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Der Israelit · 1935-10-03 · Heft 40 (3.10.1935) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 40 (3.10.1935)
Date
1935-10-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 40 1935 Wiliiaer Geschichten. VII. . Der Maggid trägt die Traditionen weiter. Rabbi Jakob Kranz, der „Dubner Maggid", der den Gaon um sieben Jahre überlebte, fühlte §ich nach dem Tode des Meisters fast nur noch als Interpret und Dolmetsch seiner Hochgedanken. Dieser größte Künstler des Wortes und der Fabel in der rabbinischen Welt sah seine Aufgabe nur noch darin, die knappen Goldbarren des Gaon in kleiner Scheidemünze unter das Volk zu bringen. Ueberall, wo er jetzt hinkam, in Lulblin, Kaiisch, Chelm, Samotsch gab er Goldkörner des -Gaon wieder, in Gleichnissen, Erzählungen, Fabeln und Sentenzen eingekapselt, die die Menschen begeisterten und im Banne hielten. Er erzählte Geschichten aus dem Leben .» des Tages, hinter denen sich aber die strengste Moral versteckte. Beispiel und Nutzanwendung waren stets so klar und so organisch miteinander verbunden, daß sieh die Lehren für alle Zeiten einprägten. Er verschmähte auch Anekdoten aus der Weltliteratur und Geschichten aus Volksüberlieferungen nichtj wenn sie sich zum besseren Verständnis der Lehre, der Moral und der Gebote verwerten ließen. Insbesondere tief und zu Herzen gehend sind seine Abhandlungen zu den H e i 1 i g e n T a g e n. Man fragte ihn einmal, ob er sich selber so erhaben und bar aller Fehler und Gebrechen fühle, daß er es wage, Anderen so dringend Moral zu predigen. „Werde ich euch erklären," gab er zur Antwort. ,Jm Städtchen brach eine Feuersbrunst aus und die Menschen merkten es nicht. Aus dem brennenden Hause aber stürzte der Bewohner und schrie durch die Straßen mit aller Kraft: ,,Rettet! Feuer!" „Was schreist du?" sagte einer. ,,dein eigenes Haus, brennt ja und du rufst Andere zur Rettung ihrer Häuser auf." „Eben darum," erwiderte der Schreiende, „ich mahne euch, daß ihr euer eigenes Haus, und damit auch m e i n Haus vor der Vernichtung rettet." „Ich rufe eücfi zur Tschuwah auf, nicht trotzdem, sondern we lies auch in mir brennt, Rettet euch und rettet mich, arbeiten wir gemeinsam am inneren Rettungswerke!" i m In einer Mussarpredigt an die J u g e n d (gedruckt am Schluß seines 3f?2P bflH Teil II) beschwört er die Kinder, mitzubeten, mitzuarbeiten am Prozesse der Einkehr; obwohl sie sich der schweren Sünden nicht bewußt sind. In der Regel, sagt er, simd es die G r o ß e n , die Erwachsenen, die die Kinder zu schützen und aus der Gefahr zu retten haben. Es kann aber eine Situation geben, in der umgekehrt die Kinder, die Erwachsenen aus der Not bringen. Denken wir unsein brennendes Haus, dessen Ausgang versperrt ist. Nur eine kleine Luke kann von innen geöffnet werden, durch: die aber kein erwachsener Mensch hindurch kann. Die. Kindlein aber mit ihrem geschmeidigen Körper,schlüpfen durch, und sind sie einmal draußen, so können sie Hilfe holen, von außen auch die Türen aufreißen. Das" Gebet und die Tränen der unschuldigen Kinder reißen die Pforten des Himmels auf, daß auch den Erwachsenen Hilfe und Erlösung wird ... Dieses Beispiel entbehrt auch nicht eines historischen Momentes. In Zeiten