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Der Israelit · 1935-09-05 · Heft 36 (5.9.1935) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 36 (5.9.1935)
Date
1935-09-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 36 Der Israelit 5. September 1935 weisendes Schweigen, das der Zionistenkongreß doch nicht der „Jüdische Welt-Kongreß" sei, den er seit Jahren schon mit aller Kraft seiner pa thetischen Rhetorik und törichten Draufgänger politik propagiert. Hervorzuheben ist auch .die relativ versöhn liehe Haltung der Arbeiterführer dem M i s r a c h i g e g e n üJb er. Wenn in letzterer Zeit so viel von der „Tragik des Misrachi" gesprochen wurde, so muß aber -die Stellung des Misrachi auf diesem Kongreß erstrecht tragisch genannt werden. Eine vorangegangene Misrachi- Weltkonferenz stellte ein Maximum von Forderungen an den Kongreß, und es sah in den ersten Tagen so aus, als sollte dieses Maximum durch eine gewisse passive Resistenz erzwungen werden.i Man muß sagen, daß der leere Misrachistuhl im Kongreßpräsidium und die stummen Gesichter der Misrachidelegierten in den ersten Kongreßtagen besser wirkten, als alle flammenden Reden Meier Berlins oder Rabbi Ostrowskis. Allein schon nach wenigen Tagen war der leere Stuhl wieder besetzt, und zwar durch den vor wenigen Tagen erst von der Misrachileitung „definitiv" zurückgetretenen Rabbi Meier Berlin, und das stumme Schweigen des Misrachi. war gebrochen. Man hatte eine Einigungsbasis gefunden, indem man sich freundschaftlich auf halbem Wege entgegenkam. Misrachi ließ all seine auf der Konferenz aufgestellten Forder un gen na ch Sanktionen fallen und begnügte sich lediglich mit einem Beschluß, nach dem die Verletzung der religiösen Vorschriften und der Sabbatruhe in den von den nationalen Fonds gegründeten Kolonien als ein Bruch der zionistischen Disziplin anzusehen und zub eh andeln sei. Ueber das Kaschruth in den öffentlichen Arbeiterküchen hörte man wohl in den Wandelgängen auch etwas, von der Kongreßtribüne herab war aber kein Wort darüber gefallen. Sehr wohl wird es Misrachi bei diesem Abkommen, so nehmen wir zu seinen Ehren an, nicht sein; bei einem Abkommen, zu dem die Linke nur Worte und Versprechungen gibt, während er, Misrachi, sein Heiligstes nach wie vor aufs Spiel setzt. Was soll das heißen, man werde die Verletzung der Religion und des Sabbats als einen „Bruch der zionistischen Disziplin" ansehen und behandeln? Wie soll das *TDT niwn rW oder das "DT nB"lü "HPSI durchgesetzt werden, wenn es nichts als ein Postulat der zionistischen Disziplin ist? Und wie, wenn die Arbeiter ihren Disziplinsbruch mit den Worten ihres Führers Kaplans ki in der Debatte verteidigten und rechtfertigten, der Sabbat sei zwar für-sie „eine, große soziale Errungenschaft, es gäbe aber Situationenrin denen man am Sabbat nicht ruhen könne, wollte man nicht andererseits gegen das heilige Gebot der jüdischen Arbeit verstoßen!" . . . Wie, wenn einer der Führer, Menachem U s s i s c h k i n; wie er es in seinem Referate auf dem Kongreß getan hat, die Sabbatarbeit, auf dem von Hirn betreuten Nationalfondboden gar unter dem Gesichtspunkte des ipsa mps zu erklären und zu rechtfertigen' suchen wollte?! Man darf annehmen, daß es Misrachi, der zur Zeit auch unter seiner inneren Zerrissenheit schwer zu leiden hat, bei diesen Bedingungen nur auf einen letzten Versuch ank a m. Die Enttäuschungen können, nach allen Erfahrungen der letzteren Zeit —daran können die