Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1935)
- Date
- 1935-09-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Nr. 37 Der Israelit 12. September 1935 wünschen übrig. Daher kommt es vielleicht, daß manche, wie es im obenerwähnten Aufsatz heißt, von den Kursen abspringen. Wenn der Unterricht aber lebendig ist, und jeder Teilnehmer zum hebräischen Sprechen kommt, wird selten jemand abspringen, es sei denn, er sei-wirklich verhindert oder komme einfach nicht mit. Das Haupthindernis beim neuhebräischen Unterricht ist das Fehlen eines richtigen Lehrbuches, das den heutigen Erfordernissen entspricht, und der Lehrer ist daher gezwungen, den Stoff selbst beizuholen. Außerdem wird dem neuhebräischen Unterricht zu wenig Z e i ,t zugefeilt. Mit 1—2 Stunden wöchentlich kann man eine Sprache nicht so gründlich erlernen wie es nötig ist, es müßte jeden Tag eine Stunde zur Verfügung stehen. Solange das nicht erreicht ist, .bleibt, der Unterricht doch nur an der Oberfläche haften, denn der Lehrer muß sich beschränken, nur das Allernotwendigste zu bieten. (Siehe auch „Sprechsaal" dieser Nummer. Es ist uns noch eine Reihe von Aufsätzen und Zuschriften zu diesem Thema zugegangen, die wir, so weit sie neue Momente enthalten, im Auszuge zur Veröffentlichung brin gen. Red.). Korrespondenzen. Deutsches Reich. Ausschluß von Juden. Frankfurt a. M., 9. Sept. Nach Mitteilungen der Lokalpresse hat der Gemeinderat der hessischen Stadt Schotten einen Beschluß gefaßt, der Zuzug von Juden, sowie den Verkauf von Grund und Boden, auch Häuser, an dieselben verbietet. Alle öffentlichen städtischen Einrichtungen, auch Krankenhaus, sind für Juden gesperrt. ' Sie bleiben auch ausgeschlossen von allen städtischen Versicherungen. Von städtischen Lieferungen und Unterstützungen sind alle Volksgenossen auszuschließen, die mit Juden im Geschäftsverkehr stehen oder mit ihnen ein freundschaftliches Verhältnis unterhalten. In Schriesheim (Baden) wird, nach dem „Heidelberger Tageblatt", Juden die Teilnahme an allen öffentlichen oder nichtöffentlichen Veranstaltungen so auch an Märkten, verboten. Beamte und Angestellte der Gemeinde, die bei Juden kaufen, werden disziplinarisch, vom Dienste entlassen. Die „Nationalsozialistische Parteikorrespondenz" berichtet von einer Entscheidung des Amtsgerichtes Breslau unter der Ueberschrift „Jeder Verkehr mit Juden ist Rassenschande!" Es handelte sich um die Beschwerde einer Frau, die wegen Rassenschande mit öffentlicher Bekanntmachung angeprangert werde, obwohl sie, nach ihrer Behauptung, mit Juden nur harmlosen freundschaftlichen Verkehr gepflegt hätte. Die Beschwerde wurde vom Amtsgericht mit der Begründung abgelehnt, daß jeder Verkehr mit Juden an Rassenschande grenze. Die Kreisleitung der NSDAP, in Alzey gibt im „Mainzer Anzeiger" unter der Ueberschrift „Am Pranger" die Namen von vier Einwohnern aus Wonsheim bekannt, die mit einem Juden im öffentlichen Lokale Karten spielten. Der Hauptamtsleiter im Reichsrechtsamt der NSDAP, weist, laut „Juristischer Wochenschrift", in einem Rundschreiben vom 7. August d. J. auf eine Mitteilung des Obersten Parteigerichtes der NSDAP, hin, wonach jeder Rechtsanwalt aus der Partei ausgeschlossen wird, der vor Gericht oder vor anderen Behörden einen Juden gegen einen anderen deutschen Volksgenossen, egal ob Parteigenosse oder nicht, vertritt. Weitere Verbote, bei Juden einzukaufen oder Geschäfte mit ihnen zu machen, werden gemeldet aus der badischen Gemeinde Adelshofen, aus Ko 1 - b e r g und Neustadt a. d. Haardt. In der E i f e 1 haben, nach den „Rheinischen Landeszeitung", nunmehr Partei- und Bauernschaft die notwendigen Schritte zur Ausschaltung des