Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1935)
- Date
- 1935-08-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450858-2450892--81504-2539402- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
29. August 1935 .Der I s ,1 i t Eine Verpflichtung zur Ganzheit. (Fortsetzung von Seite 1*) Kinder;NBeschämungstränen lernen ihre Augen in einem Alter kennen, in dem wir noch uns geborgen wußten in jugendlicher Weltliebe, dem Geheimnisse des D^W-^ma^STder heiligen Sprache. Inj die Nacht des Völkerstreites wachsen sie, :~-t- und wir, :— haben wir ihnen die Thörä zum Liede werden lassen, das Heim und Seele erhellt? Oder ist ihr Lied das der Fremden und die Thora ihnen eine; „Fremdsprache", ein „Geringes hier, ein Geringes dort?" (Jes. 28, 10, 3.) War ein solches- Teil-Wissen und" Sttiekweric-Kennen dec- Thora schon" in guten Zeiten nicht zum Segen, so ist es in den nächtlichen Zeiten erstrecht lebensnotwendig, g a nze Arbeit zu leisten und die Thora in liedgleicher Harmonie des ganzen Lebens zu erforschen und zu erfüllen, damit sie ein Ganzes werde. Eine Ganzheit aber, die als Lebenslied uns erfüllen, soll, darf "auch an den Pforten des du n k 1 e.n R e icEes in Uns nicht haltmachen, sondern muß uns im Bewußten und auch im Unbewußten erfüllen. Gerade im Inneren der Seele läßt sich kein Schaden „lokalisieren", sondern dort greift jede Krankheit um sich Im äußeren bewußten Leben mag es „Fächer" geben, die sich gegeneinander abgrenzen, und da mag der " Eine auf diesem, der Andere auf jenem Gebiete versagen oder, etwas leisten. Im Inneren aber zieht „Sünde Sünde nach sich," und niemand kann sagen: „Frieden werde ich haben, denn nach der 'Willkür meines Herzens will ich wandeln." Die sündigen Gedanken sind folgenschwerer als die sündige Tat. A1 s d e r A11g ü t ige unseren E rzvater zur Reinh e i t a u s e rwählte , b e durfte es nicht des An ruf es „Sei r ein! " , so n d ern „ S e i ganz! " D enn AI 1 s e i t i g k e i t der g e ist i g e n L e is t u n g verbür g t. auch R e i n h ei t der S e e 1 e. Disharmonien dürfen wir in unseren Seelen nicht 'belassen, Das gilt im Verneinenden wie im Bejahenden. Ist es wahr, daß manche einzelne Landsmannschaft der gesetzestreuen Judenheit auf einem gewissen Gebiete des Thorawissens oder der Thorabefolgung nicht himisch-ist? Dann wäre es höchste Zeit, daß diese Gemeinschaft dem Ganzen des Volkes Israel sich wieder ^einordnet und von anderen Landsmannschaften das Vergessene neu hinzulernt, das ~~ Vernachlässigte aufs Neue pflegen lernt. Mag es sich im einen Lande um die Sitten der Jugend, im anderen um die Kenntnis des Thorarechts, in andejren um dessen Befolgung handeln; es ist keine Zeit für,,Spezialfächer, für „ein Geringes hieri ein Geringes dort." Ein Ganzes an G'ttgehorsam soll überall herrschen, ein Lied, das die; Nacht durchklingt, die Nacht unserer äußeren Not. Nirgends sojl n)|an Irag^n können: „Wo. ist G'tt, mein Schöpfer?" Ueberall in Israel soll das Lied der heiligen:rLebensharmonie der Thora hv dieser Nacht der Not zu verspüren sein, so daß überall jeder jüdische Bruder auf der Flucht bei seinem Bruder nicht nur das selbstverständliche offene. Herz und. das ebenso selbstverständliche offene Hausfindet, sondern auch den heimischen Wohnsitz des G'ttes unserer Väter. Wohl gibt es einen Eigenwert jeder jüdischen Landsmannschaft im ganzen Erdenrunde. Und es ist sicherlich in heutiger mehr als in jeder Zeit unsere Aufgabe, in jedem Lande aus unserem besonderen Geschicke und aus den besonderen Geisteswerten der Umgebung die richtigen Lehren zu ziehen. Doch