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Der Israelit · 1935-09-12 · Heft 37 (12.9.1935) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 37 (12.9.1935)
Date
1935-09-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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12. September 1935 Der Israelit Nr. 37 Seite 5 50 Jahre Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums. Ende Ehil 1885 erließ Rabbiner Samson Raphael Hirsch ^"X* einen Aufruf, der als die Geburtsanzeige der „Freien Vereinigung" gelten kann. Wenn wir heute den Aufruf aus dem Archive hervorholen, so nicht etwa um den Lesern ein historisches Dokument zu präsentieren, vielmehr wollen wir damit die Grundlage für die Beantwortung der Frage gewinnen, ob und inwieweit die Hoffnungen, die der große Rabbiner vor fünfzig Jahren an sein letztes großorganisatorisches Werk zur Stärkung, der Emuhah, gesetzt hat, in Erfüllung gegangen sind. Der Aufruf lautete damals: „Der Geist der Association, Jimn, der freien* Vereinigung Gleichgesinnter für gemeinsame Interessen, der in der Gegenwart überall so bedeutsam hervortritt, war und ist in jüdischen Kreisen, insbesondere für Zwecke der geistigen und sittlichen Bildung und der wohltuenden Menschenliebe seit unvordenklichen Zeiten lebendig wirksam. Die über den weiten Erdenrund verbreiteten jüdischen Lehr- und Wohltätigkeits-Vereine, auf welche unsere 'Gegenwart mit befriedigender Genugtuung hinabzublicken berechtigt ist, sind nichts als die Erbschaft einer großen Vergangenheit, deren trübste Zeiten eben dem Geiste solcher /malt/ dem Geiste solcher freien Vereinigungen die Gelegenheit boten, seine für eine heiter "glückliche Lösung aller Geschicks- und Pflichtaufgaben aufrecht haltende, kräftigende und begeisternde .Macht glänzend zu bewähre,n. Ja, eine solche Bedeutung erkannte das jüdische Altertum für die Lösung unserer großen heiligen Aufgabe diesem Geiste freier Vereinigungen zu, daß wir in ihm eine alle Schichten unseres Volkes durchreichende freie Vereingung, nvori' in höchst bedeutsamer Wirksamkeit verbreitet finden, die nicht sowohl in einer zusammenwirkenden Vereinstätigkeit, als vielmehr in einer zusammenstimmenden Gelobung einer zunächst von jedem im eigenen Leben zu betätigenden höheren Gewissenhaftigkeit sich, kennzeichnete. Dieser freie Verein für höhere jüdische Gewissenhaftigkeit, der ein durchaus offener, öffentlicher, ungeschlossener war, dessen Mitglieder durch den Namen -"ian Genosse, schlechtweg bezeichnet waren, in welchem Jedem mit Ablegung des Vereins-Gelübdes der Eintritt offen stand, der bereits durch bisherigen Wandel den Charakter der Zuverlässigkeit bewährt hatte, diese älteste jüdische Association, diese uralte "Qn-Institution war der Wirksamste Faktor für die Erhaltung der religiösen Gesetzeskunde und der religiösen Gesetzlichkeit. Ein solcher Hinblick auf die von je im jüdischen Kreise mit großartigem Erfolge vorhandeh gewesene Wirksamkeit freier Vereinigungen -für geistige und sittliche Bildungs- und Wohltätigkeitszwecke, wie überhaupt für die Verwirklichung der großen Aufgabe des Judentums, hat die Erwägung nahe gelegt, ob nicht für die nach der besonderen Zeitlage der Gegenwart sich eigenartig gestaltenden Bedürfnisse und Aufgaben des gesetzlichen, unter dem Namen orthodox begriffenen Judentums eine wünschenswerte Erhaliung