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Der Israelit · 1935-08-29 · Heft 35 (29.8.1935) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 35 (29.8.1935)
Date
1935-08-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 35 D e r I s r a-e I i t 29. August 1935 dann der zweifelhafte Ruhm zuteil werden, als erste den Weg zum organisierten Abfall .erschlossen zu haben, und andere Gemeinden werden folgen; denn die letzten Vorgänge in Wilna zeigen, daß man auch dort in gewissen Kreisen nur auf die Parole wartet, Wenn die Herren glauben, sich dabei auf die „orthodoxen Austrittsgemeinden" in Deutsch' land berufen zu können, so sei an die Umstände zu erinnern, unter denen jener „Austritt", „der ja nur ein Wiedefanschluß an die jüdische Gesamtheit war, vor sich ging. Ausgetreten waren und aus der jüdischen Gesamtheit ausgeschlossen haben sich in Wahrheit jene Männer, die, im hellen Lichte der Emanzipation, nicht allein für ihre eigene Person sich von allen jüdischen Bindungen emanzipierten, sondern durch die Gründung der Reformpartei und Einführung des Reformg'ttesdienstes dem Abfall organisatorischen Ausdruck gaben. Die Treugebliebenen waren da, waren verurteilt, am Rande der. Gemeindeorganisation ihr thoratreues Leben zu führen und wurden von den Führern, denen S. R. Hirsch Weg und Richtung zeigte, wieder gesammelt. Der Anschluß an das alte Judentum, war auch in seiner äußeren Form gerettet. Von „Separatismus" sprachen die Anderen, die eigentlichen Separatisten. Denn konnte man den religiösen Juden der furchtbaren Gewissensnot aussetzen, sich an einem G'ttesdienste zu beteiligen, bei dem seine religiösen Gefühle stumm blieben? Konnte man ihm zumuten, von religiösen Institutionen Gebrauch ZU machen, die ihm keine Gewähr für die religiöse Zuverlässigkeit boten, von Leuten betreut wurden, die die alten Ehe- und Speisegesetze als veraltet und abgetan betrachteten? Kann es aber auf der anderen Seite für einen liberalen Juden als Gewissenszwang angesehen werden, Wenn er in die Lage kommt, mit einem orthodoxen Juden nach alter Tradition zu beten, in seinen Heimen oder Spitälern koschei zu essen? Hier können Austrittsgelüste lediglich nur aus politischen Erwägungen entstehen. Religiöse und Gewissensbedenken kommen hier nicht in Betracht, und darum wäre hier ein Austritt ein wirklicher Austritt, eineTmn p WnE' für die man Präzedenzfälle nicht in der neueren jüdischen Geschichte in Deutschland, sondern in viel früheren Epochen der Geschichte zu suchen hätte, in der Zeit der Hellenisten, der S a d d u z ä e r un d K a r ä e r . . . Wir wollen es den Warschauer Herren zu bedenken geben, ob sie den Ruhm für sich in Anspruch nehmen wollen, ein neues, Trauerdatum in der Geschichte der polnischen Judenheit zu schaffen! „Tradition und Religion." Wir haben vor kurzem an dieser Stelle von der liberalen Offensive in Palästina gesprochen. Sie wurde auf der Weltkonferenz des religiös-liberalen Judentums in Haag beschlossen,^ auf der auch die radikale amerikanisch-englische Observanz gut vertreten war. Sollte sich der liberale Segen von Amerika aus über Palästina ergießen, so kann man aus einem Artikel in der letzten Nummer der „Mitteilungen der jüdischen Reformgemeinde" zu Berlin, verfaßt von einem „Rabbiner" sich nennenden Herrn Dr. Julian Morgenstern in Cincinnati, klar ersehen, von welcher Art und welchem Geiste die liberale Arbeit in Palästina getragen sein wird. In einer „geschichtlichen Exkursion" mokiert sich Herr Dr. Morgenstern zuerst ein wenig über diejenigen, die