Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1935)
- Date
- 1935-09-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 39 Der Israelit 26. September 1,935 verstanden und so aufgenommen worden, wie eben ein solches iRettungswerk aufgenommen werden muß. Wir wünschen diesem Unternehmen unserer Gesinnungsgenossen in Polen von Herzen Glück. Und wieder eine „Weltkonferenz".,. In London tagte vorige Woche eine ii Weltkonf eremz" im Auslande le bender polnischer Juden. Viele Or ganisationen, u. i. auch die A g u d a s J i s r o e 1, haben ihre Mitwirkung abgelehnt, weil sie wohl mit uns der Meinung waren, der Ort, wo das Recht der Juden Polens konsolidiert werden kann, sei Warschau und nicht London, und es bedürfe dazu nicht des Forum eines „Weltparlamentes", solange im polnischen Sejm eine wenn auch noch so kleine (jüdische Vertretung an der Gestaltung der innerpolitischen Dinge mitarbeitet. Gewiß, die Zahl der jüdischen Vertreter im neuen Sejm ist gering und ihr Einfluß minimal. Es bleibt vieles für die Rechtsfrage der Juden in Polen zu wünschen übrig. Aber was in Warschau mit Parlament und Regierung nicht erreicht werden sollte, wird in London in einer Konferenz, in der man in Warschau eine Spitze gegen die Regierung erblickt, erst recht nicht erreicht werden. Das alles gilt für den nicht geringen Teil der Verhandlungen, der sich mit der politischen und wirtschaftlichen Lage der Juden in Polen selbst befaßte. Was aber die Konferenz zur Erleichterung der Lage der in allen Ländern Europas verstreuten polnischen Juden sagte, zur Regelung ihrer Auswanderung nach Palästina, zur Paßbeschaffung für die immer größer werdende Zahl der Heim- und Staatenlosen, bleibt beachtlich, auch' wenn die Form der „Weltkonferenz" bedauert werden muß. Alle zu diesem Zwecke gefaßten Beschlüsse und alle geschaffenen oder zu schaffenden Institutionen könnten von um so größerem Segen sein — wenn sie mit der polnischen Regierung zur Durchführung kämen. Um so mehr, als der polnische Vertreter selbst sich erst dieser Tage in Genf für eine möglichst unbeschränkte jüdische Einwanderung in Palästina ausgesprochen hat. Eine Aufgabe der deutschen Juden. Von Dr. med. Jacob Levy in Berlin. II. Ne'man [begründet seinen Vorwurf gegen die Orthodoxie damit, daß bei jüdischen Frauen, die während der russischen Judenverfolgungen von „Feinden ihrer Rasse" vergewaltigt wurden, die rabbinische Entscheidung gefällt wurde, daß eine Fruchttötung unzulässig sei. Er fordert das Recht und die Pflicht der Fruchttötung in solchen Fällen. Wir erkennen sofort die Ueb er treibung, die in seinem Vorwurfe liegt. Das Judentum ist von dem Werte reiner Abstammung überzeugt. .Niemand hat Mischehe und wilde Proselytenmacherei mehr bekämpft als die Orthodoxie, ich glaube, man kann die von orthodoxen Rabbmen in den letzten Jahrzehnten angenommenen Proselyten an den Fingern der Hände abzählen. Die konsequente Unterdrückung der Mischehe seitens der Regierung hat erfreulicherweise inzwischen die Hauptquelle, dieses Uebels verstopft. Auch für das jüdische Volk ist Kultivierung der Rasse selbstverständliche Voraussetzung jüdischen Volkstums. Die von den Stammahnen des Volks ererbten seelischen Eigenschaften begründen seine Fähigkeit, Träger seiner spezifischen religiös-sittlichen Aufgabe zu sein.12) Darin liegt auch zugleich die Begrenzung dea Wertes rein-jüdischer Rasse. Der „Mamser" ist als reinrassiger Träger sittlich minderwertiger Keimanlage an der Fortpflanzung im Rahmen der G'ttesgemeinde gehindert. Und das schwere Edikt der völligen Vernichtung einer abtrünnigen Stadt wird nicht etwa dadurch abgeschwächt, daß es sich dabei um reinrassige Stammesbrüder handelt. Wenn N. die von ihm verlangte Fruchttötung aus Rassemotiven mit dem Hinweis auf die Mamser-Vorschriften zu stützen