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Der Israelit · 1935-09-19 · Heft 38 (19.9.1935) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 38 (19.9.1935)
Date
1935-09-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 38 1 e 1 i t 19. September 1935 wirken kann. Doch ist wohl hierbei manchmal mehr an eine Belohnung sittlichen Verhaltens als eine natürliche Beeinflussung zu denken. Aehn lieh dürfte auch die Aussicht auf männliche Nachkommen zu bewerten sein, die an Befolgung der Niddah-Vorschriften geknüpft ist.8) Selbst bei den erwähnten Vorschriften für -die Mutter Schimschons, wo man am ehesten an einen natür liehen Einfluß des Weingenusses denken könnte, macht die Erweiterung des Weinverbots auf alle — auch die nicht berauschenden — Bestandteile des Weinstocks eine solche Deutung unwahrscheinlich. Gewiß kann — das wissen wir — der Alkohol eine Schädigung der Keimzellen bewirken, aber mit einer solchen Vergiftung der Keimzellen ist nicht zugleich eine seelische Beeinflussung wissenschaftlich wahrscheinlich gemacht. Aehnlich wie das Gift des Alkohols können — das wissen wir — die Gifte gewisser Geschlechtskrankheiten die Keimmasse schädigen. Es ist daher nicht nur vom sittlichen, sondern auch vom eugenischen Standpunkte nach wie vor die Forderung aufzustellen, daß der junge Mann ebenso rein in die Ehe eintreten soll wie das junge Mädchen. Die Zeiten sind glücklicherweise vorüber, wo das individuelle Recht auf den eigenen Körper proklamiert wurde, wo der Genuß des Körpers der Maßstab für das Erlaubte war, und unter dem Deckmantel der Sexualforschung ein freies Ausleben der Geschlechter beschönigt wurde. Trotzdem findet ein aufmerksamer Beobachter die Spuren solch individualistischer Einstellung vielfach in der Literatur vor. Eine ernste Arbeit von Oswald Schwarz,8) die bei Prüfung der philosophischen Grundlagen der Sexualität das Ziel allein in der Ehe erblickt, konzediert durch diesen Individualismus die Möglichkeit vorehelichen sexuellen Auslebens. S. muß allerdings zugeben, daß „bei Völkern, für die die Geschlechtsbeziehung ausschließlich dem Erlebnis der Volksgemeinschaft entspringt und zur Gänze im Dienste der Volksgemeinschaft steht," dafür kein Raum ist. In noch erhöhtem Maße trifft diese Ein1 schränkung natürlich für die jüdische Gemeinschaft zu. Denn der Jude soll wissen, daß er mit allen seinen Körperkräften nur im Dienst der Weltentwicklung nach g'ttlichem Plane zu wirken hat. Er fühlt sich durchdrungen von dem Ge- '*)• Schebuoth 18, siehe hierzu: Dr. Jacob Levy, der Knabenüberschuß bei den Juden. Zeitschrift für Sexualwissenschaft, Bd. 7, Heft 11. 1921. ") Dr. Oswald Schwarz, Sexualität und Persönlichkeit. Verlag Weidmann u. Co. Wien, Leipzig, Bern. 1934. danken, Träger g'ttlichen W e r k z e;u g s zu sein und jialte seinen Körper rein, bis die Zeit gekommen, wo er ihn im Dienste der g'ttlichen Bestimmung betätigen kann. Wie sich der junge Jude zu dieser Einstellung erziehen kann, mag er aus den noch immer lebensnahen Gedanken S. R. Hirsch siq) lernen. Erfreulich ist, zu bemerken, daß auch Neman ") sich mit temperamentvoller und überzeugender Kraft für die Ueberwindung des Individualismus einsetzt- „Es muß das Interesse der Jüdenheit und des Judentums weit höher stehen als das Interesse der Juden," N. fordert strengstens K e u s c h h e i t bis zur Ehe und weist auf Hilfsmittel hin, die diese Forderung unterstützen können. Eine absolute Einstellung der Sexuali-. tät auf die Fortpflanzung allein in der E h e ist einer der wichtigsten Grundpfeiler der Schaffung einer Erbgesundheit. Hierüber die Jugend aufzuklären, ihr die W e r t e zu zeigen, die sie erbmäßig zu tradieren hat und die sie. bei der Gattenwahl berücksichtigen soll, ist eine dringliche Aufgabe. Eine solche qualitative Erbgesundheitspflege wird aber