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Der Israelit · 1935-10-10 · Heft 41-42 (10.10.1935) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 41-42 (10.10.1935)
Date
1935-10-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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10. Oktober 1935 Der Israelit Nr. 41/42 Seite 9 diesen Erdteilen gestatten. Der Ueberblick über Zahl und Verteilung der Juden auf der Erde dürfte fast allen von uns neue Informationen vermitteln, und der Gesamtüberblick über die Weltwirtschafts- und' Wanderungslage wird, wie der ganze Inhalt des Blattes, jedem reiche Anregung bringen. Für den Auswanderungswilligen ist das Korrespondenzblatt eine Notwendigkeit, wenn er sich informieren und so den zahlreichen Gefahren entgehen will, die eine nicht 'genügend vorbereitete Auswanderung, infolge der Weltwirtschaftskrise mehr als je, mit sieb bringt. Das „Korrespondenzblatt über Auswanderungs¬ und Siedlungswesen" kostet RM. 1.— (bei Zusendung durch die Post: RM. 1.30) und ist zu beziehen beim Hilfsverein der Juden in Deutschland E. V./ Berlin W 35, Steglitzerstr. 9 (Telefon: Lützow 6238/39, Postscheckkonto vorläufig noch wie folgt: Hilfsverein der Deutschen Juden, Berlin Nr. 331 26). Der Handel und Verkehr mit Juden. Bremen, 3. Okt. Die „Nordwestdeutsche Zeitung" in Bremerhaven meldet: Die Stader Gemeinderäte befaßten sieb mit einem Antrage des Kreisleiters der NSDAP,, nach dem an den Ausgängen der Stadt Schilder anzubringen seien mit der Aufschrift: „Juden sind in Stade nicht erwünscht". Ferner sollen öffentliche Aufträge nur an solche Betriebe gegeben werden, die ihren Verpflichtungen gegenüber dem Staat und der NSDAP, nachgekommen sind, die nur Mitglieder der DAF. beschäftigen und die mit Juden keine Geschäfte betreiben. Turnhallen sollen nur solchen Vereinen zur Verfügung gestellt werden, die den Arierparagraphen eingeführt haben. Dieser Antrag fand einstimmige Annahme. Dortmund, 2. Okt. Nach Meldung der „Westfälischen Landeszeitung Rote Erde" hat die Stadtverwaltung Dortmund durchgesetzt, daß die von der Dortmunder Konzertsaal- und Theaterbetriebs G. m. b. H. unterhaltenen Betriebe „Stadtschänke" und „Stadthotel", die sich zum' Teil in nichtarischen Händen befinden, die Namensbezeichnungen „Stadtschänke" und „Stadthotel" ablegen. Schweiz. Tagung der Ständigen Kommission des Verwaltungsrats beim Oberkommissariat iür Auswander erfürsorge. Genf, 4. Okt. Der Völkerbundskommissar für Auswandererfürsorge, James G. MacDonald, hat für den 15. bis 17. Oktober eine Tagung der Ständigen Kommission des Verwaltungsrates nach London einberufen. Der Kommission gehören die Vertreter von England, Frankreich, Belgien, Holland und Uruguay an. Oesterreich. Der Kupiczenetzer Rabbi Israel Meier Heschel ^*JH* Wien, 1. Okt. Am zweiten. Rosch-haschana-Tag ist in Wien der in der Chassidimwelt sehr populäre Kusiczenetzer Rabbi, Israel Meier Heschel, im 74. Lebensjahre gestorben. Der Heimgegangene zeichnete sich durch seine Größe in nvpom mm aus, war aber auch als opferbereiter njm bsz bekannt und beliebt. Den größten Teil seiner Einkünfte führte er wohltätigen Zwecken zu. Seine Bestattung fand am '^"tt OlS unter gewaltiger Beteiligung statt. <y*»r Polen. Ein Pogromprozeß in Warschau. Warschau,'8. Okt. Im Juni 1934 fandien im Warschauer Powonzki: Viertel ernste Ausschreituingen statt, bei denen es auch jüdische Todesopfer gab. Die Exzesse finden jetzt ihr gerichtliche« Nachspiel, 22 Angeklagte sitzen auf der Anklagebank und 70 Zeugen, Polizisten und Juden, sollen den Sachverhalt Die Woche- Berlin. In der Alten- Synagoge in der Heidereuthergasse veranstaltete der Vorstand der Jüdischen Gemeinde eine T r a u e r f e i e r zum Andenken an Oberrabbiner Kuk Die Gedenkreden hielten Rabb. Dr. H-o f f m a n n , Frankfurt a. M. und Rabb. Dr, Freimann, Berlin, letzterer