jüdischen Viehhandels unternommen. Juden ist dort das Betreten der Marktplätze an den Markttagen untersagt. Sonderbeauftragter Hinkel über nichtarische Musikkünstler. Berlin, 3. Sept. Bei einer Kundgebung deutscher Komponisten im Rathaus in Schöneberg sprach der Geschäftsführer der Reichskulturkammer und Sonderbeauftragte für die Ueberwachung nichtarischer Künstler, Hans Hinkel. Nach einem Bericht der „Frankfurter Zeitung" sagte er u. a., daß die aus den Musikkammern entfernten nichtarischen Künstler sich der Organisation «„Reichs verband der jüdischen Kulturbünde" anschließen soll ten; dort erhielten sie durch das große nichtarische Publikum die Möglichkeit, sich künstlerisch zu betätigen. Sie sollten aber selbst soviel Taktgefühl besitzen, nicht die deutsche Gemeinschaft zu suchen. (ITA.) OeHentlicher Vertrieb jüdischer Zeitungen und Zeitschriften verboten. Berlin, 8. Sept. Im „Völkischen Beobachter" wird folgende ^Anordnung über den Vertrieb jüdischer Zeitungen und Zeitschriften" des Präsidenten der Reichspressekammer bekannt gemacht: Auf Grund des § 25 der Ersten Verordnung zur Durchführung des Reichskulturkammergesetzes vom 1. November 1933 (R. G. Bl. 1/33, Seite 797 ff.) bestimme ich folgendes: Das öffentliche Anbieten und der - Verkauf von Zeitungen und Zeitschriften, die sich ganz oder zum Teil, sei es dem Titel o'der dem Inhalte nach, an die jüdische Bevölkerung richten, ist verboten. Der Verband deutscher Zeitungs- und Zeitschriften- Grossisten und die Reichsfachschaft des deutschen Zeitungs- und Zeitschriften-Einzelhandels werden beauftragt, die Durchführung dieser Anordnung zu überwachen. Diese Anordnung tritt am 1. Oktober 1935 in Kraft. Gegen eine Friedhoisbeschädigung, Frankfurt a. M., 8. Sept. In der „Rheinischen NSZ-Front" erläßt der stellvertretende Gauleiter des Gaues Saar-Pfalz eine Bekanntmachung, daß verbrecherische Elemente den jüdischen Friedhof in Haßloch beschädigt hätten. Diese Tat sei nur aus der Absicht geboren, die nationalsozialistische Bewegung vor der Oeffentlichkeit zu belasten. Zur Namhaftmachung dieser Staatsfeinde setzt daher die Gauleitung eine Belohnung von 500 Mark aus. Vom Keren Hatorah in Deutschland. Hamburg, 6. Sept. Der deutsche Keren Hatorah hat, wie wir erfahren, Tischgebettafeln für unsere Kinder in sehr netter und handlicher Form herausgebracht. Damit wird ein -vielfach geäußerter Wünsch der Eltern erfüllt in einer billigen und gefälligen Form, die es jedem Vater ermöglicht, seinen Kindern diese Tafel in 'die Hand zu geben, damit sie sich an ein richtiges und ordentliches Verrichten des Tischgebetes gewöhnen können. Die Tafeln eignen sich auch für Geschenke zu Rausch-Haschono für unsere Jugend und können für den billigen Preis von 2 5 P f g. pro Stück vom Landesdirektorium in Hamburg oder den örtlichen Kommissariaten bezogen werden. Freunde und Förderer von Kinderheimen und Waisenhäusern werden sicher gern die Gelegenheit benutzen, diese Tafeln den Zöglingen dieser Anstalten zu Rattsch-Hasehono zu schenken. Wir wünschen diesen Tischgebettafeln ,im Interesse unserer Jugend eine weite Verbreitung. Oesterreich. Der Gründungskongreß der Neuen zionistischen Organisation. ji' . Wien, 9, Sept. Am Samstag abend würde im großen Wiener Konzerthaus der erste Kongreß der Neuen zionistischen O r g a n i s a t i o n von Jabotinsky eröffnet.. 