äußerlicher. und geistiger Not hat man es immer noch erlebt, daß eine v o r w ä r t s d r ä n g e n d e J u - g e n d sich durch alle Hindernisse hindurchwand und die Alten mit fortriß. Nicht gut zu sprechen war der Dubner auf diejenigen, die auch an den heiligen Tagen sich mit Lippenwerk begnügen und glauben, es sei schon alles damit erreicht, wenn sie kräftig beim Sündenbekenntnis auf die Brust klopfen, ohne sich ernstlich vorzunehmen, an ihrem Leben etwas zu ändern. Wiederum ein Gleichnis aus dem in Feuergefahr geratenen Städtchen: Ein Dörfler hörte einmal in der großen Stadt nachts Paukenschläge und Trommelwirbel. Was das bedeute, fragte er. Es sei Feuer ausgebrochen, sagte man ihm, und da trete ^die Löschmannschaft an und schlage in die Pauke. Die Auskunft beruhigte ihn und er schlief weiter. Ins Städtchen wieder heimgekehrt, erzählte er von seinem Erlebnis in der Großstadt. Eine herrliche Einrichtung: Man schlägt in die Pauke und das Feuer ist gelöscht. Natürlich schaffte man sofort eine Pauke an, als Sicherung gegen Feuersgefahr. Man brachte sie auch schon beim nächsten Anlaß in Anwendung, schlug und trommelte, daß es seine Art hatte. 'Dabei ging aber die halbe Stadt in Flammen auf. Ein Kundiger, der dort war, belehrte sie aber: „Narren, es kommt nicht auf die Pauke an, die soll nur die Löschmannschaft zusammentrommeln, aber löschen m ü ß tihr selbst, die Paukenschläge machen es nicht." Was würde das Trommeln, alles Schlagen auf die Brust nützen, wenn wir nichtmit diesen Schlägen die guten Geister in uns weckten und mobil machten? Auf die Lpscharbeit kommt es an, in uns, wo die Leidenschaft am hellsten brennt und loht. » « Einer von den ganz Modernen kam einmal Zum Dubner und sagte zynisch: „Ihr seid der große Maggid, von dem man sägt, daß er die Herzen verwandelt; versucht es auch einmal an mir. mich von einem Frevler in einen Frommen zu verwandeln." Der Dubner sah sich den Ungläubigen an und merkte den Spott in dessen Rede. Er erzählte ihm folgende Geschichte: Ein Mann aus der Stadt kam einmal ins -Dorf und sah, wie sich die Menschen in der Dorf schmiede abmühten, durch angestrengtes Pusten mit vollen Lungen das Feuer anzufachen. „Die Arbeit," sagte er, „könnt ihr euch sparen, schafft euch doch einen Blasebalg an." „Blasebalg?" Von einem solchen Gegenstand hatten die Leute noch nie gehört, und er fertigte ihnen einen Blasebalg an. Als er nach einiger Zeit wieder ins gleiche Dorf kam, bestürmten ihn die Menschen mit Vorwürfen. „Der Balg taugt nichts," räsonierten sie, „wir drückten und stießen so viel wir konnten, aber es kam kein Feuer." „Zeigt her," sagte der Städter. Aber am Blasebalg war alles in bester Ordnung. „So zeigt doch, wie ihr es gemacht habt. Wo habt ihr die glühende Kohle?" Nein, daran dachten sie nicht, davon wußten sie nichts. Da lachte der Städter: „Der Blasebalg kann kein Feuer geben, er kann nur anf a c h cn , wo eine glimmende Kohle ist. Wo aber nichts ist, kann auch das Blasinstrument nichts machen." „Ich bin der Maggid, der die Funken im Herzen zur Flamme ansteigen läßt, wo aber kein Funken mehr da ist, da hört auch meine Kraft und meine Kunst auf." Es gibt eine tiefe Erklärung des Gaon dafür, daß man den letzten Vers der U^j» l^aN' obwohl doch gewiß