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Der Israelit · 1935-08-22 · Heft 34 (22.8.1935) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 34 (22.8.1935)
Date
1935-08-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Nr. 34 Der Israelit .22, August 1935 Liberalismus ist heute kaum noch mehr als eine Phrase, während dem Begriff Zionismus nicht mehr Bedeutung zukommt, als die eines terminus technicus, den Nichtjuden gebrauchen, wenn sie von palästinozentrischen Bestrebungen der Juden sprechen. Jedes Volk muß Ideale haben, so auch das jüdische. All unsere Glaubensbrüder in Erez Jisroel, West- und Osteuropa, deren geistige Betätigung innerhalb eines jüdischen Rahmens beschränkt ist, suchen heute nach jüdischen Ideen über den Sinn ihres individuellen und nationalen Schicksals. Die Ideale, die das moderne schaffende Palästina heute beherrschen, haben aufgehört, zionistisch zu sein, wenn auch vorläufig das Firmenschild mit der alten Aufschrift „Zionismus" noch von früher her obenhängt. Eine zionistische Einstellung im eigentlichen Sinne des Wortes besitzen die paar hohen Parteibeamten, die hier. in London in der Great Rüssel Street gravitätisch hausen. Diese Herren verstehen es zwar meisterhaft, an das, jüdische Herz der britischen Juden für Geldspenden zu appellieren, aber ihre Auffassungen über das Jewish National Home variieren himmelweit von der Konzeption, die die sozialistischen Histadruth-Kreise über das Wesen des jüdisch-palästinensischen Staates haben. Palästina wird heute nicht aufgebaut von einer Handvoll englischer Juden, deren konservative Stellungnahme religiösen Fragen gegenüber durch ihr Engländertum bedingt ist, sondern von der allgewaltigen atheistischen Histadruth, die aus Erez Jisroel einen orientalischen Sowjetstaat schaffen will. Sind sich die Führer der Orthodoxie in der ganzen Welt darüber im Klaren, über welch ungeheure Macht und unstreitbar mitreißenden Idealismus die sozialistisch-jüdischen Gewerkschaften in Palästina verfügen? Sind sie sich ferner darüber im Klaren, daß die Macht und der Fanatismus der Histadruth täglich zunimmt und daß sie sich mit einer beängstigenden Geschwindigkeit ihrem eigentlichen Ziele immer mehr nähert: Die Religion im jüdischen Volke auszurotten und eine Oktroyier ung der kultur bolschewistischen Weltanschauung vorzunehmen?! In einem solchen Augenblick wie dem jetzigen ist es daher die durch keinerlei Erwägungen zu vernachlässigende historische Pflicht Agudas Jisroel s, als eine Gemeinschaft von starken jüdischen Persönlichkeiten zu handeln. Das Haus brennt und es muß gerettet werden, was zu retten ist! Es gibt nur ein Weg: Ein SOS-Ruf muß an die Weltjude nheit gerichtet werden! Hier in England weiß man es nicht, was in Erez Jisroel wirklich vor sich geht und auch in anderen Ländern versteht es die zionistische Propaganda meisterhaft, Erez Jisroel ihren Parteiinteressen gemäß zu schildern. Der größte Teil der Judenheit in der Diaspora — außer Rußland — ist aber G. s. D. noch religiös (im landläufigen Sinne des Wortes) eingestellt und ich kann mir recht gut vorstellen, welches Fiasko der Zionismus erleiden würde, wenn man Hunderttausende von Beitragszahlern an den Zionismus darüber aufklären könnte, welches himmelschreiende geistige Zerstörungswerk durch ihre Spenden aui dem heiligen Boden Erezlsroels ermöglicht und gefördert wird. Die Judenheit in allen Lände r.n der Welt über den wahren Tatbestand aufzuklären, ist höchste agudistischePflicht. Es darf aber nicht beim berechtigten Kritisieren und Verwerfen des HistadruthJVerrätertums bleiben, es muß vielmehr gelingen, die nach neuem geistigen Halt ringenden jüdischen Massen mit allen Mitteln de r modernen Propaganda für die Ideale unseres agudistischen Kampfes zu begeistern und ihnen ein v e rnünftiges r e a 1 p o 1 i i i s ah e~s Arbeitstin d Aufbauprogramm, vorzusetzen. Nur wenn Agudas Jisroel die jetzige Gelegenheit ergreift, um mit Aufwand ihrer letzten und besten Kräfte das Rettungswerk am jüdischen Volke vorzunehmen, ka<nn eine sonst unvermeidbare Katastrophe in letzter Minute abgewendet werden. Unsere Glaubensbrüder überall suchen nach einem Wege der Jüdischkeit und an uns liegt es nun, den Weg der allein-möglichen und einzig wahren Jüdischkeit zu zeigen. Erezlsroel soll so agudistisch werden wie England englisch! Wenn unser Wille ein fest entschlossener und unbändiger ist, dann werden wir mit mathematischer Sicherheit unser für den Kleinmütigen unmöglich erscheinendes Ziel erreichen. Es geht um unsere Zukunft, um Renaissance oder Abbruch, Nehmen wir daher mit stärkster Aktivität und in dem Glauben an die Größe unserer Aufgabe die grandiose Offensive auf ";— aus Liebe zum jüdischen Volke. Korrespondenzen. Deutsches