Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1935)
- Date
- 1935-09-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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19. September. 1935 D er Israelit Nr. 38 Seite 5 Der Messianismus der N. Z. O. Wir hätten nach den sachlichen Berichten in den laufenden Nummern keine Veranlassung mehr, uns noch weiter mit dem Kongreß der NZO. in Wien zu befassen. Indes scheint es, bei der starken Verquickung der in Wien verkündeten Ideologie mit religiösen Vorstellungen aus altjüdischem Bestände, doch sehr angebracht, noch •ein Woirt zur Klärung der Begriffe zu sagen. Nach dem von Oskar Rabinowicz vorgetragenen Entwürfe zu einer ^Verfassung der NZO." erhebt die neue Organisation den Anspruch, „Rahmen für die Weltgesamtheit des im Palästinamandat anerkannten jüdischen Volkes" zu sein, in dem alle Juden, ohne Unterschied ihrer weltanschaulichen Einstellung ihren Platz hätten. Völlige Liquidierung d,.e s Gallith ist, kürz gersagt, das Ziel, die von G'tt u iL d Volk gewollte Einheit von I s r a"e 1 und Thorath Israel der Inhalt der Organisation; ein Stuhl im Völkerrate zu Genf als eigentliche Adressatin des Palästinamandats ihre letzte — bald erfüllbare — Hoffnung. Was England und Genf dazu sagen werden, wissen wir nicht, vermutlich gar nichts. W i r aber fragen: Wie können in einer Organisation! die „die Einheit von Israel und Thorath Israel" darstellt, alle Richtungen und religiösen Einstellungen ihren Platz behaupten, auch solche, die die G'ttlichkeit der Thora nicht anerkennen nnd in Leben und Lehre sich bewußt gegen "Thorath Israel betätigen? Bleiben wir bei dem Dreibunde von^KW n"3|?n; 1T\ KJTmKV so kann doch logischerweise nicht einzig das Bekenntnis zu Palästina das" erste und einzige "pöK» der NZO/ sein, die, nach dem stolzen Worte des Redners, das Judentum an sich, "das Judentum ins- , gesamt und schlechthin sei? Immerhin wird im Programme der NZO. die Einheit durch eine > kleine graduelle Teilung durchbrochen. Rabinowicz sagt: „Die Arbeit zur Erreichung des Zieles mache aber eine technische Einteilung des Volkes in Esrachim (Bürger) und B o c h r i m (Wähler) notwendig. Bochrim seien alle Volksgenossen, die ein bestimmtes Alter erreicht haben. Selbstverständlich könne es sich nur um Menschen handeln, die ihren Willen, die NZO. bei der Erreichung ihres Zieles zu unterstützen, irgendwie bekunden, Esrach werde man durch bestimmte Leistungen und durch die Erwerbung der Bürgeiiegitimation, des Judenstaats passes der NZO., der jährlich durch Stempelung erneuert Ewige umvms denken, so ist es zugleich ein Ruf, der tröstend in unsere Gegenwart hineinklingt , und uns Mut gibt für die Zukunft! " Ihr steht fest! Was auch an Leid auf euch gehäuft wird, was auch über den Einzelnen und die Gemeinden gekommen ist und weiter kommen mag, Abwanderung und Auswanderung, Erschwerung der Existenz, — Ihr steht.' „Ich sterbe nicht, ich lebe, solange ich ein Künder G'ttes bin," solange ich treu diene der Aufgabe, die G'tt mir gestellt, solange ich mich „vor G'tt" gestellt weiß, solange mein G'ttvertrauen auf meinem G'ttesdienst ruht! Ihr steht fest —und wenn euch auch das Schwerste trifft: n«r» l^'n. daß euch eure großen Führer sterben, daß die Menschen dahingehen, deren Leben euch .Kraft, deren Vorbild euch Ansporn, deren Wirken euch Freude und Zuversicht war! Da n n steht ihr iest, wenn ihr euch vornehmt, „ die gesammelte Kraft dort einzusetzen, wo die große Leistung des Einzelnen aufhörte! Wenn das Volk den Scheidegruß des großen Führers beherzigt: „Der Ewige, dein G'tt, er zieht dir TOran, , , . Josua, er. zieht dir voran, so wie G'tt es gesprochen!"