Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1935)
- Date
- 1935-09-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 39 Der I s r a e Ii t 26. September 1935 Das neue Arbeitsprogramm der „Rejchsvertretung". Berlin, 23. September. Die Pressestellung der „ReichsVertretung der deutschen Juden" teilt mit: Die vom Reichstag in Nürnberg beschlossenen Gesetze haben die Juden in Deutschland aufs Schwerste betroffen. Sie sollen aber eine Ebene schaffen, auf der' ein erträgliches Verhältnis zwischen dem deutschen und dem jüdischen Volke möglich ist. Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland ist willens, hierzu mit ihrer ganzen Kraft 'beizutragen, Voraussetzung für ein erträgliches Verhältnis ist die Hofnung, daß den Juden und jüdischen Gemeinden in Deutschland durch Beendigung ihrer Diffamierung und Boykottierung die moralische und wirtschaftliche Existenzmögh'chkeit gelassen wird. Die Ordnung des Lebens der Juden in Deutschland erfordert die staatliche Anerkennung einer autonomen jüdischen Führung. Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland ist das hierzu berufene Organ. Hinter ihr steht bis auf geringe Ausnahmen die Gesamtheit der Juden und jüdischen Gemeinden, stehen insbesondere alle Landesverbände und alle Großgemeinden, sowie die großen freien jüdischen Organisationen. Die dringendsten Aufgaben der Reichsvertretung, deren sie in energischer Verfolgung des bisher von ihr eingeschlagenen Weges mit aller Hingabe nachgehen wird, sindi 1. Das eigene jüdische Schulwerk muß der Erziehung der Jugend zu religiös gefestigten, aufrechten Juden dienen, die aus bewußter Verbundenheit mit der jüdischen Gemeinschaft, aus der Arbeit an jüdischer Gegenwart und dem Glauben an jüdische Zukunft die Kraft schöpft, den schweren Anforderungen zu entsprechen, die das Leben an sie stellen wird. Ueber die Wissensvermittlung hinaus muß die jüdische Schule der planvollen Vorbereitung für den künftigen Beruf dienen. Mit 'Rücksicht auf die Auswanderungsfähigkeit, insbesondere nach Palästina, wird da/bei die Hinführung zu handarbeitenden Berufen und das Erlernen der hebräischen Sprache im Vordergrunde stehen. Die Erziehung und berufliche Ausbildung der weiblichen Jugend muß darauf hinzielen, sie zur Erfüllung ihrer Aufgäbeft als Erhalterin der Familie und als Mutter der künftigen Generation vorzubereiten. 2. Dem gesteigerten Auswanderungsbedürfnis ist mit einer großzügigen Planung zu entsprechen, die vor allem Palästina, aber auch alle anderen in Frage kommenden Länder einbezieht und besonders der Jugend gilt. Hierzu gehört die Sorge für die Vermehrung der Auswanderungsmöglichkeiten. Ausbildung in den für Auswanderung geeigneten Berufen, insbesondere Landwirtschaft und Handwerk, die Schaffung von Möglichkeiten zur Mobilisierung und Liquidierung des Vermögens wirtschaftlich Selbständiger, die Erweiterung bestehender und die Schaffung neuer Transfermöglichkeiten. 3. Die Erhaltung und Betreuung der Hilfsbedürftigen! der Kranken und der Alten muß in Ergänzung der staatlichen Fürsorge durch weiteren systematischen Ausbau der von den Gemeinden getragenen jüdischen Wohlfahrtspflege sicher gestellt werden. 4. Diesen vielfältigen und schwierigen Aufgaben ist eine verarmte Gemeinschaft nicht gewachsen. Die Reichsvertretung wird mit allen Mitteln versuchen, die wirtschaftliche Kraft der Juden dadurch zu sichern, daß die vorhandenen Erwerbsmöglichkeiten erhalten bleiben. Die wirtschaftlich Schwachen sind durch weitere Ausgestaltung wirtschaftlicher Hilfsmaßnahmen wie Arbeitsnachweise, Wirtschaftsberatung, . sowie Personal- und iRealkredithilfe zu stärken. 