Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 41-42 (10.10.1935)
- Date
- 1935-10-10
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton- LgC Der Israelit Nummer 41/42 1935 Ein Esrog zu Purim. Von M. A. Was hier erzählt wird, ist eine wahre Begebenheit, obwohl sie sich-reichlich märchenhaft anhört, Denn sie passierte vor 85 Jahren im damals russischen Polen, wo bei der Tragikomik des jüdischen Lebens im Rayon, was mit Juden zusammenhängt, nichts unmöglich war. Das „Hekdesch'', die führende Wohlfahrtsinstitution in Warschau, hatte damals in Petersburg das Privileg bewirkt, ganz allein Esrogim und die dazu gehörigen änderen Arten für Sukkoth für ganz Polen vertreiben zu dürfen. Von diesem Monopol lebte die angesehene Institution und konnte das Jahr hindurch ihre segensreiche Wirksamkeit zu Gunsten der Armen und der Kranken, die vom ganzen Lande nach Warschau kamen, entfalten. Denn Polen ist reich an jü-1 dischen Gemeinden und der Bedarf an Esrogim war sehr groß. Die Händler und Unterhändler suchten zuweilen das Monopol zu umgehen. Die Rabbinen sehützteri. aber das Vorrecht des Warschauer „Hekdesch" mit allen ihnen gegebenen Machtmitteln. Die Ritualienhandlungen, die Esrogim verkauften, mußten sich mit einer Bescheinigung ausweisen, daß sie ihre Ware durch die Hekdesch-Verwaltung in Warschau bezogen hatten. Trotzdem gab es gewinnsüchtige Menschen, die alle Verordnungen zu durchkreuzen wußten. Sie bestellten wohl e i n e - Kiste in Warschau,- um die Bescheinigung zu erlangen und dann den großen Rest zu billigen Bezugspreisen direkt aus Odessa oder einer anderen 'Hafenstadt zu beziehen und deckten noch obendrein die illegale Ware mit der Warschauer Bescheinigung. Die Rabbinen traten mit einem Cherem. hervor, und man nahm auch die Hilfe der Behörde in Anspruch. Nunmehr wurde verfügt, daß nicht mehr allein die Händler, sondern jeder Verbraucher, d. h. jeder, der im Besitze eines Esrog war, zugleich auch mit einer Bescheinigung der Warschauer Verwaltung auf Verlangen den regulären Erwerb der Frucht zu belegen hatte. Russische Polizei pflegte in der Ausführung von Befehlen, die für oder gegen Juden erlassen waren, nicht säumig zu sein. ' Ergab es sich, daß Rabbi Herzl Kohn, der angesehenste Mann und erste Gemeindevorsteher von Czenstochau, in den Tagen von Sukkaus; sich in Geschäften in Wärschau aufhielt und1 dabei einen schönen Esrog, gerade im Büros der. Hekdesch-Verwaltung, erwarb. Glücklich über den guten Kauf fuhr er nach Hause, unterließ es aber, da sie in Czenstochau keinen großen Wert auf die Verordnung legten, die ihm ausgestellte Bescheinigung, mit sich zu nehmen/Es genü&i&jLftfjp, > daß er wiederum den schönsten Esrog in der ganzen Stadt hatte. Ob auf eine Denunziation interessierter kleiner Händler hin, oder durch Uebereifer der Po- '■ lizei, wer konnte es wissen? Genug, .am-ersten Sukkaustage mitten im G'ttesdienste. wurde die große Schul von Czenstochau von ühgeWöhn-; lichem Besuche überrascht, Polizei war da und! kontrollierte die Esrogim. „Bescheinigung bitte Vorzeigen!" Die meisten konnten damit dienen. Oben aber, an der Ostwand auf seinem Ehren-? sitze, zitterte Reb Herzl Krohn. Er hatte das größte Lulaw, die herrlichsten.Myrthen, den; edelsten Esrog, so daß: sich der Duft im ganzen Gotteshaus verbreitete, aber keine" Bescheihi-;!;i i *'■ . - '. ■ 4 '.' ' gung zur Hand, daß dgrJEeststraüß auch von der j richtigen Stelle bezogen sei. Er verteidigte