Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1935)
- Date
- 1935-09-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 14 Nr. 37 r a e l i t 12. September 1935 Sterbende Friedhöfe. Von Heinrich EinStädter, Der Sommer geht zu Ende, der Herbst hält seinen Einzug. '.">■•. Die Erde hat unter den Strahlen der Sonne den Menschen ihren Ertrag gespendet. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend hat die Natur ihre wunderbare Schönheit offenbart und damit nicht allein das Auge erquickt und da« Herz gelabt, sondern auch den Verstand mächtig angeregt, ohne daß dadurch die Rätsel jener Wunder gelöst worden wären; denn es sind eben Wunder. Jetzt trifft die ganze Pracht und Herrlichkeit, die bisher den grauen Boden geschmückt hat, ihre Anstalten, zur Ruhe zu gehen. Die ragenden Halme sind unter den Streichen der Sense gefallen. Die Blumen beugen ihre Häupter. Die Farben verblassen. Alles, alles gehorcht einem geheimnisvollen Zuge zur Erde hin. Und der Mensch? Auch er? — Ja, auch er, der Mensch. Mehr als zu irgend einer andern Zeit des Jahres denkt er jetzt seiner Lieben, die bereits in der Erde ruhen, und es zieht ihn zu ihren Ruhestätten hin. Er spürt oft unbewußt -die Verbindungen, die zwischen ihnen und ihm bestehen, zwischen Erde und Erde, zwischen Staub und Staub. Denn auch er ist aus Staub, und zu Staub wird er werden. So sehreitet er im Elul durah die Friedhöfe seiner Gemeinde. Mühelos liest er im langsamen Dahinwandeln von den Grabsteinen die Namen derer ab, die dort zur Ruhe gebettet wurden, und vor seinem geistigen Auge zieht ein ganzes Panorama der mannigfaltigsten menschlichen Schicksale vorüber. Wohl manches Erlebnis, das lange verschüttet lag, wird wieder an das Licht gezogen, auch manche Erkenntnis gewonnen durch Verwertung der letzten Erfahrungen ni Verbindung mit früheren. Aber im ganzen ist doch der Eindruck zu flüchtig, um lange nachzuwirken. Ein Gebet am Grabe von Familienangehörigen, — und bald zieht sich wieder der Alltag als deckende Wand vor solche Rückblicke. Anders, wenn du dir die Zeit nimmst, den Ort aufzusuchen, wo deine Ahnen gelebt haben und wo sie zur Ruhe gegangen sind. Da bekanntlich die Gemeinden in den Städten erst in den letzten Jahrzehnten zu Großgemeinden angewachsen sind, während früher der Hauptteil der jüdischen Bevölkerung auf dem Lande lebte, so besitzen die meisten Städter zu den Q"nn wa ihrer Stammorte Beziehungen und — leider — oft deren mehr als zu den Mitgliedern der dortigen Gemeinden. Denn diese haben sich unter der Wucht der letzten Ereignisse sehr verkleinert, wenn nicht gar aufgelöst. Die Schulen sind verlassen, die Synagogen geschlossen. In manchen Dörfern sind nur noch Greise und Greisinnen da, die dir den Weg zeigen können zu dem heiligen Orte, wo deine Stammeltern ruhen. Begleite uns auf einem solchen Wege. Vielleicht bietet sich dir Gelegenheit, dein Gemüt zu bereichern und einen Ausschnitt aus der Geschichte deines Stammes kennenzulernen, — vielleicht auch, einen Einblick zu gewinnen in Mißstände, zu deren Abstellung mehr die nötige Einsicht und guter Wille als Opfer an Geld und Gut gehört. Nach langer Bahn- und Autofahrt gelangen wir an einem frühen Nachmittage zu dem freundlichen unterfränkischen Dorfe Kl., dessen Gemeinde vor etwa fünfzig Jahren ihre große Synagoge wegen Baufälligkeit schließen mußte und dafür einen kleinen, unscheinbaren Backsteinbau errichtete. Heute wohnen nur noch zwei jüdische Familien im Dorfe. Wir werden freundlich aufgenommen und machen uns alsbald an das Studium