wesentlich davon abhängen, ob es gelingt, ein g e i s t i g - s i 111 i c h e s , gefestigtes Milieu zu schaffen, in dein diese Jugend lebt und das die rechte Wahl erleichtert. Es mag manchem verwunderlich erscheinen,, daß bei der Erörterung der Erbgesündheit bisher nicht von der Reinheit der Rasse die- Rede war. N e man macht allen — den Orthodoxen, Liberalen und Zionisten — den Vorwurf,, daß sie überhaupt kein Verständnis zu haben seheinen für das Interesse der Rasse, den Samen unserer Vorfahren.' „Was ursprünglich Jude war,, stirbt bei solchen Grundsätzen aus — ob im Laufe von 1000 oder 10 000 oder 50.000 Jahren, ist sub specie aeternitatis nebensächlich." (Schluß folgt.) Wochenrundschau, Der Schulerlaß, Der in voriger Nummer mitgeteilte Erlaß des Reichserziehungsministers, der zum 1. April 1936 die Aussonderung der nichtarischen Kinder aus den öffentlichen Volksschulen und die gleichzeitige Einschulung. dieser Kinder in besondere öffentliche oder private Volksschulen für Juden und Nichtarier anordnet, ist lediglich eine Konsequenz der nationalsozialistischen Grundsätze auf dem Gebiete der Erziehung. Die hier verfügte Trennung. muß auch vom Standpunkte des orthodoxen Judentums, das aus weltanschaulichen Gründen seit Jahrzehnten besondere jüdische Schulen gefordert und sie vielfach unter gewaltigen finanziellen Opfern gegründet und erhalten hat, aufs wärmste begrüßt werden. Freilich können grundsätzlich Schwierigkeiten aus der Zusammenfassung rein jüdischer und nichtarischer Kinder christlicher Konfession und °) S. R. Hirsch rrvn Kap. 64—67. *) In der bereits angeführten Schrift, noch mehr aus der Verwendung nichtarischer, aber nicht konfessionell jüdischer Lehrkräfte an rassisch-jüdischen Schulen entstehen, aber es ist mit" Sicherheit anzunehmen, daß der Staat auf diese in der Sache liegenden Schwierigkeiten hei der Durchführung des Gesetzes billige Rücksicht nehmen und auch hierbei, wie bisher sonst, die religiöse Gewissensfreiheit der jüdischen Eltern und Kinder nicht antasten wird. Im übrigen wird man zur Beurteilung der finanziellen Auswirkungen des Erlasses die Äusführungsbestimmungen abwarten müssen. Entgegenzutreten ist -jedenfalls der in einer Zuschrift an die ,.Times" diese Woche von ausländischer jüdischer Seite geäußerten Auffassungr als ob beabsichtigt sei, die Kosten der zu gründenden öffentlichen jüdischen Volksschulen gänzlich auf die jüdische -Gemeinschaft abzuwälzen. Zu einer solchen Annahme bietet die Verordnung keinen. Anlaß; indem sie im Gegenteil die Verpflichtung. zur Errichtung öffentlicher Volksschulen betont und ausdrücklich sagt, die nach wie vor bestehende Schulpflicht der Nicht' arier lasse es nicht angängig erscheinen, dieseauf den Besuch privater Schulen zu verweisenr wird offenbar die sinngemäße, Anwendung der bestehenden Grundsätze der Volksschul-UnterhaJtungspflicht (Beteiligung von Staat, Kommune und evtl. . Schulverband) vorausgesetzt. Im einzelnen werden darüber die Ausführungsbestim-;nfingen bald Klarheit geben. Rückblick und Ausblick! Wir lesen dieses Jahr am Schabbos vor Rausch Haschono o axa! Dieser Schabbos ist der letzte des scheidenden Jahres, er stimmt den Menschen darum nachdenklich, wie er immer am Ende bestimmter Zeitabschnitte einen Rückblick auf diese Zeiten zu werfen pflegt. Dieser Rückblick wird bei dem Juden nicht vor allem eine Schau auf das sein, was ihm das Jahr gab, sondern eher eine Betrachtung dessen, was er dem Jahr gegeben. Das heißt: eine Untersuchung darüber, ob er die Zeiten genutzt, ob er nicht nur älter, sondern auch weiser und vor allem besser geworden sei. So sollte es wenigstens sein.' Wir glauben, daß der Name der Sidraus, die wir dieses Mal am letzten Jahresschabbos lesen, unserer Ueberlegung das rechte Ziel weisen können. 