Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1935)
- Date
- 1935-09-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton- ■ \ "... _ Der Israelit Nummer 39 1935 Wilnaer Geschichten. VI. Der Gaon und der Chassidismus. Einmal trat aber doch der Wilnaer Gaon aus dem Dunkelseiner Lernstube - in den offenen Kampf hinaus, es war, als der Kampf gegen den Chassidismus begann. Der Gaon hatte Grund zur Befürchtung, daß die neue Bewegung, deren Grundwesen kennenzulernen er sich keine Zeit nahm, vom eigentlichen Talmudstudium ablenken, vielleicht auch zu Irrungen führen könnte, von denen sich das Judentum damals, kurz nach Sabbatai Zwi und zur Zeit der Frankisten, noch nicht ganz erholt hatte. So sah der Gaon überhaupt jeder neuen Strömung mit Mißtrauen entgegen, Inhalt - und Seele des Judentums war für den Gaon das Thoralernen. Wer nur um ein fiaar von dieser Methode abwich, konnte seines Erachtens nur Schaden und keinen Nutzen bringen. Daraus erklärt sich seine grimmige und unversöhnliche Gegnerschaft gegen den Chassidismus. Zum ersten offenen Kampf kam es im Nissan 1772, der Gaon war damals 52 Jahre alt In der .großen'Wilnaer Schul wurde der Cherem gegen ■den Chassidismus bei brennenden schwarzen Kerzen und unter Schofartörien verkündet. Neben dem Gaon hatten den Cherem auch der letzte Wilnaer Raw, Rabbi Schmuel, wie alle anderen Rabbinen unterschrieben. Etwa zehn Jahrespäter glaubte der Gaon aus einigen damals erschienenen chsasidischen Werken herauszulesen, daß der Chassidismus das Studium der Kabbala über das Thoralernen stelle, darauf wurde der Cherem in aller Feierlichkeit noch einmal erneuert. Zum dritten Male ließ sich der Gaon zu einem neuerlichen Cherem hinreißeni als er in Erfahrung brachte, daß ein Mann durch die Welt, herumreise, der sich fälschlich als des Gaons Sohn ausgab . und in seinem Namen verbreite, ■daß er, der -Gaon, seine gegnerische Stellung zu dem Chassidismus aufgegeben hätte. Der Gaon war damals bereits 76 Jahre alt, und dieses Gerücht veranlaßte ihn neuerdings zu einem öffentlichen Hervortreten gegen die neue Bewegung, Der große chassidische Gaon, Rabbi Schneiur Salman, Verfasser des „Hatanjah", der wiederholt versuchte, ihn über das Wesen des Chassidismus -aufzuklären, wurde von ihm nicht empfangen. Heute, da die Streitaxt langst begraben ist und es. einen Meinungskampf zwischen den beiden Nuancen im Thorajudentum nicht gibt, weiß man und erkennt man auch in chassidischen Kreisen an, daß jenes scharfe Vorgehen des Gaon sein Gutes für die Entwicklung des Chassidismus selbst hatte. Durch dieses starke Bremsen wurde bewirkt, daß sich extreme Richtungen im Chassidismus nicht durchsetzen konnten. Kein Geringerer als Rabbi Menachem Mendel von Lubawitsch, Verfasser des p»*7S J10S, äußerte, daß der Chassidismus es einzig dem Wilnaer Gaon zu verdanken hätte, daß er nicht zu weit gegangen sei. {Siehe das Werk "^m Tlj?») Bei "aller Grimmigkeit und Unerb'ittlichkeit des Kampfes artete er beim Gaon selbst nie ins Persönliche aus, Als Rabbi Menachem Mendel Witebsker einen C h a s s i d i m k o 1 e 1 der C h a b ad im Heiligen Lande gründete und Sendboten in die Golah hinausschickte, wurden diese in Litauen unter dem Drucke des Cherem wenig freundlich aufgenommen und noch weniger unterstützt. Rabbi,; .Menachem