Arbeiterführer auch beim ehrlichsten Willen nichts ändern — nicht lange ausbleiben. Zieht dann Misrachi aus dem Scheitern die letzte Konsequenz, so könnte die Tragik des Misrachi, wenigstens des vom Schekel unabhängigen Teiles des Misrachi, früher als wir glauben, ihr Ende finden. Auch eine Renaissance. Die ITA. vom 27. August berichtet aus Jerusalem: „Der bekannte hebräische Journalist und Schriftsteller Ittamar ben Awi hat einen Aufruf an die Rabbinen in Palästina gerichtet, in dem er die „Renaissance der jüdischen Religion" fordert. Er betont die Notwendigkeit, - den Siddur zu reformieren, ihn mit den neuen Begriffen vom Leben, in Einklang zu bringen, und in ihn mehr aus dem „Tnach" (die drei: Teile der Bibel: Thora, Propheten und Schriften) hineinzubringen, Ittamar beri Awi schreibt: Nicht Reformation, die vom Judentum hinwegführt, will das junge Israel; es will nur eine Verkürzung veralteter Dinge. Es will die Erleichterung von veralteten Pflichten." Ittamar ben Awi ist ein betriebsamer Herr,, der alle paar Tage mit irgend einer neuen Idee das jüdische Palästina „in Bewegung" setzt — zuweilen werden von der Bewegung nur die Lachmuskeln erfaßt. Einmal führte er in dem ihm nahestehenden Blatte „Doar Hajom" eine neue h e b r ä i s c h e O r t h o g r a pTii e ein, unter verschwenderischer Verwendung der Vokale ■> und i — mit dem Erfolge, daß kein Mensch imstande war, seihe Aufsätze auch nur zu lesen. Dann propagierte er die Einführung der late'iniscJien Lettern für die hebräische Sprache und Literatur und gab auch ein Blatt in dieser Schreibart heraus, eine sprachliche und graphische Kuriosität, die vier Wochen lang in schwerer Zeit die Gemüter erheiterte. Nun, da Ben Awi mit seinem Latein zu Ende ist, wirft er sich, aus Mangel an anderem Objekte, auf die Tefilloh, den Siddur, der ihm gewiß nie was getan hat und als Produkt des „Althebräischen" ihm bis dahin auch völlig gleichgültig war. „Nicht Reformation, nur eine Verkürzung veralteter Dinge, Erleichterung von veralteten- Pflichten," will der neue" Apostel. Daß die Rabbiner Palästinas, an die sich die-Mission richtet, den Brief überhaupt einer Antwort würdigen, ist nicht anzunehmen. Aber in dem Beschluß der liberalen Rabbiner im Haag findet diese Botschaft einen gewissen Resonanzboden, darum ist doch einige Vorsicht geboten. Herrn Dr. Dienemeimi in Ottenbach. Ein offener Brief von Rabbiner Dr. Merzbach in Darmstadt. •••■pyw'fc» "f? )nn antwi d^dbip fIX ÖStPÖ ÖSm J1K ItJBPl In der Nacht nach dem Sabbat, an 'dem man diese Worte ausrief, schreibe ich diesen Brief. IBSttn |2"ir>Es hat die jüdische Oeffentlichteit die Pflicht, darüber ztt wachen, daß ihre Richter, in welcher Stadt sie auch wirken, wahres Recht sprechen. Durch die abstumpfende Gewohnheit, durch den Glauben, es nützt ja doch kein Protest mehrf nehmen wir gar zu viel immer wieder von Männern hin, die ihren Gemeinden Recht der Thora sprechen sollten, die aber gegen die Thora auftretend, anders als ihre Gesetze es fordern, lehren und handeln. - Und doch hat auch das seine Grenze. Sie haben, Herr Dr. Dienemann, diese Grenze überschritten. — Kriegsmoral der Bibel. Schon in D'BBTfr (Kap. 20) werden mit nanbzfc «sn '3 die Vorschriften für den jüdischen Krieg eingeleitet. Die heutige Sidra setzt, wiederum mit Kxn '3/ das Kapitel . der Kriegsbestimmungen fort. Dazwischen aber zum Schlüsse von d'bsb? der Abschnitt der nba» nany,des Kalbopfers an der Leiche des „unbekannten Toten," Warum