Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1935)
- Date
- 1935-10-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10. Nr. 40 » Der Israelit 3. Oktober 1935 Und wieder Rabbi Leib Chossid . . . Damals wütete in Litauen der russisch-französische Krieg. Eines Tages marschierte eine der Napoleonischen Armeen durch Telschi unter Anführung eines Generals, der nicht nur Soldat und Krieger, sondern auch Mensch und Philosoph war. Alle Bewohner des Städtchens flüchteten, da sie fürchteten, als Wegweiser dienen zu müssen und dadurch später als Spione von den Russen erschossen zu werden. Nur Rabbi Leib ließ sich nicht stören und blieb in seinem Häuschen, in Talith und Tefilin bei seinen Folianten. Ihn holten die Soldaten, daß er ihnen den Weg zeige. Er ging aber, in seinen Gebetmantel gehüllt, voran, bewegte die Lippen in Studium und Gebet und sprach sonst kein Wort. Gegen Abend schwenkte der Jude schweigend in den Wald ein. Die Soldaten schrieen ihn an und wollten ihn fassen, doch der General gebot ihnen Einhalt und ging unbemerkt dem Juden nach. Vielleicht, dachte er, wollte' er auf seine stille Art ihnen was Wichtiges zeigen, auf eine Spur bringen. Da bemerkte er, wie der Jude an eine Bergquelle heranging, behutsam die Hände wusch, sich unter einen Baum stellte und mit solcher Andacht und innerer Freude sein Gebet begann, daß der General von dieser Welle menschlicher Inbrunst ganz hingerissen war. Wie er mit seinem Gebet zu Ende war, kehrte er auf die Straße zurück zu den Soldaten. In der nächsten Stadt wurde der General und seine Armee zur Begrüßung mit Brot und Salz empfangen. Der General aber rief: „Hier, der kleine Jude, verdient weit mehr Ehrung und Huldigung als ich. Es ist ein Heiliger, den ich nicht allein um die künftige Welt, sondern auch um das Glück auf dieser Erde beneide. Einen glücklicheren Menschen wie -diesen betenden Ju- . den habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen," «V * Ein weiterer Schüler und Freund des Gaon war Rabbi Saul'Katzenellenbogen. Sein Bruder war Rabbi A r j e Leib, der nachmalige Brisker Raw. Die Mutter dieser beiden Gaonim pflegter als ihre Söhne noch jung waren, zu sagen: „Von meinen beiden Söhnen leient der eine nie das Nachtgebet und der andere „benscht" nur selten". Arje Leib pflegte nämlich ganze Nächte hindurch zu lernen, ohne das Bett aufzusuchen, sein Bruder, Rabbi Saul, pflegte aber an den,meisten Tagen zu fasten ,. . Das Bet- und Lehrhaus des Rabbi Saul befand sich ah der Stelle, wo jetzt die Schaul-Klaus steht. Dieses Lehr- und G'tteshaus wurde von der bekannten Druckerfamilie R o m zu seinem- Andenken errichtet. Rabbi Schaul bekam acht Jahre vor seinem Heimgänge eine ehrenvolle Berufung als Oberrabbiner nach Krakau. Er nahm zwar aus Bescheidenheit die Stelle nicht an, wurde aber seitdem in Wilna sowohl wie in Polen der Krakauer Raw genannt. Rabbi Chajim Woloschiner. Der bekannteste Schüler des Gaon, der später Träger, Interpret und Verbreiter seiner Ideen und Lehren wurde, war Rabbi Chajim Wo- 1 o s c h i n e r. Kurz vor seinem Tode sprach der". Gaoi. zu Rabbi Chajim: „Ich sehe böse Winde von allen Seiten gegen das Judentum und gegen die Thora heranwehen. Vom Westen Her, von Berlin, droht eine Welle des Abfalls, von Ost her kommt die Bewegung, die ich nicht kenne, der ich. aber, weil sie das Talmudstudium nicht an die Spitze des Lebens stellt, nicht recht traue. Wir müssen eine Burg, ein Bollwerk der Thora zum Schutz und Trutz