und Förderung auf dem Wege einer freien Vereinigung allen den Grundsätzen des alten überlieferten gesetzestreuen Judentums unverbrüchlich anhängenden und in dieser Gemeinsamkeit der Ueberzeugungen sich als Genossen fühlenden jüdischen Brüder ' zu erreichen, mindestens mit voller Hingebung anzustreben wäre. Eine solche auf dem Standpunkte des orthodoxen Judentums stehende und dessen Interessen vertretende allgemeine Vereinigung ist in der Gegenwart nicht vorhanden, und aufrichtige Bekenner und Freunde des orthodoxen Judentums finden bis jetzt keine gemeinsame Vertretung ihrer Ueberzeugungen und kein gemeinsames Anstreben alles dessen, was sie für die Verwirklichung eines gewissenhaften Pflichtlebens in Erkenntnis und Erfüllung in der Gegenwart schmerzlich vermissen. Und doch gibt es eine ganze Reihe für die Interessen des orthodoxen Judentums wichtiger Anliegen, deren genügende Verwirklichung in der Gegenwart nur im Vereine möglichst vieler Gesinnungsgenossen angestrebt werden könnte. Wir heben aus der großen Mannigfaltigkeit derselben einige hervor, die nach der gegenwärtigen Zeitlage ein vereinigtes Zusammenwirken gleichgesinnter Genossen besonders wünschenswert erscheinen lassen dürften: Pfleg« echt jüdischer, Hand in Hand mit echter allgemeiner Bildung durch Lehre und Erziehung: Stiftung und Unterstützung jüdisch-orthodoxer Lehranstalten, Schulen, nnw, am» 'na sowie Unterstützung hilfsbedürftiger Lehrer derselben. Stipendien für orthodox-jüdische Jünglinge zum Besuche dieser Anstalten. Orthodoxe Pensionen und Waisenhäuser. Wanderlehrer und -prediger für lehrbedürftige kleine Gemeinden. Förderung der Herausgabe und Verbreitung orthodoxjüdischer Schriften. Förderung jüdisch -orthodoxen Pflichtlebens und Beseitigung entgegenstehender Hindernisse: Errichtung und Unterhaltung guter orthodoxer Hotels und Speisewirtschaften in Bädern, Kurorten und sonstigen Orten großer jüdischer Frequenz. Zuverlässige Auskunftsmittel für orthodoxe gewissenhafte Reisende, Unterstützung von nwipa und nü'nt? in unbemittelten Gemeinden und für vereinzelt Wohnende. Unterbringen junger Leute ^in orthodox-jüdischen Geschäften und Unterstützung Stellenloser bis zu spicher Unterkunft. Vertretung der Anliegen jüdischen Pflichtlebens bei den Behörden, für Schüler, Soldaten, Gefangene. Förderung.einer heilbringenden Gestaltung und Entwicklung judischen religiösen Gemeindelebens durch Verbreitung richtiger Kenntnisse von den unveräußerlichen Grundrechten jüdischer Religionsgemeinden, wie von den Rechten und Pflichten der Vorstände und Glieder. Begegnungen von Verdächtigungen und Ente t e Hungen des orthodoxen Judentums durch Juden und Nichtjuden. Solche und ähnliche Anliegen, überhaupt Alles, wobei die Aufrechterhaltung, Verteidigung, Pflege und Förderung der in unserer Gegenwart zu verwirklichenden Aufgabe des orthodoxen Judentums in Frage steht, dürfte mehr als je ein Zusammenwirken orthodoxer Gesinnungsgenossen wünschenswert erscheinen lassen. Es versteht sich von selbst, daß die hier beispielsweise hervorgehobenen Ziele lediglich die Richtung andeuten möchten, in welcher die beabsichtigte orthodox-jüdische Vereinigung sich zu bewegen haben dürfte, daß sie aber keineswegs zugleich und überhaupt nur nach und nach in Verhältnis der zu Gebote stehenden Kräfte und Mittel angestrebt werden können. Eines glauben