Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1935)
- Date
- 1935-09-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Israelit Nummer 36 1935 Feuilleton- Beilage Wilnaer Geschichten. - III; , Um eine Meile zurück. Den Titel Gaon schlechthin . erhielt Rabbi Elia zuerst von Rabbi A r j e L ö b , dem Verfas-j ser des bekannten talmudischen Werkes „Schäagafh Arje\ . Rabbi Löb war 'damals bereits ein Siebenziger; und galt nicht - für einen allzu .?höfi liehen und;freundlichen Rabbi. In seiner Offen-» heit konnte er zuweilen auch, verletzen. Auf seinen weiten Wanderungen kam der greise Rabbi auch nach Wilna, besuchte Rabbi Elia und erhielt auf eine halachische Frage eine so treffende Antwort vom jungen Gelehrten, daß er" begeistert aufsprang, im Zimmer hin und her lief und schrie: „Ein Gaon, ein Gaon! So /wahr.<mir G'tt helfe, ein Gaon! . .;"u;; ■ ■■■■■ - Tags darauf ^besuchte Rabbi Löb Rabbi Schmuel, den damaligen Rabbiner von Wilna (es war der letzte offizielle Wilnaer Raw) und legte ihm die gleiche Frage vor. Rabbi Schmuel -gab eine einfache Antwort, die gut, aber, weniger tief und treffend war wie;die des Gaon. „Einj Gpdaul!" .sagte Rabbi Löb. , Als Rabbi Löb schon weit weg war, schickte; ihm Rabbi Schmuel einen Boten nach, ließ ihn zurückholen und trug ihm jetzt die gleiche'Antwort vor, wie Rabbi Elia. r r! „Auch ein Gaon!" sagte Rabbi Löb, „aber um eine, ganze Meile zurück - . . Die fromme Channah. Man kann nicht vom Gaon sprechen, ohne seiner frommen Frau C h a n n a h zu gedenken, - die dem Gaon das Haus hütete, sozusagen den heiligen Vorhof zu diesem Heiligtume . bildete. Bekanntlich -hatte der Gaon von; dem rihm ausgesetzten Stipendium fast nie etwas bekommen. Der alte: Gemeindediener beichtete auf dem Sterb'eßette, das Geldjunferschlagen zu haben und der Gaon hatte nie etwas gesagt, Wie diese fromme; Frau^'über; deren Lippen nie eine Klage kamr den Unterhalt der Familie ermöglichte, ist ein. Wilnder;: Man' Mä&t, sie pflegte mehrere Stunden im Tage ungekanjttt in der Vorstadt bei fremden.Leuten zu arbeiten, waschen und putzen, um das Nötigste für das Haus auf zubringen; Am 5. Kis'lev. 17JS3 starb die fromme Channah. Es würde bekannt, daß der Gaon selbst ihr einen Hesped halten wollte,, die erste, öffentliche Rede,. (die~jäe^ : .und tlmgegenci. strömten:-,=die;Mensphenj herbei,; um^derhfromnienv.F^ b,eh-^'iind^'ä"iJK'r'de'njr' }tieiirgeh/Jftuüäb ihf^Löb; zu. \ verri^hmfeh;:. Der Gaon spf^b^^^Vß -\ %$-%\fä$x- \ z i gipaißha.ty^^^.J.-öjb'-h^e^Jü^ die. Thpra, cfür j G'U geliUen, was ein-großes - Glück ist, sie' aber j hat f ü f m ich gehungert, >-Ww är s i ö^nl^lf 'r J als i c h , . ." Auf dem alten Wilnaer Friedhof kann man auf dem Grabdenkmal der frommen Frau die folgenden, vom Gaon selbst geprägten Worte lesen: /'"fjjÄ.'.rilBIl jTjPW . . . * -pm vm i'K nmff'nsoV zu deutsch: ' v * .' „Sie. hinterließ nicht ihresgleichen, Ihr Lob zu künden fehlen Worte und Zeichen." Aussprüche des Gaon, ' Der Gaon lehnte es^ ab, in die Oeffentlichkeit zu treten, folgte auch keinen Einladungen zu Versammlungen und Gemeindeberatungen, Manchmal' fragte er. nur, um was. es gehe, sprach .kurz seine Meinung zu" den auf der Tagesordnung stehenden Fragen aus und wandte sich wieder seinen Folianten zu. Einmal ging es darum, von Gemeindewegen der in Wilna überhand nehmenden Wanderbettelei einen