Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 41-42 (10.10.1935)
- Date
- 1935-10-10
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 41/42 Der Israelit 10. Oktober .1935, ' Nach kurzer Zeit, am Schabbosnachmittag nach der Minchahandacht, sprach ich zur jüdischen Ju gend, der mein Hauptaugenmerk galt, da sie noch am ehesten zu formen ist und man auf sie mehr einwir ken kann als auf die älteren Jahrgänge, bei denen schon oft jeder Versuch an ihrem materialistischen Denken und Fühlen scheitert. Wie horchten sie auf und wie leuchteten die Augen dieser blühenden Kindergesichter, die zu mir erwartungsvoll aufblickten als ich ihnen vom wahren jüdischen, g'ttgetragenen g'ttgewollten und g'tteriüllten Leben kündete.' Wie hingen sie doch förmlich an meinen Lippen, als ich ihnen den Sinn und die Bedeutung unserer Mizwaus des Kaschruth, des Tefillinlegens, der täglichen Tefil Iah und vor allem den Sinn und die Bedeutung des Schabbos klarzumachen versuchte. Wie bedrückt und beklommen saßen sie da, als ich ihnen die Perle des Judentums, den Schabbosgedanken nahe zu bringen versuchte, von dessen Schönheit, Reinheit und Hei ligkeit sie kaum geahnt hatten. Schabbos als Gan Eden auf Erden, Schabbos als g'ttlicher Lebensquell und Kraftborn, Lichtträger und Freudenbringer, in den von Golusnacht umdüsterten und leidvollen Hütten unserer Vorfahren und in den sorgenvollen, umschatteten Hütten unserer Zeit Schabbos als Vorgeschmack der Moschiachzeit, wo jeder unter den Augen G'ttes sein Leben führen wird und nur in der Erfüllung g'ttlichen Willens seine Le bensaufgabe und zugleich sein höchstes und einziges Glück sehen wird, wo jeder Mensch in dem andern seinen Bruder, das Ebenbild G'ttes achten und lieben wird und kein Wesen es wagen wird, ein anderes Wesen, ein anderes Geschöpf G'ttes Unrecht zu tun. Und nun, jüdische Männer und Frauen des Westens, laßt eure Brüder und Schwestern im Osten nicht im Stich, überlaßt sie nicht ihrem traurigen Schicksal. Die Zeitenwende, die Umkehrung aller Verhältnisse hat auch hier in dieser Provinz ihre sichtbaren Spuren zurückgelassen. Gar schwer, fast zu schwer, ist der Existenzkampf, den jüdische Menschen hier im Grenzland zu bestehen haben, ein Existenzkampf, der den ganzen Menschen erfordert und sein ganzes Sinnen und Trachten nur darauf richten läßt, den täglichen Unterhalt zu finden und ihm zu anderm fast keine Zeit läßt. Neben dieser sogenannten Wirtschaftskrise, tritt die noch viel größere geistige Not, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint; denn vollkommen assimiliert an den weltlichen Kulturkreis, befinden sich diese Menschen heute in einer traurigen, ja trostlosen Sorge, wenn man nicht bald mit Wort und Tat hier hilfreich einspringt. Ihr könnt eure Augen und eure Hände nicht ihnen verschließen, wenn ihr bedenkt, wie der Osten der ewige jüdische Geistesquell war und ist, aus dem der Westen immer geschöpft hat und schöpft, wenn ihr bedenkt, welche jüdische Geisteshelden der Osten unserm jüdischen Volke geschenkt hat. Helft diesen jüdischen Menschen, euren Brüdern und Schwestern, damit sie aufrecht bleiben und gestärkt werden in diesem furchtbaren Existenzkampf, indem ihr ihnen Material schickt, vorbildliche, jüdische Menschen, jüdische Führer hinschickt und dergl. mehr. Die Zukunft wird es dann lehren, ob euer Wirken mit Erfolg gekrönt sein wird, jedenfalls werdet ihr das stolze und frohe Bewußtsein haben, eure jüdische Pflicht erfüllt zu haben und eure jüdischen Brüder und Schwestern in ihrer Not beigestanden und sie sozusagen vor ihrem seelischen Untergang bewahrt zu haben. Regen. Von Ludwig Strauß.