da glauben, daß „alles, was wir Religion nennen, von Moses stamme" und über die 613 Gesetze, die seiner Meinung nach, in der Theorie zu viel und für das Leben, das die jüdische Religion in all seinen Fächern mit Beschlag belegt, zu wenig seien. Ihm fehlt die „historisch wissenschaftliche Grundlage" dafür, daß die Tradition von Moses stamme. Ihm fehlt, wenn man die langatmigen, oft zusammenhanglosen Ausführungen liest, . noch manche andere historisch-wissenschaftliche Grundlage. Es klärt sich der amerikanische Morgenstern erst richtig auf gegen Schluß des Elaborats, der eine Art Predigt an diejenig-en ist, die „auf das Land ihrer Sklaverei zurückstarren-und sich nach den gesprengten Fesseln überlebter Glaubensvorschriften und abgelegter Gebräuche zurücksehnen, den Glauben und den religiösen Eifer der. Väter bewundern oder gar den stillen. Wunsch hegen, daß ihre Kinder gleich jenen Vätern wefden." Herr Morgenstern wünscht von~_der jungen Generation stattdessen „den Glauben an sich selbst", Ausblick statt Rückblick. „Die Vergangenheit ist tot für immer und das Morgen winkt ohne Ende." Der Morgenstern auch: „nach dem gelobten Lande der Wahrheit, des Wissens und des Glaubens für das ganze Menschengeschlecht." Wir wundern uns, wie wenig die Herren auf den amerikanischen Kanzeln in den sieben oder acht Jahrzehnten hinzugelernt haben. Palästina aber, das bald, nach dem Haager .Beschluß, Versuchsboden für diese Ideen und Phrasen abgeben soll, sei gewarnt! flsefifonasiscfi oder Sepfiardisdi?*) Von A, Mannheimer in Dettelbach. Der „Israelit" brachte in Nr. 32 unter obiger Ueberschrift Ausführungen, zu denen die Stellungnahme erfahrener Pädagogen gewünscht wird. Das soll in folgenden Zeilen in Kürze geschehen, wobei wir allerdings uns zu bemerken gestatten, daß wir die heutigen Gedankengänge schon längst zuvor einmal zum Ausdruck gebracht haben. Im Leben darf ja manches zweimal gesagt werden, insbesondere wenn der Zwang äußerer Verhältnisse -und die Erfahrung das Feld klarer überschauen lassen. Zunächst stimmen wir vollkommen dem Verfasser jenes Artikels bei, daß man in E. J. offiziell das Sephardische aufrecht erhalten wird. Es bleibt also nichts anderes übrig, als es ZU erlernen. Wir glauben aber mit gutem Recht annehmen zu dürfen, daß sich neben dem. Sephärdischen auch das Aschkenasische erhalten wird. Nicht nur vorläufig. Zu mächtig sind die Faktoren, die hier mitbestimmend sind: Oren und Lernen, um es landläufig zu sagen. Welche Inj *) Siehe auch Literarische Beilage in Nr. 34. tensität in der Wirkung und Auswirkung hier in Erscheinung tritt, haben keine Geringeren als Bernfeld und Bialik direkt und indirekt zugegeben, indem sie das „Lernen", die jüdische Quellenforschung für ein rechtes Sprachgefühl und Sprachverständnis im Hebräischen maßgebend und grundlegend voraussetzen. Und dieses „Lernen" wird sich in abeshbarer Zeit noch im a 1 ten Stil und Ton behaupten, im Aschkenasisch; einerlei ob im polnischen oder deutschen Idiom. Eine Art Dilemma, ein Schisma wird die Folge sein auf diesem Gebiet. Hat sich doch auch das Polnische, das Französische in den einst bei Deutschland gewesenen Gebietsteilen erhalten trotz der amtlich offiziell eingeführten deutschen Sprache. Die Flamen, die Sudeten deutschen, die siebenbürgischen Schwaben sind Gegenstücke. Man wende nicht ein, daß dort, wo es sich um nationale Momente handelt, die politisch ausgenützt werden, die Ursprache stich mit größerer Zähigkeit erhält, während beispielsweise in Amerika oft schon die zweite