nicht von minderer Bedeutung, leise betet. Sie ist, diese Erklärung, etwas kabbalistisch gehalten und nicht allgemein verständlich. Da kommt der Dubner und erzählt: Ein reicher Kaufmann pflegte in einer großen Fabrik von Zeit zu Zeit seine Einkäufe zu machen. Laut und selbstsicher pflegte er seine Aufträge zu erteilen. „Einpacken den einen Artikel und den anderen!" dröhnte seine Stimme durch die Räume. Und zuletzt: „Rechnung ausstellen, wird alles bar bezahlt!" Ergab es sich, daß der gleiche Kaufmann in Schwierigkeiten kam, so daß er nun auf Kredit angewiesen war. Das sollte die Welt noch nicht erfahren, am wenigsten das Personal seines Lieferanten, „Einpacken das eine und das andere!" befahl er so laut wie immer. Wie es aber zuletzt ans Zahlen ging, da senkte er schon merklich seine Stimme. Leise schlich er sich ins Chefkabinett, . und etwas kleinlaut sprach er; „Die Ware ist bestellt und eingepackt, aber ich muß noch um Einsehen und Frist für die Zahlung bitten. Ich. besitze zur Stunde keine baren Zahlungsmittel . . ," Das flüsterte er ganz leise hin, geht nur den Chef an. Wir bestellen an den heiligen Tagen so laut und so reichlich viel, wie wir es in den besten Glanzzeiten taten: „Ein gutes Jahr", „Leben und Gesundheit", „Ernährung und Verpflegung" und was sonst nicht alles . . . Wir sagen und singen das alles so laut .hinaus, als habe sich nichts geändert. Zum Schluß aber, da es an die Begleichung der Rechnung geht, flüstern wir nur ganz leise, hauchen wir dahin vor „unserem Vater, unserem König": ttaSN M1T\ ..sei uns gnädig und erhöre uns", Q'Wa lan »3 denn „wir haben keine Barmittel zu bieten,"nj?*7X ttny iHPST '151 „erweise uns Gnade und hilf uns." Zuletzt jenes Bild aus seiner erschütternden Neilahpredigt: Eine Königstochter heiratete in eine Bauernfamilie ein, die ihren Wert nicht kannten und sie, die Prinzessin, schlecht behandelten. Auf ihre leisen Klagen hin, kam der königliche Vater, um nach seines Kindes Wohl zu sehen. Was er aber sah, gab zu keiner Klage Anlaß. Aus Ehrfurcht vor dem König überboten sich die Leute in Liebesbezeigungen auch gegen die Tochter. Nun rüstete sich der Vater zum Abschied und das Königskind klammerte sich an ihn, wortlös, in heißen Tränen aufgelöst. „Warum die Tränen?" fragte der Vater. „Es fehlt dir doch hier, wie ich sehe, an nichts, nicht an Ehre noch an Liebe." ««Solange dui Vater, hier bei mir bist," schluchzte die Tochter. „Wie wird es mir ergehen, wenn du wieder fort und weitweg bist?" Die Seele ist die Königstochter, die das Jahr über, in die irdischen Dinge eingesponnen, darbt und schwer leidet. Nun war seit Elulbeginn der Vater, G'tt, uns nahe, und alles hatte sich zum Guten für die Neschomoh gewendet. Sie bekam ihr Recht, in steigendem Maße bis Roschhaschonoh und von da bis Jomkippur. Sie hatte in diesen Tagen nicht zu klagen. Nun naht die Abschiedsstunde, da „G'tt, der König, in der Teruah hinaufsteigt." Es bangt der armen Seele um das Nachher, um das Morgen, um den nahenden Alltag, da ihr der Vater nicht mehr so nahe ist. Was und wie wird es werden?! (Daher die stillen Tränen des Juden in der Nei'- lahstunde. Es zittert die Seele in dunklem Ahnen und weint in tiefem Abschiedsweh.

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