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Der Israelit · 1935-09-05 · Heft 36 (5.9.1935) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 36 (5.9.1935)
Date
1935-09-05
Page
– (sequence 11)
Language
German
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fhhs —IIIHIIr— HJIHJfef- -Hllolo o|o—o|o||o«o(IN- —IHHII— —Wilh-LIU-— —MIHI Erziehung' und Lehre Pädagogische Beilage zum „Israelit" Organ des Bundes gesetzestreuer jüdischer Lehrer Deutschlands nrwii n—iirwii n—h ii^f^^ffifcM Verantwortliche Schriitleitung: L. Kaufmann, Sprendlingen (Kreis Offenbach) Lektüre für den Deutschunterricht in der jüdischen Schule. Vortrag, gehalten in unsrer Frankfurter Arbeitsgemeinschaft von S. Kösterich in Frankfurt a. M. Wenn ich 'das Thema „Lektüre für den Deutschunterricht" und nicht etwa „Stoff für Lesebücher in der jüdischen Schule" formuliert habe — so mit Vorbedacht. Ich wollte, damit von vornherein klar zum Ausdruck bringen, daß mit dem Lesebuch allein der Stoff für die Lektüre des Deutschunterrichtes nicht erschöpft ist. Die Lektüre für den Deutschunterricht ist vielmehr ein Konglomerat heterogenster Lesestoffe. Und wenn ich von den verschiedensten Gebieten des Deutschunterrichtes die Lektüre herausnahm, so deshalb, weil die Lektüre heute im Brennpunkt aller Problematik des Deutschunterrichtes steht. Diese Problematik verlangt dringend nach einer Lösung. Ganz abgesehen davon, daß unsere Jugend in unseren Lesebüchern z. B. nichts von dem findet, was sie bewegt, werden unsere heutigen Lesebücher aus rein praktischen Gründen durch neue ersetzt werden müssen. Eine Neuauflage' der heute eingeführten Bücher wird nicht mehr erfolgen und Neuerscheinungen werden wohl als Lektüre für unsere Schulen kaum in Frage kommen. Daß man die Dringlichkeit der Lösung dieses Problems allenthalben unter den jüdischen Pädagogen erkannt hat, beweisen die Arbeiten, die jetzt mit fieberhaftem Eifer auf diesem Gebiete geleistet werden; Beweis genug, wie dringend das Bedürfnis nach geeigneter Lektüre für den Deutschunterricht an jüdischen Schulen ist. Ich weiß, welche Schwierigkeiten sich der Erreichung dieses Zieles: Für die jüdische Schule eine geeignete Lektüre zusammenzustellen oder neu zu schaffen, in materieller und ideeller Hinsicht in den Weg stellen werden — aber ich glaube, -daß dieses Ziel erreicht werden kann und erreicht werden wird, wenn wir von seiner dringenden Notwendigkeit überzeugt sind. Darum zunächst einmal die Frage: Können wir es nach der heutigen Zielsetzung der Lehrpläne verantworten, schon heute unsere Lektürestoffe zu ändern oder zumindest zu ergänzen? Als Endziel des Lesenlernens fordert unser heutiger Lehrplan: 1. Einführung der Kinder in das deutsche Schrifttum; . 2. Weckung des Verständnisses für die Unterscheidung des Echten vom Unechten; 3. Erziehung zur Freude am Eigenbesitz guter^ Bücher. Rektor Dr, Stern, Berlin sagt in einem Artikel „Der Deutschunterricht in der jüdischen Schule", der in der C. V.-Zeitung erschien; „Nicht darauf kommt es an, was wir durch den Deutschunterricht dem ^Deutschtum geben könnten, sondern nur noch darauf, was das deutsche Kulturgut in der gegenwärtigen Situation uns geben kann." Mit dieser Devise werden wir weder gegen die Förderung unseres Lehrplanes verstoßen, noch die Wege versperren, jüdisches Kulturgut gleichberechtigt oder — wie ich fordern möchte —-vorberechtigt für den Deutschunterricht d!er jüdischen Schule zu fordern. Ob-< man von jüdischem Urbewußtsein oder von deutschem Urbewußtsein spricht, oder ob man eine Synthese wünscht — ein geistiges-Ghetto wird wohl niemand wünschen. Es liegt mir fern, einen Deutschunterricht zu fordern, der mit dem bisherigen gerade hoch das gemein hätte, daß er in deutscher. Sprache geführt wird, aber wir können nicht dauernd, von der Durchdringung aller Disziplin mit 'jüdischem Geist reden, wenn sich die Forderung wahrhaften Erlebens allein auf den Religionsunterricht beschränkt. Das Fach „Deutsch" ist