in hebräischer Sprache, München. Der Verband bayrischer Israelitischer Gemeinden hat angeregt, daß Kinder aus Kleingemeinden, in denen kein G'ttesdienst mehr stattfindet, von größeren Gemeinden über die Sukkaustage zu Gast geladen, werden, damit sie an der Festfeier teilnehmen können. Vom Preußischen Landesverband ging eine solche Anregung schon zu den Hohen Feiertagen aus. Es sei bemerkt, daß in Frankfurt a. M. die orthodoxen Instanzen schon seit langer Zeit eine solche Aktion mit bestem Erfolge durchfuhren. Amsterdam. Anläßlich der Dreihundert ja hrfeier der Amsterdamer Aschkenasim gemein de wird für November eine Jüdi s ch - hi s t orasche Ausstellung im Amsterdamer Historischen Museum geplant. Dem Komitee gehören u. a. der Unterricthtsminister Prof. Slotemaker, der Gouverneur von Nordholland, Dr. R ö e 11 und der Bürgermeister von Amsterdam an. Warschau. Einer der vier jüdischen Abgeordneten im neuen Sejm, Watzlav Wislicki, ist plötzlich einem Herzschlag erlegen. Eine Ersatzwahl kann nach dem Gesetze nicht stattfinden. Wislicki gehörte keiner Partei an und macht« sich zusammen mit dem vor kurzem heimgegangenen Ascher Mendelsohn für das jüdische Korporativwesen in Polen sehr verdient. — Die parlamentarischen Vertreter der Aguda, Senator Trocken heim und Abgeordneter Münzberg, haben sich dem Jüdischen Parlamentsklub nicht angeschlossen, dem also nur drei Mitglieder, und zwar Dr. Sommerstein, Professor Schorr und Rabbiner .Rubinstein angehören. — Wegen eines antisemitischen Ueberfalls auf einen Juden in Lodz wurde ein junger Pole vom Stadtgericht zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Der Staatsanwalt wünschte „mit Rücksicht auf die häufigen Ueberfälle auf Juden" eine exemplarische Bestrafung. — Zur Neuinskription an der medizinischen Fakultät der Warschauer Universität wurden dieses Mal nur zwölf Juden zugelassen, obwohl ein eigentlicher Numerus clausus nicht besteht. — Ueber Terrorakte gegen Juden an den hohen Feiertagen wird aus vielen Städten Polens berichtet. Bei Czenstochau wurde am ersten Roschhaschono-Tag ein chaluzischer Kibbuz überfallen, wobei drei junge Juden erheblich verletzt wurden. Lodz. Im neugewählten Stadtrat von Lodz werden I nun unter 24 Ratmännern auch zwei J u - den ihren Sitz haben, neben Ing. Klotzmann der Agudaführer Fischel Lieberm a n n. Riga . Der lettländische Zweig der revisionistischen Organisation Brith H ec h a j a 1 ist behördlich aufgelöst worden. Die Maßnahme wurde damit begründet, daß die Organisation in der letzten Zeit in Lettland nicht mehr tätig war. — Die letzte antisemitische Zeitung Lettlands, „Volkswaffen" ist "verboten 'worden. Die Zeitung befaßte sich hauptsächlich mit der Wiedergabe von theoretischen Aufsätzen aus der ausländischen Presse, — Nach den soeben veröffentlichten Ergebnissen der 'letzten Volkszählung ist die Zahl der Juden in Lettland von 94.388 i. J. 1930 auf 93.479 i. J. 1935 gesunken. Der Rückgang um 909 Seelen in den letzten fünf Jahren wird vor allem auf Abwanderung nach Palästina zurückgeführt, Jerusalem. ,,Felestin" meldet, daß die palästinensische Eisenbahndirektion den Bau einer neuen Eisenbahnlinie Haifa — A k a b a beschlossen habe. Der Hafen Akaba am gleichnamigen Golf des Roten Meeres östlich der Sinai-Halbinsel hat besondere strategische Bedeutung. London. Der im Juli ds. Js. verstorbene Präsident der Portugiesengemeinde, Sir Franzis Monte Höre, hat, nach dem jetzt bekanntgegebenen Testament, 100.000 Pfund für jüdische Wohlfahrtszwecke hinterlassen, von denen der größte Teil für Synagoge und Einrichtungen der Portugiesengemeinde entfällt. klären. Die Vernehmung weiterer Zeugen, auf die die Verteidiger drängen, wird abgelehnt. Die Hauptangeklagten sind geständig und erklären sich schuldig. Man habe ihnen im Lokal der Nationalradikalen gesagt, die Juden hätten