Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 41-42 (10.10.1935)
- Date
- 1935-10-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 41/42 Der Israelit 10. «Oktober 1935 Die Beisetzung des ehemaligen Senators Mendelsohn, Warschau, 2. Okt. Die Bestattung des Agudaführers und ehemaligen Senators Ascher Mendelsohn verlief ungemein eindrucksvoll. Unter den zahlreichen Teilnehmern befanden sich viele Mitglieder der Exekutive und des Zentralrats der Aguda und Vertreter anderer jüdischer Verbände, Als Vertreter des Innenministers war der Leiter der Nationalitätenabteilung, Ministerialdirektor Suchanek und Min.-Rat Kaptka, erschienen. Die - Lodzer Jüdische Gemeinde, in der der Verstorbene Vorsitzender der Repräsntantenversammlung gewesen war, hatte eine Abordnung unter der Führung des Gemeindevorsitzenden Abg. M i n zh e r g entsandt. Eine besondere Abordnung war auch im Auftrage des Sochaczower Rabbi erschienen. An der Bahre wurden mehrere ergreifende Hespedim gehalten. * -n*as3fl Rumänien. Brief aus Rumänien. Bukarest, 8. Okt. Laut einer Publikation des statistischen Amtes, hat sich die Zahl der Juden in Rumänien infolge des starken Geburtenrückganges in den ersten drei Monaten des Jahres 1935 um 401 .Seelen verringert. Die Gesamtbevölkerung wuchs in dieser Zeit um 14.325 Seelen. In der Ortschaft Käpolna im Komitate Biher haben mehrere Juden erpresserische Drohbriefe erhalten, in welchen mit der Unterschrift „Die Todeslegion" der Erlag von 20 bis 50 000 Lei von ihnen gefordert wurde. Die eingeleitete Untersuchung hat einen Zusammenhang zwischen diesen Briefen und den Agitationsreisen jugendlicher antisemitischer Elemente festgestellt. Die Aguda-Bewegung macht bedeutende Fortschritte, besonders in Siebenbürgen. In Margit ta ist die Gründung einer Beth Jakob- Schule im Gange. In Schäßburg und in Maresväsarhely entfaltet die Zeiire Agudas Jisroel unter Leitung der Ortsrabbiner eine lebhafte Tätigkeit. In Z s i b o wurden neue Ortsgruppen gegründet. In Groß ward e in weist die Hachscharah schöne Ergebnisse auf. " ',. In Czernowitz feierte der Makkabi seinen 25jährigen Bestand. Die Feierlichkeiten begannen an einem Samstag mit einem Festg'ttesdienste in der Hauptsynagoge. Vom beleuchteten Tempel marschierten die Makkabianer zum Sportplatz, wo der Fußballkampf zu Ehren des Schabbos begann ... In Nagykäroly (Krohle) wurde der neugewählte sefardische Oberrabbiner Samuel Gr.o ß , früher in Berbest, feierlich installiert. Er trat in .seiner Antrittsrede für den Frieden ein. Seitens der Gegengemeinde, die mit Beschluß der orthodoxen Zentralkanzlei aus der Reihe der Orthodoxie ausgeschieden ist, werden noch immer Anstrengungen gemacht, die Tätigkeit des Rabbiners zu behindern. Ungarn. Brief aus Ungarn. Budapest, 9. Okt. Die Zahl der jüdischen Kinder in Budapest nimmt ständig ab. Das statistische Amt der Hauptstadt veröffentlicht einen Ausweis, aus welchem hervorgeht, daß im Jahre 1900 nur noch 4102 gesetzliche und 599 ungesetzliche jüdische Kinder, während im Jahre 1933 bloß 1520 bezw. 95 geboren wurden. Dieser Geburtenrückgang entspricht einem Prozentsatz von 34.4. Noch ungünstiger ist das Bild, welches die Statistik der jüdischen Kinder bis zu 15 Jahren in der ungarischen Hauptstadt aufweist. Im Jahre 1920 war ihre Zahl 52.235, im Jahre 1930 nur 42.231. In zehn Jahren hat also die Zahl der jüdischen Kinder in Budapest um rund 10.000 abgenommen. Die Pester Israelitische neologe Kultusgemeinde hat einen Grabstein auf dem Grab des gewesenen Pressechefs des ungarischen Ministerpräsidenten Graf Khuen-Hederväry, des Ministerialrat Edmund Klein (1853—1925) errichtet. Bei dieser Gelegenheit teilte der Rabbiner Dr. Benjamin Schwarz folgende interessante Daten aus