Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1935)
- Date
- 1935-08-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 35 De v I s r a e Ii t 29; August 1935 große jüdische Kulturbewegung, pädagogisch hervorragend eingerichtete hebräische und jiddische Schulen, das berühmte jüdische Wissenschaftliche Institut, Bibliotheken, Lehrer-Seminare, 'dramatische und musikalische Studien usw., ein reges gesellschaftliches und parteipolitisches Leben; aber die Hauptsache fehlt: die Hoffnungen und die Aussichten für die Zukunft der heranwachsenden Jugend. Das Schicksal Kowiios entwickelte sich gatiz anders. Von einer kleinen russischen Gouvernementsstadt wurde Kowno, jetzt Kaunas genannt, die Hauptstadt eines selbständigen Staates, eines kleinen, aber tüchtigen und arbeitsamen Volkes. Kowno ist nicht mehr die kleine Nachbarstadt von Wilna, sondern ist auf sich selbst angewiesen. Das jüdische kulturelle Leben. in Kowno ist nach dem Kriege außerordentlich rege geworden, Die Befreiung des litauischen Volkes vom russischen Joch brachte mit sich auch die Befreiung und Gleichstellung der. litauischen Judenheit. Die religiösen Einrichtungen der litauischen Juden werden von der Regierurig respektiert und nach Möglichkeit auch finanziell-unterstützt. Der religiöse Geist wird in den verschiedenen Jeschiwos und in den Jawne-Schulen in Litauen aufs sorgfältigste gepflegt, der nationale Geist in den hebräischen Tarbuthschulen: und in den jiddisehistischen Schulen,; . Die wirtschaftliche Lage der litauischen Juaen ist In den letzten Jahren unter der Einwirkung der Weltwirtschaftskrise ziemlich kritisch geworden, aber ihre kulturelle und allgemein rechtliche Lage ist verhältnismäßig zufriedenstellend. Vor kurzem erschien allerdings auch in Kowno eine antisemitische Zeitschrift, sie wurde aber von den Behörden beschlagnahmt. Der Antisemitismus wird hier - h'offent lieh nie populär, werden, denn das Zusammenleben de^r jüdischen und christlichen Bevölkerung in den Städten und Städtchen Litauens ist verhältnismäßig gut. Während Wilna also von seiner Vorkriegsbe deutung viel verloren hat, ist Kowno von einer kleinen Stadt eine Großstadt geworden, auch in jüdischem Sinne. Die Weltwirtschaftskrise wird früher oder später ihr Ende nehmen, das Leben wird normal und die Bedeutung Kownos als jüdisches geistiges Zentrum wird ohne Zweifel noch größer werden. In der Intensität der hebräischen Kidturbewegung z. B. kann sich Kowno schon heute mit Wilna messen. ' Die litauische Judenheit kann auf ihre Kulturarbeit im unabhängigen Litauen wirklich stolz sein, um so mehr, daß trotz der jetzt herrschenden Depression und trotz des 'Umstand es, daß in den letzten Jahren der Zufluß von Hilfsgeldern aus Amerika fa.si gänzlich aufgehört'J hat, die litauische Judenheit aus eigenen 'Mitteln und mit eigenen Kräften eine riesige, planmäßige Arbeit auf allen Gebieten auch des jüdischen religiösen Lebens vollbringt. Korrespondenzen. Deutsches Reich. Ausschluß von Juden. Frankfurt a. M.( 26. Aug. B ä d e r : Nach-Meldung der „Frkftr. Ztg." werden in Bad Reichenhall an Juden reichsdeutscher Staatsangehörigkeit keine Kurkarten mehr äusgetsellt. Jüdische Aerzte werden aus der Liste des Kurvereins gestrichen. — Nach einem Berichte der;,Dresdener Neuesten Nachrichten" ist das gesamte S c h 1 o ß Aug ustusb ur g " jetzt mit einer Verbotstafel am Eingang für Juden gesperrt. H a n d e 1 und V e r k e h r : In Alsfeld (Oberhessen)- hat,-; nach Mitteilung der „Frkftr. Ztg.", der NS-Hago-500; Plakate mit der Aufschrift „Juden sind hier unerwünscht" anfertigen! lassen, die in allen arischen Geschäften, Gaststätten und Caf$s der; Stadt und des Umkreises angebracht werden. — In Fulda •hat, nach dem D. N. B., die Kreisbauernschaft die Durchführung des nächsten Viehmarktes übernommen, der vollkommen judenfrei sein wird. — In Görlitz ist, nach-IB.