ein spezifisches, wenn nicht gar das spezifischste Gesinnungsfach. „Wie manche Deutschstunde wird zur schönsten Religionsstunde," sagte mir neulich ein Kollege richtig; Wer könnte uns da verübeln, in dem Fach-, das unendliche Gelegenheiten bietet, Erlebnisse zu vermitteln und von dem unser Lehrplan selbst „starke Berücksichtigung des Volkstümlichen" fordert, jüdische, dem Gefühlsleben unserer Kinder naheliegende Stoffe zü bevorzugen oder doch wenigstens ihnen auch zu bieten. Wer weiß denn, ob uns nicht eine nächste Generation Vorwürfe machen würde, wenn die jüdische Schule diese Zeit ungenützt verstreichen ließe. Damit hönnen wir wahrhaftig unsere Pflicht nicht getan haben, wenn wir — ich erinnere, daß ich hier nur von der jüdischen Volksschule spreche — in der knappen uns zur Verfügung stehenden Zeit für nachbiblische Geschichte — unseren Kindern ein paar Namen jüdischer Dichter und Schriftsteller mit auf den Weg geben. Es ist eine pädagogische Sünde ältesten Formats: Literaturgeschichte ohne Literaturkunde zu treiben. Haben wir denn Stoffe — haben wir denn Lektüre, die wir als jüdische Schule unserer Tendenz unseren Kindern zu bieten vermögen? Wenn wir Stoffe suchen, die rein für unsere Tendenz zugeschnitten sind, so muß ich sagen: wenige. Wenn wir gar noch, wie es Dr. Stern, Berlin verlangt, die ost jüdische Literatur — selbst in guter Uebersetzung — als zu tragisch und mystisch für die geistige und psychische Verfassung des deutsch-jüdischen Kindes zurückweisen, dann fällt von dem Wenigen noch ein Großteil fort. Wenn wir uns aber so enge Grenzen nicht stecken, so steht uns — wir wollen nicht vergessen, daß ich nicht ausschließlich jüdische Stoffe für unseren Deutschunterricht forderte — bei der knappen uns zur Verfügung stehenden Zeit und der Vielartigkeit der Lesestoffe, eine Fülle von Material zur Verfügung, die reiche Gelegenheit gibt, das Beste auszusuchen. Wenn ich mich einmal rein kaufmännisch ausdrücken darf, so muß ich auch sagen, daß ich der Ueberzeugung bin, daß mit der Nachfrage die Produktion wächst, d. h. daß das Bedürfnis nach geeigneter Jugendliteratur bald jüdische Dichter und Schriftsteller auf den Plan rufen wird. Ich kann die Ansicht derer in unseren eigenen Reihen nicht teilen, die da behaupten, jüdische Dichter seien nicht fähig, kindertümlich zu schreiben. Solange aber Haben wir die Pflicht, aus dem Vorhandenen das Beste zu nehmen, um unsere Schuljugend mit der jüdisch-deutschen Literatur vertraut zu machen. Wir dürfen nicht vergessen, daß mit oder ohne unser Zutun, dem schulentlassenen jungen Menschen durch Bibliothek, durch Freunde oder durch die Bünde Bücher in die Hände fallen — und heute sehnt sich der junge jüdische Mensch mehr denn je nach dem jüdischen Buch — die er dann wahllos liest, von denen er meist nicht einmal den Namen des Verfassers oder dessen Lebenswerk und dessen Lebensrichtung kennt. Können wir es verantworten, wenn der schulentlassene Junge oder das schulentlassene Mädel vom mittelmäßigsten deutschen Dichter eher etwas kennt, als vom besten unserer jüdischen Dichter?! Und wie steht es mit der Forderung, nur das künstlerisch hochstehende und das unserer Tendenz entsprechende den Kindern zu bieten? Fordert denn nicht der Lehrplan: Weckung des Verständnisses für die Unterscheidung des Echten vom Unechten?! Wie soll dieses Ziel erreicht werden, wenn das Kind das Echte und nicht das Unechte auch kennt? Ich würde nie einem Jungen oder einem Mädel, wenn der Stoff dem Älter und der geistigen Reife entspricht, ein Buch, das heimlich in der Ecke gelesen wurde, aus der Hand reißen und ins Feuer werfen, nur weil sein Inhalt nicht als künstlerisch hochstehend oder unserer : Tendenz entsprechend^ angesehen werden kann. Jeder; Pädagoge weiß, daß das nur gegenteilige Wirkung hätte. Warum nicht gerade umgekehrt auf die Merkmale aufmerksam machen, die ein solches Buch zum Unechten'stempeln?! Stellt nicht jeder Dichter seinem Helden im Drama Figuren