wir in Vornhinein bemerken zu sollen. Ein irgend welches Einschreiten in die inneren Angelegenheiten einer Gemeinde oder auch nur der Versuch eines Einwirkens auf das amtliche Verhalten eines Angestellten wird der orthodoxen jüdischen Vereinigung jederzeit fern zu liegen haben. Und so wagen wir denn zur Bildung einer „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" aufzufordern. Wir bitten vorläufig nur alle aufrichtigen Gesinnungsgenossen, denen die Bildung einer solchen Vereinigung wünschenswert erscheint, um die baldgefällige Erklärung ihrer Bereitwilligkeit, zu einer solchen Vereinigung zusammen zu treten, und werden, sobald sich eine entsprechende Teilnahme gezeigt, in einer General-Versammlung die zur Verwirklichung dieses Vorhabens zweckdienlichne Schritte zu betraten und zu beschließen haben. Der Beitritt zu dieser Vereinigung verpflichtet ein jedes Mitglied, einen jährlichen Beitrag von mindestens 3 Mark zu zahlen und die Vereinszwecke nach Kräften in seinem Kreise zu vertreten und zu fördern. Die Mitglieder des löblichen Vorstandes unserer Religionsgesellschaft, in gerechter Würdigung der hohen Bedeutsamkeit der Bildung einer solchen Vereinigung für das gesetzestreue Judentum, auf dessen Boden unsere Religionsgesellschaft steht und dessen Ziele sie geweiht ist, sind auf den Wunsch des Unterzeichneten als „Provisorisches Komitee für die Bildung einer freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" demselben zur Seite getreten und sind bereit, Beitritts-Erklärungen für dieselbe - entgegen zu nehmen. Wohl wissen wir, daß nach gewöhnlicher Annahme eine überwiegende zeitgenössische Majorität einer von dem orthodoxen Judentum sich entfernenden Richtung huldigt und unser Vorhaben auf eine numerisch große Teilnahme von Vornherein verzichten muß. Allein es ist nicht das erste Mal, daß G'tt zu den Seinen spricht: oswn DAX» und es ist doch in dem Abschiedsworte der Prophetie für alle kommenden Zeiten verheißen: risb pnar nso ann »nwi "7 zvprn wsn bx b»k n ■»k-p voTa nt n^ao aw 'JK ib?r di^> "was "i ins ">b nm "own^ "\ ">^b und auch schon das Bewußtsein von einer freien und offenen Zusammenstimmung treuer Genossen für das Eine Heilige und Wahre, kann, wie in alter Zeit, sich wirkungskräftig erweisen und "W ^psi lrmawnn "i nisna •ja» nsp> un'nnw *isx» wnwn "m nx*r>! Frankfurt a. M., im Tischri 5646. Samson Raphael Hirsch, Rabbiner der Israelitischen Religionsgesellschaft zu * Frankfurt a. M. Kleines Feuilleton. Vom Dorfrabbi zum Oberrabbiner von Erez Israel. Einige Striche zur Lebensgeschichte von Abraham Jizchak Kuk b' ST« In Griwe, der Vorstadt einer kleinen unbekannten Stadt, hat am 18.. Elul 5625 im Hause des" Thoragelehrten Rabbi Schlomoh Salman Kuk das Kind das Licht der Welt erblickt, das den Namen Abraham Jizchak bekam. Im Cheder schon setzte der kleine Junge durch seinen Fleiß und seinen Scharfsinn seine Lehrer in Staunen. Seine Phantasie spielte stets um das Heilige Land. Einmal kam der Fünfjährige mit einem Rucksack auf den Schultern und einem Wanderstecken in der Hand nach Hause und sprach: „Nun gehe ich: nach Erez Israel, ins Land, wo Milch und Honig fließt." Aelter geworden lernte der Junge beim Stadtrabbiner, der als Thoragröße, bekannt war. Mit 15 Jahren schickten ihn. die Eltern nach dem Städtchen L u d s a, dem Wohn- und Lehrorte des bekannten Gaon