dem Leben Kleins mit: Er war der Sohn einer blutarmen jüdischen Witwe und hat als einzige Erbschaft das mit Tränen benetzte Siddur seiner Mutter und die. Tefillin seines Vaters aus seinem Geburtshause mitgenommen. Die größten ungarischen Staatsmänner haben ihn auf einen exponierten Posten des ungarischen Staates berufen und er hat bloß eine Schule gekannt: die Jeschiwoh. Auch andere Jeschiwohzöglinge haben Karriere gemacht, aber sie haben ihre Jeschiwoherlebnisse ganz aus der Seele ausgemerzt. Klein blieb aber sein Lebenlang sowohl seelisch, wie auch in Aeußerlichkeiten der Thorafreund. Er war bereits hoher Ministerialbeamte, Berater und Freund großer Staatsmänner, als er sich Zeit nahm, täglich mit der herkömmlichen Melodie ein „Blatt Gemoroh" zu lernen. Auch die alten Gebete und Melodien der Synagoge waren ihm teuer. Es kam oft vor, daß er die Melodie eines „Jisgadal" oder des „Unssane tokef" vor sich hinsummte, während er den Parlamentsbericht für den mächtigen Herrscher der großen Österreich-ungarischen Monarchie verfaßte, oder eine andere wichtige politische Arbeit versah. England. Der Krieg in Abessinien und die Falaschas, / London, 4. Okt. Die Korrespondenten der amerikanischen und europäischen Zeitungen, die aus Anlaß des kriegerischen Konfliktes zwischen Italien und Abessinien nach. Abessinien gingen, erwähnen, daß nicht nur in den koptisch-christlichen Kirchen Abessiniens, sondern auch in den Synagogen der Falaschas, des vor einigen Jahrzehnten entdeckten schwarzen jüdischen Stammes, in der Sprache des Alten Testaments für den „König der Könige", wie sich der Negus nennt, und für seinen Waffensieg gebetet wird. Als Dr. Faitlowitsch zum erstenmal zu den Falaschas kam, war das Hebräische bei ihnen bis auf wenige Reste vollkommen vergessen. Mit Hilfe des von europäisch-jüdischen Kulturgesellschäften gegründeten Schulwesens für die Falaschas wurde bei diesen schwarzen Juden das Hebräische wieder, namentlich bei der jüngeren Generation, lebendig. Ueber die jüdische Herkunft der Falaschas herrscht kein Zwei-- fei mehr. Es ist traditionell, daß ein beträchtlicher, Teil des Falascha-Stammes Dienst im abessinischen Heer tut. Auch bei den kriegerischen Auseinandersetzungen Abessmiens mit Italien spielen die Falaschas eine nicht unwesentliche Rolle. (Siehe auch illustrierte Beilage „Aus Welt und Leben''.) Jüdische Waisenkinder aus Polen nach Palästina. London, 4. Okt. Die Europäische Exekutive des vor kurzem auf der Londoner Weltkonferenz polnischer Juden gegründeten Weltverbandes der polnischen Juden im Ausland hat sich in ihrer ersten Sitzung mit den Maßnahmen zur Durchführung der Beschlüsse . der Weltkonferenz beschäftigt. Besonderes Augenmerk wurde der Ueberführung von Waisen und vernachlässigten Kindern aus Polen nach Palästina geschenkt. Es wurden entsprechende Vorbereitungen für die Beförderung der ersten 100 Kinder gemacht und zu diesem Zweck Verhandlungen mit der Jewisth Ageney und anderen interessierten Körperschaften aufgenommen. Das palästinensische Exekutivbüro des Verbandes in Tel Awiw hat es auf sich genommen, für die Erhaltung, Erziehung und Berufsausbildung der Kinder zu sorgen. Die Beratungen erstreckten sich auch auf die Frage der Entsendung einer Delegation nach Polen zwecks Besprechung der Mittel und Wege für eine konstruktive Selbsthilfe des polnischen Judentums mit den verantwortlichen Führern der Juden Polens und zwecks Schaffung eines Ständigen Komitees als Vertretung des Verbandes in Polen. Eine Chofez Chajim-Kolonie auf religiöser Basis in Erez Israel. London, 4. Okt. In einer in London unter dem Vorsitz von Dr. Bernard H o m a abgehaltenen Versammlung würde eine Resolution gefaßt, in der dem Willen zur Förderung der Errichtung