Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1935)
- Date
- 1935-09-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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19. September 1935, Erbgesundheit. (Fortsetzung siehe. Seite 2.) Angesichts dieser katastrophalen Entwicklung scheint es kaum Sinn und Berechtigung zu haben, für diel deutschen Juden ein Problem der.Erbgesundheit aufzurollen. Und, 1dennoch! Uns erscheint dies mehr denn je als Notwendigkeit, wenn man das Ziel der Eugenik ins Auge faßt. "Die Er b g e s un d h e i t einer Bevölkerungsgruppe bedingt eine dopp e H e. Aufgabe, eine quantitative und eine qu a 1 i t a t i v e. 'Man hat eine Zeitlang geglaubt, eine qualitative Verbesserung auf Kosten einer quantitativen zu erreichen. Heute erkennt man, daß eine qualitative Verbesserung stets die Grundlage einer breiten Masse zur Voraussetzung hat. Suchen wir das Bevölkerungsproblem bei den deutschen Juden zu erfassen, so werden wir alsbald bemerken, daß die bisherigen statistischen Methoden uns seit 1933 vollkommen im Stich lassen. Wir waren bisher gewohnt, die deutsche Judenheit als eine stabile isolierte Bevölkerungsschicht anzusehen, und getzt haben'wir es mit einer f 1 uk t uieren de n M a s s e zu tun, die tagtäglich Jhre Struktur wechselt. Die Abwanderung der Jugendlichen und der Angehörigen mittleren Lebensalters bedingt eine Ueberalterung der deutschen Judenheit. Die bekannte Bevölkerüngspyramide mit der breiten jugendlichen Basis mit der Spitzengruppe des Alters erscheint auf den Kopp gestellt: Eine schwache Grundlage der Jugendlichen trägt eine breite Masse der Alternden, und die Pyramide ist in die Gestalt eines Pilzes verwandelt. Dies bedingt für die quantitative Eugenik eine Eigenartigkeit, vielleicht Einzigartigkeit der Aufgabe. Die generelle Statistik muß versagen, und statt dessen muß die individuelle Analyse der einzelnen Familien treten. Die Familie tritt so als die Zelle der Bevölkerung in den Vordergrund, und sie e r b g es u n d zu e rh alten ist die Auf g.a be der Eugenik für die deutschen Juden. Für die Familie gibt es nach wie vor eine quantitative und eine qualitative Erbgesundheit. Ist diese Keimzelle erbgesund, so wird sie überall, ob sie am Orte bleibt, ob sie" irgendwohin überpflanzt wird, Wurzel schlagen und Früchte zeitigen. Ist die Zelle erbkrank, dann wird sie nicht nur hier zu Grunde gehen, sie wird auch im fremden Boden absterben müssen. , Diese Betrachtungsweise scheint die. Aufgabe der Eugenik für uns einzuengen, in Wirklichkeit aber zeigt sie uns, daß mit dem Anschluß an die Bevölkerungsschichten der Juden im Ausland die e u g enis e.h. e A u.f gab e und zugleich die V e r antw ortun g eine ü n i-v-e r seilere geworden ist. Besonders groß erscheint die eugenische Verantwortung Erez Israel gegenüber, wo die Gefahr besteht, daß die einwandernden deutschen Juden mit ihrer eigenartigen-jüdischen Einstellung aus ihrem Ursprungslande auch die" bekannten eugenischen Krankheitskeime übertragen. Wir haben in früheren Arbeiten1) diese eugenischen Krankheitserscheinungen an Hand der Literatur in ihren Wurzeln, ihren Zusammenhängen und ihren Heilungsmöglichkeiten darzustellen gesucht. Auf diese Literatursei verwiesen. Heute soll es unsere Aufgabe sein, einige neuere Gedankengänge, die' auf diesem Gebiete in Erscheinung getreten sind, kritisch zu würdigen. Qualitative Erbgesundheit. . Das Streben nach Erbgesundheit des jüdischen I n d i v i d u u nfs im jüdischen Kreise findet naturgemäß ein eingeengtes Betätigungsfeld. '. ' i , ' ■ , . I ' *) Die sexuelle Not in' jüdischer. Schaum Hermon Verlag Ffm. .1932. Sozialhygiene und Weltanschauung. „Nachlath Zwi'V Januar 1933. Die Ueberwindung des : Individualismus durch .die neue Eugenik. „Israelit" 1933V Nr. 38, Zur Frage der Frühehe ^Jüdische .Korrespondenz" Wien 1933, Nr. 2, De^r^ Israeli t- Draußen ist-'man in der Lage, mit den Mitteln desjj;!:Staates!j die Eheschließung vollwertiger J^as^amdividuen zu fördern und ' schafft -■ ihnen günstige Lebensbedingungen. Das ist p o s i t i v e Eugenik. „Minderwertige" Individuen hindert man jah der Fortpflanzung. Das ist n e gati ve Eugenik. Im jüdischen Kreise eine derartige Eugenik zu betätigen, fehlen wirksame Mittel. Zudem ist der Begriff der „Vollwertigkeit" und ^Minderwertigkeit" grade im Kreise der deutschen Judenheit besonders umstritten^ Der bekannte jüdische Schriftsteller Ne'man2) streift diesen Gegenstand in einer sehr lesenswerten Schrift über „Geburtenregelung und Judentum", auf die wir noch mehrfach zurückkommen werden. Die körperliche eugenische^ Minderwertigkeit kann durch geistige Höherwertigkeit überdeckt werden, ge i s t i g e Minderwertigkeit hält 'Ör nicht für unbedingt „minderwertig". Und sittliche Mind erwer tigkeit mag auch im Weltganzen nicht ganz wertlos sein als Objekt der Bekämpfung, als abschreckendes Beispiel. i; Er schließt dies Kapitel mit dem Worte: Ignoramus. N. fordert geradezu — allerdings vor dem Jähre 1933 — im Interesse einer quantitativen Eugenik Proletarisierung der Judenheit auf Kosten geistigen Hochstandes. Denn „sittlicher Hochstand ist das unbedingte Gebot des Judentums, aber nicht geistiger. Selbst die bescheidenste Lebensstellung ist nach jüdischer Lehre achtbar und ehrenwert." Die Unsicherheit, die aus diesen Sentenzen spricht, wird nicht in so hohem Maße für denjenigen bestehen, der den Hinweisen unserer ,,Lehre" nachzugehen sich bemüht. So können wenigstens die „Wertbegriffe" geklärt werden. Wir wissen uns gewiß vor Ueberschätzung der körperlichen Kraft frei. nST WSH yW2 Dennoch wollen wir nicht übersehen, daß auch körperliche Kraft im Zusammenhang mit anderen Qualitäten ihre Wertschätzung besitzt. Wird nicht bei Stammvater Jakob, bei unserem Lehrer Moscheh die Körperkraft — mit einer gewissen Nuance der Selbstverständlichkeit — hervorgehoben? Ja, sogar für die- Erringung der höchsten geistig-sittlichen Stufe — der Prophetie — wird neben der sittlich-geistigen und sozialen- Eignung Körperkraft als Voraussetzung angesprochen. Es kommt eben, auf die harmonische Verknüpfung der Werte an. Auch der von N. konstruierte Gegensatz zwischen sittlichem und geistigem Hochstand und seine Stellungnahme zu gunsten des ersteren kann nur bedingt anerkannt werden. Eine bewußte willkürliche ge'istigeProletarisierung zugunsten einer Vermehrung der' Völkszahl, wie sie N. empfiehlt, würde nicht dem Ziel jüdischen Volkstums entsprechen, das erst verwirklicht werden kann, wenn alle Glieder das geistige Gut der G'tteslehxe erringen, ^oi -pn pftbv 3*11 TT niöV T»33« Wenn nach unserer Auffassung auch die bescheidenste Lebensstellung geachtet wird, so spricht das doch nicht für die Berechtigung einer geistigen Proletarisierung- Mancher unserer großen Weisen w'är im Beruf Schmied, Köhler oder Schuster. Ihr Beispiel zeigt uns, daß soziale S c h w ä c h e sich mit g e ist ig em H ochst andpaa r e n kann und auch paaren soll. Kann es doch, nach unserer Auffassung keine sittliche jüdische Persönlichkeit geben,; die geistig minderwertig oder,-verkümmert ist. Eugenisch wirkt sich diese Bewertung in dem Rate unserer Weisen aus, Hab und. Gut zu verkaufen, um die Tochter eines Thoragelehrten zu heiraten, ein Rat, der auch überall dort befolgt wurde, wo gesundes Jüdisches Volkstum lebendig war. Dabei muß man allerdings beachten, daß mit den geistigen Qualitäten des Thoragelehrten auch die ethischen untrennbar verknüpft sind. Daraus ergibt sich aber auch, daß von einer E r b g e s u n d h e i t ohne Beachtun^i.'ldieser geistigen e t hi s ch e n Werte im jüdischen Volke nicht die Rede sein kann. •■' . : . .