Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 41-42 (10.10.1935)
- Date
- 1935-10-10
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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10. Oktober 1935 Der Israelit Nr. 41/42 Seite 3 finden. — Wie überall, bereiteten auch die Falaschas sich am Vorabend zum Festen und zum Gebete vor, das sie den ganzen Abend und den ganzen folgenden Tag im Mesgid vereinigte. Nachdem sie 'die vorgeschriebenen Waschungen vorgenommen und das Mahl verzehrt hatten, begann der Einleitungs-G'ttesdienst zum Jom-'Kippur. Sobald dieser beendet war, fielen sie zur Erde nieder, das Gesicht einander zugekehrt, baten sich gegenseitig um Verzeihung für etwa begangenes Unrecht und für etwaigen Haß, den einer vielleicht gegen den andern hegen könnte, und beglückwünschten sich. Dann wurde der G'ttesdienst fortgesetzt, der ununterbrochen bis zum Schluß des Fastens dauerte. Die Gebete dieses Tages tragen den Charakter tiefster Empfindung. Alle, Männer, Frauen und Kinder, gerieten in lebhafteste Ekstase. Von Sonnenaufgang bis zum Abend stimmten sie nämlich merkwürdigerweise heitere Hymnen an, denen pomphafte Tänze folgten, die von den Männern und Jünglingen, den Frauen und Jungfrauen getrennt aufgeführt wurden. Am Abend bevor sie das Schlußgebet sprachen, verließen sie alle die Synagoge, nahmen Getreide und streuten es draußen allenthalben auf die Strohdächer ihrer Hütten, und auf den Boden, damit es den Vögeln zu reichlichem Mahle diene. Die Bedeutung dieser Zeremonie, so sagten sie, liege darin, den Menschen zu lehren, daß, wenn er selbst auch Hunger habe, er doch zuerst die Nahrung, die er findet, den Schwachen geben, daß er Selbstüberwindung zeigen und Enthaltsamkeit üben solle. Auch sei es ein Wahrzeichen für eine glückliche Zukunft und ein Beweis, daß G'tt die Bitten geprüft habe, wenn die ausgestreuten Getreidekörner von denjenigen verzehrt werden, für die sie bestimmt waren. Bei Einbruch der Nacht, nach Beendigung aller Zeremonien, begrüßten sie einander mit den Worten: „Yeisrael lidjotsch endiet natschehu, Salam, Salam" (Wie geht es den Kindern Israel? Friede! Friede!) Zum Schluß sprach der Hohepriester ein ,,Buraki" (Segensspruch) und dann ging's zum gemeinsamen Mahle, mit dem das Fest sein Ende erreicht hatte. Am zweiten Tage nach Jom- Kippur, am Mittwoch, den 7. Oktober, unternahmen wir, von Falaschas begleitet, eine Exkursion in die südliche Umgegend von Amba- Gualit. Wir waren um 10 Uhr aufgebrochen und betraten um halb ein Uhr Fendja, -das Geburtsdorf Getiz Jeremias'. Als ich im Jahre 1905 das Dorf passierte, wohnten dort noch seine Eltern und mehrere andere Falaschafamilien, aber seit zwei Jahren waren sie alle in andere Gemeinden übergesiedelt, so daß sich heute nur eine Anzahl getaufter Falaschas, aber kein einziger jüdischer mehr, im Orte befindet. Tags darauf, am Donnerstag, den 8. Oktober, traten wir wieder den Rückweg an, um rechtzeitig vor dem Sukkotfeste in Amba-Güalit zu sein. Um 4 Uhr nachmittags verließen wir Djenda und gingen direkt nach Amba-Gualit, wo wir um 8 Uhr abends eintrafen. Am anderen Morgen, Freitag früh, — es war der Tag vor Sukkot — sah ich zu meiner großen Ueberraschung vor meinem Haus außer den Falaschas, die schon seit Sonntag hier waren, eine große Menge neu erschienener aus anderen Landesteilen, die uns begrüßten und das Fest, das sie auch Hüttenfest „ßala-Metselet" nennen, mit uns gemeinsam feiern wollten. Kaum hatte ich mich einige Augenblicke mit einer Gruppe unterhalten, so trafen schon wieder neue ein, und die Zahl der zum Teil aus weiter Ferne Kommenden nahm beständig zu. Die siebente Stufe. Durch das Erlebnis des Gerer Rebbe an der Machpelahmauer vor Hebron wurde uns aufs Neue die Tragik des jüdischen Volkes ins Bewußtsein gerufen, dem in seinem eigenen Heimatland der Zugang zu den Gräbern seiner Väter versperrt wird. Das Bild zeigt uns die Stufen zum Hofe der Machpelah, die oben in einer An der Machpelah-Höhe von Hebron, wo Juden der Zutritt nur bis zur siebenten Stufe erlaubt ist. (Aus Hugo Herrmann: „Palästina, wie es in Wirklichkeit ist", Fiba-Verlag, Wien-Leipzig) Moschee enden, aus welcher eine Türe zur Machpelahhöhle führt. Auf der siebenten Stufe steht der arabische