Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1935)
- Date
- 1935-09-12
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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- Minsk 1× ep/1000754
- Vilnius 1× ep/1000947
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Nummer 37 1935 Fetiületon- Beüage Wiiiiaef Geschichten. IV. Der Synagogcnplatz. Eine andere Entscheidung betraf einen Fall, wie er nui* damals im russischen Litauen sich ereignen könnte." Aus äußeren, nicht zuletzt "politischen Gründen waren damals die Juden gezwungen, ihre Kinder in ganz jugendlichem Alter zu verheiraten. So geschah es, daß eine angesehene Familie in Minsk ihre glänz junge Tochter mit einem Jungen in fast kindlichem Alter verheiratete. Der junge Ehemann ging aber kurz nach; der1 Hochzeit in die Welt hinaus und ließ v volle fünfzehn Jahre nichts von sich hören. Nunmehr 'kam ehr stattlicher Dreißiger in die Stadt, mit schwarzem Vollbarte, und behauptete, er sei der Mann, der vor anderthalb Jährzehnten1 die junge Tochter der Familie geheiratet hatte. Daß er keine Spur von Aehnlichkeit mit jenem Jungen aufwies, ließ sich schließlich durch die lange Zwischenzeit und den Bartwuchs erklären. Die Eltern wollten ihn freudig ins Hausr nehmen, um so mehr als er an alle Einzelheiten der Hocnzeit und an alle Gepflogenheiten des Hauses sich genau erinnern konnte. Die junge Frau aber sträubte sich und ließ bei allem Zureden sich nicht dazu bewegen; ihn als ihren legitimen Mann anzuerkennen. . Da ließ der Vater anspannen und führ mit seiner Tochter zum Gaon nach Wilna, daß er auf sie einrede. Der Gaon aber wies die Bedenken der jungen Frau nicht ohne weiteres von sich, „Wir wollen eine Probe machen," entschied er. Ihr habt doch euren bestimmten Platz in der Synagoge?" , . - ...... „Natürlich, einen der Ehrenplätze an der- Ostwand." •''; " „Und auch euer junger Eidam hatte vor fünfzehn Jahren seinen festen Synagogehplatz?" „Gewiß, eine Bank hinter mir." „So fahret zurück nach Hause und geht morgen mit dem-Manne, der sich als euer Schwiegersohn ausgibt, in die1 Schul. Wenn er von selber den Platz findet, dann ist er wirklich der Ehemann euerer Tochter. Aber nur dann!. . . ." "Als der junge Mann in die Schul kam, suchte er verloren herum und wüßte nicht, wohin er sich stellen sollte. Da nahm. man. ihn ins Gebet und er gestand schließlich ein, daß er als Fremder in betrügerischer Absicht hergekommen sei, um Geld aus ,der Familie herauszulocken. Er;war draußen irgendwo mit. dem -richtigen Ehemann zusammengekommen und hatte aus seinem Munde alle Einzelheiten und Gewohnheiten der Familie erfahren, mit denen ,er. sich hiep^einführte. Man fragte den Gaon, wie er auf diese geniale Entscheidung kam. Er sagte 'kurz und einfach: „Ich sagte mir; ist er ein Betrüger, so wird er sich über alle Einzelheiten erkundigt, nur an eines nicht gedacht haben, nämlich an die Synagoge und an seinen Platz im G'tteshause . . .." Der Gaon und der Maggid/; 1 Zu den intimsten Freunden des Gaon gehörten Rabbi Jak o b K r a h z , der ,,Dublier Maggid", der damals durch seme MTissarreäen, Deutungen undjvqr allem seine'wundervollen Gleich^ nisse die ganze - jüdische1 Welt in Atem hielt.;jL|eber den- Anbeginn -des Freundschaftsverhältnisses wird folgendes erzählt: Der „Dubner Maggid" war zum ersten Male in Wilna und hatte mit seinen Reden, die er Abend für Abend in den verschiedenen Synagogen hielt, alle Herzen im Sturm erobert. Man weinte heiße Tränen, wenn er die Herzen aufwühlte und man lachte froh und erlöst, wenn er seine Gedankenperlen in die' köstlichen Gleichnisse und Anekdoten hüllte. Man erzählte dem Gaon von dem Maggid, dem Künstler des Wortes, der die Seelen so meistert, und der Gaon bat, er möge' zu ihm kommen. Der Dubner erschrak nicht wenig, als er zum Gaon gebeten wurde, dessen Haus zu betreten, er aus eigenem Antrieb hie gewagt hätte. Aber er erschrak hoch viel mehr, als der Gaon I ihm die Hand zum Schatomgruß reichte und sprach: „Ich .höre, ihr seid :ein großer Maggid, der ins Herz zu reden versteht. Ich bedarf aber, wie jeder Andere, der Ermahnung, so bitte ich euch, mir ein wenig Mussar -.'zu sagen . ." Tief erschrockeri "bat,der Maggid eine kleine Bedenkzeit. Er sollte Müssar sagen dem Größten seiner Zeit, ihm ins Herz reden? . . . Dann aber fing er doch an: „In der heutigen Sidrah -— man las den Wochenabschnitt NtVi — wird erzählt, wie G'tt zu Abraham spricht: . Wenn auch nur zehn Gerechte inmitten der Stadt sind, so will, ich die Stadt verschonen. Was soll das heißen „inmitten der Stadt"? Gemeint, ist nämlich; d i e Gerechten, sagt G'tt, nützen mir wenig, die sich in ihre Gemächer einsperren und sich um die Stadt und die Menschen gar nicht -kümmern. loh brauche