Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 41-42 (10.10.1935)
- Date
- 1935-10-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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10. Oktober 1935 Oer Israelit ■Nr. 41/42 Seite 7 denn ich muß sie ja einem Menschen lassen, der einmal nach mir kommt, von dem ich nicht weiß, ob er weise öder närrisch ist. Und er wird dann schalten und walten über alle meine Mühe, v die ich aufgewandt unter der Sonne. Ach, es ist sinnlos! Da packte mich Gleichgültigkeit und Verzweiflung wegen all der Mühe, die ich mich gemüht unter der Sonne, daß ein Mensch, der mit Weisheit und Fähigkeit und Klugheit sich gemüht, dem lachenden Erben, der nichts dafür getan, alles in den.Schoß werfen muß. Das ist geradezu ein schlimmes Uebel. Denn was hat der Mensch von all seiner Mühe, von all dem Sinnen und Klügeln, mit dem er sich müht unter der Sonne, daß er sein Leben hing Leiden geduldet, Verdruß und Aerger gehabt, in der Nacht nicht hat Ruhe finden können. Ach, es ist alles eitel. Es gibt nur ein Gutes für Menschen: jetzt essen, trinken und Freude haben von seiner Mühe. Nur mußte auch hier ich einsehen, daß das von einer höheren Macht abhängt, denn wer1 könnte wohl besser und schneller zum Genuß kommen als ich? Nein, auch hierin ist der Mensch nicht unabhängig. Wem G'tt gut sein will, dem gibt Er zu seiner Weisheit auch noch die Freude dazu, aber dem Sünder gibt Er eine Leidenschaft zu sammeln und einzuheimsen, um es dann dem zu überlassen, der G'tt gefällt. Ist das nicht Unsinn und ein Jagen nach Wind? (Fortsetzung folgt.) Kultus und Eflilk. Gedanken zur Goldberg'schen Glaubenskritik, Yon B. Cohen in Friedrichstadt. Es Ist oft genug versucht worden, die Thoragesetze in irgendein ethisches Schema zu zwängen und das diesem Zwange Widerstrebende auszumerzen; das ist der Sinn der liberalen Praxis. Einer der Ersten, die' mit diesem Zwange brachen, war Hirsch, der die' Unterscheidung zwischen mehr oder minder ethisch begreiflichen Thoragesetzen als aufschlußlos beiseiteließ und jedem Gesetze, auch jedem ,.Ritus" der Thora ganz objektiv seinen Sinn abzulauschen versuchte. Dabei ergab sich dann auch aus der ■ gründlichen Erforschung der Opferlehre und an- ' derer Pflichten gegen G'tt manche ethische Grundlehre, etwa die, daß man ein Opfer nicht G'tt bannen und in die Nähe des Menschen bringen, sondern sich selbst zur G'ttesnähe erheben will, oder die, daß „kultische" Reinheit' aufs engste mit Triebbeherrschung verknüpft ist. Das sind alles Lehren, die es auch begreiflich machen, weshalb die Thora eine so unüberbrückbare Kluft zwischen ihrem eigenen und jedem fremden Kultus sich auf tun läßt,' der ja zugestandenermaßen die den genannten entgegengesetzte Absicht verfolgt. Und d i« s e K1 u f t sucht das Goldberg 's c h e System zu überbrücken! Die fremden Kulte sollen helfend Aber nicht in ihrer späten, vergeistigten Form, deren erstarrte . Gestalt auch unseren Weisen (Toßf. Ghullirt 13b oben und Bechoroth .2b R. Tarn) nicht mehr gefahrbringend erschien, sondernin der alten, „echten", ,,kultfähigen" Form -der . Urzeit! Die Wissenschaft der Gegenwart (Spengler, Gässirer, Unger) will-in den Totenreligionen der Urzeit, die nqch in Resten primitiver Völker weiterlebt, ganz . wirklichkeitsnane, niederschmetternde Mächte des üb er individuellen Zusammenlebens echter, unvermischter Menschheitsstämme entdeckt haben, - Schon in einem , früheren,- Werke . hatte Goldberg die.se,,Mächte mit. den im biblischen Schrifttum oft erwähnten dunklen Gewalten (bene t elphim 'usw.Jjj. gleichgesetzt. Dies mochte, obgleich;R. ßinioti b. Jochai, ein jin Mystik nicht unerfahrener Tanna,; diese