die störende Unterbrechung? Warum ist nicht nansr nhy ans Ende, nach Schluß aller Kriegsgesetze, gestellt? Eine kurze Bemerkung des n»iwn bsz läßt folgenden Grund vermuten: Bei allen Völkern und zu allen Zeiten galt im Kriege nur die Masse, galten die „starken Bataillone". Was zählte der einzelne Mensch, wenn Hunderte und Tausende ihr Leben in die Schanze schlugen, fürs Ganze, für die Gesamtheit? Daraus ergab sich bei manchen Völkern die sogenannte „Kriegsmoral", in deren Schein und Schutz man sich manches im sittlichen Leben wie im Han- , del und Wandel erlauben zu dürfen glaubte, wasman in normalen Zeiten als Sünde angesehen hätte. ,,Ist ja Krieg!" sagte man und rechtfertigte damit Vergehen gegen die Unantastbarkeit von Gut und Blut Anderer. Solche Anschauung durfte im Judentum nicht aufkommen. Eine Thorarolle begleitete den König, sagt Talmud, wenn er in den Krieg zog, eine Thorarolle lag in seinem Schöße, wenn er zu Gericht oder bei der Tafel saß, eine Thorarolle ruhte auch in seiner Schatzkammer, bei seinen Goldvorräten und Kleinodien, Die gleiche Thora, ihre Gesetze und ihre unveränderte Moral galten für den König, ob er in Frieden bei Tische saß", ob er sich in ruhigen Zeitläuften der reichen Schätze erfreute, ob er das Volk richtete und seine inneren Anliegen ordnete, oder ob er in offener Schlacht-Volk und Land, verteidigte. Eine andere Moral nach Zeit und Umständen, also eine „Kriegsmorar' gab es nicht. Das einzelne Menschenleben war heilig, auch wenn ringsumher die Kriegshörner schallten und die Pfeile sausten, Hier der klassische Beleg. b'tjsi» und K»n hier Krieg, dort Krieg. Und dazwischen Hegt ein Mensch, „man weiß nicht, wer ihn erschlagen hat," Berufe dich nicht auf Kriegszeit und Kriegsmoral, in und nach der es auf den Einzelnen nicht ankomme. Nein, hinausgehen sollen die Alten und Führer, suchen und forschen nach dem Mörder. Und haben sie nichts gefunden, dann sollen sie sich und 'der Gemeinde selbst eine Sühne auferlegen, daß sie — vielleicht im Zwange der Kriegswirren — zu wenig um das Wohl des Einzelmenschen besorgt waren. (Juden und Alkoholgenuß.) Auf dem Bevölkerungspolitischen Kongreß, der gegenwärtig in Berlin stattfindet, sprach u. a. Obermedizinalrat Dr. /Bändel, Dürnberg über „Alkoholismus und Sterblichkeit im Lichte der internationalen Bevölkerungsstatistik". Nach dem Bericht des „Berliner Tageblattes" führte er dabei ausr Die Beobachtung der Sterblichkeit einer Reihe von Ländern ergibt mit der Regelmäßigkeit eines bevölkerungsstatistischen Gesetzes die auftretende Erscheinung, daß die spezifische Männersterblichkeit der Dreißig- bis Siebzigjährigen auf und abgeht mit der Höhe der jeweiligen Alkoholerzeugung. Ferner zeigt sich, daß bei starker Alkoholdrosselung die Männersterblichkeit sinkt, wobei die verschiedenen Bevölkerungsgruppen hieran um so weniger teilnehmen, je weniger sie von der Trinksitte betroffen werden, also die bekanntlich alkoholmäßigen Juden weniger als die in ihrer Umgehung wohnenden Nichtjuden, die dem Wirtshausleben mehr entzogenen Verheirateten weniger als die Verwitweten und Ledigen, die Angehörigen der ländlichen Berufe weniger als die der städtischen. Wochenkalender. Von. 7. — 14. September 1935 / Vom 9. — 16. EIul 5695 r »Öl» i|T Samstag 7 9 'na N33 ai Sonntag 8 10 TJ - Montag 9 11 713 Dienstag 10 12 H Mittwoch Sept. 11 btf>« 13 M Donnerstag 12 14 m Freitag 13 . 15 tm : Samstag 14 16 8

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