gegenüber, die durch ihren verwerflichen Charakter das Bild , des Helden noch heller erstrahlen lassen? Ich glaube, wenn wir unsere Kinder zu gefestigten Jehudim erziehen, dann kann ihnen eine Geschichte oder ein Buch, die nicht voll und ganz unserer Tendenz entsprechen, nichts schaden. Besser wir lesen diese Lektüre mit der Jugend und können auf die Problematik verweisen, als sie liest es später ohne uns und wird stutzig und schwankend. Wir leben im Zeitalter des Naturalismus und der Naturalismus will vor der Wirklichkeit nicht verschließen. Wenn wir nicht achtlos daran vorüber gehen wollen, was diese Zeit auch von der jüdischen Schule fordert, so glaube ich, daß wir bei einem Nebeneinander deutscher und jüdischer Stoiie im Lektüreunterricht der Deutschstunden das Schwergewicht auf das jüdische Gedankengut legen müssen, ohne natürlich zu vegressen, daß es sich um einen Deutschunterricht handelt. Aus diesen Erwägungen heraus glaube ich, daß wir für den Lektüreunterricht in der jüdischen Schule fordern müssen: I. Starke Durchdringung der deutschen Lektüre mit spezifisch jüdischen Stoffen aus den Gebieten: 1. Der allgemein jüdisch-deutschen oder ins Deutsche übertragenen jüdischen Literatur; 2. Der. geschichtlich-jüdischen Stoffe; 3. Der erdkundlichen Stoffe, soweit sie „Erez Israel" angehen oder von jüdischem Interesse sind; 4. Der neuhebräischen Literatur in übertragener Form. IL In der Oberstufe sind jüdische Dichter und Schriftsteller in ihren Persönlichkeits- und Lebenswerten zu behandeln. Auch unser Lehrplan, der zwar das Lesebuch als grundlegendes Lesewerk für den Leseunterricht im Deutschen ansieht, fordert Ergänzungsschriften auf allgemein literarischem, auf geschichtlichem, auf erdkundlichem Gebiet und auf dem Gebiet der Natur und Technik. Wie sind diese Forderungen in die Praxis umzusetzen? Das Standardwerk aller Lektüre muß das Lesebuch bleiben. Solange wir nicht autonom an die Gestaltung neuer Lesebücher herangehen können und solange die Geldmittel fehlen, die die Auflage neuer Lesebücher kosten, werden wir uns mit Leseheften, die als Ergänzung zu unseren Lesebüchern gedacht sind, zufrieden geben müssen. Rein ökonomisch gedacht wären Lesehefte auch deshalb praktischer, weil sie in billiger Form hergestellt, jedem Kind die Möglichkeit geben, ein solches Ergänzungsheft sich anzuschaffen, Form und Inhalt dieser Lesehefte werden wohl und reiflich durchdacht sein müssen, aber Schwierigkeiten, die sich uns dabei in den Weg stellen werden, dürfen nicht lähmend und hemmend auf die Arbeit wirken. Dessen wollen wir von vornherein sicher sein; Die ersten Versuche werden nach einer gewissen Zeit anderen, durch Erfahrung und Erprobung gereifteren weichen müssen. Das war immer so. Aber So und nur so führt der Weg zum künftigen Lesebuch. Bei keinem Lehrbuch hat man je mehr experimentiert und kaum ein Lehrbuch hat den Wechsel der pädagogischen Ideen mehr mitgemacht, als gerade das Lesebuch: Einmal rein Prosa, unser Lesebuch für die Oberklassen rein Poesie, einmal hat man den geschichtlichen Stoffen den Vorrang gegeben, ein anderes Mal hat man Prosastücke der verschiedensten Gebiete abwechseln lassen und aus dem Lesebuch ein Realienbuch gemacht. In ein Lesebuch oder Leseheft gehört nach meiner Meinung nur schöngeistige Literatur, gehört nur Belletristisches. Geschichtliche und geographische Stoffe sind Sache der Ergänzungsschriften. Da ich die Form unserer derzeitigen Lesebücher für eine glückliche halte, will ich die Frage zu beantworten versuchen, ob es möglich wäre, unseren Lesebüchern der Volksschule, in der ihnen heute eigenen Form und dem ihnen heute eigenen Inhalt eine Beimischung,- eine Durchdrängung von jüdischen Stoffen zu geben; jüdische Stoffe, die einerseits in den Rahmen dieser Bücher passen und andererseits unseren jüdischen, religiös-ethischen und pädagogischen zweckbestimmten Forderungen entsprechen. (Schluß folgt.)

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