Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1935)
- Date
- 1935-08-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Der Israelit Nummer 35 1935 Feuilleton- Beilage Wilnaer Geschichten. Von der Goluswanderung des Gaon, II. / 'Gegeni'Enden "seiner Wanderungen kam 4er Gaon, durch die - Stadt L i s s a an -der damals polnisch-deutschen1'Grenze. Erst -wie ex die Stadt verfassen hatte, um_sich nach Berlin zu begeben, erfuhr man, welchen heiligen Mann einige Tage die, Stadtmauern beherbergte.- Der Vorstand schickte einen Kurier nach Berlin; um dort die Ankunft des Wilnaer Gaon anzukündigen. In Berlin stand damals der, bekannte fromme Magnat und Philantrop Rabbi Ja:kob~Zwi an der Spitze der Gmeinde, der Zutritt, Jbei Hof hatte und ein fürstliches Haus ijihrte, in dem alle Gelehrten der Stadt verkehrten. Raiblbi Jakob Zwi bat den' Postmeister, den Fremden, dessen Aussehen er ihm schilderte, bei seiner Ankunft sofort in sein Haus zu bringen. Hier wurde er mit königlichen Ehren empfangen. Alle Notabein der jüdischen Gemeinde wären zu seiner Begrüßung versammelt. Dem Gaon War dieser Empfang isehr zuwider; da es aber Freitag nachmittag war, war er gezwungen, dazubleiben untL all die Ehrungen und Huldigungen über sich ergehen zu lassen. Den ganzen Sabbat über füllten die Bestien und die Gelehrtesten der Gemeinde das Haus .des Parnes, um in der Nähe des Gaon zu sein und ein Wort aus seinem Muhde''zuerhaschen!, Es herrschte Feststimmuhg in der fürstlichen Wohnung des vornehmen Juderi. Ihrh /gegenüber wohnte em weltberühmter christlicher-,Professor der Mathematik und Astronomie, Rektorder drei Universitäten, Berlin, Halle und Göttingen5,*)' der auf das lebhafte Treiben im Hause des,ihm. bekannten vornehmen Juden, aufmerksam wurde. Er fragte nach' dem Grunde und erfuhr aus dem- Munde seines Nachbars, daß der g r 8 ß t e j ü i 1 dis c'h e W e i s g d e r Zeit bei ihm abgestiegen sei und daß daher alle Welt komme, um. sich im Lichte seines Angesichtes zu1 sonnen. Der; Professor wurde sehr neugierig und''bat seinen jüdischen Freund, auch ihn dem Rabbi zufzuführen, da er ihm .eine mathematisch astronomische Frage vorlegen möchte. Es handle sich um ein schwieriges Problem; das die drei von ihm. geleiteten Akademien bis jetzt nicht lösen konnten. Wenn sich der jüdische Weltweise wirklich in allen Wissenschaften auskeime, so möge er auch hier-seinen-Geist erprobend : Rabbi HjTaköjb^Z Anliegen..'an! seiner^ .honen- (^äst heranjz^ aber die dritte Mahkeit zu Ende und auch; das. Abendgebet, verrichtet war, faßte er ein Herz und machte sdema"öaon klär, welche Heiligung des g'ttlichen Namens es bedeuten könnte, wenn er auf diese Art eine Probe der jüdischen Weisheit ablegte; Der Gäoh willigteein, und gleich nach der Hawdalah erschien der Professor' mit seiner Aufgabe. ,.'.-';.--; Der Gaon setzte sich an den Tisch, vollführte mit der Breifeder einige Zeichnungen, zog "einige. Figuren und überreichte das Blatt dem Professor, Wievon feiner höheren Botschaft gerührt, stand.? dieser auf, nachdem er einen Blick ins Blatt geworfen hake, . und drückte voller -Freude dem Rabbi die Hand. „Die Weisheit dieses Mannes *) Man nennt den Namen von Alex a nder . v. Humboldt. Da aber dieser Gelehrte erst 1769 geboren wurde,, zu einer Zeit also, da der Gaon 49 Jähre alt war,, so könnte sich dieses Treffen erst in den letzten Lebensjahren des Gaon abgespielt haben, nicht aber in seiner Wanderzeit. geht über alles Menschliche