das Allgemeinjüdische muß die Oberhand in uns behalten. Und am teuersten muß uns diejenige schmerzliche Galuth-Erfahrung bleiben, welche uns kritisch gegenüb er a 11 e mTG ' t tf e i n d I i c h e n in unserer Umgebung gestimmt haben würde. Diesen Eigenwert an Erfahrung dürfen wir getrost liebevoll pflegen, denn er gerade lehrt uns neues Vertrauen zur ganzen Lehre G'ttes und der Weisen. Die Zeiten des Spezialistentums sind überall im Abdämmern: Eine zeitgemäße Sprachenkunde kann nicht mehr ohne die Ergebnisse der Seelenkunde ihre Wege gehen, — und die streng wissenschaftliche Heilkunde ist wider Willen auf die Lehre vom Geiste gestoßen worden, der sich den Körper baut. Und da dürfte es auf den Gebieten der Thoraf orschung und -Befolgung Spezialismen, Landes- oder Personen-Eigenheiten geben? Es herfestelt, und die Nächte werden länger, sowohl in der Jahreszeit als in der Kulturepoche. Das Lied der Thora ruft zur Umkehr, zur Buße und zur, Besserung, zur Ausfüllung von Lücken, zur Erneuerung der Seelenharmonie. Das Elulhorn weckt und mahnt. Und der Allgütige horcht auf „das Flehen der Stehenden, da es noch Nacht ist," Nacht im Himmel und auf Erden. Wir prüfen uns vor Ihm, und Er prüft uns und zieht ans Licht unser Recht) ans Licht eines Jahresbeginns, von dem wir einen neuen Weltenmorgen erhoffen. WochenrundsGhaii, Vom „Noar Agudati", Die Leitung des Noar Agudati, deren Zentrale sich im Frankfurter Beth Chaluz, Schwanenstr. 12, befindet, hat soeben ein informatives Rundschreiben an ihre Gruppen erlassen, das auch für den Kreis einer weiteren Oeffentlichkeit mancherlei Interessantes und Wertvolles enthält. Es wird zunächst über die Zusammensetzung und die Arbeitsweise der vom Noar Agudati zusammen; mit der Palästina-Zentrale geschaffenen H a c h s c h a r a - K i b b u z i ni in Mergenth e i m j: S i e g b u r g , Enschede in Holland, sowie über das M ä d c h e.n s e m i n a r in Hambürg, das B e t h Chaluz in Frankfurt^' und das B e t h Chin nuch berichtet. Das Beth Chinnuch,; das die -jüngste dieser Gründungen ist und~erst seit dem Sommersemester dieses Jahres besteht, jbezweckt, Jungen im Alter von etwa | 14—16 Jahren zu erfassen und sie schon frühzei- I tig einem möglichst auf ^mehrere Jahre berechneten Thoralernen zuzuführen. Die Jungen sind in. einem Internat zusammengefaßt, das unter sachverständiger Leitung steht und genießen im Rahmen der Jeschiwahr einen vornehmlich dem Thoralernen gewidmeten Unterricht, nebenher Ausbildung in Iwrit, Englisch, Palästinaküttde; und finden auch Gelegenheit zu sportlicher Betätigung./ Zur Zeit sind im Beth Chinnuch 36 Jungen aus allen Teilen desReiches untergebrächt. Es wird vom deutschen K e r e n H a t h o r a zusammen mit dem Noar Agudati erhalten. Im weiteren Verlauf bringt das Införmationsheft mancherlei Bemerkenswertes aus dem ziemlich lebhaften Briefwechsel, der zwischen der dutschen Leitung des Noar Agudati und den in Erez Jisroel befindlichen Kibbuzim der Poale A g u d a s J i s r o e 1 geführt wird. Dabei tritt die besondere' Problematik, mit der diese agudistischen Kibbuzim 'mehr als alle anderen zu ringen haben, recht deutlich hervor. . Mit Nachdruck wird vonden Chawerim im Lande darauf hingewiesen, daß nur Chaluzim mit ausgeprägter Liebe zur Thora hinübergeschickt werden dürfen, da sonst im hohen Grade die Gefahr bestehe, daß die jungen Menschen bei dem Charakter der physischen Arbeit und ihrer Schwere allmählich einer geistigen Verödung verfallen. Es gehört eine gewaltige Energie dazu, um nach .