Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1935)
- Date
- 1935-08-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 35 Der Israelit 29. August 1935 Am Donnerstag nachmittag referierte Leib J a f f e über den Keren Hajessod. Er sagt, die heutige jüdische Position im Lande wäre ohne die vom K. H. durchgeführten großzügigen Arbeiten nicht denkbar gewesen. Nach Bildung des Permanenzausschusses wurde der Beginn dar Generaldebatte für Don nerstag abend angesetzt. Emwanderungsfragen. Luzern, 23. Aug. In dem dem Kongresse vorliegenden Berichte der Exekutive der Jewish Agency nimmt die Darstellung - der jüdischen Palästinaeinwanderung den größten Raum ein. Seit dem letzten Kongreß sind hunderttausend Neueinwanderer nach Palästina gekommen, so daß die Gesamtzahl der jüdischen Seelen in Palästina zur Zeit 335.000 beträgt. Die Bodenspekulation mit all den ihr anhaftenden Uebeln habe sich in noch nie dagewesener Weise entwickelt und den Zuwachs an jüdischem Landbesitz gehemmt. 1933 und 1934 wurden, abgesehen vom Huleh-Gebiet, rund 100.000 Dunam neu erworben. Das größte Kontingent der Einwanderer stellte Polen, an zweiter Stelle - kam Deutschland; minimal war die Einwanderung aus Sowf'etrußland, infolge der dort bestehenden Gesetze. Die Zahl der Arbeiter in Palästina ist im Mai 1935 auf 64.000 angewachsen. Von ihnen waren zu dieser Zeit 15.000 im Baugewerbe tätig und 22.500 in Industrie und Händwerk. Dagegen ist die Zahl der jüdischen Landarbeiter um diese Zeit nur von 5000 auf 6000 gestiegen. 4000 jüdische Arbeiter hätten in der Landwirtschaft noch Platz, die aber nicht zu haben sind, was eine Steigerung der arabischen Arbeitskraft bedingt. Die Gesamtzahl der Araber in den jüdischen Landwirtschaftsbetrieben ■wird auf 8000 geschätzt. Die landwirtschaftlichen Produkte reichen für die Bedürfnisse des einheimischen Marktes nicht aus, so daß die Einfuhr nachhelfen muß. Die Zahl der industriellen Betriebe ist 1934 auf über 4000 mit über 25.000 Arbeitern und Angestellten gestiegen. Von der kulturellen Arbeit wird mitgeteilt, daß Palästina jetzt 312 Schulen mit 1217 Lehrern besitzt (nationale Schulen). In den Krankenhäuser n herrscht Mangel an Belegraum, die Regierung hat zum Gesundheitsbudget, das 250.000 Pfund beträgt, nicht mehr als 100,000 Pfund beigetragen. Der Bericht des Zentralbüros für die A n s i e d - lung deutscher Juden umfaßt 90 Seiten. 25.000 ■Juden aus Deutschland haben nach diesem Berichte in Palästina ein neues Heim gefunden. Es wurde in erster Reihe ihre Eingliederung in die Landwirtschaft bewirkt und in zweiter Reihe half man ihnen bei der Ergreifung eines Berufes in Handwerk und Industrie. Bei aler Anerkennung der vom Oberkommissar für die Auswanderung gemachten Anstrengungen müsse festgestellt werden, daß sein Appell an die Regierungen und die öffentliche Meinung der Welt kaum ein Echo gefunden hat. * Die Generaldebatte. Luzern, 26. Aug. Am Donnerstag abend begann nach einem Referate Ussischkins über die Leistungen und Probleme des National tonds, in dem er am langsamen Tempo des Bodenerwerbes zu gleichen Teilen die englische Regierung, die Exekutiven und die zionistischen Massen verantwortlich macht, die Generaldebatte, die, wie die meisten Sitzungen und Verhandlungen, in hebräischer Sprache geführt wird. Josef Sprinzak für die Arbeiterpartei, die mit 61 Delegierten aus Erez Jisroel auf dem Kongreß vertreten ist, sagt, heute dürfe es nicht mehr heißen: „Eroberung der Gemeinden", sondern „Eroberung des Volkes!" Er wehrt sich entschieden gegen die Behauptung des Misrachi, die Jugend Erez Israels verletze die Religion, spricht sogar' von einer „ungeheuerlichen Verleumdung". In dem Maße, wie die zionistische Arbeit wachse, nehme die zionistische Gesinnung ab. Er polemisiert im Weiteren auch gegen" die Staatspartei. — Für die „Weltvereinigung Allgemeiner Zionisten" verlangt Dr.