Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 41-42 (10.10.1935)
- Date
- 1935-10-10
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2446951-2450858-2450898--81623-2539527- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 Nr. 41/42 Der Israelit 10. Oktober 1935 daß ich hoffen konnte, Amba-Gualit noch vor Rosch-Haschana zu erreichen. Wir wandten uns nach dem Abstieg südwärts, passierten das in der Nähe liegende Falaschadorf Aiqua und erreichten nach drei Etap- (Bürgermeister) geleitet, ein Titel, der nur dem Oberhaupte Gondars verliehen ward. . Dieser Kantibai wurde bisher immer vom Negus selbst ernannt; seit Jahren aber untersteht die Stadt direkt dem Generalgouverneur der Provinz. Der •Ungnade, wurde nach Schoa berufen und ist seitdem nicht mehr nach Dembea zu dauerndem Aufenthalt zurückgekehrt. Eine Zeitlang war er Dolmetscher in der deutschen Gesandtschaft zu Adis-Abeba und ist jetzt wieder in den Dienst Falaschas in der abessinischera Stadt Mai-Tuaru Falaschairauen in Abessinien pen Mittwoch, den 23. September, früh die Stadt Gondar. Hier mußten wir haltmachen, weil einer unserer Genossen, der Schwager Taamrat Emanuels, an rheumatischem Fieber erkrankt war. Ich genoß dort die Gastfreundschaft des Negadras Bitauling, eines der reichsten Kaufleute Gondars, Zollmeisters der Stadt Dobareq, mit dem ich bereits auf meiner ersten Abessinienreise Freundschaft geschlossen hatte. Die Stadt Gondar, auf einem Hochplateau in 2270 m Höhe gelegen, ist die Hauptstadt von Dembea, das Zentrum aller amharischen Provinzen, und war einst die Residenz der Kaiser von Abessinien. Die Stadt ist heute noch nach Addis-Abeba der wichtigste Handelsplatz Abessiniens. Auf dem Markte in Gondar finden sich Karawanen aus allen Gegenden des Reiches, aus Erythräa und auch aus dem englisch-ägyptischen Sudan. In religiöser Hinsicht ist der Ort, gleich Axum, durch die Unzahl von Kirchen, Klöstern und Seminaren berühmt. Hier in Gondar sieht man auch noch einige Reste europäischer Baukunst, wie die Ruinen des kaiserlichen Schlosses, das man Yefassü Gimb (Palast des Kaisers Fassi) nennt, mehrerer anderer Gebäude und in der Nähe einige Sandsteinbrücken, die im 16. Jahrhundert von den Portugiesen angelegt worden sind. Die Einwohnerschaft Gondars, ehemals sehr zahlreich, ist heute auf nur einige tausend Seelen zusammengeschrumpft und durchweg christlich. Die ungetäuften Falaschas sowie die Muselmanen leben in den Vorstädten, in den ringsum zerstreut liegenden Ortschaften. Neben dem muselmanischen Quartier, am Fuße des Plateaus von Gondar, Yeislam Biet (Wohnung der Muselmanen) genannt, befindet sich ein altes Falaschadorf Awura, dessen Einwohner zum größten Teil zum Christentum übergetreten sind, während andere zwangsweise in die verschiedenen Provinzen Abessiniens deportiert wurden, und einige wenige sich in anderen Gemeinden niedergelassen haben. Diese „kaiserliche Stadt", wie man sie in Abessinien nennt,. steht jetzt unter der Verwaltung des Ras Gugsa, der, als ich in Gondar weilte, dort zwei Vertreter hatte. Der eine, Bascha Imar, ist das Haupt der Bevölkerung, Bürgermeister der Stadt und der umliegenden Dörfer; der andere, Negadras Meschescha, ist Leiter der Zollstation von Gondar, wo die aus den verschiedenen Richtungen kommenden Karawanen die Ein- und Ausfuhrgebühr zu entrichten haben. Negadras Meschescha ist zugleich Steuereinnehmer der