- Wenn es in jedem, der ihm voranzieht, — und wäre es auch nach der Sonne .Moses nur der Mond Josuas — erleben kann den, der es seinem g'ttgewollten Ziel näherbringt, wenn Eührer und , Geführte mit gleicher Innigkeit erstreben, das Wort G'ttes zu erfüllen. Das Wort vom Bleiben des Volkes und vom Scheiden des Führers bedeutet, daß die Aufgabe am höchsten steht, höher als alle FührergrößeJ 4. Und schließlich: Ihr stehet, Moses ging, stellt Gegenwart und Vergangenheit gleichzeitig -vor unser geistiges Auge! wird. Als Behörden der NZO. sind Nationalversammlung und Konvent vorgesehen. Die aus den Abgeordneten, die vom ganzen Volk gewählt sind, bestehende Nationalversammlung, ist die höchste beschließende Körperschaft der NZO. und tritt einmal in drei oder vier Jahren zusammen. Sie wählt den Präsidenten, der seine Mitarbeiter in der Exekutive nach seiner Auswahl zur Bestätigung vorschlägt. Der von den Inhabern des Judenstaatspasses gewählte Konvent tritt als Repräsentanz der „Bürger" jährlich zusammen und beschließt über die Angelegenheiten der NZO. in der Zeit zwischen zwei Nationalversammlungen." Die Verfassung für den Judenstaat der NZO. ist also in allen Einzelheiten fertig, fehlt nur der Staat selber. Dieser Staat, der, wo er es sich nicht leisten sollte, ein Obdach für Juden jedweder religiöser Einstellung sein will, stellt auf der anderen Seite Scheidewände auf, wo sie die „Thorath Israel" mit ihrem nriS f!*lW "TP fttTKD 1JO D^> "TP restlos niederreißt. Alles in allem: Eine Organisation maßt sich an, nach eigener Machtvollkommenheit zu binden und zu trennen, und will obendrein „die von G'tt und Volk gewollte Einheit von Israel und Thorath Israel" sein ... Die Sejmwahlen in Polen. Es war kein gutes Erbe, das Pilsudski mit der neuen W ah lordnung seinem Lande hinterlassen hatte. Die Verordnung, die Wahlen nicht nach inneren, aus Ideengemeinschaft hervorgegangenen Gesichtspunkten, sondern nach der rein geographischen Lage der Bezirke : und ihrer zufälligen Zusammensetzung vorzunehmen, hat keinem Nutzen gebracht, auch der Regierung nicht, deren Koalition ja. immer noch stark genüg ist, um ihren Willen durchzusetzen, aber doch nicht mehr so stark ist wie früher, und vor allem kein Spiegelbild der inneren Schlagkraft des Staatsgedankens mehr abgibt. Für die polnische Judenheit, die über drei Millionen zählt, bedeutete dieser neue Wahlmodus und sein Ausgang einen schweren Schlag, dessen verhängnisvolle Auswirkung nur durch gute Einsicht und Wohlwollen der Regierung und ihrer Parteien, auf die nunmehr die Juden mehr denn sonst angewiesen sind, wettgemacht werden kann. Es stand von vornherein zu befürchten, daß bei der von den Nationalen verschuldeten Parteizersplitterung unter den Juden ein solcher nach örtlich Gr51 Zusammensetzung geordneter Wahlgang einen gewaltigen Stimmenverlust der Juden bringen würde. Das Resultat übersteigt Die Menschen verzagen an der Gegenwart, an ihrem religiösen Verfall, an ihrer geistigen Zerfahrenheit und werfen den Blick in die Vergangenheit, glauben, daß da alles gut und schön war. Das darf man nicht, das lähmt die Kraft und schwächt den Willen! „Sprich nicht, wie kommt es, daß die früheren Zeiten hesser waren als unsere, denn nicht aus Weisheit fragst du so!" Im Gegenteil: Hillel läßt uns am Chanukah den Blick „auf die Tage, die bereits gingen" lenken, daß wir aus ihnen Trost für unsere Gegenwart gewinnen: die früheren Zeiten waren nicht besser, -sie waren noch schwerer — und doch haben wir sie überstanden! Und so wird auch die Schwere dieser Zeit überstanden, aus der Vergangenheit heraus die Gegenwart überwunden! „Und so steht ihr heute — in jeder Gegenwart — ganz und ungebrochen vor dem Ewigen, eurem G'tte!" W. S. J. Zum Elul-Psalm. Von Rabbiner Dr. Kaatz in Hindenburg 0,-S. Der Brauch, um die Zeit der Jahreswende dem Gebete den Psalm 27 'jp'i ms 'n hinzuzufügen, steht in Beziehung zu dem Midrasch zur Stelle »K*i3 »HR Q'iwsn oto >yp>i nwn- Prof. A. Berliner sagt darüber in seinen instruktiven „Randbemerkungen zum Siddur" I 26 folgendes: „Psalm 27 während des Elul-Monats und bis zum Tin zu beten, ist auf Empfehlung von -Sab. Raschkower (1788) in seiner Bearbeitung des „Lurja-Siddur eingeführt mit Hinweis auf den Midrasch z. St. 3"' ni -wi rrn nr »n«r wozu Sal. Margolies hinzufügt maio nr nsoa »jibs»*- So weit Berliner. In alle Befürchtungen. Die