Riegel vorzuschieben. Man . wollte aber die Sperrungsmaßnahme nicht ohne Einwilligung des Gaon treffen und ließ ihn durch den Gemeindediener bitten, zur Beratung zu kommen. Er lehnte aber ab und trug dem Diener auf, den Herren Gemeinderäten kurz zu sagen: ,,Zu dieser Frage -hat bereits die Vier- 1 ä n d e r s y n o d e Stellung genommen . . .";' Man verstand den Bericht des'Dieners nicht. Bis einer hinter den Sinn der ^7orte kam. Die yier-H Länder, die einmal Sperrungsmaßnahmen gegen-4 Arme erließen, waren Se.dom, Amora, 'Adiriö und Zwojim!' Der Gaon warnte in seiner 'lakonischen'Art davor, sedomi tische Ges-et z e gegen die Armen a n z u n e h m e n. Eine andere Aeußerurig des Gaon rief eine große Aufregung hervor; weil sie mißverstanden wurde. Einer der Wilnaer No.tabeln wies einen "Armen barsch zurück, weil sich dieser zudringlich an den Gaon heranmachte. Der Gaon sagte mild abwehrend: ,,Menschen, die nicht einmal wissen, ob sie in eigenen Sterbekleidern zur letzten Ruhe kommen, dürfen nicht in Zorn geraten . . ." " In der Familie des reichen Mannes rief diese flüchartige Aeußerung des Gaon ungeheure Bestürzung hervor, um so mehr, als es sich um einen frommen, wohltätigen Mann handelte, der ja nur den Gaon .vor Belästigungen-- schützen wollte. Freunde legten sich ins 'Mittel. „Macht nichts!" beruhigte der Gaon, „Rabbi Josel wird in Reichtum und Ehren seine Jahre ausleben." Erzählt man.sich in Wilna: Rabbi Josel starb, ein hoher Achtziger, als Gelehrter und Wohltäter hoch angesehen, am Rüstetage zu Jom Kippur. Da man ihn noch vor Eingang des heiligen Tages bestatten wollte, ging alles in größter Eile. Man hatte auch keine Zeit mehr, die Sterbegewänder zurechtzurichten, so nahm man von den Sterbekleidern, die sich auf dem Friedhof für 'Unbekannte und Unbemittelte in Bereitschaft fanden. Des Gaons Wort war in Erfüllung gegangen, ohne daß ,es einen-Fluch bedeutete . ..„ , Die; Sabbatkerze » entscheidet. Der Gaon hielt 'sich, wie schon gesagt, von halachischen Entscheidungen fern. Ergab« es sich aber einmal, daß;er eine Entscheidung traf,->so galt sie als das letzte Wort, und es wagte keiner, ihm zu widersprechen. Im. armseligen Häuschen Chajims, des Schneiders, feiertei-man den Freitagabend bei Licht und jFr'eucle, wie sie den armen Leuten die'Woche uber\taic%t;'ge^önöi> war^ (Ma^ hungerte ^ajlle Tage, -Help;.; J^ibj^it r^phtig;? zu-.halten. . ..CJha.jim, der \ Schneiderv war gerade ümirZuge| Die ersten Ge- | richte, wä-iren; verzehrt. Nün sahg: er mit;s'^sn'eti; 'fCi^derh,;^ zwei;Le.hrli'n^en; 4i%iß»bJ^ftt^i«4f{?f' UJwf' hätte in; diesem. Aüg^ni blicke mit keinem König getauscht. Da geschah plötzlich das Unglück. Malka, seine fromme Frau, kam totenbleich ins Zimmer und statt des letzten Ganges, des „Zimes", der der Clou des Ganzen 'sein s'ollte^ibrachte' siedie^'v,erschütternde Nachricht",?daß ein Tropfen1'von der ^Milchkanne auf; dem Herde'äuf die--kostliche ^ahbatspeise ge-; kommen und es.somit fraglich sei, - ob der herr- ( liehe, heute ganz besonders geratene „Zimes" ' noch genossen werden dürfen Ghaim schickte den \ L,e)hrjungen zum'Sfadtra^bbiner hin. Da*sder Junge lange auf sich warten ließ, schickte man "den anderen;Jungen .in die .sich in der Nähe befindliche Wohnung des Gä'on. Jetztstürmten--beide zugleich ms Haus. „Koscher!", kündete der erste Junge den Bescheid des