Gerechte, die in und mit der Stadt le;b en, die ihr Licht hinaustragen) ihre Umgebung beeinflussen, Gerechte, die auch über alle Stadtanliegen wachen, daß sie im Geiste G'ttes geordnet sind .. Der Gaon verstand. Es war seine Größe und zugleich seine Schwäche, daß er nicht zu den Menschen hinausging .und sich um die Stadt wenig 'kümmerte* und er weinte in Erkenntnis dieser Tatsache Tränen der Einkehr. Ein anderes Mal geschah ,es in der ersten Schwuausnacht, daß der Gaon die vorgeschriebenen Stellen aus dem „Tikkun" las, während der Dubner im Lehrhause des Gaon wie sonst bei der Gemoroh saß, Der Gaon fragte ihn, warum er nicht das übliche Pensum aus dem Tikkun lerne? ■ „Bin ich; ein Maggid", antwortete der Dubner, „so darf ich mit einem Gleichnis antworten: Ein Reisender ging>im Auftrage eines großen Geschäftes mit seinem Müsterkoffer zu den Kunden und schloß große Geschäfte ab. Ein Freund wollte es ihm nachmachen, schaffte sich ebenfalls solche kleine iMusterstückchen an und bot.:sie überall an. Aber er wurde ausgelacht"hind brachte nirgends etwas an. Fragt er den Kollegen, wieso es komme, daß er, der Kollege, überall etwas anbringe, während er selbst stets mit leeren Händen ausgehe? Antwortete der Andere.' „Ganz einfäch."" Ich reise im Auftrage der Fabriken, die ein großes Lager in den Waren haben, von denen ich die Muster zeige. Sie brauchen nur zu wählen, und sohön-wird ihnen das Gewünschte geliefert. Du1 aber hast ja keine Ware aufzuweisen, was sollen, die Leute mit den Fetzen? /". ." ' ' '; Und die Nutzanwendung?1 Ihjt- Rabbi habt unermeßliche ..Vorräte von den- -heiligen Gütern, deren Muster ihr heute in Tikkun fitfdet.: Ihr braucht nur die Muster anzusehen und der ganze Reichtum steht vor euch lebendig. Für mich, Armen an Geist, wären diese Muster nur Fetzen, ich muß um die Ware gehen, mich an die Gemoroh halten." Der Gaon pflegte am Rosch Haschonoh in seiner Klaus selber Schöfar zu blasen. Einmal, es war bereits in seinen letzten Lebensjahren, geschah es, daß der Gaon keinen Ton aus dem Schofar herausbrachte. Man mußte einen anderen Tokea herbeiholen, und ein einfacher Mann aus der hintersten Bank, vollführte alle vorgeschriebenen Tkioth klar und ohne Stockung. Der Gaon war ob dieser Begebenheit höchlichst deprimiert. „Wollte G'tt meine Tkioth nicht mehr haben?", fragte er, „Galt dem Himmel der kleine ungelehrte Mann mehr als ich?" Wie immer, wenn es galt, Nebel zu verscheuchen, wurde Tag darauf der Dubner zu ihm gerufen, und schon hatte er ein Gleichnis, um dem Gaon den Grund der Störung zu erklären und ihn vollends zu beruhigen. „Ein großer König, erzählte er, besaß ein ungemein kostbares Juwel, das fein geschliffen werden sollte. So berief er die größten Juweliere des Landes und trug ihnen gegen hohe königliche Belohnung auf, das Kleinod zu schleifen. Aber die Künstler schüttelten den Kopf, und einer nach dem anderen erklärten sich außerstande, die Arbeit im Sinne des großen Königs auszuführen. Das Metall schien ihnen zu kostbar und empfindlich, die Arbeit zu gefährlich. Da kam ein einfacher Goldarbeiter vom Lander der nicht wußte, aus welch hohem Besitz der Edelstein war. Er übernahm die Arbeit und brachte nach einiger Zeit das Kleinod, so wunderbar geschliffen an den Hof, daß alle vom Glänze geblendet waren.;; Der König sprach seine Bewunderung aus und - wollte einen hohen Lohn dem Meister festsetzen. „Nicht mir gebührt Dank und Lohn]" wehrte der Meister ab, „mein letzter Lehrjunge, der von nichts wußte, hat die Arbeit vollbracht." Nun war des Königs Staunen noch größer. Er ließ die großen Künstler noch einmal kommen und zeigte ihnen den Stein. Auch sie mußten die herrliche Arbeit loben. Ihren einer aber trat an den König heran und sprach: „Es ist, Herr und König, eine ganz erklärliche Sache. Wie wir den kostbaren Stein erblickten und wußten, wie viel dem König an ihm liege, wurden wir von Angst und Beben erfaßt, fürchteten, durch irgend eine kleine Unvorsichtigkeit den Stein zu beschädigen.5 Der einfache Goldarbeiter aber und sein Lehr junge, die weder Stein, noch Besitzer kannten, wußten nur eines: sie hatten zu schleifen, und sie schliffen, ohne Angst und ohne Hemmung, und die Arbeit gelang." Wie der Gaon den Schofar in den Mund nahm, erklärte der Dubner, überkamen ihn alle tiefen Geheimnisse des Tkiothgebetes, und er war erschrocken und wie gelähmt im Bewußtsein der Größe der Handlung. Und diese Inbrunst hemmte die Töne. Kam aber der einfache Mann dazu, der von nichts Anderem wußte,, als daß er nach Vorschrift der Thora zu blasen hatte. Er kannte keine Angst und hatte keine Hemmung, er blies und der Schofar gehorchte. ... Es kann dieses Gleichnis auch als Lob der einfachen, schlichten1 G'ttesfurcht gelten. (Fortsetzung folgt.)