über drei Millionen Juden Polens werden „im Ganzen im Sejm durch, vier Abgeordnete vertreten sein. Stadt- und Landbezirke, die zu 70 bis 80 Proz. von Juden bewohnt sind, haben infolge der Stimmvergeudung für die verschiedenen jüdischen Listen keinen einzigen jüdischen Kandidaten durchgebracht und werden von nichtjüdischen, zum Teile sogar von ausgesprochen, antisemitischen Deputierten vertreten sein. Die Interessen der gut zweieinhalb Millionen Orthodoxen unter den drei Millionen Juden werden im neuen Parlamente in den Händen eines einzigen Abgeordneten, des Herrn Münzberg in Lodz, ruhen, der zwar ein tüchtiger, geschulter und für die Belange des gesetzestreuen Judentums sich aufopfernder Parlamentarier ist, dessen Kraft aber in der großen Majorität nach außen und in der kleineren nach innen ihre natürliche Grenze finden muß. Diev markanteste Gestalt in der jüdischen Vertretung scheidet mit Oberrabbiner L e w i n , Rzeszow aus, dem Manne, dessen lapidare Worte, wenn er für die Rechte der jüdischen Bevölkerung eintrat, oft genug das ganze Haus erschütterten und mitrissen, der mit seinem feinen Takt, bei aller Bestimmtheit und Entschiedenheit der Forderungen, zuweilen, auch rhetorische Uebergriffe der eifrig in Minderheitspolitik machenden jüdischen Kollegen wieder gut zu machen hatte. Das Ausscheiden dieses mutigen und besonnenen Anwalts der jüdischen Sache kann nicht allein von der Orthodoxie bedauert werden, Der Kampf, den nationale und linke jüdische Parteien gegen diesen Führer mit so traurigem Erfolg geführt haben, war nicht ein Kampf gegen die Gesetzestreuen, nicht ein Kampf gegen die Aguda, wie sie es gern vorgaben, sondern ein Kampf gegen die jüdische Bevölkerung Polens überhaupt, einKampfgegensichselbst. Und damit haben die Herren wieder einmal deutlich dargetan, daß ihnen das Parteiinteresse weit über das Gesamtinteresse der jüdischen Bevölkerung in einer Zeit politischer Unsicherheit und wirtschaftlicher Not ohnegleichen geht. Auch die am Sonntag erfolgten Senats-! wählen konnten, wie es scheint, keine Korrektur zu Gunsten der Juden bringen. Taufe, Mischehe und Nichtarier, Die Ariergesetzgebung, nicht zuletzt der neueste Erlaß über die Rassentrennung in den Volksschulen wecken unser Interesse für. das große Heer der christlichen Nichtarier, d. h. der Nachkommen aus Mischehen, dieser Quellenangabe des großen wissenschaftlichen Forschers vermissen wir allerdings einen Hinweis darauf, worauf der Brauch beruht, daß der Psalm 27 nicht nur von n~n bis "virii sondern schon vom ersten Elul an gesprochen wird. Ich glaube nun, daß die Angaben Berliners in Bezug auf den Elul durch folgenden Hinweis ergänzt werden können: Vers 13 des Psalms beginnt mit dem Worte tfrto- Dieses Wort ist mit Punkten versehen. Einer der Gründe der Punktierung von vM? wird im Traktat Berachoth 4a angegeben. Ich glaube nun, daß der Brauch, der Psalm 27 im Elul zu sprechen mit K^iV zusammenhängt, da dieses Wort rückwärts gelesen VnVtf lautet, Man vergleiche z; B. 5. M. 11, 12 nM?nn»«n»' Im Traktat Roschhaschana 8a wird, die defektive Schreibung von rrwiar da sie die Buchstaben enthält, in Beziehung gesetzt zu dem Jahresbeginn am 1. Tischri. In ähnlicher Weise dürfte auch bei kVi? die Buchstabengleichheit mit ^"frK die Veranlassung zum Beten dieses Psalms im Elul gegeben haben. Wenn auch der Brauch erst in einer späteren Bearbeitung des Lurjanischen Siddurs erwähnt wird, so kann dennoch angenommen werden, daß der Brauch weit älter ist als seine Erwähnung. Daß schon in früher Zeit bestimmte Psalmen für einzelne Tage und Zeiten vorgeschrieben waren, ist aus entsprechenden talmudischen Berichten zu ersehen. Und was ebenfalls bemerkenswert ist, in der alten griechischen Bibelübersetzung, der Septuaginta, und in der lateinischen, der Vulgata, istz. B. der Ueberschrift nmn in Psalm 24 noch hinzugefügt „am ersten Wochentage", weil dieser Psalm, wie aus der talmudischen Ueberlieferung Roschhaschana 31a hervorgeht, im heiligen Tempel am Sonntag gesungen wurde.