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Der Israelit · 1935-09-26 · Heft 39 (26.9.1935) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 39 (26.9.1935)
Date
1935-09-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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26. September 1935 Der Israelit Nr. 39 Seite 5 Durchführung solcher geburtenbeschränkenden Haltung ist der Bestand der Bevölkerung gefährdet. Es ist deswegen kein Wunder, daß auch N e'- man diesem Dilemma nicht gewachsen ist. Er erkennt den Zwiespalt selbst: „Auf der einen Seite die Warnung vor Kinderarmut, die Gefahr eines Aussterbens der Judenheit, auf der anderen Seite Empfehlung einer weitgehenden Einschränkung der Zeugung?" Und -seine Lösung;- die von ihm verlangte Askese in der Ehe erzeuge die innere Spannung, . die selbst wieder der Anreiz ist, zur Ueberwindung der asketischen Haltung: sie machte den Weg zum Kinde wieder frei. Kann dies befriedigen? Ist denn der auf diesem Wege — vielleicht ungewollt — erzeugte Nachwuchs eine geringere wirtschaftliche Belastung für die Familie? Nein, wir wollen ruhig den Verhältnissen ins Auge schauen, die Pflichten abwägen und pflichtgemäß entscheiden, das Ergebnis nicht dem unkontrollierbaren Gewirr von Spannung und Gegenspannung der natürlichen Triebe überlassen. Die Frage muß für uns anders lauten. Gibt es für den gewissenhaften Juden überhaupt zulässige Wege, um drohenden gesundheitlichen Gefahren und wirtschaftlichem Zusammenbruch durch Geburtenregelung vorzubeugen? Ausscheiden sollten zunächst all die künstlichen Mittel der * Geburtenverhütung, die leider auch heute hoch im ganzen Volke verbreitet sind, Es ist eine verdienstvolle Arbeit, die der englische Frauenarzt M c. Cann16) geleistet hat, indem er die „Empfängnisverhütung als häufige Ursache von Erkrankungen" dargestellt hat und so die gesundheitlichen Gefahren dieses sozialen Uebels vor Augen führt.' Die Schrift ist eine Illustration des Satzes, mit dem Niedermeyer seine Einführung schließt: Niemals kann hygienisch sein, was ethisch falsch ist. Für uns ist die ethische Verwerflichkeit dieser Verhütungsmethode durch die ablehnende Haltung des Religionsgesetzes gegeben. Gewiß, es gibt schwerwiegende Notfälle der Lebensgefahr, wo einzelne Gesetzeslehrer sich entschlossen haben, diesen oder jenen Ausweg als gerade noch angängig zu gestalten. Aber auch in diesen Situationen sollte man um so mehr von solchen Auswegen abkommen, als es heute in den meisten Fällen auf dem Wege z e i 11 i c h e r E n t h al t s a mk e i t die Möglichkeit gibt, eine Gefahr zu vermeiden. Die Grundzüge dieser natürlichen Verhütungsmethode beruhen auf einer periodi- 5) Verlag Gebr. Steffen. Limburg a, L. 1933. sehen Unfruchtbarkeit der Frau, wie wir sie bereits „in unserer Arbeit „Die sexuelle Not in jüdischer Schau" (S. 77) angedeutet haben. Die neueren wissenschaftlichen Forschungen haben im großen und ganzen -diese Lehre bestätigt, haben allerdings gezeigt, daß es Fehlerquellen gibt, die man vermeiden muß, um Mißerfolgen vorzubeugen. Es ist deswegen begrüßenswert, daß die ärztlichen und rabbinischen Berater durch neuere Arbeiten18) die Möglichkeit haben, in Fällen der Gefahr den von ihnen beratenen Frauen einen natürlicheren Ausweg zu eröffnen, als die Körper und Seele schädigenden Verhütungsmethoden. Darüber darf man allerdings nicht vergessen, daß auch dieser Methode dann sittliche Bedenken entgegenstehen, wenn die Kinderverhütung nicht von gesundheitlichen Verhältnissen oder wirtschaftlicher Katastrophe geboten wird, Es stehen doch wesentliche sittlich-religiöse und soziale Werte auf dem Spiel, wenn sie ohne Zwang in unseren Familien angewandt wird, namentlich dann, wenn noch nicht die vom Religionsgesetz geforderte Zahl der Nachkommen erzeugt ist. Darum bedarf es auch in jedem einzelnen Fall der ernsten sachkundigen halachischen Prüfung, die