des Begräbnisbuches, um die Gräber unsrer Großeltern auffinden zu können, was unsre Verwandten und wir schon seit einigen Jahren vergeblich versucht hatten. Das Buch ist nicht rgut imstande. Frühere Verwalter hatten nicht verstanden, es in guter Ordnung zu führen, und sich mehr auf ihre Lokalkenntnis und ihr Gedächtnis verlassen als auf diese Aufzeichnungen. Auch reichen die Angaben dieses Buches nicht sehr weit zurück. Sicher waren noch ältere Bücher vorhanden und sind im Laufe der Zeit verloren worden. Auch sind sämtliche Akten abhanden gekommen. — Immerhin fand sich im Laufe des Gespräches ein Weg» wie sie vielleicht wieder zur Stelle geschafft werden könnten. Züm Glück gelingt es schließlich auch, die gesuchten Gräber in dem Verzeichnis festzustellen, und wir begeben uns in Begleitung der Frau und der Tochter unsres Bekannten nach dem Friedhof. Weit und beschwerlich ist der Weg. Außerhalb des Dorfes geht es erst auf einem Pfade durch einen morastigen Wiesengrund, um dann nach und nach, einem Waldwege folgend, mühsam den Abhang eines Hügels hinanzuklimmen. Der Boden besteht aus feinem Sand. Wasserstürze haben ihn in den letzten Wochen seitlich hinäbgeschwemmt, so daß der Weg jetzt ganz schräg abfällt. Esist uns ein Rätsel, wie jetzt ein Wagen auf ihm zum Gipfel, auf dem der Friedhof liegt, gelangen könnte. Das „Haus des Lebens" ist von keinem Zaune umgeben. Frei und gewaltig dehnt es sich inmitten des Waldes vor den Augen des Besuchers und gewährt - einen weiten Ausblick über die fruchtbare Ebene, aus der sich die Hügelkette erhebt. Die rechte Hälfte des Totenfeldes ist die. ältere. Ein« große Zahl der Grabsteine. ist eingesunken, eine andere vom- Walde überwuchert. Nur in der Mitte dieser Hälfte, woselbst eine Steinhütte, die ehemals zuweilen zur „Taharo" benutzt wurde, — das Wasser mußte aus dem Dorfe heraufgetragen werden —, noch halb aus der Erde emporragt, befinden sich auf einer Lichtung mehrere Reihen neuerer Gräber, Fast alle übrigen sind in dem oben erwähnten Buche nicht mehr verzeichnet. Durch, einen breiten Weg getrennt, dehnen sich auf dem linken, nördlichen Teile die »Gräberreihen, eben falls bis unmittelbar zum Walde hin. Aus der Menge der Grabsteine erheben sich einzelne, die sich durch ihre Größe, ihr Material und die sichtliche Pflege der Aufschrift auszeichnen. Die übrigen sind verwittert, teils von Moosen überzogen, und nur mit Mühe ist es uns möglich, hier und dort bald Namen, bald Daten-zu entziffern, Wer vermag, die Beziehungen bloßzulegen, die nicht nur zwischen den Personen"bestanden, die ursprünglich aus etwa 30 Ortschaften einen Verband bildeten und die Leichen hier betteten, als auch zwischen den Geschlechtern, die gleich uns in ehrfürchtiger Ergriffenheit ^diesen geweihten Boden betraten. Uns dünkt es, als ob hier heute zahllose Fäden sich knoteten, die aus aller Welt hier zusammenlaufen;, denn — „Alle Israeliten sind Brüder". Viele dieser Fäden sind im Laufe jder Zeit abgerissen. Aber unverantwortlich wäre es, auch die übrigen vermodern zu lassen! Darum erscheint es uns erforderlich, daß unsere Organisationen und unsere Führer alsbald Schritte tun, daß die Bücher unsrer: alten heiligen Begräbnisstätten von kundiger Hand abgeschrieben und ergänzt und die übrigen Urkunden gesichtet und vor dem Untergang bewahrt werden. Gerade jetzt, wo die Auflösung der Landgemeinden in ungekannt schnellem Tempo sich vollzieht, liegt es gewiß'auch im""Interesse der Stadt- und Größgemeinden, daß ihre Landesverbände Mittel zur Pflege und Erhaltung