* N. Goldmann eine große Koalition. — Dr. Schwarzbart vom „Weltverband der Allgemeinen Zionisten" setzt sich mit der Politik der Linken auseinander, Das Organisationsdepartement der Exekutive habe die Jugend nicht geeinigt, sondern auseinandergetrieben. — Meier Großmann, der Wortführer der J u d e n st a a t sp a r t e i, spricht, wie immer, lang und scharf. Als er den Kongreß als ein „gut inszeniertes Theater" dahinstellt, erschallen Pfui-Rufe. Wie gering'der politische Einfluß der Exekutive sei, beweise die ewige Sorge wegen des Legislative Council. Redner fordert nationalen A r b e i t s d i e n s t "in E. J, Es sei für die Sicherheit Palästinas in einer Zeit,, da sich die Welt für neue Umwälzungen vorbereitet, nichts geschehen. Als Großmann das unter Weizmann stehende Siedlungswerk für die deutschen Juden kritisiert und fragt, was, außer der Kinderverschickung nach En Charod, geschehen sei und was Die Woche. Berlin. Als Sonderbeilage der Pommerschen nationalsozialistischen Presse erscheint unter dem Titel „Der Judenspiegel" eine umfangreiche Zusammenstellung von Aufsätzen, die sich mit der Judenfrage beschäftigen. Warschau. Bei den Wahlen zum Wiener Kongreß der NZO. kam es sowohl in Warschau wie in W i 1 n a zu schweren Zusammenstößen zwischen Revisionisten und anderen Gruppen. — In Bial.ystok stürzte bei einer Versammlung der NZO. eine überlastete Galerie ein, wobei fünf Personen schwer und 20 leicht verletzt wurden. — In dieser Woche sind aus Warschau zwei Transporte mit 900 Auswanderern nach Palästina abgegangen. Wilna. Nach sechstägigen Beratungen wurde die erste vom Wilnaer Jiddischen Wissenschaftlichen Institut einberufene Weltkonferenz für jüdische Wissenschaft, Kunst und Literatur geschlossen. London. Die „Gesellschaft der Freunde, Quäker" stellte ein Programm für internationale Auswanderern i 1 f e unter Aufsicht des Völkerbundes auf und stellte dieses den auswärtigen Aemtern aller Staaten zu. Jerusalem. Ein Polizeibericht meldet einen Zusammenstoß zwischen Arabern und Juden bei Kfar Tabun. Jüdische Arbeiter auf den Feldern wurden von Arabern mit Stein- . würfen angegriffen. Die Juden setzten sich zur Wehr und ein Araber wurde durch einen Schuß getötet. Zwei Juden wurden verhaftet. — Nach offiziellen Mitteilungen wird in diesem Jahre in Palästina eine Ernte von 8.500.000 Kisten Orangen und 1.500.000 Kisten Grapefruits erwartet. — Die Landwirtschaftsschule „Mikweh Israel" sieht auf ein 65jähriges Bestehen zurück, sie wurde bekanntlich 1870 von der Alliance Israelite Universelle gegründet. Das Internat beherbergt zur Zeit 400 Personen. — Die palästinensische Zweigvereinigung des Weltveibandes der Friedensfreunde hat auf . dem Skopusberg westlich der Hebräischen Universität ein zwanzig Dunam ^großes Grundstück zur Errichtung eines „Weltfriedenstempels" erworben. — Aus Aman (Transjordanien) wird gemeldet, daß in der Umgabung der Stadt Petroleumquel- 1 e n aufgefunden worden seien. Eine Ge- Seilschaft, die mit den Bohrungen beschäftigt ist, soll die Absicht haben, bereits im kommenden Jahre mit der Ausbeute der Quellen zu beginnen. New York. In Highstown (New Jersey) ist eine landwirtschaftlich-industrielle Siedlung für jüdische Schneider errichtet worden, die 200 Häuser umfassen soll. Die amerikanische Regierung hat eine halbe Million Dollar für den Ausbau der Siedlung überwiesen. man mit den gesammelten Geldern unternommen habe, entsteht ein großer Lärm auf der linken Seite. In den lauten Protesten gehen die letzten Worte Großmanns unter. Am Freitag vormittag wird die Generaldebatte fortgesetzt. Ein Redner der Arbeiterfraktion setzt sich mit Großmann scharf auseinander. Ein anderer von den „Allgemeinen" warnt vor Kultur- und Klassenkampf. Ein Vertreter des „Weltverbandes" gibt der Exekutive die Schuld dafür, daß die jüdische Arbeit in Palästina Not leide. —r Noch einmal das Problem der Ansiedlung deutscher. Juden berührt Rubaschoff