allein in der Lage ist, alle einschlägigen religionsgesetzlichen Momente zu berücksichtigen. Verbietet sich aber einmal für eine Ehe aus erwähnten zwingenden Gründen, weitere Nachkommenschaft zur Zeit zu zeugen, dann sollte man diese Methode jener völligen Enthaltsamkeit vorziehen, die Ne'man befürwortet. Eine totale Askese in der Ehe bringt doch für Körper und Seele so schwerwiegende Gefahren mit sich, daß es zu einer völligen Zerrüttung der Ehe und der Ehegatten kommen kann. Die von N e ' m a n als nachahmenswert erwähnte Beispiele lebenslänglicher Askese können uns wahrlich nicht locken, Nach jüdischer Auffassung ist beim erwachsenen Menschen normale Befriedigung der Triebe Voraussetzung für jede höhere menschliche Betätigung.17) Soll reine G'ttesfurcht Bestand haben, heirate zuerst, um dann in Reinheit Thora lernen zu können.18) ' Gewiß, die völlige Askese ruft stärkere innere Spannungen hervor, die leichter den Men- 16} Literatur siehe bei Dr. med. Jacob L e v y. Deutsche Med. Wochenschr. 1932, Nr. 44 und in dem demnächst im 'as ihm erscheinenden Aufsatz: nera J'R s^s masmn- 17,) Kidduschin 29 a, b. 1S) Joma 72b. sehen zur Durchbrechung der asketischen Haltung drängen und so — indirekt — eher die Zeugung einer Nachkommenschaft veranlassen, als eine weniger spannende und aufreizende Methode, wie sie die zeitweilige Enthaltsamkeit darstellt. Wir glauben indes nicht, daß die so erzeugten Nachkommen so zahlreich sein werden, daß die Geburtenziffer dadurch wesentlich beeinflußt sein würde. Zudem wird den soziologischen Gefahren einer milderen Enthaltsamkeit die Spitze abgebrochen, wenn sie sich nur nach strengen Indikationen gemäß halachischen Normen vollzieht. Hier ist es die Thora allein, die das erwähnte Dilemma sprengt. Voraussetzung ist natürlich hier — ebenso wie wir es schon bei der qualitativen Eugenik erkannt hatten — allgemeine thoragem ä ß e Einstellung der Gesamtpersönlichkeit, <Jie allein das generative Verantwortungsgefühl des jüdischen Menschen in vollem Maße zu bilden imstande ist, Wer davon durchdrungen ist, daß die Kinderzeugung als g'ttliche Pflicht erfolgt, wer in jedem neugeborenen Kind den Mitarbeiter und Mitkämpfer für die von G'tt seiner Welt gesteckten Ideale sieht, dessen Familie wird nicht zum Aussterben, sondern zum Fortleben bestimmt sein. "Dl ,TriK »3 niöK KV Das ist der Schlüssel jüdischer Erbgesundheit, und diesen Schlüssel zu bewahren und zu hüten ist Aufgabe der jüdischen Familien Deutschlands. Der Segen so betätigter Pflichterfüllung im Sinne der Thora wird unser Geschlecht überdauern und überall aufkeimen — wo auch das neue Geschlecht Wurzel schlagen wird. Wochenkalender;' Von. 28. September bis 5. Okt.. 1935 [ Vom 1.— 8. Tischri 5696 »m> sp Samstag 28 1 'na saa 19 '« w mmn s?m Sonntag Sept. 29 2 ns? 'a nv mvn Montag ' ■30 3 w "^na dix Dienstag 1 4 tff Mittwoch 2 Wk 5 n» Donnerstag Okt. 3 6 BS Freitag 4 7 s Samstag 5 8 RQ um? u'Txn in der gesamten Breite seiner privaten Bedürfnisse durchaus nicht bescheiden und anspruchslos bewies, war man bei der Erfüllung jüdischer Forderungen von bewundernswerter Anspruchslosigkeit und von erschütternder Bedürfnislosigkeit. Die l^'öfi des Großvaters vererbten sich auf den Enkel und waren doch noch wie — neu! Der heilige Gebetmantel, n'^ts genannt, erlitt ein ähnliches, trauriges Schicksal. Ja, ihm erging es in gewisser' Hinsicht noch schlechter. Vergeblich berief er sich auf den offiziellen Wortlaut des Segensspruches, der bei seiner Entfaltung gesprochen wird: n'S'S3 f)B3tfirtf> „gepriesen seist. Du, König der Welt, der uns geheiligt durch sein Gebot und uns anbefohlen, sich in Anschaufäden einzuhüllen!" In demselben Maße vielmehr, in dem das innere Verständnis, die herzliche, innere Freude an der Erfüllung der g'ttlichen Befehle schwanden, verlor auch der n^v an Terrain. Immer mehr wurde er vom jüdischen Menschen abgedrängt