verlassener Friedhöfe aufwenden, die der Gesamtheit teuer und heilig sein müssen. Ein jüdischer Weitreisender des 12. Jahrhunderts« Von Saly Geis. Benjamin aus Tudela, einer Stadt im Norden Spaniens, bereiste in der Zeit von 1160—-1173 zuerst Südfrankreich, Italien und Griechenland, kam dann nördlich des iMttelmeeres bis zur Wallachei und bis Konstantinopel, besuchte die Inseln Chios, Samos, Rhodos und Cypern, durchquerte Kleinasien und erreichte dann sein Hauptziel: Erez Israel. Von Syrien reiste er nach Mesopotamien bis Bagdad und Babylon. Durch Persien und durch die Wüste gelangte er nach Arabien. Auch Aegypten besuchte er, kehrte nach Italien zurück und zog von dort hinauf bis nach Deutschland. Benjamin war ein Kaufmann. Wie seine Aufzeichnungen zeigen, trieb ihn zu seinen gefahr- und entbehrungsvollen Reisen wesentlich sein jüdisches Interesse. Wir wollen hier den mutigen Reisenden begleiten — aber nicht überallhin — und auch nur einiges von seinen Mitteilungen wiedergeben. Narbonne mit 300 jüdischen Seelen hat eine bedeutende Jesehiwah. Die Juden von Montpellier sind die weisesten und geachtetsten Juden ihrer Zeit. In Lunel wohnt Rabbi Meschullam mit seinen fünf Söhnen, und die Kehillah unterstützt alle Jeschiwajünger reichlich. Beaucaire zählt 400 jüdische Seelen. Ihrer großen Jeschiwa steht Rabbi Abraham ben David („Rabad") vor, der seine Jünger aus eigenen Mitteln erhält. Bourg de St. Gilles zählt 100, Arles 200, Marseille 300 jüdische Seelen. Genua hatte damals keine Juden und Rom nur 200 jüdische Seelen. Dagegen bestehen bedeutende jüdische Gemeinden in Bapua (300); Sorrento (500). Neapel (500), Salerno (600), Bavento (200, Melfi (200), Trani (200), Täranto (300), Otranto {500}. . ■' Nun setzt er nach Griechenland über, das in jener Zeit zum Oströmischen oder Byzantinischen Kaiserreich gehört. Er findet Juden in Patras (50, Lepanto (100), Crissa (100, die Ackerbau treiben), Korinth (300), Theben (2000, Seide- und Purpurfabrikation)', Negroponte (200), Jabustrisa (100), Rabenika (100), Zeitun {50}, Ärmiro (400), Bissina (100), Saloniki (500, meist ärmliche Handwerker), . Drama (140), Konstantinopel (2000 Juden, 500 Karäer) in'dem Viertel Pera. Außer dem jüdischen Leibarzt des Kaiser«, Schlomoh Hamizri, dürfen die Juden nicht zu Pferd reiten. Die Juden leiden viel vom griechischen Pöbel. Sonst geht es ihnen gut. Von Konstantinopel begibt sich Benjamin nach Rodosto (400,)', Gallipolis (200), Chio (400), Samos (300), Rhodos (400) und Cypern. Auf letzterer Insel, so erzählt er, gebe es eine Ketzergemeinde, die den Sabbat erst am Samstag mit Sonnenaufgang beginnt. Bemerkenswert : bei der bis dahin zurückgelegten Reise ist die dünne Bevölkerung der Juden undihr Wohnen in Orten, 'in denen zum großen Teil heute längst keine Juden mehr wohnen. Letztere Tatsache weist auf das jüdische. Galuthschicksalrhin.; - Auch in Beirut in Syrien, wohin er sich jetzt wendet, findet er nur 50 Juden vor.'.; Neu-Thour'.mit 400 Juden schildert er als eine herrliche-Stadt. Aove, die Grenzstadt nächst Erez Israel, zählt' 200 Juden. Cäsarea hat fast keine Juden; aber 200 Samäritaner, .Nablus gar. keine Juden, doch 100 Samäritaner, fSchluß folgt.) Briefkasten. J- W. in Köln. Betrageingegangen^ Die richtige Postschecknummer ist: Landesdirektorium des Keren Hathora, Hamburg Nr. 24 753. - H. a) Geburtstag'. 