5. Kraft in der Gegenwart und Hoffnung für die Zukunft gibt das lebensvolle Fortschreiten im Aufbau des jüdischen Palästina. Um das Judentum in Deutschland noch mehr als bisher in diese Entwicklung hineinzustellen, tritt die Reichs Vertretung als solche dem jüdischen Aufbauwerk e. V. (Keren Hajessod) bei und fordert die jüdischen Gemeinden und Verbände nachdrücklichst auf, ihrem Beispiel zu folgen. Die Reichsvertretung erklärt sich bereit, die organisatorische Verbindung der Körperschaften der Judenheit in (Deutschland mit dem Aufbauwerk in Palästina herzustellen. , . Im vollen 'Bewußtsein der Größe der Verantwortung und der Schwere der Aufgabe ruft die Reichsvertretung alle jüdischen Männer und Frauen, die gesamte jüdische Jugend zur Einigkeit, zu jüdischer Haltung, strengs'ter Selbstzucht und größter Opferbereitschaft auf. Einem im Präsidium der iReichsvertretung ge- ' stellten Antrag entsprechend, werden Reichsvertretung, Landesverbände und Gemeinden ersucht, unverzüglich in enger Zusammenarbeit die organisatorischen und, personellen Maßnahmen zu treffen, die in den jüdischen Körperschaften erforderlich sind, um eine kraftvolle und konsequente Durchführung des neuen Arbeitsprogrammes durch alle jüdischen Instanzen sicherzustellen. Anmerkung der Schriftleitung: Der bedeutsamste Satz in der hier veröffentlichten gewiß zeitgemäßen Kundgebung dar Reichsvertretung der deutschen Juden ist derjenige, der den Wunsch kundgibt nach staatlicher Anerkennung einer autonomen jüdischen Führung. Es geht daraus hervor, daß die Reichsvertretung, die bisher weder auf Grund ordnungsgemäßer Wahlen, noch auf Grund freier Verständigung aller in der deutschen Judenheit vorhandenen historisch gegebenen religiösen Geistesrichtungen zustande gekommen ist, nunmehr, ihre Autorität durch staatliche Anerkennung der jüdischen Gesamtheit aufzuerlegen bemüht ist. Vom Standpunkt des geschichtlichen Judentums, wie es die unabhängige Orthodoxie, unbeirrt von allen sie bedrohenden geistigen Strömungen der Moderne vertritt, müssen gegen diesen Versuch die stärksten Bedenken geltend gemacht werden. Zwar bestreiten wir in keiner Weise, daß äußere Rücksichten angesichts der heutigen Gesamtlage in der Tat eine Zusammenfassung der jüdischen Kraft in Deutschland und auch die einheitliche Vertretung der jüdischen Interessen gegenüber den Behörden und gegenüber der Außenwelt durchaus als wünschenswert erscheinen lassen. Aber höher als alle äußere Rücksicht, höher selbst als das Interesse der wirtschaftlichen Existenz steht uns der Gedanke der religiösen Wahrheit und Klarheit, der zugrunde gehen muß, wenn eine Instanz, in der die widersprechendsten weltanschaulichen Richtungen miteinander ringen, sich für berufen erachtet, das geistige, das religiöse, das kulturelle Leben der jüdischen Gesamtheit zu regulieren und zu beeinflussen. Auch wenn man absieht von der Art und Weise, in der die Reichsvertretung ohne loyale Heranziehung aller beteiligten Kreise seinerzeit zustande gekommen ist, muß man darüber klar sein, daß insbesondere auf dem Gebiete des Schulwesens, des jüdischen Gemein dewesens und in allem, was Religion und Kultur betrifft, eine einheitliche Führung nicht möglich und nicht wünschenswert ist. Die furchtbaren Erfahrungen, die die Orthodoxie bis heute schon mit den neugegründeten sogenannten Einheitsschulen an gewissen Orten gemacht hat, bestätigen die Richtigkeit dieser Erkenntnis. Es ist untragbar, daß 13jährigen Volksschülern in einer sogenannten Einheitsschule sowohl die biblische Schöpfungsgeschichte, als auch die Abstammung des Menschen vom Affen zur gefälligen Auswahl als Wahrheit des orthodoxen' und des liberalen Judentums vorgesetzt wird. Das ist nur ein Symptom für das, was der jüdischen Religion wartet, wenn sie nunmehr auch noch mit staatlicher Unterstützung einheitlich verwaltet würde. Im Namen der religiösen Gewissensfreiheit müssen' wir gegen diesen