und statt den ganzen hohen Wuchs des jüdischen Mannes zu umhüllen, statt, ihn von allen Seiten mit den heiligen Erinnerungsfäden zu umgeben, schrumpfte er mehr und mehr zusammen, um schließlich nur noch den N a c k.e n des «pw ne?p D» zu bedecken! Mit der Freude schwanden aber auch das berechtigte jüdische Selbstbewußtsein und der alte jüdische Stolz, die ihre Kraft aus der vieltausendjährigen Märtyrergeschichte eines großen und heiligen Volkes saugen. Zum Maßstab für die Beurteilung : jüdischen Lebens und jüdischer Förderungen wurde die Fremde. Nicht das uns anvertraute Kleinod, nicht die g'ttliche Thora formten noch jüdisches Sein und jüdisches Leben, sondern die kalte Fremde bekam Herrenrechte im jüdischen Kreise. Bestimmend für jüdische Pflichterfüllung war für ungezählte jüdische Menschen nicht ihr eigenes, ewiges, urjüdisches Gesetz, sondern allein, die Beantwortung der würdelosen Frage: was werden die Andern dazu sagen?! —, die Feststellung, ob es nicht im nichtjüdischen Kreise Anstoß erregen könnte, Diese aus innerer Haltlosigkeit und trauriger Würdelosigkeit geborene Einstellung hat wie eine unaufhaltsame Sturmflut aus tausenden jüdischen Familien fast den letzten Rest an Traditionswerten hinausgefegt. Wie viele altgeheiligte jüdische Substanzist aus unserem Herzen, aus unserem Leben getilgt worden, weil das nicht jüdische Dienstmädchen, der nichtjüdische Haus- oder Geschäftsfreund, der nichtjüdische Mitbürger dies merkwürdig und auffal-. lend finden könnten. (Erinnert sei an jenen jüdischen Studenten, der von seiner nichtjüdischen Wirtin beim Tefillinlegen überrascht und über die Bedeutung befragt, antwortet, dies sei ein Mittel gegen — Kopfschmerzenil Ja, selbst das Antlitz des jüdischen G'tteshauses hat sich unter fremden, nichtjüdischen Gesichtspunkten manche Veränderung gefallen lassen müssen. Aus freudeerfüllten, lebendigen Dienern des lebendigen G'ttes wurden, wir Sklaven fremder Anschauungen, Anbeter nichtjüdischer Kulturwerte. Aufrechte, starke Zeugen sollten wir sein für den Weltenbaumeister, für den Weltenzwecksetzer, wir aber haben den Adel des "imjn uv> des erwählten Volkes, verachtet. In krassem Materialismus haben wir die Heiligkeit des Sabbats, die Weihe der Feste mit dem unheilitfen Lärm unserer Geschäfte übertönt, haben wir die Lfebensheiligung unserer großen Ahnen, die ererbte Reinheit und Züchtigkeit jüdischeji 'Familien- und Gattenlebens leichtfertig preisgegeben, haben wir unsere Lippen schnell befleckt mit dem verbotenen Bissen g'ttfernen Lebensgenusses! . . uVn — ina3 — llöff« Ja! Wir sind schuldbeladen! Ja! wir waren treulos! Ja! Wir haben einen Raub begangen an dem heiligsten, uns anvertrauten Gute. Die: „große Posaune" geht um im Lande! yp^K 'H IV ^ms?' 7i3iB7 Jisroel! Jüdisches Volk! kehre zurück bis hin zum Ewigen, Deinen G'tt! Bemerkung zu einer Slicho, In der "p3v >3K nir^ö (von rriy), eine Perle unsrer Gebete, findet sich der dunkle' Satz v.nb osn 83 n3Di a"w»3. Neben den bisherigen Erklärungen sei hier folgende versucht: Dan bezeichnet den Vorbeter, der ,,westlich" vor den (im mm befindlichen) wrpn rn« tritt, wvto um zu beten (wie Psalm 34, 5). Allerdings bleibt etwas schwierig, daß Vorbetende (also ursprünglich auch der Verfasser) sich als osn bezeichnet.. Das hoch alpine Jüdische Kinderheim und Internat in Cclerina b. St. Moritz (Schweiz) 'weist darauf hin, daß nach dem Runderlaß 180/35 der deutschen Reichsdevisenstelle vom 12. September 1935 Beträge für Schweiz, Erziehungsinstitute bis zu Mk. 500.— monatlich freigegeben sind. Das Heim ist Mitglied des Verbandes Schweiz. Erziehungsinstitute und Privatschuleh. iE« können somit die nötigen Beträge für Aufenthalt eines Kindes im Heim durch eine deutsche Bank an die Schweiz. Nationalbank in Zürich „Verrechnungsstelle für Deutschland" einbezahlt werden. .

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