schaffen.. Nach meinem Tode wirst du mit deinen Freunden ein großes Lehrhaus errichten, weit draußen an einem kleinen Orte, von wo sich das Licht über ganz Israel ergießen soll." So ging Rabbi Chajim nach dem Tode des Gaon nach dem kleinen Städtchen W o 1 o - s c hin und gründete mit seinen Freunden die' Jeschiwa, die sich hundert Jahre als die erste " Pflanzstätte der Thora für Israel auf dem ganzen: Erdenrunde bewährte. Bei der Grundsteinlegung betete , man einige Psalmen und weihte viele' Tränen. Für Festlichkeiten war man in dieser Zeit und in diesen Kreisen nicht gestimmt. Es galt allein die Tat. » * * Von der grenzenlosen Lebensklugheit und dem Weitblick Rabbi Chajims zeugt folgende historisch belegte Geschichte; Ein jüdischer Pächter wurde von dem polnischen Gutsbesitzer so bedrückt und gepeinigt, daß er eines Tages Hals über Kopf mit der Familie die Flucht ergreifen mußte. In der Panik ließen sie aber den jüngsten Söhn, ein kleines Kind, im Dorfe, der zu den Eltern nicht, mehr finden konnte. Obdach- und schutzlos war das Kind, und so nahm es das Kloster auf, um es der Taufe zuzuführen. Nach, einiger Zeit gelang^ es aber dem Jungen, zu entfliehen. Er kam nach Wöloschin, wo ihn Rabbi Chajim liebevoll aufnahm. Er zeigte große Fähigkeiten und entwickelte sich unter Rabbi Chajims Leitung zum bedeutenden Thoragelehrten. Alle Bemühungen, die Spuren seiner ausgewanderten Familie zu finden, waren vergebens. Er war bei der Flucht der Seinen noch so klein, daß. er jetzt kaum noch eine blasse Erinnerung an Eltern und Geschwister hatte. Erwachsen, beschloß nun der Jüngling, Wöloschin zu verlassen, um sich irgendwo ein Haus zu errichten. Rabbi Chajim gab ihm beim Abschied eine K a m e a (Amulett) mit, mit dem strengen Befehl, die Kapsel kurz vor seiner Vermählung zu öffnen, nicht früher und nicht später. Der junge Mann ging in die Welt hinaus. Auf einem Dorfe fand er Unterkunft bei einer frommen Familie. Er gefiel den Leuten sehr und er willigte ein, die mit allen Eigenschaften eines jüdischen Weibes ausgezeichnete Tochter der Familie zu ehelichen, Es war bereits alles für das Hochzeitsfest gerichtet, da erinnerte sich der Bräutigam an den Befehl des Meisters und öffnete die Kamea, Darin standen nur die vier Worte: •irnnK,r\K nizp v.b ns (Ein Bruder eheliche nicht seine Schwester). Dem Jüngling ging ein Licht auf, und er stellte nun Nachforschungen an. Diese ergaben, daß er sich hier im Eltern hause befand und die ihm zugedachte Braut seine eigene Schwester war. Das Hochzeitsfest wurde abgesagt, aber ein Freudenfest des Wiedersehens wurde gefeiert. Und alles lobte die Voraussicht des großen Rabbi, der, ihrer Meinung nach, prophetischen Blick besaß. Rabbi Chajim selbst aber lehnte solches Lob ab. Das habe nichts mit Wundern zu tun, sagte er. Der Jüngling war von seiner Familie getrennt und ging ohne Orientierung in die Welt hinaus. Ein solcher Fall lag im Bereiche der Möglichkeit, und er, der Rabbi, mußte daran denken und ihn verhindern. Scholar durch Lautsprecher. In der „Jüdischen Allgemeinen Zeitung" erzählt ein Londoner Mitarbeiter, wie der R o s c h h a s c h a n a g ' 11 e s d i e n s t in der Londoner R e f o r m s y n a g o g e vor . sich geht: , „Am Neujahrstage sind in der Synagoge und in der angrenzenden Halle etwa 1900 unserer Anhänger versammelt,, wobei Männer, Frauen und Kinder zusammensitzen. Unsere Synagoge aber, obgleich die größte in England, ist an diesem Tage, nicht groß genüg, um alle unsere