sucht, hat er deren Wesen völlig verkannt. Mit Recht haben die Rabbinen die Tötung der Uhgeborenen aus Rassemotiven abgelehnt; das sollte für den selbstverständlich sein, der weiß, wie hoch das Judentum ein jedes Menschenleben wertet, welcher Rasse es auch angehören mag. Und über das Schreckgespenst des Aussterbens in 10*00—50 000 Jahren brauchen wir wohl nicht zu reden. Solche statistische Prognosen erfreuen sich seit den erwähnten Erfahrungen der deutschen Judenheit keiner besonderen Wertschätzung mehr. Im übrigen mag jeder 12) Jebamoth 79a. Selbstprüfung. Gedanken zu den Hohen Feiertagen 5696. Von Rabbiner Dr. Bohrer in Gaüingen. n^sn heißt nicht „Gebet", ist seiner Grundbedeutung nach „Selhstprüfung". bbsna ist nicht „beten, bitten", sondern mit sich selbst vor G'tt ,,ins Gericht gehen". Denn das wurzelverwandte Wort O'Ws bezeichnet „Richter". Der Weckruf des Schofars fordert uns eindringlich auf, diese Selbstprüfung vorzunehmen, uns freiwillig in den Anklagezustand zu versetzen. Wir vernehmen diesen Schofarton, „diese Vorladung zum Gericht", nicht erst seit bifrx amn pk> Seit vielen Monaten schon gellt der weckende Schofarton G'ttes durchs Land, gellt hinein in jede jüdische Gemeinde, in jedes jüdische Herz! tun n'V Ksnsn KJ'i nnt K'öBa „wenn Gericht gehalten wird auf Erden, dann unterbleibt die Gerichtssitzung im Himmel," sagt altgeheiligte, jüdische Weisheit. Nun denn! Blicken wir prüfend hinein in unser Herz, schauen wir uns um im Kreise der Familie und kehren wir ein in jüdische Gemeinden mit dem schicksalsschweren, heiligen Entschluß, angesichts der herannahenden heiligen Tage, noch bevor wir hintreten vor GHtes Richterstuhl, dieses Selbstgericht zu üben! "\>ltb nxun nibn wa«,— diese Worte des bekannten Gebetstückes werden, da am Festtage desniwn wn bv kein Sündenbekenntnis gesprochen werden soll, so erklärt: unsere Väter haben gesündigt, indem sie sich fremden Idolen beugten, aber wir bekennen »*N nns kVk -ftn isV ys, daß wir keinem anderen als König huldigen, .außer Dir! So ist es also ererbte und eigene Schuld, mit der wir abzurechnen haben. Die Grundursache allen Uebels ist die erschütternde Tatsache, daß der Lebensnerv jüdischer Tat, jüdischen Denkens und Händeins, das jüdische „Lernen" im alten, echten Sinne fast ganz abgestorben ist. Der sogenannte systematische Religionsunterricht, der dem hungernden jüdischen Kinde statt der Bibel selbst, an Stelle des Talmuds, nur einen unendlich verdünnten Extract aus beiden vorsetzte, war der Grabstein für das weite, gut fundierte Wissen der alten. Schule. Die beste Kraft, die aufnahmefähigsten Morgenstunden des jüdischen Schülers stellte man für die Erlernung der profanen Fächer bereit. Nur in der spärlich bemessenen Freizeit wurde dann der systematische Religionsunterricht plaziert, so gut und so schlecht es eben ging. Von den weltlichen Fächern, die den Löwenanteil für sich beanspruchten, fast restlos absorbiert, brachte das jüdische Kind dem jüdischen Religionsunterricht nur ein- Minimum an Lust und Interesse entgegen. Die Saat ist längst aufgegangen, aber nicht zum Guten. Eine gähnende Leere, zu jüdischen Kenntnissen macht sich allenthalben breit. Wenn heute jemand einen etwas selteneren Vers aus den Propheten oder den ,,Schriften" aus dem Stegreif übersetzt und erklärt, dann wird er schon angestaunt. Wenn er gar Raschischrift liest oder~sich in der Mischnah. zurechtfindet, dann erfolgt ganz sicher die vielsagende Frage: „Wollen Sie Rabbiner (!) werden?" So verweltlicht ist das wn9 B»/das heilige Volk, so wenig verdienen wir noch den stoJdavon überzeugt sein, daß die Pflege der Reinheit der Rasse bei der Orthodoxie in guten Händen ruht. Das Kapitel über qualitative Erhgesundheit darf nicht abgeschlossen werden, ohne einer spezifisch jüdischen Vorstellung Erwähnung