Aüs- ■' ' tLjn'i ■ >- \. ' •' . : >, i yi.iih j legüngsweise in Bereschith rabba geradezu verin v> ,ö ... •, - ■ .X; -. ■;- ■ j:; ■ . < '. ' 1; flucht, noc]hjr hingehen! im Vergleiche ijiit dem, was Goldberg jetzt geradezu anstrebt: Wiedererweckung der „Kultfähigkeit" Israels mithilfe eines Zusammenlebens mit Völkern, die. noch zum Kulte jener Mächte als fähig gelten. Diese ,^\((ieder'e.rpveckpng, in der Hauptsache e^ne.T^imifivierung,; werde, auch »eine neue Offenbarung erzwingen, die■ „^er^dje , älte^hinausgeht"., .. \ : : Gewohnte ^^[:W^aWuä^'\^ep Ist "das nicht a;uch/fcctidri /oft/ ohne1 ''Tffe&ttirid'^Zeh- ''iralä^rika-Nei^Tin^*v'erjföcfö'SrörflW? :"r' -'■ :i Die' bisherigen* Versuche': jedoch' befriedigten 'Gaiberg nicht. - 'Sie sind auf einseifig ethisöhbr 'Grundlage' langestellt/ "Ünd Ethik ist' nach Gold- »berg nurein Produktgriechisch-ernstlicher (Auslegung. Ethische Gesetze will Goldberg allesamt als' „Riten,,' einordnen. j Bei den Strafrechtsvorschriften hat das seinen Sinn, insoweit die Thora sie ausdrücklich als Maßnahmen gegen Verunreinigung des Landes bezeichnet; bei Nächstenliebe, beim Verbot des vierzigsten Schlags für den Straffälligen und bei zahllosen anderen Geboten widerstreitet das dem ausdrücklichen Thorawortlaut., der eben ethisch begründet.. . Und gegen den Thorawortlaut kann Goldberg nicht streiten. Er hat sich darauf festgelegt, daß die Thora aus einem Guß ist. Bibeltextkritik kann er sich also beim , Pentateuch nicht leisten. E r tut es um so ausgiebiger bei den prophetischen Büchern und Psalmen, Nach dem Thoratext steht es fest: Du sollst mit den Völkern und ihren Göttern keinen Bund schließen. Und ebenso,steht es nach dem .Thoratext: Wer als. Prophet m.i 11 e 1 s ,ei n e s Wu n d e r s „beweist", daß fremder Kult (auch nur .vorübergehend) zu empfehlen sei, der ist ein Lügenprophet. — Auch wenn er, wie Goldberg sein eigenes System als Ersatz für das des messianischen ansieht. Lebt hier Sabbatai Zw! und seine Zukunftsthora nochmals auf? — Aber man ist ja modern bei aller Primitivitätsliebe: man hat ehrlicher Weise den Unsinn der Textkritik durchschaut, die jede moderne historische Theorie in den Bibeltext zwängt und'das Widersprechende ,.streicht". Dafür übt man jetzt „ G" e d a n k e n k r i t i k ". Gedankenkritik sagt etwa: Zur Thorazeit wäre das Wort G'ttes, infolge „Kultfähigkeit" Israels, winklich noch' „nahe einem Jeden", „nicht jenseits der See" gewesen, zur Zeit Arnos' dagegen habe man vorausgesehen, daß" einst weltenweit „von Nor- ''deh nach Osten" gewandert werden müsse, um G'ttes Wort (sc; „kultfähig") zu suchen, Oder: zur Zeit Jesäjäs'sei es wichtig gewesen, die Erlösung von einem Sohne Jischajs zu erwarten; heute'könne; dasselbe-Jeder bewerkstelligen,; der nur „Kultfähigkeit" anstrebt. Oder, auf die Per^- sori1 Sälomos bezogen: Salomo sei ein Zerstörer dieser Kultfähigk eit; schon durch den (nach I. Chr. 28/9) g'ttgebotenen Tempelbau gewesen. Oder Gedankenkritik an den Tannaim.' Diese hätten gut überliefert, abe* schlecht' entschieden,, und geherrscht. Sie hätten nämlich zwei v verschiedene Quellen g'ttlicher Lehre miteinander auszugleichen versucht, die man (-— wie, bleibt Geheimnis Goldbergs —) als einander widersprechend ohne Ausgleichsversuch;hebeneinaiin: der hätte tradieröh--müssen» Thöi^ä ünd; Kabbala^-' Den-Männern der gf-ößenj^:Versammlung,^ die jin unseröm- Scrh4ltttfm ^»heilig-' undrf -iinheilig - Voh^ einander für ewig gültig -»getrennt haben, 'dfcn Tannaim, die diese voiPihneri geheiligten Schriften zu* unserer LebensnTsrtn 'äusgöbaut'häberiVf-^.,- ihnen Allen wird jedwedes Verständnis für die ©Htlichkeit öder Ung'Mi'eÜköit ebier Schrift und UeberHief^rurig