Rabbiners. „Trefo!", überbrachte der andere Junge die Entscheidung des Gaon. Chajim,. ein frommer Mann, begab sich zum Stadtrabbiner, Rabbi Schmuel und gab ihm die Entscheidung des Gaon kund. Der Rabbiner grämte sich über die entgegengesetzte Meinung des jüngeren Gaon, und sagte endlich: „Es ist für mich eine Ehrensache. Ich gehe selber zu Rabbi Elia und nach wenigen Minuten werden wir zu euch kommen und an eurenft Tische „Zimes" essen." Die Freude des armen Schneiders war unbeschreiblich. In fieberhafter Spannung saßen sie im Häuschen und erwarteten die beiden hohen Gäste, die ihrem Hause Glanz verleihen und ihren Tisch weihen sollten». Bald kamen sie auch. Das schönste und beste Geschirr aus der Pessachkammer kam auf den Tisch. "Schon war die Speise aufgetragen, als von'ganz ungefähr im Hkhgeleuchter eine Kerze wie durch einen Windstoß zu zittern begann und von ihrem geschmolzenen Talg in die Schüssel hineintropfen ließ. Alle erzitterten bis ins Innere, und Rabbi Schmuel, trat an den Gaon heran und sprach: Der Himmel'hat sich für euch entschieden! . . ." Gute Botschaft. Ein Großkaufmann aus Pinsk kam mit einem großen Getreidetransport auf dem Wege nach Petersburg durch Wilna und wollte die wenigen Stunden seines Aufenthaltes benutzen, um den Gaon zu sehen und zu begrüßen. Kaum hatte ihn der Gaon erblickt, als er zu ihm' sprach: „Laßt sofort euren Wägen anspannen und bringet den jungen Mann in seine Heimatstadt zurück. Dort sitzen seine Eltern im Gefängnis wegen schuldiger Pacht. Er kam zu mir um Hilfe, und ich bewirkte die Befreiung der Gefangenen. Er hat das Befreiungsdekret in Händen, und die Pein der Unglücklichen darf um keine Minute verlängert werden." „Wie könnte ich es?" wagte der Kaufmann einzuwenden. .Jch habe große Warenvorräte bei mir, die ungesäumt nach der Hauptstadt verbracht werden müssen." . „Tut, wie ich sage, ihr werdet keinen Schaden erleiden und es nicht bereuen." Der Kaufmann tat,, wie ihn geheißen war, und als er. zurückkam, war inzwischen die Ware im Preise beträchtlich in die Höhe gegangen. Der, Gaon als Richter. Wie sich der Gaon von religiösen Entscheidungen fernhielt,.i.so lehnte er es auch ab, ein Richteramt auszuüben. Tat er es aber in besonderen1 Fällen einmal," so setzten seihe Entscheidungen'die .Welt in Staunen., Eine angesehene Familie in Wilna kam in schwere seelische Not durch Feinde, die falsche Gerüchte gegeri ihre jung verheiratete Tochter .verbreiteten und. sie durch gedungene Zeugen vor dem .Rabbinat bestätigen ließen. Es kam so weit, daß ' sich der junge Ehemann auf Grund jener ungeheuerlichefi Gerüchte von seiner Frau.scheinen lassen wollte. Der Vater tru«*' den Fall dem Gaon vor, und der Gaon ließ die zwei Zeugen in sein Lernzimmer kommen. Er fragte den einen aus, und dieser machte geläufig ahne zu stocken seine Aussage. Er ließ dann den: anderen herein und verhörte ihn, und dieser erstattete seinen Bericht in gleicher Weise, mit den fast gleichen Worten. Der Gaon sah beide .mit seinem. durch dring enden Blick an und schrie:/,,Falsche Zeugenschaft, alles Lüge!" -: Blick und'Ausruf erschütterten die beiden Zeugen dermaßen, daß sie dem Gaon weinend eingeständen,, sich für schnöden Lohn zu den falschen Aussagen hergegeben zu haben. Die völlige Unschuld und Reinheit der verdächtigten Frau war damit erwiesen und der Ehefrieden wieder hergestellt.