Generation sprachlich sich assimiliert. Der neue Jischuw aus der Diaspora ist zahlenmäßig denn doch zu stark Einblicke in die laufenden Wochenabschnitte. mm ivnvn iVipa-. vvzvn "ivmn nsi isi'n insi w^n '« "\ '"im? ■ppa-jfi iai iiia»n (M. V, Kap. 13, 6.) Sechs Mahnungen, mit denen auf die sechs Ordnungen der Mischna und Gemoro hingewiesen sein kann. 1. „Euerem G'tte sollt ihr nachgehen!" In n»snj sind all die Gesetze enthalten, denen man nachgehen muß, die mühsamen Weg erfordern. Muß man doch die Trumo- und Maaßergaben, wie die Erstlingsfrüchte zur heiligen Stätte nach Jerusalem bringen. 2. ,,Und Ihn sollt ihr fürchten!" Die Sabbat- und Festtagegesetze und all das, was im no tyin gelehrt wird, dienen einzig zur Befestigung der G'ttesfurcht und der G'ttesliebe in unserem Herzen. irtji 't?Tj?ai mnwn 'mwi? pk 3. .,Und Seine Gebote sollt ihr hüten!" Hüten, warten, zählen, Zaun um Zaun legen, es ist dies der Sinn und der Inhalt aller das jüdische Eheleben betreffenden Gesetze im a»w no. 4. „Und auf Seine Stimme sollt ihr hören!" „Hören, folgen, fügen sollen wir uns in allen Dingen, die zwischen Mensch und Mensch scheiden, der Stimme G'ttes, die aus der Entscheidung des rabbinischen Gerichtes spricht. Werden doch die Richter in der Schrift dreimal D">p^K genannt. Es kann dies nur ein Hinweis auf TP^S *no sein. 5. „Und Ihm sollt ihr dienen /" G'tt dienen, das Wesen der musr, wie sie in ihrer schönsten Blüte im Tempel und am Altar zur Auswirkung kam, lernen wir aus D'snp no- „ . - \ 6. Zuletzt aber heißt es; „Und Ihm sollt ihr anhangen!" Wir schließen uns G'tt an, rücken ganz nahe an Seine Lichtsphäre heran durch ein Leben der Reinheit, also durch Beherzigung der Lehren des jvnno no. Die Aeltesten der Stadt, in deren Nähe man den unbekannten Erschlagenen gefunden hat, bekennen: •im sb u'j'yi nrn am nn issw vb ivv „Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen und unsere Augen haben nichts gesehen! ' Nichts getan und nichts gesehen, und dennoch Opfer und Sühne und Bekenntnis? Diese Rechtfertigung ist zugleich Selbstanklage. Unsere Hände haben das Blut nicht vergossen — aber „unsere Augen haben nichts gesehen!" Hätten wir nicht als die Verantwortlichen die Pflicht gehabt, ja.zu sehen, die Augen offen zu halten, um solche Verbrechen zu verhindern? /"»i{> mann winusi bemerkt die Mischna (Sota) zur Stelle, und sieht damit die Schuld der Führer darin, daß sie sich des armen Wanderers nicht in dem Maße gastlich und hilfreich angenommen hätten, daß er von seinem Schicksal hätte verschont bleiben können. Kann das nicht der tiefere Sinn der bekannten Talmudstelle sein, wonach J o s s e f bei der Aussöhnung an die nöin» rbiv, an dieses Kapitel des Kalb opfers an der Stelle des Mordes, denkt und den Va ter erinnert? Wer schuld an jener Tragödie des Bruderhasses sei? Alle, die Brüder und Jossef un nicht zuletzt auch der alte Vater selbst, dessen Hände wohl nichts taten, dessen Augen aber nich wachsamgesc ha ut hatten. - Kleines Feuilleton, Elul-Besuch. Du Garten des Todes, Du Friedensstätte einer ganzen Welt, In dem sonst nur das Rauschen der Bäume Vernehmbar, ist heute Leben! Der Weg, der aus dem Städtchen Zu dir führt, ist belebt, Denn die Ueberlebenden, Sie finden sich ein. Ich höre das Geräusch Des Schlüssels im Schloß, Höre das Knistern der Türe, Hör leises Geflüster. Von Grab zu Grab Sehe ich sie schreiten — Erinnerungen flammen In Gedanken auf. Gebete werden gesprochen. Aus des Herzens Tiefe Dringen sie empor.

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