zu tun, die die Relativität all dieser Bestrebungen dartut. Nach jüdischer Auffassung: sind Vater und Mutter nur zwei Gesellschafter an der Zeugung des Kindes. Der dritte — ausschlaggebende — ist die g'ttliche Vorsehung, Sie ist für uns der Garant, daß bei der Qualität eines jeden neuen Menschenkeims das Interesse einer bestimmten Weltentwicklung gewahrt bleibt. Geheimnisse G'ttes! — ftö^ Kjanrr 'E73D Hill "DI -f?lS) B. Quantitative Erbgesundheit. Wir hatten eingangs erwähnt, daß jede Erbgesundheitspflege auf der großen Zahl der Bevölkerung beruhen müsse, um eine Auslese* der wertvollen Bestandteile zu ermöglichen. Wir hatten erkannt, daß auch für die deutsche Judenheit Recht und Pflicht zu quantitativer Problemstellung besteht und daß bei ihr die F a m i - 1 i e Träger und Objekt einer solchen Erbgesundheit sein müsse. Es mag jemanden geben, der unter Hinweis auf die jüdische Auffassung eine solche Problemstellung überhaupt negiert. Auch dies seien G'ttes Geheimnisse. E r ist es doch, der Jaakobs Zahl bestimmt.14) Man solle deswegen die Bevölkerungsentwicklung ruhig seiner natürlichen Geburtenfolge überlassen. Diese Einstellung übersieht, daß auch hierbei der Mensch der ^Gesellschafter" G'ttes ist, der durch sein Verhalten die vorgeschriebene Linie seiner Pflicht verlassen kann, der vielleicht sogar zuweilen genötigt ist, grade aus Pflichtbetätigung der Natur Zügel anzulegen. Man kann die Problemstellung kurz auf die Formel der entgegengesetzten Pole bringen: Hier G'ttvertrauen — dort eine Herausforderung g'ttlicher Wundertat. Die Lösung kann nur auf dem Boden von Gesetz und Lehre für jeden einzelnen Fall eruiert werden, und w o der'Boden der V e rpflichtungskraft des Gesetzes fehlt, wird ein ewiges Dilemma bleiben; eine weitere wirtschaftliche Belastung durch Kinderzuwachs ruiniert die Familie wirtschaftlich und gesundheitlich, ist die eine Seite des Bildes, .und die Kehrseite; bei der . «) Berachoth 10a. 14) Niddah f, 31, S. 1.,___ zen Titel als löon d»'- als „Volk des Buches", d. h. der Bibel zu gelten! Es ist klar, daß die drei Generationen lang gepflegte jüdische Unwissenheit auch dem Leben, auch der praktischen Erfüllung der nix», der jüdischen Pflicht, gefährlich wurde. Zu tief verstandene, freudige Pflichterfüllung erstarrte und versteinerte zu nia^a a'WS mx»' zu trockener, unverdauter, gewohnheitsmäßiger Uebung der religiösen Pflichten. Während Königin Thora den fierrsch'eranspruch erhebt als S! D«n mirv Er als Lehre für das Leben, die ganze Front jüdisch-menschlicher Betätigung zu regulieren und zu bestimmen, wurde das Leben tatsächlich beherrscht und reguliert von dem Geiste der Fremde und die Königin mußte sich, zur Aschenbrödelrolle erniedrigt, mit den Abfällen an Zeit und Kraft begnügen, die von der reichbesetzten Tafel fremder Kultur ihr mitleidig zufielen. So entstand der Typ jenes „gesunden" p**n w> jenes in jüdischen Dingen restlos ungebildeten, aber auf Grund seines Profan- Wiasens sehr überheblichen und selbstbewußten „guten" Juden, der sich zum Unglück der ..Gesamtheit anheischig machte, neue jüdische Lebensformen zu prägen, mehr und mehr Einfluß auf die Gestaltung des gesellschaftlichen und öffentlichen jüdischen Lebens zu gewinnen. Wenn Mendelssohn die Minimalforderung aufstellte; Sei Jude in deinem Hause, Europäer auf der Straße!, so übertrafen ihn diese seine gelehrigen Schüler noch durch die kühnere und konsequentere Formulierung: Sei Europäer, sei Deutscher auf der Straße und auch in Deinem Hause! Mit dem Verstehen schwand auch die ms» bv rmnVr die Freude, die lusterfüllte Wonne an der Wahrnehmung jüdischer Pflicht. Die Befehle des obersten Kriegsherrn, die Weisungen G'ttes an sein Volk, wurden, nur noch widerwillig, mürrisch und verdrossen oder gar nicht mehr ausgeführt. Während man sich