301 Delegierte waren anwesend, zu denen noch mehrere tausend Gäste kamen. Nach einem gut vorbereiteten Zeremonial hieß Wladimir J a b o t i n s k y die Delegierten willkommen. Es folgen die üblichen Begrüßungen unter Vorsitz des Alterspräsidenten J acob'de Haas, aus Amerika. Darauf ergriff Ja-' botinsky das Wort zu seinem Referate über „Die Lage nach einem Jahrhundert bürgerlicher Emanzipation, einem halben Jahrhundret nationaler Bewegung und fünfzehn Jahren Mändatspolitik", Er kon-~ statierte in großangelegten Ausführungen den völligen Zusammenbruch derE m a nz i pat i o n. Was aber, die nationale Bewegun g betrifft, so zersplittere sie sich in Organisationen, die als Miniaturen der Nation nicht geeignet seien für die Lösung der großen Aufgaben. Die 15 Jahre britischen Mandatsregimes hätten gezeigt, daß das Verwaltungssystem Palästinas in gar keinem Zusammenhang mit den Zielen des Mandates stehe. Darum sei die neue Organisation und der neue Kongreß vonnöten. Drei Ziele ständen den Revisionisten vor Augen, die die drei Etappen der Erlösung darstellen: Gründung des Judenstaates, der große Exodus aus der Golah 'und zuletzt das kulturelle Zentrum in Palästina im Sinne des n"nnnsm yvini Im Ganzen sei auf eine Liquidation des Golus abgezielt. Der Kongreß habe keine Organisation mit Mitgliedern und Mitgliedsbeiträgen zu schaffen' sondern das jüdische Volk zu erfassen. Jeder Jude sei Bürger des - Judenstaates, solange er nicht selbst auf seine Bürgerrechte verzichtet. Alle Juden der Welt hätten Wahlrecht für das Parlament der NZO., so daß eine, „Welt g e - mein de des Zionjudentums" entstehe, deren Hoheitsrechte von der Welt, auch in Genf, anerkannt werden. Transjordanien müsse in den Palästinabereich hineinbezogen werden, wodurch die Aufnahmefähigkeit des Landes, die heute schon außer Zweifel stehe, insbesondere wenn noch eine bessere Verwaltung hinzukomme, gewaltig und entsprechend der Größe der Golusnot erhöht werde. Er proklamiert den Zehnjahrplan des Hochzionismus. Der an Ort und Stelle in Palästina ausgearbeitete Plan sehe die Ansiedlung von eineinhalb Millionen Juden vor. Das Verhältnis zur. Mandatarmacht sei nicht von banaler Loyalität oder Opposition bedingt, es sei vielmehr „das Angebot eines großen, sittlichen, adeligen Volkes an ein anderes großes, sittlich-adeliges Volk. Er, Jabotinsky, kenne England genau und glaube an den guten Willen dieses Ritter und Richtervolkes, wie man um die Mitternacht an einen neuen Morgen glaubt .... Ueber das Verhältnis zur religiösen Tradition bemerkt Jabotinsky, daß mit der Formel „Religion -ist Privatsache" gründlieh aufgeräumt werden müsse. E s' sei nicht als Privatsache zu betrachten, ob Sinai und die Propheten als lebendige geistige Faktoren gelten oder im Museumunter Glas liegen, wenn auch die Freiheit der individuellen Weltanschauung garantiert bleiben müsse. Die sozialen Probleme werde man . jüdisch, zionistisch und c h a 1 u - zisch lösen. Der Judenstaat werde der Welt eine neue Gesellschaftsform als Muster zeigen, in der Faustrecht, Streik, Aussperrung usw. keinen Platz hätten. Leiden und Entbehrungen wie auch Opfer müsse man auf sich nehmen. Der Legislative Council müsse als ein Mandatsbruch bekämpft werden. Er schließt pathetisch mit einem Aufruf an das jüdische Volk: „Mache uns groß, mache uns reich, mache uns mächtig, wir werden deine Söhne freimachen! . . ." Am Sabbat fand in der großen Leopoldstädter Synagoge ein Festg'ttes dienst zu Ehren des Kongresses statt, bei dem Rabbiner Dr. Taglicht die " Predigt hielt, Jabotinsky wurden, als er zur Thora aufgerufen wurde, große Ovationen bereitet, und eine große Menge gab ihm nach dem G'ttesdienste das Geleite, so daß man schon voneinem richtigen Aufmarsche sprechen konnte. Polizei hielt die Straßen frei. Am Sonntag abend überbrachte zu Beginn der Sitzung Ministerialrat Kommers die Grüße des Bundeskanzlers Dr. Schuächnigg, Mit großem Beifall wurde die Rede des Führers der jüdischen Legion im Weltkriege, lüolonel Pat t e r s o n , aufge-