte des Menschen wie Anschauung oder Gefühl zum Prinzip der G'tteserkenntnds. In ihren Bahnen geht heute Cassirer, wenn er ein mythisches, geht auch Lewkowitz, wenn er ein religiöses Bewußtsein als Grund für die Existenz G'ttes annimmt. Der allen gemeinsame Gedanke ist, G'tt existiert nur deshalb, weil der Mensch ihn denkt oder fühlt, ohne die schöpferischen Kräfte des Menschen gäbe es keinen G'tt. Wenn auch ein mythisches oder religiöses Bewußtsein nicht gerade als rational bezeichnet werden kann, so behält diese ganze Einstellung doch eine Spitze gegen den Irrationalismus, weil neben dem religiösen ein selbständiges denkendes Bewußtsein Platz hat, mehr aber noch, weil das religiöse Bewußtsein in Analogie zu dem denkenden Bewußtsein konstruiert worden ist und diese seine Quelle nicht verleugnet, Wie die idealistische Weltanschauung mit dem G'ttesglauben der jüdischen Ueberlieferung in Einklang zu bringen sein sollte, ibleibt völlig unerklärlich. Vielleicht wäre mit der These S. R. Hirschs: p-)K öy rnin noch die idealistische Wissenschaftslehre vereinbar, die idealistische Theologie hat in einem noch so weit gefaßten K'H OS; rmn nicht mehr Platz. Sie würde die G'ttlichkeit der Thora auslöschen. Völlig anders steht es um die Philosophie Franz Rosenzweigs.2) Er hat als erster 2) Eine eingehende Darstellung der Philosophie Fr. Rosenzweigs, ihrer Motive und historischen Quellen jüdischer Philosoph seit dem Mittelalter und gerade als Kenner und Erforscher des Idealismus es gewagt, die g'ttliche Offenbarung zum Prinzip zu machen. Nicht die modifizierte Offenbarung eines immanenten G'ttes, der mir nur das sagt, was ich selber denke oder fühle, sondern die Offenbarung G'ttes von außen her, eines frei handelnden, persönlichen und lebendigen G'ttes, der mir gerade das sagt, was ich aus mir selber nie hervorbringen würde, der mich anruft und mir gebietet: Du sollst! Diese Offenbarung, wie sie der Glaube lehrt und von ihr her auch Schöpfung und Erlösung treten mit dem Wahrheitsbegriff der Philosophie in eine Synthese ein, und so entsteht als Ausdruck des gläubigen Denkens der fundamentale Satz, in dem das System Franz Rosenzweigs gipfelt: „G'tt ist die Wahrheit". G'tt nicht als Idee, sondern der in der Offenbarung erfahrene, im Glauben sich als wirklich erweisende Gr'tt, der G'tt, zu dem der Fromme betet, er ist die Wahrheit und der Grund, auf dem alle philosophische Wahrheit ruht. Gewiß wird damit die Wahrheit an ein irrationales Prinzip geknüpft. Offenbarung ist eine Tat der Freiheit, also irrational. Aber kann der Satz „G'tt ist die Wahrheit" deshalb als Dogma abgetan werden, wie es der Idealismus will? Glaube ist an sich noch kein Dogma, sondern kann erst in seinen Folgen, bei seiner Fassung in bestimmte Formen, zum Dogma werden. Wäre die Glaubenserfahrung, die Erfahrung der g'ttlichen Offenbarung bereits ein Dogma, dann müßten Moses und die Propheten Erzdogmatiker sein. Die jüdische Orthodoxie, die Siegelbewahrerin der Offenbarung am Sinai, hat alle Ursache, Franz Rosenzweig als den bedeutendsten jüdischen Philosophen der Neuzeit freudig anzuerkennen. Ein ijüdischer Philosoph ist ja nicht, wer als Jude fremdes Geistesgut mit dem Judentum in Einklang zu bringen sucht, sondern nur derjenige, der vom jüdischen G'ttesglauben her, aus jüdischem Geiste, das Ganze der Welt philosophisch erfaßt. Das darin liegende irrationale Prinzip, der Offenbarungsglaube, ist gerade der Orthodoxie mit Rosenzweig gemeinsam. Auch sie hat dieses irrationale Prinzip. Der Verpflichtungsgrund für das Halten der g'ttlichen Gebote ist der Offenbarungscharakter der Thora. Orthodox kann sich noch kein Jude nennen, wenn er das Gesetz aus irgendwelchen sekundären Gründen hält, sei es Gewohnheit, Pietät oder selbst Gemeinschaftsgeist und Volksbewußtsein. Sondern orthodoxes Judentum beruht auf dem Glanben an die Offenbarung am Sinai, auf dem Glauben an die G'ttlichkeit des Gesetzes, aus dem seine Heiligkeit und Autorität folgt. Nur habe ich in meinem Buche: „Die Existenzphilosophie Franz Rosenzweigs" gegeben. Felix Meiner-Verlag Leipzig 1933.