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Der Israelit · 1935-08-29 · Heft 35 (29.8.1935) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 35 (29.8.1935)
Date
1935-08-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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29. August 1935 Der Israelit Nr. 35 Seite 5 um ein Schisma alsbald verschwinden zu lassen. Es wird das Landsmannschaftliche wie eine Art Naturmacht sich zäher erweisen, als man glaubt und dem Angestammten und Anerzogenen immer wieder zum Durchbruch verhelfen, trotz des Sephardischen im Leben und Verkehr. Ist das ein Unglück? Ein heilloses Durcheinander? Keineswegs! Als eine Parallele mag die Tatsache dienen, daß seit alten Zeiten alle Landesgrenzen keine Sprachgrenzen sind in geographischem Sinne. Alle Grenzbewohner verkehren zweisprachisch miteinander. Eine peinlich strenge Trennung duldet das Leben nicht, besser gesagt: die Natur nicht. Die Verhältnisse erweisen sich auch hier stärker als mancher Paragraph. Nun noch ein Wort über hebräische Sprachkurse bei uns. Wollmann zeigte in der Artikelserie im „Israelit" jüngst — unseres Erachtens zum ersten Male — ein wirkliches System des Sprachschöpferischen im Neuhebräischen. Es ist im Fluß begriffen unter/der Wucht der Zeitverhältnisse. Ob man hier immer die glücklichsten Wege wandelt, scheint - auch Wollmann zu bezweifeln und interessiert uns auch nicht für die Frage der sogenannten hebräischen Sprachkurse in Deutschland. Vom unterrichtstechnischen Standpunkte aus ist dazu Folgendes zu sagen. Das Hebräische ist für das in Deutschland geborene jüdische Kind genau s o eine F r e m dspräche wie das Französische, Englische, Italienische usw. Naturgewachsen ist ihm nur die deutsche Sprache, in der es täglich und stündlich spricht, denkt, hört, verkehrt, liest, schreibt. Gegen Naturgegebenes stemmt man sich vergebens. Als jüdisches Kind ist dasselbe durchaus nicht von Natur aus mehr prädestiniert für das Hebräische als Fremdsprache als für das Lateinische und Griechische, "f? n^W ni'Hff- Es muß genau so „neu" lernen, daß rvafl das Haus heißt wie k maison, riSIP Sprache wie langue. Da hilft nichts. -Ob es sich um Vokabeln handelt oder um sprachliche Formen oder grammatische Regeln, auch wenn diese noch so elementar vermittelt werden. Es sind genau die gleichen Schwierigkeiten zu überwinden wie bei jeder uns fremden Sprache. Daher. die allzubekannte und allzuhäufige Erscheinung, daß die Zahl der Teilnehmer an hebräischen Sprachkursen nach einiger Zeit sinkt und sinkt, bis zuletzt noch die Hälfte, ein Drittel, ja ein Viertel der Schüler sich einfindet. Nicht der Lehrer ist schuld, nicht seine Methode, nicht das Lehrbuch, sondern der immerhin spröde Stoff. Oft springen die am ersten ab,, die am lautesten riefen: Ich lerne jetzt Iwrit". Sie finden bald heraus, daß das keine Art Sport ist, sondern ernste Arbeit. Es kann Der Totenpsalm Durchzittert die Stille, Trauermelodien Durchklingen die Luft. Alle Gräber sind besucht, Keines vergessen! Die Tränen getrocknet, - Geht es heimwärts, dem Leben zu! Eugen T is c hl e r-Grabow. Wieviel Juden gibt es in der Welt? Die „Living Ghurch" veröffentlicht eine Zusammenstellung der Zahl der Angehörigen der verschiedenen auf der- Erde verbreiteten Religionsgemeinschaften. Die Zahl der Juden wird auf 16.140.000 angegeben, die der Chinotoisten auf 25 Millionen, die der Anglikaner auf 37096.000. Protestanten werden 169.804.000, römische Katholiken 331.500.000, griechisch-orthodoxe 144 Millionen , und die koptischen Christen 10 Millionen, insgesamt 692.400.000 Christen gezählt. Die Mohammedaner sollen 209.020.000 Menschen umfassen, die Buddhisten 150.180.000, die Hindus 230.150.000, Konfuzianer und Taoisten 350.600.000, die Animisteri 135.6.50.000, verschiedene