eine katholische Prozession, die durch das Powonzkiviettel zog, gestört, also wollten sie die Prozession „schützen". Der Rädelsführer, Wladislav C h o r o s z , war in einer jüdischen Färberei angestellt und muß vor Gericht zugeben, daß er gegen die jüdische Firma nichts zu klagen hatte. Andere Angeklagte leugnen jede Mitwirkung, verwickeln sich aber dauernd in Widersprüche. Felix Kruszowski, dem zur Last gelegt wird, daß er den Juden Delmann getötet hat, will mir gesehen haben, wie 20 Mann auf den Juden einschlugen,* er selbst aber habe sich höchstens nur an der Plünderung der Perez-Bibliothek und der Zerstörung einer jüdischen Bäckerei beteiligt. Eine von den Anwälten unternommene Feststellung, ob und inwieweit die Angeklagten mit Wissen oder im Auftrage der N. R.-Partei handelten, wird vom Vorsitzenden vereitelt. Bei der weiteren Vernehmung taucht immer und wieder das Märchen von der nProzessionsstörung" durch die- Juden auf, was aber von keinem der als Zeugen geladenen Geistlichen bestätigt werden kann. Viele Zeugen wollen sich an nichts erinnern und nehmen ihre Aussagen vor dem Untersuchungsrichter zurück. Interessant gestaltete sich die Vernehmung eines Mädchens namens Dzewiecka, das die Menge aufhetzte, um später ihre Freunde schwer zu belasten. Jetzt hält sie ihre Beschuldigungen nur noch gegen drei Angeklagte aufrecht. Bei der, weiteren Vernehmung der Augenzeugen kommen grauenhafte Einzelheiten zutage, die damals die Presse verschwiegen hatte. Ein Entlastungszeuge wird als Raubmörder in Ketten aus dem Gefängnis vorgeführt, zwei andere Zeugen müssen wegen Meineids im Gerichtssaal verhaftet werden. Ein Polizist sagt als Zeuge aus, wie er einige der Beschuldigten verhaftet hatte, weil sie sich rühmten, einen Juden totgeschlagen zu haben. Die weiteren Verhandlungen gestalten sich zu einem „Stellungskampfe" zwischen den Verteidigern und dem Vorsitzenden, der mit allen Mitteln zu verhindern sucht, daß die politischen Hintergründe des Pogromes aufgedeckt werden. Diese sind aber bei der National-radikalen Partei zu suchen. Im Laufe der Vernehmung fand sich, zum Glücke für di« Angeklagten, sogar ein Priester, der* im Gegensatz zu seinen früheren Aussagen, den ,,jüdischen Angriff" auf die Prozession für möglich hielt. Dieses und andere Ammenmärchen, die am Vorabend der Ausschreitungen verbreitet wurden, stellen aber Gericht und Staatsanwalt als böswillige Verleumdungen dar. Es stellt sich heraus, daß ein kleiner Junge die Plünderer an die ijüdischen Geschäfte heranführte und sie warnte, wenn sie auch ein christliches Geschäft betreten wollten, In seiner Anklagerede stellte nun Staatsanwalt Kozuchowski fest, daß die Juden nicht den geringsten Anlaß zu den Ausschreitungen gegeben hätten und daß alle darauf abzielenden Märchen in sich zusammengefallen seien. Es gehe auch nicht an, die National-radikale Partei für die Vorfälle verantwortlich zu machen, denn die Angeklagten seien zum großen Teile polizeibekannte Verbrecher. Gegen die drei Angeklagten Choresz, Lewinski und M a - jewski, die er für die Mörder des Juden Delman hält,""beantragte er sechs Jahre Zuchthau«, gegen die übrigen Angeklagten Gefängnisstrafen von einem bis drei Jahren. Die schwere Tat verlange schwere Strafe, die abschreckend wirken soll. Die Verteidiger verlegten sich darauf, zu beweisen, daß die wahren Schuldigen, die politischen Drahtzieher von der „Nara", nicht auf der Anklagebank sitzen. Auch sie müssen zugeben, daß die Juden selbst nicht den geringsten Anlaß zu den Vorkommnissen' gegeben haben. Nur ein Verteidiger, Anhänger der „Nara"Bewegung, verteidigt die Partei, aber auch er wagt es nicht, die Juden zu beschuldigen. Die Angeklagten seien blindes Werkzeug in der Hand von <Hetzefn gewesen, die erst ausfindig gemacht werden müßten.

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