1. "T?1"! D">nsa: der Gegensatz drängt sich doch sofort auf; Jhr stehet — Moses geht! Das Bleibende, das Beständige hier, das Vorübergehende, das Vergängliche dort! Diese Gegenüberstellung braucht nichts Niederdrückendes und Entmutigendes für uns zu haben, im Gegenteil! Das Wissen: „die, welche geboren wurden, gehen zum Tode" weckt nicht Resignation, sondern regt den Pflichteifer an! Weil wir vergänglich sind, gilt es, das Ewige zu erkennen und zu gewinnen. Es gilt, sich klar zu werden über das, was jv* y>v über den Tod hinaus Dauer verleiht: die Seele, wie es in jener wunderbaren Anrede des Rabbenu Bachai an die Seele heißt: „Meine Seele, bist du weise, so genießt du die Frucht deiner Weisheit, bist du töricht, so mußt du deinen Irrwahn büßen; suche G'tt, deinen Schöpfer, mit aller Kraft, suche- Jugend, suche Demut, dann kannt du dich verbergen am Tage, da G'ttes Zorn brennt. Dann strahlst du wie der Glänz des Himmels, wie die Sonne in ihrer Pracht, dann leuchtet über dir die Sonne der Liebe und ihre Fittich? bringen Heilung!" Es gilt, vre»/ saip zu sein, der enteilenden Zeit Dauer und Halt zu verleihen, TninV» indem man sie nach der Thora orientiert! Es gilt, das zu begreifen, was der Baal Haturim aus dem Worte trass heraushört: iaswi noa umow- -pia "VW JY7inn3> daß Festigkeit nur gut untermauert ist, wenn sie auf dem Sinai gründe ruht/ Daß das menschliche Leben nur dann Leben ist, ausgefüllt, sinnvoll und hineinreichend in die Ewigkeit, wenn es ewigen Zielen zustrebt. ,,Nur Verbundenheit mit G'tt sichert Unsterblichkeit: zur Zeit, da alles Geschaffene in Nichts versinkt, bleibt ihr unsterblich!" (Sanhedrin 90b.) So ruft D'aJH» uns zu: seid klug, wisset zwischen Schein und Sein zu unterscheiden, wisset, daß nicht alles Glänzende Gold ist,-sucht nach den Dingen von Dauer — damit ihr wahrhaft lebt! 2, I h r steht — Moses geht— das ist der zweite Gedanke, den ntzr» 1$»! D'asa dm? wecken! Das jüdische Volk mit seinen Großen und Geringen, mit seinen- Fürsten und seinen Knechten, mit seinen Frommen und seinen Frevlern — dies Volk steht fest, ist ewig! Und Moses, der Mann der G'ttesnähe, der unendlichen Demut und der unfaßbaren Größe, Moses geht, er stirbt! Unsterblich ist die Gesamtheit — Jia TOS ptr — sterblich der Einzelne und auch der Größte! Trostreich und erhebend das Wissen, daß das jüdische Volk „den Nationen als Zeuge" hingestellt, bleiben wird, überdauern soll nach g'ttlichem Willen jede* Schicksal und alle Verhältnisse. Daß G'tt mit ihm den Bund geschlossen, na ist»« iw« nsv nö uw»; ibk «r mit denen, die selber auf das Gesetz verpflichtet wurden und mit allen kommenden Geschlechtern! Und woraus fließt diese ewige Kraft des Volkes?' Wiederum«. 'J'Oa ntttuff TTiS l Damals umschlang sie "alle ein Band: Einigkeit machte sie groß, Einigkeit machte sie stark! Ein einiges Volk ist ewig, ewig ein Volk» wo der König neben dem Kärrner geht. „Der Bettler geht ebenso dem König vorati, wie er ihm folgt!"" (S. R. Hirsch.} Und ein Rückblick auf das enteilende"'Jahr, der die Fragen in uns häuft, läßt uns vor allem die Fragetun: Habe ich im abgelaufenen Jahre auch Dienst an meinem Volk getan, und so an seiner — und meiner Ewigkeit gebaut? Habe ich selbstisch nur an "mich und die Meinen gedacht, nur für sie gestrebt und gelebt, oder habe ich auch freudig und hilfsbereit. Dienst an der Gesamtheit geübt? Kam ich immer, wenn meine Gemeinschaft, wenn meine Gemeinde mich rief? Habe ich nur an mir oder auch fürjjdie andern gearbeitet, indem ich mir bewußt blieb, ijäaß" die vollendetste Persönlichkeit zurückbleibt hinter dem Ganzen, mögen dessen einzelne Teile auch nur so viele Schwächen haben? Habe ich immer daran gedacht, daß Moses ging .Und Ihr stehet-?! N 3. Ist Y?'i O'aiJ so ein doppelter Frage- und Mähnruf an uns, daß wir an das Ewige in uns und an das

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