andere 50.870.000; Nichtchristen im ganzen 1.167,610.000. Wie es geschrieben steht . . In einem Reformtempel sah ein 'Fremder am Wochentage nur zwei Kategorien von Betern: Bezahlte Minjanleute und „Trauernde", die Kaddisch sagten und den erstereii Gäben in die Hand drückten. „Ganz wie es im ii'S^ Star heißt," sagte der Gast, '^vip pöNi iwi v^^pm „die einen neh- -m e n , die; anderen sagen „ K a d d i s c h " . . nur Bescheidenes, sehr Bescheidenes geboten werden. Das erkennen, heißt nicht Miesmacherei und Ablehnen in Bausch und Bogen. Ein Kurs ist seiner Natur nach, stets nur ein Notbehelf, trägt den Stempel des Unvollkommenen an der Stirne. Er soll über die ersten und gröbsten Schwierigkeiten hinweghelfen. In E. J, selbst, im Leben, im Umgang, dort, liegt die beste Gewähr für die 'naturgemäße Erlernung des Hebräischen, des Sephardischen. Auch hier gilt die Parallele mit jeder andern Fremdsprache. Die dort geborenen Kinder werden das Hebräische stets besser sprechen als eingewanderte Erwachsene, -die erst „umlernen" müssen, was bekanntlich schwerer fällt. In Deutschland selbst dürfte sich das ^Sephardische nur schwerlich durchsetzen. Es liegen Urteile von maßgebenden Männern und Instanzen vor. Schule und G'tteshaus aber hier in Gegensatz zu einander bringen zu wollen, wäre ein unheilvolles Durcheinander und pädagogisch geradezu eine unverzeihliche Sünde. In beregtem Artikel der Nr. 32 wurde auch der Begriff E?*7j?n ]Wb> „Heilige Sprache" berührt. Indem wir uns vorbehalten, noch darauf zurückzukommen, sei für heute nur bemerkt: Das Hebräische wird die „Heilige Sprache" bleiben, nicht w e i 1 es auf der Straße gesprochen wird, sondern trotzdem es auf der Straße gesprochen wird. * Zu diesem Thema schreibt uns noch Dr. J. Jakobovits, Rabbiner der Jüdischen Gemeinde in Berlin: „Schon in einer der letzten Nummern Ihres gesch. Blattes haben S;ie durch einen Satz angedeutet, daß in unseren Synagogen die sephardische Aussprache eingeführt werden könnte und in Ihrer jüngsten Nummer hat Herr Dr. E. Fink die Feststellung gemacht, daß die ^"in sich ausschließlich der sephardi- Yon G—n. Vor dem Weltkriege war Wilna das geistige Zentrum des litauischen Judentums, das litauische Jerusalem. In allen Fragen des jüdischen Kulturlebens, in allen Problemen nicht allein des litauischen, sondern des gesamten rußländischen Judentums war Wilna ebenso tonangebend wie Warschau. Ebenso wie Warschau war Wilna der „Merkas ruchni", der geistige Mittelpunkt des russischen Judentums. Gewaltige jüdische Kulturwerte wurden m Wilna geschaffen und die kleine Stadt Kowno, mit ihrem regen aber bescheidenen jüdischen Kulturleben, war knapp 100 km von Wilna entfernt, fühlte sich wie eine jüngere Schwester, wie ein kleiner Punkt im Schotten des Riesen. Gewiß, auch in Kowno pulsierte ein intensives jüdisches Leben, auch hier blühten von jeher jüdischer Geist und jüdische Wissenschaft, es genügt nur die berühmte Jeschiwo zu erwähnen, die alljährlich junge Rabbiner, darunter viele Zierden des jüdischen Geistes, nach vielen Städten nicht nur Rußlands, sondern auch Europas und Amerikas schickte, aber mit Wilna, dieser jüdischen Großstadt, mit ihren vielen jüdischen Verlagsdruckereien, Instituten und Schulen konnte man vor dem Kriege Kowno nicht vergleichen. Es kam der Weltkrieg und die russische Revolution „und. aus den . entlegenen russischen Gouvernements wurde ein selbständiger litauischer Staat, dessen Gründung von der jüdischen Bevölkerung aufs freudigste begrüßt wurde. Kurze Zeit darauf wurde Wilna von den Polen besetzt, während Kowno die provisorische Hauptstadt der litauischen Republik wurde.' Von diesem Zeitpunkte trennte sich der Weg beider litauischen Städte. Zwischen Polen und Litauen besteht bis zum heutigen Tage kein