hinaus," lautete sein Urtil, als er sich von' Rabbi Jakob Zwi verabschiedete, ' - Am Sonntag morgen erschien eine Deputation der drei Universitäten im Hause des jüdischen Magnaten, um dem gelehrten Gast zu huldigen lind ihn zu bewegen, daß er hier bleibe und einen Lehrauftrag an einer der Universitäten annehme, Die Herren kamen zu spät, denn der Gaon war in der Nacht davongegangen, keiner wußte wohin. Der Gaon reist ins Heilige Land. Die Schlußetappe seiner Wanderung sollte das. H e i 1 i g e iL a n d sein. Von iKönigsberg aus richtete der Gaon ein Abschiedsschreiben an seine Mutter, an seine Frau und seine Kinder, das unter dem Titel „Alim Litrufah" uns erhalten ist. Der Brief lautet in seinen Hauptteilen: „Ich bitte euch, euch um meinetwegen nicht zu kränken, wie ihr mir auch versprochen habt. Viele Menschen durchreisen -weite Länder des schnöden Geldes wegen;* ich fahre, aber nach dem Heiligen Lande, dahin zu gelangen, doch die Lust und die Hoffnung aller ist. Mit dieser heiligen Lust im Herzen muß ich mein Heimweh nach euch, meinen geliebten Kindern und teuren Büchern überwinedn.. Ich bitte dich, liebe Frau, die Töchter so zu erziehen, daß über ihre Lippen niemals ein Fluch, eine Lüge oder ein Streitwort komme, sondern immer nur Worte der 'Liebe und des Friedens. Viele Mussarbücher in Jiddisch-; Deutschibefinden sich in meiner Bücherei, die sie lesen möchten, insbesondere sollen sie T'nach lernen, wie- Mischle und Koheleth, aber auch die S^t ü che d e r V ä t e r. Sie sollen alle Stätten meiden, wo Neid, Eifersucht und Leidenschaft herrschen, wo Bösrede und Spott gehört werden. Es ist darum besser,--daß sie zu Hause beten als im Bethause. Das Hütender Zunge ist mehr und wichtiger als alles Fasten undalle Kasteiungen.^Die Söhne, die im Lehrhause zum Guten ängehalten.werden, sollen auch auf ihre Gesundheit achten Und sich1 die nötige- Nahrung nicht ^entgehen, lassen. Stiel sollen darauf sehen^.^aUe^ Teile ypn T nach fast; auswendig zu beherrschen und sich dann erst in den Talmud vertiefen. Du darfst, Jiebe Frau, nicht kargen mit dem Lohne des Lehrers für die Söhne und immei ,sucheni die Freude der Kinder am Lernen zu steigern. Sie müssen an.alle guten Eigenschaften und Tugenden so gewöhnt w:erden, daß diese ihnen zur zweiten Natur werden. Demut, Liebe zu den Menschen,, strikte Ehrlichkeit und Respekt vor dem Alter stehen an der Spitze aller guten jüdischen Eigenschaften. . Bei allem tiefen Talmudstudium vergessen sie. nicht, auch die einfachen Müssarbücher zu lesen, mit dem Vorsatz, all die. Lehren auch genau einzuhalten. Sie hüten sich vor jedem bösen Worte, besonders vor Fluch und' Eid. Bis zu seiner .Todesstunde hat der Mensch an sich ,zui,^rbeif,en, seine Leidenschaften zu zähmen-und zu stillen," - -< ' -;-r* iL Im!Weiteren ermahnt der Gaoja seine Frau, ■ein Fünftel des kleinen Verdienstes für Almosen auszugeben,.-seine Mutter zu ehren und den Sab-; bat Stets feierlich zu begehen. Er beschwört seine Kinder, in Frieden und Eintracht miteinander zu leben, und bittet, daß sein Brief je am Sabbat beim Essen vorgelesen werde.. u ■ » .' j»; . ' " . i . ...; r "• 1 .' •' * ..... ■"'v^':E^zah^t.