Mendel schrieb an die Sendboten nach Wilna, sie möchten den Gaon selber besuchen und ihn um eine Empfehlung angehen, da die Not der Familien dort unermeßlich groß sei. Der Gaon gab ihnen das Empfehlungsschreiben, in dem sich u. a. die Worte befinden: „Und hätten sie auch gefehlt, was haben ihre Frauen und Kinder gesündigt? Und allenfalls sind es Söhne Israels, die man vor Hunger und Not schützen muß ..." Die letzten Jahre , des Gaon. In Wilna erzahlt man sich, daß bereits im Alter von 70 Jahren des Gaons Seele vom Boten des Todes geholt werden sollte. Der Gaon aber weigerte, sich, sie herzugeben, weil er noch einige heilige Aufgaben zu erfüllen hatte. So fügte man ihm noch acht Lebensjahre hinzu. Die Ueberlieferung stützt sich auf eine schwere Krankheit« die den siebzigjährigen Gaon befiel, von der er aber genas. Im Jahre 1794, der Gaon zählte damals 74 Jahre, tobte" der Krieg zwischen Polen und Litauen, auf der einen und Rußland auf der anderen Seite. Wilna war umringt von den Heeresmassen der Zarin der Katharina II. und die Stadt wurde von allen Seiten beschossen. In der von Juden bewohnten Vorstadt Saretsche jenseits der Vilija wurden am 21. Tamus 1794 dreißig Juden von Kugeln getroffen und getötet, unter ihnen auch der große Rabbi Elieser, der zu den intimsten Freunden des Gaon gehörte, Am 15. Aw fielen die Kugeln auch schon ins Zentrum der Stadt Wilna. Es brach eine furchtbare Panik aus. Man flüchtete aus den Häusern und wußte nicht wohin, da die Stadt von allen Seiten eingeschlossen war. Da befahl der Gaon, daß sich die ganze Gemeinde in der großen Schul versammle. Hier trat der Gaon an die heilige Lade, öffnete sie und stimmte den 20. Psalm, „G'tt, erhöre mich am Tage der Not" an. Alle fielen ein. Und so beteten sie in tausendstimmigem Chore mit größter Inbrunst sieben Mal dieses Kapietl der g'ttlichen Hilfe am Tage der Not. Mitten im Gebete hörte man einen dröhnenden Kanonenschuß. Eine Kugel schlug ins Dach der Synagoge ein. Es sah aus, als würde das G'tteshaus in sich zusammenstürzen. Aber der Gaon winkte mit der Hand und rief: „Es ist vorbei! ..." Es: war der letzte Schuß, denn von nun an trat Ruhe ein. Später erfuhr man, daß der polnische Marschall Radziwil, der es nicht darauf ankommen lassen wollte, daß die schöne (Stadt Wilna. gänzlich zerstört werde, just in diesem Augenblicke die Stadttore dem russischen Heere geöffnet hatte. Heute noch wird in der Wilnaer großen Schul je am 15. ^Aw im Anschluß an den Morgeng'ttesdienst sieben Mal das ^jjp gebetet. Die Kugel, die oben-rim Dachgeschoß stecken blieb, kann man heute noch sehen. Des Gaons Tod und seine Nachfolger. Der Wilnaer Gaon starb am dritten Chol Hämo edtage von Sukkoth im Jahre 1797. Am ersten Pessachtage 1720 war er geboren. Von Pessach bis Sukkoth, von Fest zu Fest bewegte sich dieses'knapp 78jährige Leben der Heiligkeit und Reinheit, von Befreiung zur Freude. Als der Tod eingetreten war, hatte man schwere Mühe, > das Lulaw aus der erstarrten Hand zu lösen. Der Gaon ließ bekanntlich in den sieben Tagen des Sukkausf estes Lulaw und Esrog nicht aus der Hand; Auch auf seinem Kranken- und Totenbette nicht. \ Das Grab des Gaon auf dem alten Wilnaer Friedhofe ist stets von Menschen umlagert, die hier beten und die Fürbitte des Großen für sich und die