- T„ der .Beschluß r.gefaßt-; worden, auf dem Jahrmarkt:-die »jüdischen Händler^ajüv, zwei ' ^bestimmten Plätzen unterzubringen*. In' ,F;r a,n k e d- ' t h*ä 1 bei -Dürkheim:jsindy. nach, dem ^Völkischen Kjj- . ' rier", an allen Schaufenstern de?-' Läden Bekanntmachungen angebracht, daß)}Judefy nicht bedient werden.'• — In 5 e h w e r i niStadt :und Land, .weist;,die Kreisaintsleitüng ■ der NS-Volks Wohlfahrt;., endgültjg darauf hin, daß Volksgenossen, die geschäftliche oder gesellschaftliche Beziehungen zu Juden pflegen, keinerlei Unterstützungen mehr durch die NSV. erhalten. — In Mainz-Bischofsheim werden, nach einem Bericht der „Frkftr, Ztg.", sämtliche-Gemeindeäcker und Wiesen all denen gekündigt, die mit Juden Geschäfte machen. . Aehnliche Beschlüsse werden a^s.; dem Kreise D e tmo l d berichtet.;— In F;r-.a.u s t a d t., bei Schneidemühl / werden,;nach einer Meldung des Blattes „Der Gesellige", Handwerker und Gewerbetreibende mit Aufträgen' von der Stadtverwaltung •nicht "bedacht, die bei Juden kaufen, Verkehr mit ihnen pflegen oder Tochter oder Sohn in.,jüdischem 'Häusdienste belassen. _ Z u z u gsv erb o t :;Neue ZuzugsverflU.ote für Juden erließen, nach Zeitungsmeldungen, die Stadt Stauffen bei Freiburg, N e u Glotzow im Kreise Ruppin, die Gemeinden As e m i s s e n , Greste, Bechterdissen in Lippe und W a r s o w in Pom- " ■ f ' '■• -i mern.. Nach der „Frkftr. Ztg." haben die Betriebsführer der Lichtspieltheater in Äpo 1 d a , Bad B e r k'a und Blankenhain Juden den Zutritt zu ihren Lichtspieltheatern verboten. Ein ähnliches Ver-; bot für Juden erließ, nach der „Bayr. Ostmark", das „Union-Theater" in Coburg. Der „Mitteldeutsche" in Magdeburg berichtet, daß die Leitung der Magdeburger Straßeneisenbahnge seil schaff außer den Transparenten der NS-Hago, auch noch Schilder mit der Aufschrift ^Juden sind hier unerwünscht" an den Straßenbahnwagen anbringen läßt. Die Richtlinien für den Reichs verband der jüdischen Kulturbünde. - L Berlin, 17,. Aug, Zwischen dem Geheimen S t a a t s p o 1 i z e ir amt Berlin und dem Sonderbeauftragten des Reichsministers für Volksaufklärung und. Propaganda Dr. Goebbels, Staatskommissar Hink el,sind mit dem heutigen Tage — wie von zuständiger Stelle, mitgeteilt wird — eindeutige R i cht 1 i n i e n für die Tätigkeit des Reichsverbandes der jüdischen Kulturbünde im deutschen Reichsgebiet vereinbart worden. Diese Richtlinien besagen, daß nur noch der ,,'R e i c h s v e r b a n d d e r jüdischen. Kulturb'ü n d e Vi"(s'-den organisatorischen : -Zusammenschluß 'aller jüdi&cKen Kültürörgänisationenr im; gesamten Rei"chsjje<Dieridarstellen darf/' 8itz'der -verantwortlichen R^ichsleiturig 'des 'Reidhsverbändes ist Berlin. Sämtliche jüdischen Kulturorganisationen mit Ausnahme der Schul- und "Kultusgemeinden müssen bis zum 15. September,jd. .J.^eynschließlich dem Reichsverband eingegliedert sein und stehen von diesem Tage an unter der Leitung des von" Staatskommissar Hinkel eingesetzten Vorstandes i n Berlin. Ueber die Frage der Mitgliedschaft in einem lokalen Verband des" jüdischen Kulturbundes besagen die nunmehr von allen zuständigen'Stellen'genehmigten Richtlinien,, daß M i t g 1 i e d e r*'ln u r : Jü d en' o-tjL e r N^i, chtarier im' Sinne des Berufsbeamtengesetzes seih können. Jedoch können auch' Ehegatten-' von Mitgliedern eines jüdischen Kulturbundes, auch ' wenn sie-selbst arisch sind, einer solchen: ÖYganisa- ,. ' 'i' "■>:■■■■ r ■ ' -■;?• '; tion angehören. " ■ . Ueber die entscheidende Fragender Besclräft i g u n gij jüdis cIi e r Künstler 'im Rahmen dieser Organisation wirdL festgestellt, daß - nur ' Kultür- ' V.