sich, so gut er konnte, wies in russischer und polnischer Sprache nach, daß er, gerade er, Freund und, Förderer, des Warschauer Hekdesch sei, ihm jährlich viele Gelder zuführe und gewiß nicht der Mann, sei, der diese Institution irgendwie zu schädigen suchte. Um so mehr als nach Entscheidung der Rabbiner die anderswo bezogenen Früchte auch von Religionswegen unbrauchbar seien . . . Nützte alles nichts, „Bescheinigung her! . . Und da er diese nicht zeigen konnte, wanderten die herrlichen Früchte in die Hand der Polizisten. Sie wurden beschlagnahmt, und der Vorsteher mußte in den: folgenden Tagen mit einem fremden Esrog seiner Pflicht genügen. Da außerdem noch ein Prozeß und eine Geldstrafe zu befürchten war, reichte gleich nach Ausgang des Festes Reb Herzl Kohn eine Eingabe an das Amt ein, ließ sich auch nachträglich eine Bescheinigung kommen und er tat, mit einem' Worte, alles, was man einer russischen Behörde gegenüber tun konnte, um drohendes Unheil zu verhüten. Der russisch-polnische Staatsapparat arbeitete damals langsam, ganz lansgam. Der Amtsschimmel war gehörig lahm, zuweilen noch blind dazu . . . Es vergingen viele Monate und man, hörte nichts mehr von der Sache, so beruhigte sich auch der Vorsteher und das Ganze geriet allmählich in Vergessenheit. Fünf volle Monate waren in die Lande gegangen. Ein strenger Winter ging zu Ende. Es war Purim und die Stadt voller Freude und: Ausgelassenheit. Schon in aller Fr.ühe, — in der großen Schul war noch, nicht einmal der G'ttesdienst zu Ende ,r~' wimmelten die Straßen von Purimspielerri.' allerhand Masken, Musikbanden und Schauspielertruppen, die in phantastischer Kleidung von Haus zu Haus gingen und die Esthergeschichte oder den „Verkauf Josephs" -aufführten. Auf einmal, wie aus dem Boden gewachsen, stand ein Mann in voller Polizeigewandung, mit einer riesigen Bärenmütze, auf dem Kopf, in hohen blanken Röhrenstiefeln, mit blitzblanken Knöpfen und einem hängenden langen Säbel,..und hielt in der einen Hand ganz regelrecht ein bereits stark verwelktes. Lulaw, in der anderen einen verhutzelten,* zusammengeschrumpften Esrog. Gar keine schlechte Idee, lachten die Leute auf der Straße. Gewiß der originellste Purimspieler, den man je gesehen hatte. In Polizeiuniform und noch Lulaw und Esrog dazu. Am Purim! . , . Man lachte sich halb tot. Und die gesamte Straßenjugend, die erst den anderen Spielern nachlief, sammelte sich jetzt um die neue Maske, ihn am Rocke zupfend, behutsam auch am Lulaw schüttelnd. :t Wie glänzend dieser Kerl spielte! Als er jetzt sein russisches ,,Mischeberach" (ein bekanntes russisches Schimpfwort) gegen' die Jungen ausstieß, war es so echt und, unverfälscht, so aus dem Herzen und aus dem Munde heraus, wie es auch kein richtiger Faune (Altrusse) besser hätte machen können. Wirklich ein Künstler. Da aber die Jugend vor einem „jüdischen Gaslen" keine besondere Angst hatte und doch wußte, daß das alles Komödie sei, ließ säe sich nicht abschrekken. Besonders die Halbwüchsigen zeigten großen Mut. Da packte der Spieler einen aus der Bande, Meierke, den Fuhrmannsgehilfen, an dem Kragen, warf ihn mit solcher Wucht zu Boden und versetzte ihm noch einige Tritte dazu, daß er beinahe das Aufstehenvergaß. Wie er nachher doch auf stand,"! sagte er nur sachverständig: „Das war kein jüdischer Klapp". Meierke hatte schon mit allen Konfessionen der WeltV gerauft und kannte sich in solchen. Dingen.gut aus. : . ... : " Nun zog