Kaufleute, die in dieser Gegend wohnen. Früher wurde die Stadt von einem Kantibai letzte, direkt von Menilek ernannte Bürgermeister, war Kantibai Gabru, kein Falascha, wie Herr Nahum behauptet, sondern ein christlicher Abessinier. Er wurde, wie seine Genossen Aleqa Aragawi, der gleichfalls im Gegensatz zu den Eine Falaschagruppe in beschaulicher religiöser Unterhaltung Angaben Nahums christlicher und nicht jüdischer Abstammung war, und der Falascha Aleqa Stephanos Sanbatu, von dem Missionar Martin Flad nach Europa gebracht, wo sie den Protestantismus annahmen. In seine Heimat zurückgekehrt, Zwei junge Falaschas, •die in Europa ihre Ausbildung erhielten trat Kantibai Gabru wieder zum Kult seiner Väter, der afeessinisch-koptischen Kirche, zurück, und der Ngus ernannte ihn dann zum Bürgermeister von Gondar. Jedoch behielt er dieses Amt infolge der Intriguen und Verleumdungen, die von den Häuptern der Provinz gegen ihn ausgestreut wurden, nur kurze Zeit. Er wurde des Hochverrats angeklagt, fiel beim Negus in Menileks getreten. Am Freitag, den 25. September, morgens konnten wir wieder aufbrechen und kehrten nach kurzer Rast in Asaso, das eine Stunde südlich von Gondar liegt, am Nachmittag nach Amba- Gualit zurück. Bei unserer Ankunft rüsteten, sich die Falaschas bereits, das Rosch-Haschanafest zu begehen, das sie Berhana- Serk (Leuchte der Monate) nennen. Auch für dieses Fest gilt der Brauch, ein Tier zu schlachten, was sie ebenfalls Korban nennen, dessen Fleisch dann gemeinsam verzehrt wird. Aus Anlaß des Festes war eine ganze Anzahl Falaschas aus der Umgegend nach Amba-Gualit gekommen, die uns besuchen wollten. Unsere Rückkehr wurde darum nicht bloß von unseren Gastgebern, sondern auch von den Gästen, die unseretwegen erschienen waren, mit Ungeduld und Unruhe erwartet. Als wir nicht zur erwarteten Zeit eintrafen, glaubten sie, es wäre uns ein Unglück zugestoßen. Ueberdies war den Falaschas in Amba-Gualit meine Anwesenheit und meine Beteiligung an ihren Festesfeiern schon derart Bedürfnis geworden, daß sie es nicht gern gesehen hätten, wenn ich an diesem Rosch-Haschana in einer anderen Gemeinde geblieben wäre. Unsere Ankunft wurde daher von ihnen mit außerordentlicher Genugtuung und hoher Freude begrüßt. Beim Einbruch der Nacht begann der gewöhnliche Freitagabend-G'ttesdienst, nach dessen Beendigung fromme Lieder gesungen wurden und die ganze Nacht in dieser Weise im Mesgid verbracht ward. Am folgenden Tage wurde der G'ttesdienst mit mehr Pomp und Feierlichkeit, als an gewöhnlichen Sabbaten, begangen, indem die besonderen Festgebete des Tages gesprochen und eine Art Thoravorlesung stattfand. Außerdem wurde, wie am Samstagr den 5. September, anläßlich der Gedenkfeier des Todes Abrahams das Buch ,,Gadla- Abraham" (Lebenswandel Abrahams) rezitiert. Die Tage von Rosch-Haschana bis Jom- Kippur waren zum größten Teile mit dem Empfang von Besuchen ausgefüllt, die ich aus der ganzen Umgegend ununterbrochen erhielt. Das Versöhnungsfest führte sehr viele Falaschas nach Amba-Gualit, die hier gemeinsam das hohe Fest begehen wollten. Die Feier des Jom-Kippur, den die Falaschas aiich Versöhnungstag „Esterai" nennen, vollzieht sich bei ihnen in Formen und Zeremonien, die von kulturhistorischen und religionsgeschichtlichen Gesichtspunkten aus das höchste Interesse erregen müssen, da wir ähnliche Jom-Kippur- Bräuch nirgends in der ganzen jüdischen Welt