Versuch — ohne 'Rücksicht auf die finanzielle und numerische Stärke, deren sich die iReichsvertretung rühmt, — feierlichst Einspruch erheben. •'n "ins Tma dk rm k^i kV Erschwert wird die Situation wesentlich dadurch, daß die /Reichsvertretung nunmehr t erklärt, als solche sich an dem iK eren Hajesso d beteiligen zu wollen, aus dessen Mitteln jahraus, jahrein Tausende jüdischer Kinderrzum vollendeten Abfall von der überlieferen jüdischen Religion erzogen werden; trotzdem soll nun dieser Keren Hajessod zum offiziellen; Fonds der durch die Reichsvertretung repräsentierten deutschen Judenheit werden, während von dem auf eindeutiger religiöser Grundlage ruhenden K e - r e n H a j i s c h u w und dem „ K o m i t e e f ü r den religiöse n A u f b a U P a 1 ä s t i n a s" nicht die Rede ist. Der zionistische Charakter der Reichsvertretung wird damit offenkundig. Im übrigen ist auch die unabhängige Orthodoxie, in deren Namen wir sprechen, bereit, die Reichsvertretung in all denjenigen Angelegenheiten zu unterstützen, und loyal mit ihr zusammenzuarbeiten, in denen der weltanschauliche Gegensatz und die Rücksicht auf die Erziehung unserer Jugend zu einem aufrechten, wahrhaftigen Judentum nicht in Frage kommt. Liquidationsbank zwecks Uebernahme jüdischer Geschäfte? Der „Wirtschaftspolitische Dienst", Sonderdienst der „Nationalsozialistischen P a r t e i k o r r e s p o n d e n z ", bringt unter der Ueberschrift; „Wenn Juden auswandern wollen . . . Die Liquidationsbank zur Erleichterung der Uebernahme jüdischer Geschäfte" einen Aufsatz, in dem eingangs gesagt wird, 1933 seien zahlreiche nichtarische industrielle und geschäftliche Betriebe zum Verkauf angeboten worden, die aber infolge Kapitalmangels keine entsprechende Nachfrage gefunden hätten. Es heißt dann weiter: „Ein Weg wäre der, daß man öitte ,, Auffang-Gesellschaft" ins Leben ruft, sei es, daß sie von Großbanken gegründet wird oder sei es, daß die Bank der Deutschen Arbeit selbst die Gründung in die Hand nimmt, was organisch zu ihr ausgezeichnet passen würde. Die Aufgabe der „Auffang-Gesellschaft" wäre nun^eine zweifache, einmal, tüchtigen arischen Kaufleuten das Geld vorzuschießen, das sie zum Kauf eines jüdischen Unternehmens benötigen, zum zweiten sollen sich jüdische Unternehmen, die verkaufen wollen, an sie wenden können, daß sie ihnen Käufer nennt, die sie selbst für geeignet hält. In beiden Fällen kommt es natürlich darauf an, daß der neue Erwerber tüchtig und zuverlässig ist und daß das zu kaufende Geschäft gesund ist. Wenn man noch weiter gehen will, dann könnte die „Auffang-Gesellschaft" auch auf eigene Rechnung liquidationsreife jüdische Unternehmen kaufen, wobei der Umstand, daß der zum Verkauf bereite Nichtarier eine solvente Bank oder Gesellschaft vor sich hat, von der er rasch sein Geld bekommt, sich in einer noch weitergehenden Ermäßigung des Kaufpreises auswirken müßte, schon auch deshalb, weil der Verkäufer sich keine Sorge zu machen braucht, um einen Käufer zu finden. Dies tut ja in diesem Falle die Gesellschaft. Das "so erworbene Unternehmen bleibt bis zur Erlegung des Kaufpreises einschließlich einer angemessenen, aber so knapp als möglich gehaltenen Verzinsung Eigentum der Gesellschaft. Das Unternehmen erhält das iRecht, für sich eine bestimmte jährliche Entnahme zu mächen, während der gesamte Reingewinn an die Gesellschaft fließt als Tilgung der vorgelegten Kaufsumme. Da diese, wenn man bisher bekanntgewordene Verkäufe zur Grundlage einer Berechnung macht, sich durchschnittlich zwischen 20 000 bis 40 000 Rmk. bewegt: (für 40 WO iRmk. sind schon größere Unternehmen zu haben) kann das Unternehmen bei guter Betriebsführung und nicht zu hoch gespannten Privatbedürfnissen in wenigen Jäheren Eigentum des neuen Erwerbers sein."