30. Januar, Barmizwoh: Schabbos 1. Februar. b)> Geburtstag: 14. Februar; Barmizwoh: 15. Februar. S. M. P. 9. Juli 1898. K, P. Wie uns aus Offenbach berichtet wird, hat Dr. D. in der Tat die Trauung der von ihm. yri r<bv geschiedenen Frau (Siehe „offener' Brief" in "Nr. 36) am Sonntag in Frankfurt vorgenommen. S. G. in J. Sie fragen: Wann und welche Fächer hat S. R. Hirsch bei Chacham Bernays gelernt, und welchen Einflüß hat sein Lehrer auf ihn ausgeübt? Warum nannte sich der Oberrabbiner Bernays Chacham? Seine Gegner von der Reform behaupteten, es habe ihm die Rabbiner-Autorisatiori gefehlt und. deshalb habe er sich Chacham genannt. Wir verweisen Sie auf die 1908 im Verlag des Israelit erschienene S.. R. Hirsch-Jubiläümsnümmer, wo in diversen Aufsätzen <all diese Fragen. erschöpfend beantwortet sind. Familien-Nachrichten. Geburten: Eine Tochter Dr. J. Grünfeld u. Frau Dr. Judith Grünfeld-Ros«nbaum 161 Queens Rd.. London Nr. 4, B a r m i z w o h : Jacob, Sohn des Herrn Leopold Löwenthal, Ffm., Schöne Aussicht 4. "j^l o'nxi ratf Synagoge Friedberger Anlage. Goldene Hoch z e i t : Hermann van der Walde und Frau Karoline geb. Hartogsohn; Emden, Postfach 6. 15. Elul. ' _; 8 5. Geburts t a g : Frau Malchen Strauß geb. Ehrmann, Ffm., Ostendstr. 18. 21. Sept. 8 0. G e b u r t s t a g :... Frau Sofie Neuhof geb. Mayersohn, Bad Soden i. Ts., Haus Rheinfels. 16. Sept. Gestorben : Arthur Grünebaum, Bad Kissingen. Die Frankfurter Woche. Thora und Mussar. Das Sommerprogramm hat G. s. D. einen über Erwarten großen Erfolg gezeitigt." Wir sind nun mit der Aufstellung des Winferprogramms beschäftigt, das, wie wir m. G. H. hoffen, eine weitere Vergrößerung unseres Lernkreises bringen wird. Es ergeht daher die Bitte an alle, die an der Mehrung von mm Yin,>V in unserem Kreise Interesse; haben, uns mit neuen Ideen und Anregungen sowohl was Lernstoff als Lernzeit betrifft, in unserer Aufgabe zu unterstützen. Gleichzeitig teilen wir mit, daß Herr, ' Rabbiner Mannes sich dankenswerterweise bereit erklärt hat, während der Vor.mitta gsstunden der Wochentage einen Gemoro-Schiur abzuhalten (etwa von 10.30—12 Uhr), der vor allem für solche Herren in Frage kommen wird, die die Abendschiurim nicht besuchen können. Interessenten werden rgebeten, sich bei dem Herrn Dozenten oder bei Herrn, R.-A. Dr. Schlesinger, Schwanenstr. 12 zu melden. In diesem Zusammenhang sei auch--an den Dafjomi-Schiur . des Herrn Soffer erinnert. Gemeindevertretung der „Israelitischen Gemeinde". Nach Vorstandsbeschluß vom 5. August 1935 wird die Vereinbarungt wonach Mitglieder, die . b e i d e n Gemeinden angehören, ^3 w e n i g e r an Steuern entrichten, aufs neue bestätigt. Eine Aenderung der Steuerordnung wird debaftelos genehmigt. Der Vertrag für die Verpachtung der Mazza.usbäckerei an die Firma Benjamin wird mit einem Nachtrag für 1935/36 ohne Aussprache gutgeheißen. Der Vorsitzende gab sodann der Versammlung Kenntnis von einer Einladung der konservativen "Synagoge am Börneplatz zum Hespe d auf den in die Ewigkeit abberufenen Raw Kuk's. A. Dem „M u s e u m für j ü d i s c he Alt ertüme r" sind vom Nachlaßverwalter des vor wenigen Monaten verstorbenen Malers G o 11 s e 1 i g einige Zuwendungen gemacht worden, für die die Gemeindeverwaltung ihren Dank aussprach. Herr Dr. Merz b ach widmete dem nach Erez Jisroel übersiedelnden Herrn Goitein, der dem Kollegium lange Jahre angehörte, Worte des Dankes für seine Mitarbeit, Anerkennung für seine offene und warmherzige Art. bedauerf seinen Weggang und wünscht ihm in der1 neuen Heimat alles Gute. Herr Goitein dankte ergriffen , und betonte,' daß er als religiös lebender Jude stets volles Verständnis gehabt habe für die Haltung Andersgesinnter.