Rabbi Eleasär Dan Jechja. Von dort ging er nach Wo lose hin, wo er als „Hui von Porijewesch" sich der ganz besonderen. Gunst des Leiters, Rabbi Naftali Zwi Berlin, erfreute. Als er kurz darauf die Tochter des Ponjewescher Raw, Rabbi Elje Dawid Rabinowitsch, heiratete, blieb er dort- und lernte mit seinem Schwiegervater Tag und Nacht, bis ihre Wege auseinandergingen. Rabbi Elje Dawid wurde als Raw nach Jerusalem berufen und Rabbi Kuk trat seine erste Rabbinerstelle im Städtchen Seimel an. Rabbi Elje Dawid seufzte: „Mein Schwiegersohn hätte eher naeh Jerusalem gehört ..." Im Besitze der Rabbinatsautorisationen von Rabbi Naftali Berlin und Rabbi Jechiel Michal Epstein, dem Verfasser des „Aroch Haschulchan", wollte sich der junge Kuk eigentlich dem kaufmännischen Berufe zuwenden. Allein der Chofez Chajim, damals schon ein Mann von Weltruf, befahl ihm, Rabbiner zu bleiben. „Wir halben nicht zu .viele Lehrer von dieser Art," rief er, „und wer zum Führer erkoren ist, der harre auf seinem Posten aus und scheue auch die Versuchung der Ehren und Aemter nicht." Als Rabbiner von Seimel, erst 23 Jahre alt, führte sich Rabbi Kuk in der rabbinischen Welt mit einem Werke über Tefillin »an ein. Es folgte bald eine periodische Zeitschrift, unter dem Titel anaiD nt37i auch eine Schriftenreihe Ear1-? aibw die alle den Zweck hatten, die Brücke zwischen Chassidim, Misnagdim und den damaligen: Zionsfreunden zu schlagen. Von Seimel kam Rabbi Kuk nach B a n s k in Kurland und von dort auf den Rabbinersitz in Jaffa. Er hätte damals Jeschiwaleiter von Telsch werden können, aber die . Liebe zu Erez Israel trieb ihn: nach der damals armen Gemeinde Jaffa. In Erez Israel begann seine fruchtbare schriftstellerische Tätigkeit mit religionsphilosophischen' 'Aufsätzen in allen gesetzestreuen und rabbinischen Zeitschriften. Bald erschienen auch seine beiden Werke yn "n« und 'apy 7ssn» Sammlungen von halachif>chen Essays, Sein Buch fs ist eine Rehabilitierung des Erez Israel-Esrog. Die von ihm in Jaffa gegründete Jeschiwa ist bald Zentrum aller Gelehrten der Stadt, man sah aber zuweilen auch Schriftsteller der neueren Schule bei seinen Talmudvorlesungen. Wie schon bemerkt, fuhr Rabbi (Kuk im Jahre 1914 nach Europa zur geplanten Kenessio Gedaulo, die durch den Weltkrieg verhindert wurde. Der Weltkrieg verschlug ihn auch nach London, wo er Rabbiner der „Machsike Hadaß-Gemeinde" wurde. Dort erschien sein Werk über die kabbalistische Termini unter dem Titel rV>n D^r Kaum hatten sich die Pforten Palästinas wieder geöffnet, als Rabbi Kuk wieder in der alten Heimat erschien. 1921 wurde er als Oberrabbiner von Erez Israel anerkannt. Seine in Jerusalem gegründete Jeschiwa trägt den Namen am rsm Seine Hauptwerke, die philosophisch kabbalistischen Inhalts sind, heißen u. a. mr1« »lYHR ">r*v nriJtK »nawnn^ Eine große Reihe tiefer Werke über Halacha und Kabbala, Frucht seiner letzten Denkarbeit, sollte zu seinem 70. Geburtstage am 18. Elul ds. Js. erscheinen. Er selbst suchte es für diesen Zeitpunkt zu verhindern, um ijeder Ehrung aus diesem Anlaß aus dem Wege zu gehen. Was er selbst nicht verhindern konnte, hat nun der unerbittliche Tod vereitelt. Die Werke werden wohl einmal erscheinen, aber der siebzigste Geburtstag dieses Geistesriesen wird nicht mehr gefeiert werden.

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