- " ' ' ' ■;Neman (IBM) Geburtenregelung und Judentum'. Leipzig; 1933. - __Nr. 38 Seite 3 Diese vom Talmud empfohlene eugenische Methode der Beurteilung des Ehepartners nach der Familienabkunft — pny>W *]'>15t TWÜ Kflnail "TUO3) — ist übrigens bis auf den heutigen Tag der einzige sichere Weg zur Erkenntnis des Erbguts. Die neuen wissenschaftlichen Versuche von Jaensch*), aus dem mikroskopischen Hautbild zu erkennen, ob ein degenerativer Typ vorliegt, sind in der Wissenschaft nicht unbestritten und daher nur mit Vorsicht praktisch zu verwerten. Die Familienforschung, ist auch heute als Grundlage qualitativer Eugenik nicht zu entbehren. Und sollen wir wirklich — dem Vorschlage Ne'mans entsprechend — zur quantitativen Förderung auf Qualität bewußt verzichten? Die Zeit ist über das Projekt einer künstlichen Proletarisierung der deutschen Juden hinweggeschritten und die Entwicklung ist auf dem Wege, eine solche Proletarisierung gegen unseren Wunsch zu erzwingen. Wir haben nicht den Eindruck, daß die Geburtenfreudigkeit unter den deutschen Juden dadurch gehoben sei. Die Erfahrungen bei deutschen Landarbeitern5) haben auch gezeigt, daß die Proletarisierung allein nLcht die Geburtenzahl hebt, sondern erst dann, wenn der Besitz einer Scholle damit verknüpft ist, und auch hier — bis zu einer gewissen Grenze — steigend mit der Größe dieses ländlichen Besitztums. Diese Beziehungen muß man im Auge behalten, wenn man die Bevölkerungsentwicklung unserer nach Erez Israel auswandernden arbeitenden Jugend beurteilen will. Grade bei dieser Jugend wird es unsere ernste Sorge sein, zu verhüten, daß eine geistige Verflachung und Verkümmerung eintritt. Keine politischen Debattierstunden der Kolonisten können dem entgegenwirken, sondern das geistigethische Niveau kann allein dadurch geschaffen und gehoben werden, daß. an Hand des Thoralernens die jüdische Lebensanschauung kultiviert wird. In den orthodoxen Siedlungen, in denen zweifellos der gute Wille dazu besteht, könnte dies nur dann gesichert werden, wenn durch die zentralen Instanzen die Existenzmöglichkeit für eine geeignete Lehrkraft geschaffen wird. Auf so gefestigtem geistig-sittlichem Boden kann allein quantitative und qualitative Erbgesundheit erwachsen. So sind zumindest die Normen umrissen, die die eugenischen Werte und Unwerte charakterisieren. Wir wissen, welche Werte wir fördern, welche Eigenschaften wir verschmähen sollten. Leider bedeutet das Wissen noch nicht die praktische Möglichkeit einer solchen Auslese. Für die indirekte Möglichkeit auf dem Umweg über soziale Bevorzugung fehlen, wie gesagt, die Mittel. Gibt es eine direkte Beeinflussung der Erbkeime zum Guten? „Wie kann man die Anlangen des Kindes vor der Geburt künstlich beeinflussen," So lautet der Titel einer kleinen Schrift von Dr. Koloman S z e g o e.e) Er sucht die Antwort in der Be einflußbarkeit des Menschenkeims vor ' der Geburt durch k ö,r p e r 1 i c h e Kräftigung, durch seelische Reinigung der Gatten vor und während seiner foetalen Entwicklung. Dadurch sollen unerwünschte Erbanlagen überdeckt werden, erwünschte an die Oberfläche gelangen. Dieser seit je im Volke schlummernde Glaube, der übrigens durch die Abhandlung von Szegoe in keiner Weise wissenschaftlich gestützt wird, hat ja auch seine : Anhaltspunkte . im biblischen Schrifttum. Man denke an Schimschons Zeugung, an die Schafherden des Stammvaters Jaakob. Auch der Talmud7) vertritt die Auffassung, daß bestimmtes geistig-sittliches Verhalten der Eheleute Schönheit und Gebrechen der Kinder be- 3) Baba bathra 110 a. 4) Jaensch u. Gundermann: Klinische Rassenhygiene und Eugenik. Verlag Schoetz, Berlin 1934. 5) „Wirtschaft und Statistik". 15. Jahrg. °) Verlag der Aertzlichen Rundschau, Otto Gmelin, München 1933. 7) Nedarim 20 a. u. b., Berachoth 20a.