Gemeindemitglieder zu fassen, und so wird der G'ttesdienst für ...einen Teil -der. Besucher in der Halle abgehalten, die wir nach uns^emvef eln-tfen .Präsidenten Dr, Claude Montefiore benannt haben. Wenn auch die. Andächtigen räunüicli getrennt sind, besteht doch : eine Verbindung zwischen ihnen. In jedem der beiden G'ttesdienste fungiert ein eigener Prediger und Lektor, die Orgelmusik aber iuid der Chor werden vom Haupt* g'ttesdienst durch Lau t s p r e c h e r übertragen. Gewöhnlich findet die Üeb ertragung einiger Worte unseres Rabbiners Dr. Mattuck statt. Die K l ä n g e des Sc h o f ar s , der dreimal geblasen wird, werden ebenfalls von d e r~S y n ag o g e in die Halle übermittelt. Die Vorlesungen aus_ der Thora und der Haftara jedoch lindem, getrennt .statt. Beim Abhalten des G'ttesdienstes werden die beiden. Rabbiner von Dr. Montefiore und. Ldly H. Montagü .unterstützt." Drei Schof artöne und diese durch Lautsprecher übermittelt. Das ist die Lehre des neuen liberalen Judentums, die sich von London aus -— mittels der Lautsprecher Claude Montefiore und Lily Montagus — über alle Gemeinden Europas, zuletzt auch Palästinas, ergießen soll, Perlen zu den Heiligen Tagen. ■ Oft und gern beten wir mit den Worten des Propheten, daß „die Erde von Wissen angefüllt werde wie der Meeresgrund vom Wasser bedeckt ist." Ganz so wie das Meer. An der Oberfläche ergibt es ein einheitliches, gleiches Bild. Unter dem Spiegel sind aber die Tiefen ganz verschieden, es gibt Sandbänke und Abgründe. So mag es auch mit dem menschlichen Wissen stehen. Nach außen spiegelt sich das Wissen in gleicher Vornehmheit der Gesinnung, in gleicher G'ttesfuröht, in gleicher Menschenliebe wieder. Innerlich kann und darf das Wissen bei jedem von verschiedenem Grade, von verschiedener Tiefe sein. „Der „Chowot Halwawoth" sagt: Je notwendiger ein Element oder . ein Naturprodukt für das Leben des Menschen ist, in um so größerer Fülle hat es uns der Schöpfer gegeben. Es gibt mehr Luft als Wasser, mehr Wasser als Brot, mehr B r o t als Fleisch usw. Je geringer der menschliche Bedarf am Gegenstande ist, um so weniger ist er zu haben. Wie dringend notwendig und lebenswichtig muß uns aber die Ts c h u w a h sein, wenn uns so endlos reiche M ö g 1 i c h k e i t e n z u ihrer Erlangung gegeben sind. Ein Gedanke, eine Empfindung, ein e i n z i g e r Vorsatz, und schon sind wir verwandelt, schon ist die Tschuwah da .". . Ein Weiser sagt.' Das Menschen Leben ist «ein Gedenkbuch, Die Wiege und das Grab sind die beiden Tafeln des Buches, Zu Anfang und zu Ende des Buches gibt es leere Blättert die erste Kindheit und die letzten Lebenstage. Dazwischen aber ruht der Inhalt, den der Mensch selberdurch sein Leben zu liefern hat. Warum werden oft unsere Gebete nicht erhört? Weil es manch einem geht, wie jenem weltfremden Menschen, der einen Brief an die Seinen schrieb, diesen ohne Adresse in den Postkasten warf und dann auf Antwort wartete. Haben wir bei den Gebeten stets an Ihn gedacht, den unsere Gesuche erreichen sollen? Haben wir stets unser Bitten und Beten ri.c h t i g adressiert, daß, wir bere,clitigt wären, auf Antwort zu warten? Wochenkalender: Von. 5. — 12. Oktober 1935 / Vom-8 — 15. Tischri 5696 - -y '»i» sp Samstag 5 8 'nas aa «a fiai» rav w«n Sonntag 6 9 ab maa dv any Montag 7 10 5B . naa ov' Dienstag 8 11 *ia ■ .ri3ip>n\.- Mittwoch Okt. 9 •ntwi 12 : ns •;. ,. : i'i; , Donnerstag 10 13 13 Freitag 11 14 ..IS . niaq s*m Samstag 12 15 na v ■ 'k;dv niao