Grenzverkehr, keine Eisenbahn, keine Postverbindung. Litauen lebt im Kriegszustände mit Polen und auf den Auslandspässen der litauischen sehen Aussprache bedienten und daraus die Folgerung gezogen, daß die Eltern sich umstellen sollen und das Sephardische hier zu Lande als Gebetsprache eingeführt werden solle. Von zionistischer Seite wird, wie Ihnen bekannt sein dürfte, die Aenderung unserer aschkenasischen Aussprache derzeit stark forciert. Ich bin nun außerordentlich darüber erstaunt, daß Ihr gesch. Blatt in dieser Streitfrage' einseitig Stellung nimmt, ohne zu bedenken, daß vor allem die hala.ehische Seite, die m. E. gegen die Aenderung der Aussprache entscheidet, herangezogen werden müsse." Dazu bemerkt Herr Direktor Dr. Fink: Zu vorstehendem Briefe habe ich nur zu sagen, daß eine weitere Behandlung des Problems mir nur erwünscht ist, auch wenn sie zur begründeten Widerlegung meiner Beweisführung führen sollte. Man darf mir nur nicht unterschieben, was ich gar nicht gesagt habe. Ich habe z. B. nur gesagt, „außer Zweifel gestellt ist, daß unsere Q'aan sephardisch gesprochen haben"; ausschließlich dagegen habe ich nicht gesagt. Die Hinfälligkeit meiner Beweisführung muß belegt werden durch eine anderweitige Erklärung für mpW2 auw und f?TlS *\ttT\' die nicht nur besser einleuchtet als die meinige, sondern diese letztere als gänzlich unbrauchbar erweist. Entsprechendes gilt auch für tnb mü nam ma au? n:n> Die Forderung, daß das Sephardische hier z u L an de als Gebetsprache eingeführt werden solle, findet sich in meinem Artikel nicht. Ichgebe allerdings zu, daß ich vor einer etwaigen Folge, die später einmal nach dieser Richtung eintreten wird, wenn die ausschließlich sephardisch unterrichtete Jugend in unsern Synagogen schalten und walten wird, vor einer solchen Folge schrecke ich erst dann zurück, wenn sie halachisch als unzulässig erwiesen ist. Bürger steht der Vermerk: „Gültig für alle Länder mit Ausnahme Polens". Wilna wurde eine entlegene polnische Provinzstadt, deren wirtschaftliche Lage immer katastrophaler wurde. Besonders litt davon die jüdische Bevölkerung, denn 92 Proz. des gesamten Handels liegt in Wilna in jüdischen Händen. Die Genossenschaftspolitik der polnischen Regierung, die, obwohl frei von antisemitischen Tendenzen, doch in erster Linie die jüdischen Kaufleute in Wilna und in den jüdischen Städtchen des Wilnagebiets trifft, ruiniert buchstäblich den jüdischen Handel. Die Krise der polnischen Landwirtschaft, die Verarmung des polnischen Bauerntums und die Genossenschaftspolitik der Regierung vernichten materiell das Wilnaer Judentum. Auch das Bestreben der polnischen ' Regierung, gewisse Wirtschaftszweige zu verstaatlichen, was an und für sich eine normale Erscheinung ist, trägt dazu bei, daß die Lage der polnischen und darunter auch der Wilnaer Judenheit immer katastrophaler wird. Die größte Tragödie ist aber die materielle und die geistige Not der jüdischen Jugend. Ohne festen Boden unter den Füßen, ohne Hoffnung für die Zukunft, ohne Aussichten auf Arbeit, denn alle Berufe sind überfüllt, bleibt einem Teil der jüdischen Jugend nur ein Ausweg—die Auswanderung. ' Gewiß ist es nicht die Schuld der polnischen Regierung, daß die Lage der Jnd&n in Polen so kritisch geworden ist, auch die nichtjüdische Bevölkerung hat unter der Krise schwer zu leiden, aber die Genossenschafts- und Verstaatlichungspolitik der polnischen Regierung trifft in erster Linie den. jüdischen Kaufmann. Ein Teil der nichtjüdischen Bevölkerung hat wenigstens die Möglichkeit, sich auf staatliche Stellen einzuordnen, für die Juden besteht aber diese Möglichkeit nicht. Wilna ist eine arme Stadt geworden. Selbstverständlich gibt es auch heute in Wilna eine Wilna und Kowno.

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