-■ . . ■ ■ . Nr. 35 Seite,3 :einer schweren Tagesarbeit in der Sonnenhitze noch die Kraft zum Lernen aufzubringen, wobei noch hinzukommt, daß nicht, wie in Deutschland, neben dem Sabbat auch noch der Sonntag arbeitsfrei für geistige Selbstbildung zur Verfügung 'steht.; In echt jüdischem Geiste und dabei mit gewinnender Ehrlichkeit wird die schwierige Frage des Zusammenlebens der Jungen und der Mädchen in den Kibbuzim erörtert. Das Thema verdient eine gesonderte Behandlung. Auch die Schwierigkeiten treten hervor, die in den Kibbuzim entstehen, wenn neben den unverheirateten Jungen und Mädchen eine erfreulicherweise . rasch sich vergrößernde ZaU von Familien siedeln. Selbstverständlich wird dem natürlichen Rechte der Familien in den agudistischen Kibbuzim gewissenhaft Rechnung getragen. . Den Schluß des Heftes bilden eine Reihe interessanter Nachrichten, die durch die Presse bisher noch nicht bekannt geworden sind. Der Noar Agudati ist mit den Vorarbeiten zur Eröffnung einer mittleren Hachschara beschäftigt, wobei die vorläufige Unterbringung von etwa 15—20 Chawerim, die. je zur Hälfte gärtnerisch und handwerklich (Tischlerei) in eigener Regie ausgebildet werden sollten. Die erste Gruppe der von der Palästina-Zentrale vorbereiteten agudistischen Jugend-Alijah soll noch im Laufe des Winters unter geeigneter Führung nach K f a r S ab a übersiedeln, wo mit dem Bau eines Hauses begonnen ist. Die Aufnahme einer weiteren Gruppe nach G e d e r a werde vorbereitet. Während der Ferien haben die Hachschara- Zentren des Noar Agudati einer Anzahl von Chawerim mehrwöchentlichen Aufenthalt ermöglichen können, wobei sie Gelegenheit hatten, auf den einzelnen Stellen bei Bauern mitzuarbeiten. Für den Monat T i s c h r i plant der Noar Agudati eine Bodenkauf- Aktion, die ausschließlich von der Jugend getragen werden soll. Die diesjährige Pegischa (Treffen) des Noar Agudati ist ebenfalls für den Monat Tischri in Aussicht genommen. | Eine Austrittsgemeinde in Warschau? | In Polen, wo durch alle Entwicklungsphasen der Reform-Aufklärungs- und Haskalahbewegung sich die Gemeinde ihren rein religiösen Charakter in der Weise sicherte, daß auch die Freigesinnten das Rabbinat als legitime Repräsentanz der Gemeinde anerkannten, Synagoge und religiöse Institutionen, von denen sie für ihre Person vielleicht weniger Gebrauch mächten, respektierten und sogar unterstützten, konnte es bislang eine Austritts'frag e nicht geben. Eine Sinnesänderung bei den Liberalen in diesem Belange macht sich erst seit wenigen Jahren bemerkbar, in erster Reihe in Warschau, wo seitdem die Aguda in der Gemeindepolitik die ihr nach dem Prozentsatz der religiösen Bevölkerung gebührende Oberhand hat, die nationalen Elemente nach der alten Parole von der „Eroberung der Gemeinden" keine Ruhe geben und auch die religiös wie national desinteressierten Assimilationskreise gegen die „Vormachtstellung der Orthodoxie" zu mobilisieren suchen. Den Ausschlag gab die von der Gemeindeverwaltung durchgeführte Anstellung von»mehreren Rabbinern, womit man einem schon seit Jahren empfundenen brennenden Bedürfnis entgegenkam. Das Kesseltreiben der liberalnationalen Allianz hat nicht vermocht, diese geistige Versorgung der Warschauer Bevölkerung zu verhindern, so spricht man jetzt von Austritt, von der Bildung einer eigenen liberalen Gemeinde, und, wie man hört, soll es nicht bei Worten bleiben. Kommt dieser Separatismus wirklich zu- 'stände, so wird man sich den Tag, an dem die Trennung ihren ersten greifbaren Ausdruck findet, als Trauerdatum in der Geschichte der polnischen Judenheit merken müssen. Der Warschauer Gruppe würde