radikäl3'abgesprochen.Erst die heutigste Philosophie, närni'üch die. Göldberg'sche allein, kenne^dies^ ' Untefkttheidungi! Auch 'wird nicht verhehlt, woher alles jüdische Unglück kommt: nämlich daher, daß man das nicht längst vorbehaltlos habe einsehen wollen . und noch nicht versucht habe, G'tt durch Kultus auf die Erde zu bannen, und daß man immer noch glaube, ohne solche Bannung könne G'tt gerecht sein ... Aehnliche Ideen klängen schon im „Biblischen Orient" durch, den man fälschlich Hirschs Lehrer Chacham Bernays zuschrieb und gegen den Hirschs Gesetzeslehre, insebsondere die Opfer- und Reinheitslehre mehr als einmal, wenngleich unauffällig, ausdrücklich protestiert. Man kann also vieles Göldberg'sche schon im Vorhinein bei Hirsch widerlegt finden. Was nun die „Gedankenkritik'' vom System des Maimonides*) übrig läßt, das kann man sich danach leicht denken. Wohl hat auch die Hirschische Gesetzeslehre-öfters Anlaß, gewisse gezwungene ethische Gesetzeserklärungen, die im More versucht erscheinen, gründlich abzulegen. Aber mit welcher Ehrerbietung spricht da der moderne Forscher von dem gigantischen Meister antiker Größe! Und welche sonderbare Jubijäumsgabe bringt Goldberg! Die historische Uebersicht über Maimonides* Leben, Wirken, Nachwirkung, Bannung und Rehabilitation gibt. für. alles Obige nur den äußeren * Rahmen ab und ist dementsprechend durch eine so stark gefärbte Parteibrille gesehen, wie sie kein damaliger Antimaimonist je aufsetzte, gipfelt in dem Satze, daß Maimonides nicht den Talmud, der Talmud nicht die Bibel und Beide nicht die Wirklichkeit der Hebräer verstanden haben und verdient daher trotz aller Gründlichkeit keine detaillierte Widerlegung. Obgleich fast jeder Satz des ganzen Werkchens ein Zitat aus der Ueberlieferung ist, wird man durch solche Urteile wie die Genannten doch peinlich an die Feststellung eines Außenstehenden erinnert, er „habe den Talmud gründlich studiert und darin keinen Jenseitsgedanken gefunden". — Nur -ein Goldberg'sches grundlegendes Fehlurteil sei als Beispiel genannt: Er meint, Maimonides' Polemik gegen den Gedanken der Körperlichkeit G'ttes (den G o l^d b e r g behauptet), stamme aus einer Abneigung gegen das „Unvornehme" des Körperlebens, das man damals am Geistesleben nicht gekannt habe; man kannte wohl Körperausscheidungen und -Krankheit, aber kannte nicht Geistesverfall oder beachtete ihn nicht. Das ist sicher nicht richtig. Auch Letzteres kannte man. Gegen die „Körperlichkeit G'ttes" spricht Maimonides soviel, weil dieser Unsinn damals durch eine Islamsekte auch ins Judentum zu dringen drohte! (Ebenso spricht Kusari I 89 aus keinem anderen Grunde von der „körperlich erschaffenen Stimme G'ttes an Mose," als deshalb, weil zu seiner Zeit eine gar zu subjektive Auffassung dieser Stimme herrschte). Wer den König Salomo als Väter des Urbösen, und wer Maimonides als Vollender der Entjudung ansieht, muß selbstredend jedes Kultur judentum, und am meisten das gesetzestreue, aus ganzer. Seele hassen. Eine.; leise Hoffnung bleibt uns gegenüber Goldbefg und seiner Schule: Gerade ihr polternder Zjorn' gegen unsere heiligsten Ueberlieferungen zeigt uns, daß sie sich uns benachbarter fühlen .als den anderen Parteien des Judentums, denen sie wirklich nicht ungeschminkt die Wahrheit sagen. Vielleicht kommt bei''ihnen früher als /bei Textkritikerh -und anderen. Nichtgläubigeö ünd Unwissenden' aufgrund kder profunden, Thpr^T; un4 Talniu^kenntnis. Goldbergs 3tM»^ Wm»: "DW niKön' ' die Einsicht: „Wir haben willküfMch ausgewählt. Alle Worte der Weisen sind wahr." *) Maimonides. Zur Kritik- 'der jüdischen Glaubenslehre. Wien. 1935. Verlag Dr. Glanz, kl. 4°, 179 S, ........