einer Chofez Chajim-Kolonie auf religiöser Basis in Erez Israel Aus druok gegeben wird. Dr. Homa gab 'bekannt, daß 75 Rabbiner Großbritanniens und Irlands sich für die Verwirklichung dieses Siedlungsplanes einsetzen. Bei der Versammlung hielten auch Dajan A b r ams k i, die Rabbiner S inge r und T w e r s k i und der ehrenamtliche politische Sekretär der Agudas Jisroel, H. A. Goodman Ansprachen, in denen sie für. die Schaffung der neuen Kolonie und den Wiederaufbau Palästinas auf jüdisch-traditioneller Grundlage im allgemeinen warben. (Der Grundstein zu dieser Kolonie ist in dem bekannten Chofez Chajim-Kibbuz in Gedera gegeben.) Rußland, Brief aus Sowjetrußland. Jüdische Feiertage. — „Konterrevolutionär". — Gottfosenpropaganda in Sowfetrußlamd gegen die jüdische Religion. Moskau, 4. Okt. Die „militanten Apikorsim" entfalten anläßlich der jüdischen Feiertage eine intensive antireligöse Propaganda unter der jüdischen Bevölkerung. Diese Aktion beweist, daß der jahrelange Kampf der kommunistischen Kreise gegen die jüdische Religion . es nicht vermocht hat, die Traditionstreue der zwangsweise dem neuen System eingefügten jüdischen Massen zu erschüttern. Der sogenannte Zentralrat des auf einen verhältnismäßig kleinen Kreis beschränkten .Gottlosenverbandes verweist in (diesen Tagen neuerlich auf seine für die Zwecke der antireligiösen Propaganda ausgearbeiteten Thesen. Rosch-haschana, Jomkippur und Sukkoth — so heißt es in diesen Thesen — dienen der Ausbreitung und Verstärkung der nationalistischen Agitation. In der Bekanntmachung des Zentralrats wird dann 'geschildert, wie die hohen Feiertage entstanden seien, die, wie es in den Thesen weiter heißt, „ausgesprochen konterrevolutionären Charakter tragen". In den Thesen werden auch scharfe Angriffe gegen die „ausländische Bourgeosie" und gegen die „Klerikalen" im Innern gerichtet und;:es wird gefordert, überall dafür zu agitieren, daß die Arbeit an den jüdischen Feiertagen nicht unterbrochen werde. Die drei Moskauer Synagogen waren zu Rosch Haschana überfüllt. Palästina. Die Bekämpfung der »illegalen Einwanderung" nach Palästina, 'Jerusalem, 1, Okt. Wie die arabische Tageszeitung „Feiestin" mitteilt, hat Polizeiinspektor Hauptmann Rice, der soeben von einem kurzen Aufenthalt im Libanon nach Jerusalem zurückgekehrt ist, seine Reise dazu banutzt, um Maßnahmen anzuordnen, durch die illegale Einwanderung über die libanesisch-palästinensische Grenze unmöglich gemacht werden soll. Ein syrischer Jude,1 der ohne Visum nach Palästina gekommen war, ist in Jerusalem verhaftet und zu einem Monat Gefängnis mit nachfolgender D e p o rt i © r u n g verurteilt worden. Die Polizei hat einen Chauffeur festgenommen, der in seinem Wagen eine jüdische Frau aus dem Irak nach Palästina gebracht hatte. Der Chauffeur wurde zu 15 Tagen Gefängnis verurteilt. ■. Richter G a d in Migdal hat fünf Juden aus Polen und Rußland, die illegal nach Palästina gekommen, waren, zu je einem Monat Gefängnis mit nachfolgender Landesverweisung verurteilt. Verschärfung der Einwanderungskontrolle in den palästinensischen Häfen; Jerusalem, 2. Okt. Im Zusammenhang mit der seit einigen Wochen gegen einen höheren Beamten des Einwanderungsamtes der Palästina-Regierung geführten Untersuchung wurde die Kontrolle in den palästinensischen Häfen und ,die Ueberprüfung der Einwanderungspapiere ver schär f t. Häufig werden Personen, bei denen die Angaben in den Zertifikaten, besonders die Altersangabe, angezweifelt werden, von der Landung ausgeschlossen. So wurden vor kurzem zwei Familien (sechs Personen}, die mit der „Jerusalemme" aus Triest, und vier Personen, die mit der ,,Poloniä" aus Konstanza gekommen waren, zur Weiterreise nach Beirut gezwungen. Auch einer vier-