es doch die junge Gesellschaft vor,; in etwäV-/respektvölrer J Entfernung diesem! merkwürdigen Pürimppieler .zu, folgen, wollten I nur sehen, welches Haus er zuerst beehren werde. Aber er ging schnurstracks in die große Schul, wo man gerade mit der Megillah fertig wurde, „Wo ist Herzl Kohn?" fragte er, Der Schames trat ihm in den Weg und suchte ihm klar zu machen, daß hier im G'tteshause nicht der Ort sei, Purinistreiche zu vollführen. Dafür sei ja die Straße da ... Aber er bekam, der alte, brave Schames, einen sanften Rippenstoß, daß er zur Seite flog. Und nun stand die Polizeimaske mit dem Lulaw in der Hand vor Rebb Herzel. Der Polizeimann zog ein Papier aus der Aermeltasche und las ihm in scharfem Russisch laut vor: „Im Namen des Zaren. Nach eingehender Prüfung des Sachverhaltes ist das Amtsgericht zur Entscheidung gekommen, daß Herzl Kohn seinen Esrog mit Zubehör rechtmäßig erworben hat. Die 'beschlagnahmten Gegenstände werden ihm heute durch die Polizei zurückerstattet, worüber Quittung auszustellen ist." So kam der Vorsteher von Czenstochau, Rebb Herzl Kohn, zu einem Lulaw und Esrog — am Purim . . . Sichron Esther und Sichron MordechaL (Geträumt von einem Jerusalemer Vorstädtler.) Von Seew Chajoth in Jerusalem. Luban ist_*e>Hi?kleines Städtchen in Weißrußland. Dort lebte in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts der Ilui (hervorragender Talmudjünger) Jerusalemski, ein rechtschaffener und scharfsinniger Jeschiwabachur. Der Sluzker... Gaon empfahl ihn dem reichen Waldhändler Melzer .als Gatten für dessen einzige Tochter. Der Ehebüüd kam zustande, zur Zufriedenheit des jungen Paares und der Brauteitern. Als zwei Jahre nach der Hochzeit der Kindersegen ausblieb, der junge. Ehemann fürs Waldgeschäft nicht die rechte Neigung zeigte und die Pogrome des Jahres 1882 sich, einstellten? reifte in Jerusalemski. der 'Entschluß, nach Amerika auszuwandern. Die junge Frau stimmte dem Plane, zu, ihre Eiern mußten sich fügen und der geschickte Melzer hatte in kurzer Zeit die nötigen Auswanderungspapiere in Händen. Die Mitgift reichte außer für die Reisekosten auch dafür aus,' sich in einem fremden Lande schlicht und recht eine Existenz zu gründen. In Brooklyn wurde Jerusalemski in der ersten Zeit um einen beträchtlichen Teil seines kleinen Vermögens ärmer, dafür aber an Kenntnissen und Erfahrungen reicher. Ein Zufall brachte ihn nach Omaha in Nebraska. Als Reisender einer bedeutenden Firma und nachher auf eigene Rechnung versorgte er von dort aus die Negerviertel der südlichen Städte mit verschiedenen •Verbrauchsartikeln. Seine Rechtschaffenheit und Klugheit erwarben ihm das Vertrauen der Neger und sein Vermögen vergrößerte sich von Jahr zu Jahr. Nach Rußland kam er nur noch einmal, als im Jahre 1912 in kurzer Folge seine Schwiegereltern starben und er ihr bedeutendes Vermögen liquidieren mußte. Dasselbe ermöglichte ihm, sein Geschäft in Omaha in viel größerem Umfange zu betreiben und in wenigen Jahren als einer der reichsten Kaufleute seiner Stadt zu gelten. Hatte er in dieser Beziehung Glück, so blieb ihm dieses in Bezug auf den Kindersegen versagt; Trotzdem war er unermüdlich tätig, gönnte sich keinen Luxus und sogar für wohltätige Zwecke, gab er nur mäßige Beträge. Von dem einen oder anderen seiner Freunde «befragt, für wen er so rastlos arbeite und spare, hatte er ein stilles: vergnügtes Lächeln zur Antwort. Ende 1934 verlor er seine Frau, die ihm mehr als fünf-