*) Aufsprengts den schwellenden Himmel, Und wilde Weite Unerschöpflich Flutet über uns hin. Bald gepeitscht in treibenden Schauern, Bald schlaff hinsinkender Reichtum, Bald prallend in senkrechtem Sturz — Nur hinab in die dürstenden Gründe! Es kommt dir ins Sinnen gerauscht Und kommt dir gerauscht in den Traum, Es rauscht und ruft dich zum Werk, Es rauscht dich in den Schlaf. Es nimmt dir deine Wege Und strömt drin und schluchzt drin Und spielt durch sie hin Reißende Spiele. Leben schwemmt es ins Nichts Und Leben braust es wach. Sich einvernichtend Tausendfältigem Keimen, Großmütig und grausam Schüttet sichs aus, Das helle Himmelsblut In den Schoß der Erde. *) Aus der soeben in der Schocken-Bücherei (Nr. 41) unter dem Titel „Land Israel" erschienenen Gedichtsammlung des Verfassers. Die tiefgründigen und anschaulichen Verse geben einen poetischen Kommentar zur Regenbitte des Schmini Azereth. Kmderecke, Im Bücherladen. Von Heinrich Einstädter. In der Altstadt gibt es gar viele winklige Gassen, und die Häuser stehen dort nicht, in Reih und Glied wie Soldaten nebeneinander, der Größe nach geordnet und fein ausgerichtet, sondern eines bückt sich über das andere dieses tritt einen Schritt zurück, während jenes seinen Oberkörper vorneigt, als ob es alles sehen möchte, was auf der Gasse vorgeht. In einem solchen Hause wohnte ein Buchhändler mit Frau und Kindern. * Im Erdgeschoß lag nach vorn der Laden. Er hatte nach der Gasse ein schmales Schaufenster, in dem nicht nur Bücher aufgestellt waren. Da sah man eine silberne J a d , das ist ein Deutstock für die Thora, der in eine Hand ausläuft, Geräte für Häwdolo, auf Peßach eine schöne Sederschüssel, vor Roschhaschono ein Schofar und jetzt, auf Sukkos, ein großes Esrog. Im. Winter folgten dann Chanukah Leuchter und Megülos. Vom Laden führte eine Tür zu einem großen Raum nach dem Hofe zu Dort waren mehrere Gestelle, vom Boden bis zur Decke, mit alten hebräischen Büchern angefüllt. Eine schmale Treppe kletterte zu den zwei Stockwerken empor, wo Wohnräume waren. Dort war es heller als im Erdgeschoß, besonders in den wenigen nach vorn gelegenen Zimmern- Jetzt am Nachmittag hielt sich der Buchhändler Lingner mit seinen beiden Kindern, David und Dina, in einem jener Vorderzimmer auf. Er hatte auf einem Holztische vor sich mehrere Holzkisten liegen, die viele gelbe und grüne Esrogim, in Werg verpackt, enthielten. Sorgfältig enthüllte er eines nach dem andern und betrachtete sie yon allen Seiten, um die Form, den Grad der Reinheit, Stiel und Blütenrest beurteilen zu können. Manches Fleckchen untersuchte er sogar am Fenster unter der Lupe, wischte mit einem Hölzchen darüber hin oder rieb es mit einem Tuche. Manche Früchte schied er sogleich mit geringschätziger Miene aus. Andere wurden in verschiedenen Kisten sortiert, und bei manchen ging sogar ein helles Leuchten über sein Gesicht. Mit der Freude des Kenhers hielt er diese Auserwählten von sich ab und ergötzte