von der Arbeiterpartei. Im Gegensatz zu Großmann begrüßt er es, daß die Kinder ausschließlich in Arbeitersiedlungen untergebracht sind. Kein Jude dürfe in E, J, als Fremder gelten und behandelt werden. Die Arbeiterschaft würde darüber wachen, daß sich kein levantinisches Händlertum in Palästina breitmacht. — Goldberg ruft im Namen der amerikanischen -Delegation Völkerbund und Mandatarmacht an, die Auswanderung.deutscher Juden nach Palästina zu ermöglichen, es müßten ihrer mindestens 200.000 in E. J. eine Heimat finden. Am Freitag nachmittag kommen Vertreter des „Haschomar Hazair" zu Worte, die das Primat der chaluzischen Einwanderung fordern.. — Das bekannte- Unterhausmitglied aus London, Barnett Janner, überbringt die Grüßender Palästinafreunde im englischen Parlamente. — S u c h o w i t z k y erklärt sich als Nichtsozialist mit allen Forderungen der Arbeiterschaft einverstanden, was ihm eine rauschende Ovation von der linken Seite einbringt. Die Freitag-Debatte wird kurz vor Sabbat mit einer Rede Dr. Grünbaums vom „Weltverbande" abgeschlossen. Nach' der Sabbatpause. Luzern, 27. Aug. Nach Sabbatausgang wurde die Generaldebatte im Plenum wieder aufgenommen. Der Permanenzausausschuß konstituierte sich und zog sich sofort zu Verhandlungen mit den Parteien über die Bildung der Exekutive zurück. ' Die Sitzung wurde eröffnet mit einer Rede von Robert S t r i c k e r , dem Führer der österreichischen „Judenstaatspartei", der vor der Einsetzung des Legislative Council wante und mit dem Artikel in der „Times" (siehe „Israelit" Nr. 34) sich auseinandersetzte. Die Prosperität in Palästina habe auch ihre Gefahren für die'Juden. Der Austritt der Revisionisten werde noch andere Abspaltungen nach sich ziehen.. — B. Zuckermann, Vertreter der amerikanischen Arbeiter, verteidigt die Exekutive und die Histadruth..— Rabbi I. K. Goldbio om, London fragt, Warum Misrachi immer noch nicht im Kongreßpräsidium sitze und in der Debatte schweige? — Berl Katzenelson polemisiert scharf gegen die „Judenstaatspartei" und formuliert klar die Stellung der Parteien zum» Council. Die Allgemeinen Zionisten seien bereit, in die Körperschaft einzutreten, wenn sie eine jüdische Mehrheit, aufweise, während die Arbeiterpartei jede Beteiligung-ablehne. Die A g u d a wünsche, daß erst eine Verständigung zwischen Arabern und Juden erzielt werde, bevor sie die Frage des Eintrittes erwäge. Redner begründet auch die Nützlichkeit des Transferabkommens. Mit der Landflucht der Arbeiter sei es nicht so schlimm, wie immer verlautbar wird. Am Sonntag morgen wird bekannt, daß die Nachtverhandlungen des Permanenzausschusses über die Bildung der Exekutive kein Resultat ergeben hätten. Es sprachen dann Vertreter aus Palästina und Frankreich. Die Pariser s e p h a r d i s c h e n Juden ließen durch ihren Delegierten die Bitte aussprechen, der Notlage der Sephardim in der Welt durch entsprechende Berücksichtigung bei der nächsten Schedule zu steuern. — D o h k i n verteidigt die Arbeiterpartei. — Kurt .Blumenf eld beleuchtet in längerer Rede-mit dem ihm eigenen Elan die Situation im Zionismus. Die Debatte zeige Mangel an Selbstkritik. Er spricht für eine große Koalition nicht allein auf der politischen Linie. Es müsse bei der Jugenderziehung ,so viel jüdisches Wissen erreicht werden, wie es der Misrachi wünscht, plus soviel soziale Denkart, wie sie die Linke erstrebt. Am Nachmittag befaßte sich Dr. M. Traub (Deutschland) mit der Alijah aus Deutschland. Er wünscht mehr Planmäßigkeit. — Dr. Mayer Ebner appelliert zum Zusammenschluß und wirbt um Verständnis für Misrachi. Das gibt dem Arbeiterführer K a p 1 a n s k y Veranlassung, sich über das Verhältnis der Arbeiter zum Sabbat auszulassen. Für d i;e A r - be.it.er bedeute der Sabbat eine g'roße soziale Errungenschaft und sei ihr als solche heilig, wenn sie auch sein em religiös en.Charakter nicht ganz gerecht we r d e. Es gäbe