Wächter, der mit Argusaugen darüber es hier bei der Familie Weill der Fall ist, mehr als ein halbes Jahrtausend zurückverfolgen zu können. Die Kippenheimer Weill-Familie steht in verwandtschaftlichen Beziehungen zu dem bekannten badisohen Oberlandesrabbiner Nathaniel Weill in Karlsruhe ftsina plp), dessen Geschichte bekanntlich von dem vormaligen Mosbacher Bezirksrabbiner Dr, Loewenstein in einer besonderen Monographie eine fesselnde Darstellung gefunden hat. Die Ahnentafel bringt zunächst eine historische Einleitung von Berthold R osenthal in Mannheim und alsdann erläuternde Bemerkungen zu den einzelnen Generationen und ihren hauptsächlichsten Trägern, wobei zahlreiche nach zuverlässigen Originalen aufgenommene Bilder die Darstellung illustrieren. Das Stammhaus der Familie Weil! in Kippenheim und das Bildnis des b*ir\i p"ip> geben wir in der vorliegenden Nummer wieder. Verlorene Posten. Reiseeindrücke vöü J. Schiller, Etwa 300 Kilometer hinter der Reichshauptstadt, unweit der polnischen Grenze, liegt ein kleiner Ort in der ehemaligen Provinz „Posen", heute Grenzmark Posen-Westpreußen genannt. Kr .... Einst war diese Provinz eine Pflanzstätte jüdischen Geisteslebens, ein Boden tiefer Religiosität, dem viele jüdischen Köpfe, darunter auch bedeutende Thoragelehrte, entsprossen sind. Einst zeichnete sich dieser Ort, wie viele andere in dieser Gegend, dufch eifle starke, glaubenstreue Kehilla aus, die mit ihren Beitrag zollte zur Erhaltung und Wahrung des Judentums in der Weltjudenheit. Reste einer ehemaligen Mikwah, eine ehemalige jüdische Schule und ein Cheder, in dem ständig gelernt wurde, sind die besten Zeugen einer ehemaligen Jüdischkeit. Und heute, wie sieht es heute nach den Jahren der Emanzipation aus? Welch ein trostloses Bild bietet sich unsern Augen dar. Abgesehen davon, daß es keine Mikwah mehr gibt, daß in der ganzen Provinz keine jüdische Schule mehr für jüdische Erziehung junger jüdischer Menschen sorgt und daß es keine Möglichkeit mehr gibt, das Erb- und Geistesgut unserer Weisen kennen zu lernen, — vielleicht bildet Schönlanke eine Ausnahme, aber es ist so verschwindend wenig, was dort gelernt wird und das Interesse der dortigen jüdischen Jugend ist so minimal, daß es kaum in die Wagschale fällt —, leben die meisten, hauptsächlich jüngeren, aber auch älteren jüdischen Menschen in einer Unkenntnis und Nichtachtung des jüdischen Gesetzes, ja sogar der hebräischen Sprache, die geradezu beispiellos ist. Oberlandesrabbiner Nathaniel Weill Verfasser des Vwm pip in Karlsruhe, Das Stammhaus der Familie Weill in Kippenheim wacht, daß sich kein Jude um einen Schritt weiter hinaufwagt. Im Vorhofe der Moschee ist die Wache zu jeder Zeit bereit, ihm auf sein Signal zu Hilfe zu kommen. Zur jüdischen Familienforschung. Zum 70. Geburtstag von Leopold W e i 11 in Mannheim hat Alfred Sonder eine ebenso reich wie geschmackvoll ausgestattete Ahnentafel der Kinder des Nathan Weill in 'Kippenheim veröffentlicht, die von der Offizin Schirmer u. Mahlau in Frankfurt a. M. in mustergültiger drucktechnischer Form hergestellt worden ist. Abgesehen von altangesessenen Adels- und PatriaergÄSchleehtern gibt es wenige Familien, die in der Lage sind, ihre Vergangenheit, wie Der Sommer dieses Jahres brachte mich auf kurze Zeit in die Heimat zurück. Sogleich trat ich in Konnex mit meinen jüdischen Brüdern und begann nun an das jüdische Gewissen zu appellieren, um es wachzurufen und zu versuchen, ihnen einen Weg zu zeigen zum wahren Judentum. Auf meine Vorhaltungen hin, daß es etwas Unglaubliches sei, daß am Montag und Donnerstag früh in einer 60—70köpfigen Kehilla kein Minjan zusammenkäme, erklärte sie nur, sie hätten nichts vom Oren. Sie verstünden ja kein Wort, was vorgeort wird oder was sie oren würden. Es sei ihnen außerordentlich langweilig in der Schul und deshalb blieben sie der Andacht fern'. Selbstverständlich machte ich ihnen Vorschläge, wie sie dem Uebel abhelfen könnten, nämlich durch Kauf von Tefilloth mit guter deutscher Uebersetzung, damit sie den Inhalt, den Sinn und die Bedeutung kennen lernen sollten und ferner durch Kauf anderer Seforim, um das jüdische Wissen zu vergrößern und vor allem durch intensives, stetiges Lernen der hebräischen Sprache.