Ihren, die in Krankheit oder Unglück verharren, ansuchen. Die Zettel, Steine und Talgkerzen häufen sich zu Bergen, so daß der Diener oft mit Schaufel und Spaten stundenlang die" Haufen abzutragen hat. In eineni kleinen Mausoleum, „Ohel" genannt, ist das heilige Grab gehütet. Auf dem einfachen Stein sind nur vier Worte zu lesen, nämlich: •irr^K iran Tonn psan Um das Grab herum befinden sich die Ruhestätten von Familienmitgliedern, Schülern und nahen Freunden des Gaon, u. a. auch das Grab seiner bereits erwähnten frommen Frau Channa, die ihm um fünfzehn Jahre in den Tod vorangegangen ist. Auch das Grab seiner Mutter, von der in Wilna genau die gleiche Geschichte von der „eingedrückten Mauer" erzählt wird, wie in Worms von der Mutter des Rabbi Jehuda Hachassid, ist hier zu sehen. Auf dem Grabstein der Mutter ist zu lesen: nnaw D'jart ox nana^> ü'pvrsti q'iiki "öl rmnw iso1? vn* Dabei ist das D^an so geschrieben, daß sich das 7n groß von D'ja absondert, was auf die fünf S ö h n"e hinweisen soll, alle berühmte Gaonim, die diese jüdische Heldenmutter zur Welt gebracht hat. Neben diesem Grabe zeigt eine einfache Inschrift auch die Ruhestätte von Rabbi Schlomoh Salman, dem Vater des Gaon. Zwei andere Gräber in diesem heiligen Umkreis fallen besonders auf. Der eine Grabstein ,trägt den Namen Rabbi Meiir Hakohen. Er war der fromme Kohen, bei dem Rabbi Elija, der bekanntlich Erstgeborener war, sich später noch einmal selber auslöste, weil er mit der Art, wie erstgeborene Söhne damals ausgelöst wurden, indem das Geld dem Kohen nur zum Scheine übergeben wird, nicht einverstanden war. Auch hatte er seine eigene Berechnung für die nötigen fünf Selaim. Der andere Stein nennt den Namen des Doktor Libaschitz. Libaschitz dürfte wohl der erste studierte Arzt im damaligen Wilna mit richtigem Doktortitel gewesen sein, der sich zugleich durch große jüdische Gelehrsamkeit und tiefe Frömmigkeit auszeichnete. Er genoß die Freundschaft und das volle Vertrauen des Gaon. Dieser Doktor erzählte, daß er in voller Deutlichkeit wahrnehmen konnte, wie der Gaon noch in der Agonie Stellenaus Talmud flüsterte. Großen Besuches erfreut sich auf dem alten Friedhofe in dieser Gräber£ruppe auch das Grabmal von Rabbi Abraham Danziger, des Verfassers des „Chaje Odom". Er war durch die Verheiratung seiner Tochter mit einem Sohne des Gaon mit diesem verschwägert. Weiteres über die Bedeutung dieses großen und zugleich populären Halachisten und Mussarlehrers erübrigt sich. Allbekannt ist auch das Grab von Abraham Sohn Abrahams, dem „Ger Zedek" in der Umgebung des Gaon. Auf dem Steine ist zu lesen: mmüi nat - .Tip» vsib jvs omaa Y'a ama« n wrTpn - In die Innenwand des Ohel eingegraben ist mit wenigen lapidaren Sätzen die Märtyrergeschichte dieses Glaubenshelden, der sich vom Graf Pototzki zu einem jüdischen Heiligen durchgerungen hat. (Ausführliches über die Tragödie dieses Proselyten siehe S c h a c h no w i t z : „Abraham Sohn Abrahams", Hermon-Verlag, Frankfurt M.) Unter Tränen erzählt der würdige und gelehrte Friedhofsdiener, wie der wunderbare Baum, der aus diesem Märtyrergrabe herausgewachsen war, während der Kriegszeit durch die rohe Hand der russischen Soldateska gefällt worden ist. Der Hauptteil des Stammes ist als heilige Reliquie im Ohel des Ger Zedek aufbewahrt,