-wi:rä^ daß.Rer Gaonrnoch einen anderen Brief an einen Rabbi Leib* adressierte. Dieser Rabbi Leib gehörte einmal zu den reichsten^ und angesehensten Männern 'in Wilna. Et verlor, späterVsein ganzes;^n^ wurde so: arnv daß. er; sich in einem Dorfe bei Brodr u n g e k a n il t;5ftiedÖrließ uh-d jdört bei einem jüdischen 3ierbtäüer J|äl^ O f e n! h e i;z e r Bes^phäF^; tigühg!Ije^kam*• Als' cfer Bpte ins Rorf kam. und Rabbi Leib suchte, kannte keiner diesen Mann. Der Besitzer der Brauerei lachte laut auf, als man ihn nach einem „Rabbi Leib" fragte „Ein Leib Weiner ist wohl bei mir beschäftigt, einen Rabbi Leib kenne ich nicht." Wie aber der Brauer den Brief mit der eigenhändigen Anschrift des Gaon erblickte, erzitterte er. Noch mehr, als er auf der Anschrift die Worte las; „An den Mann G'ttes Rabbi Leib". Dieser Rabbi Leib, einer der „Sechsunddreißig", saß nach getaner Arbeit beim Ofen und betete still aus einem kleinen Tillimbuche. Rabbi Leib las rasch den. Brief durch und schüttelte verneinend mit dem Kopf. Der Bote wartete auf Antwort. Da öffnete der Ofenheizer den Mund und sprach nur einige Worte; „Sage ihm, es kann nich.t sein! . . ." W eitei* sprach er kein Wort. Ein ähnlicher Brief, so erzählt man, war an einen 'Wärschauer Wasserträger gerichtet, der ebenfalls zu den „Geheimen" zählte. Auch dieser entschied mit N e i n! '* * Ueber die Gründe, die den Gaon Veranlaßten, im letzten Augenblick von seiner Reise nach Erez Jisrael abzusehen und nach Wilna zurückzukehren, kursieren viele Versionen. Man erzählt, daß im Moment, da er das Schiff besteigen wollte, ihm sein Chumisch aus der Hand fiel. Als er es aufhob, hatte der Wind inzwischen die Blätter umgedreht und er las 'die Worte G'ttes an Moses; „Du wirst nicht überschreiten den Jordan,". Das galt ihm als Zeichen vom Himmel, liier zü bleiben. Andere wiederum sagen, in der Seele des Gaon Rabbi Elijah leuchtete, ein Funken von der großen Seele unseres Lehrers Mosche, so mußte er wie dieser diesseits bleiben. Er mußte da bleiben, wo sein Volk ihn am bittersten benötigte. Der Gaon in Wilna. Dauernd ließ sich Rabbi Elijah, nach Beendigung seiner Goluswanderung, in Wilna im Jahre .1748, im Alter von 28 Jahren, nieder. Die Gemeinde setzte ihm ein Stipendium aus, auf daß er sich-ungestört dem Studium hingeben konnte. Er lernte auch bei T^g bei Kerzenlicht hinter geschlossenen Läden, um sich besser zu' konzentrieren. Er schlief kaum zwei Stunden in der Nacht und seine fromme stille Frau Channah hätte Mühe, ihm in den kurzen Pausen etwas Essen aufzuzwingen, Einen Rabbiposten nahm er nicht an, wenn welche mit religiösen Fragen an ihn herankamen, schickte er sie zu den zuständigen Rabbinen, öffentliche Vorträge hielt. er nicht. Nur in seiner Klaus trr£ er zuerst vor einem kleinen Kreis einen Gemorp- und Mischnaschiur vor.; Der .^örerkreis. ^ber .'erweiterte sich dermaßen, daß die Räume der Klaus nicht mehr ausreichten, und in der;; ganzen Stadt erzählte man sich Wunder von der, Vortragsweise des jungen Rabbi. Wenn er eine Gemorostelle vortrug; s,o sagte, man, seien alle Schwierigkeiten, auf die die spätesten Kommentare hinweisen, behoben und alle Fragen von vornherein beantwortet. Trage er eine Mischna vor, so sei in seinen kurzen Worten der gesamte Inhalt der Gemoro zur Stelle enthalten, wenn er aber auch nur einen Thörasatz lehre, so wisse er mit wenigen Worten, alles hin einzubauen, was Mischna, Talmud und Dezisoren der Quelle entnommen haben, so, daß die Wurzeln des Baumes bloßgelegt seien und man dabei Stamm, Blüte und Frucht in ihrer organischen Entwicklung sehe ... \ Rabbi Schimon, der Senior der Wilnaer Dajanim (er war ein Schüler von Rabbi Jonathan Eibenschütz), war skeptisch. „Der Reiz der Neuheit," meinte er. Einmal bemühte sich