-l - - JtT" ' ' bundsmitglieder tätig sein können und daß "ebenfalls die sonstigen Teilnehmer an Veranstaltungen des Reichsverbandes jüdischer Kulturbünde Mitglieder dieser Organisation sein müssen. Daher haben diese Veranstaltungen den Charakter von „ g e s c.Irl o s s e - nen Veranstaltiingen", Für Personen ohne Mitgliedsausweis mit Lichtbild sind' sie unzugänglich. Ausnahmen können durch ■;den Sonderbeauftragten Hinkel genehmigt werden. Auch die Vortragsfolge jeder Art werden von der .Zentralleitung des Reichsverbandes nach Vorlage bei dem Sonderbeauftragten festgelegt. Sie. bedürfen dann nicht mehr der Genehmigung einer zuständigen örtlichen Dienststelle im Reiche, sbfern nicht besondere Verhältnisse eine abweichende Entscheidung erfordern. Vor Erlaß einer derartigen Entscheidung muß jedoch die -Stellungnahme des Sonderbeauftragten eingeholt werden. Die Richtlinien weisen die lokalen Organisationen des Reichsverbandes an, tunlichst Räume zu benutzen, deren Eigentümer, Mieter oder Pächter N i cht ar'i e v sind. Jede organisatorische Veränderung im Rahmen des Reichsverbandes muß vorher dem Büro des Staatskommissars Hinkel mitgeteilt werden, der; im Einvernehmen mit dem Geheimen Staatspolizeiamt Berlin hierzu die Genehmigung erteilt, Der Verkauf von Theater-, Konzert- und Vortragskarten ist auf den Mitgliederkreis des Reichsverbandes beschränkt, ebenso die Werbungauf' die ausgesprochen j üd i - sehen Zeitungen und Zeitschriften. Als Organ des Reichsverbandes jüdischer Kulturbünde wurden die. '„Mitteilungen des . Reichs Verbandes" - genehmigt. Für den redaktionellen Inhalt dieser Mitteilungen sind alle Personen in der Leitung der Berliner Zentrale verantwortlich. Es ist selbstverständlich, daß sich die Veranstaltungen des Reichsverbandes und aller ihm angeschlossenen Organisationen und der-_ Inhalt dieser; ^„Mitteilungen -des Reichsverbandes" in keiner Form, gegen den .nationalsozialistischen Staat, seine Einrichtungen und seine Gesetze wenden darf. Allen. Mitgliedern des Reichsverbandes jüdischer Kulturbünde ist die aktive oder unterstützende,. Betätigung auf künstlerischem und kulturellem Gebiete nur im Rahmen^ des kulturellen Eigenlebens des in Deutschland ansässigen Judentums erlaubt. Das D e ut s'ch-te: N a d Irri c lrttein;kür o " erklärt dazu: : '».•• - f -.. ■>>. „Durch die Richtlinien des Sonderbeauftragten Hinkel, - die nunmehr die vollinhaltliche Bestätigung durch das Geheime Staatspolizeiamt gefunden haben Und die Zu derhEinheitsorgaüisation -führen,-; sind die Möglichkeiten für die künstlerische Betätigung, nichtarischer Staatsangehöriger^ in i außergewöhnlichem •Maße gewachsetii Nunmehr -igt es Aufgajbj© der. Zentralleitung des Reichsverbandes:: jüdischer ., Kultur-r bünde, durch geeignete organisatorische Maßnahmen diese Möglichkeiten zu: .nützen und sich-der Verantwortung für den Anspruchauf Betätigung der nichtarischen Künstler im Rahmen dieser Organisation bewußt zu sein. , ... Die Richtlinien sind - Beweis dafür,:, daß, - der nationalsozialistische : Staat den, <nichf arischen ^Staatsangehörigen alle Möglichkeiten ziir> Betätigung ihresi kulturellen undikünstlerischen EigenlebenSi^ibt, wenn sie davon ablassen,,; sich1 in: das ,Kunst- und Kulturleben des deutschen Volkes-, offen oder: .versteckt -einzudrängen-»^^ > . \. , . I l!t{ . ' Ruckgang der jüdischen Schülerzahl m Preußen, -r ^'** -3 r '«».f. . ,? .f... ' > ' .» £ 1 ^Berli?n, 2\u Aug. Nach Mitteilungen - des- Preußischen--Unterrichtsministeriums, die das Nachrichtenblatt, des Nationalsozialistischen deutschen Lehrerbundes „Wirtschaft Und Recht" veröffentlicht, ist die Zahl .der. jüdischen Schüler und Schülerinnen in Preußen erheblich zurückgegangen, Ihre "Zahl -betrug, an den=, Volksschulen 1932 2L060, 1934dagegen nur. noch; 16.33:1, Daz;u kamen aW1 -den-1 privaten .-Volksschulen -4865 jüdische Sc'hülef - unds iSchülerinneii,::ünd; ran jd,en -ßff,en^lichen tind 'privä-tettT Mittelschulen 2144, >,ferner(;an.- den,. Rektorafss'chuten-weitere 388bjüdische Schüler und^Schülerinnen^ Insgesamt -gab;;es nach:-..der letzten offiziellen ~Zählung>J44 JöffentlicheA'jüdische •{Volksschulen.. An diesen-uriterrrehteten- Wl-k jüdische..Leh^^r und 25 jüdischefLiehrerinnön. Hierzujkomnien die :25fj>jivaten jüdischen Volksschulen. * >;,) ti