sich an der prächtigen Gestalt. Die Kinder schauten aufmerksam zu. Einmal, als der Vater wieder mit Mühe einen Flecken entfernte, fragte Dinar „Warum darf denn auch nicht einmal ein kleiner schwarzer Punkt am Esrog sein? Der stört doch nicht!" Lingner ließ seine Hand liebevoll über die dichten Haare seines Töchterchens gleiten, und ihm lächelnd in das schöne, reine Kindergesicht blickend, sprach er: „Warum wäscht dich denn die Mutter immer so sorgfältig? Würde es denn etwas schaden, wenn da und dort ein kleines Schmutzfleckchen öder ein Stäubchen an der Wange oder an den Ohren oder sonstwo übrig bliebe?" „O dcoh, Vater!" erwiderte Dina, „ich muß aber auch auf die Straße gehen und in die Schule oder in den Kaufladen, und da sehen mich doch viele Leute." „Und das Esrog kommt in die Synagoge, und da sieht es der liebe G'tt," antwortete der Vater. ,Und was wir vor G'tt bringen, das soll doch erst recht schön und sauber sein!" Jetzt ließ David sein Stimmchen hören: „Das ist schon recht. Aber was schadet es, wenn der Stiel fehlt? Oder wenn die Frucht ein wenig verkrümmt ist? Man faßt das Esrog doch nicht am Stiel an, und die krummen und fleckigen Birnen schmecken am süßesten." Der Vater .mußte lachen, „Wird denn das Esrog zum Essen in die Synagoge gebracht, mein kleiner Bub? Ich meine doch, es und die anderen Pflanzenarten soll den Dank zeigen für die vielen guten und herrlichen Gewächse, die uns G'tt geschenkt hat. An der Frucht, die unsern Dank darstellt, soll gär nichts fehlen. Sie muß ganz sein-und'schön,'vollkommen und fleckenrein wie das Herz eines frommen, braven Kindes, das nichts von den Gaben G'ttes genießt, ohne vorher eine Brocho zu sprechen," ,,V ater, darf ich noch etwas sagen?" sagte David. „Die Esrogim sind wirklich schön und die Lulowim und die Myrthen auch. Aber die Weiden gefallen mir nicht so!gut. Könnte man die nicht weglassen?". „Nein, mein Kind. Denke daran, wie wir gestern am späten Nachmittag auf dem Höhenweg gegangen sind und unten im Wies engrunde die Kühe weideten. War das nicht ein prachtvolles Bild: das duftige Tal, von dem rieselnden Bach durchflössen und an dem Wasser die vielen Weidenbäume und Büsche? Hättest du die Weiden entbehren mögen?" „Nein, nein!" beeilte sich Dina zu versichern. „Ohne die Weiden am Bache wäre es nicht halb so schön gewesen. Aber allein sind sie nicht so hübsch. Da muß ich David zustimmen." Der Vater nickte. „Auch die Menschen sind nicht gleich, nicht in ihrem Aeußeren, nicht in ihren Wünschen, nicht nach ihren Fähigkeiten und nicht in ihrem Beruf; und wenn sie alle gleich wären, so würde das durchaus nicht gut sein. Als in unsrer Gasse das neue Hans gebaut wurde, , da brauchte man die verschiedensten Handwerker: Maurer, Zimmerleute, Dachdecker, Schreiner, Glaser und noch viele andere. So braucht auch G'tt die unterschiedlichsten Menschen, und. alle hat er lieb, wenn sie — zusammenhalten, wie die vier Pflanzenarten, die einen Bund darstellen. Nur zusammenhalten und zusammenwirken müssen wir, um G'ttes Willen zu erfüllen. Dann schätzt uns G'tt alle, ob wir dem hohen Lulow oder den niederen Weiden gleichen. Stets nur, sollen wir unser Auge auf G'tt richten und das tun, was ihm gefällt." nm riso,, nmtf visö djük T ' ~C '-. 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