Reich. Anordnungen, Verbote und Anträge. B e r 1 i n , 19. Aug. Eine endlose Reihe von örtlichen Maßnahmen zum Ausschluß von Juden liegen vor. In Schlüchtern (Hessen-Nassau) sind, nach der „Frkftr. Ztg.", an den arischen Geschäfte Plakate angebracht worden, die Juden den Zutritt verbieten. Jüdische Geschäfte und Privathäuser seien durch gelbe Zettel mit der Aufschrift „Jude" kenntlich gemacht. Nach Zeitungsmeldungen sind in allen Vororten Hannovers große Tafeln aufgestellt worden, auf denen allen Volksgenossen, zur Pflicht gemacht wird, jedweden Umgang mit Juden zu vermeiden. In Radebeul in Sachsen protestierte, wie der „Freiheitskampf", Dresden, berichtet, die Bevölkerung durch eine Abordnung bei den Stadtverordneten gegen den beabsichtigten Zuzug einer Jüdin und auch gegen evtl. Grundstückerwerb durch Juden. Die Stadtverordneten erklärten, die Angelegenheit an die Kreishauptmannschaft weiterzuleiten. Nach einem Berichte der „Thüringischen Staatszeitung" in Weimar ist im Wald Schwimmbad in Rastenberg ein Schild mit der Aufschrift „Juden ist der Zutritt verboten" angebracht. Eine ähnliche Tafel soll demnächst an der Haltestelle der Autolinie aufgestellt werden. Nach einem Berichte der „Berliner Börenzeitung" hat der Gemeinderat Klein-Machnow den Bürgermeister ersucht, den Zuzug von Nichtariern künftig zu verhindern. Nach Meldung des V. B. ist die Kurverwaltung in Bad Wörishofen angewiesen, keinem Juden mehr eine Kurkarte auszustellen. Etwa im Bade noch anwesende jüdische Gäste sollen zur baldigen Abreise veranlaßt werden. In Hannover kam es, nach Meldung des „Berliner Tageblatts" zu lauten und durchaus disziplinierten Kundgebungen gegen Lichtspieltheater, die sich in jüdischen Händen befinden. Darauf wurden vier Kinotheater, deren Besitzer Juden sind, geschlossen. Auf Wunsch der Bauernschaft und der Deutschen Viehhändlerschaft, ist,, wie die „Nätionalzeitung" in Essen berichtet, den jüdischen Händlern die Mitteilung zugegangen, daß ihr Erscheinen am Nützviehmarkt zu Oldenburg, der Dienstag' begann, nicht erwünscht sei.. •In D o r t m u n d können, nach der „Westfälischen Landeszeitung Rote Erde", von nun ah Juden im Stadtleihamt weder Gegenstände versetzen noch an öffentlichen Versteigerungen teilnehmenv Von Juden angekaufte Pfandscheine werden Weder eingelöst noch "erneuert. Mittelsmänner, die versuchen, für Juden versteigerte. Ware zu* erhalten, werden gleichfalls von den Versteigerungen ausgeschlossen. Der „Angriff" meldet, daß die Jugendherbergen im Gau Mittel-Elbe-Harz (im Reichsverband für deutsche Jugendherbergen) strengste Anweisung erhalten haben, keine Juden aufzunehmen. In einem in der .Juristischen Wochenschrift" veröffentlichten Beschluß der VII. Großen Strafkammer des Landgerichtes Berlin wird die Beiordnung eines jüdischen Rechtsanwaltes als Pflichtverteidiger für einen arischen Angeschuldigten abgelehnt. Der Umstand, daß der Anwalt den Angeschuldigten bereits früher jahrelang rechtlich beraten hat, reiche nicht hin, die Beiordnung dieses Anwalts als geboten erscheinen zu lassen. In Stralsund haben sich, nach der „Frkftr. Ztg.", den Gastwirten, die sich mit Plakaten den Besuch der Juden verbeten, auch eine Reihe von Friseuren angeschlossen. Auch in Putbus hat die Wirtschaftsgruppe des Gaststätten- und Beherbergungsgewerbes beschlossen, in Zukunft keinen Juden mehr zu bewirten und zu beherbergen. In Weimar hat, nach einem Berichte der gleichen Zeitung, ein Lichtspieltheater den Juden den Zutritt zu den Vorführungen verboten. Aus Hamburg berichtet die „Frkftr, Ztg.", daß dort Reichsstatthalter Kaufmahn bei einer Kundgebung im Rathause eine Ansprache hielt, in der er sich gegen die Auffassung wandte, als könnte das Judenproblem durch Plakate und rote" Farbe gelöst werden. An Stelle der jüdischen Moral müsse auf allen Gebieten des Lebens die deutsche Moral gesetzt werden, aber dieses Ziel werde nicht durch Plakate, sondern durch die Gesetzgebung erreicht werden, - Weiter berichtet die „Frkftr. Ztg."; Der Kölner Verkehrs verein hat beschlossen, die jüdischen Mitglieder, es handelt sich um 102 Firmen, aus der Organisation auszuschließen. — Der Oberbürgermeister von Coburg hat in einem Runderlaß der Erwartung Ausdruck gegeben, daß Beamte, Angestellte und Arbeiter der Stadt, die immer noch glauben, ihre geschäftlichen oder gesellschaftlichen Beziehungen mit Juden nicht aufgebenzu können, aus den Diensten der Staatsverwaltung ausscheiden. Ueber ähnliche Erlasse wird aus Oppenheim und B o ppard a. Rh. berichtet. — .In Wismar bei Lübeck wurde ein Pranger kästen eingeweiht, in dem die Namen derjenigen bekannt gegeben werden, die in jüdischen Geschäften kaufen. Die erste Personenliste wurde im Prangerkasten ausgehängt. — In Starnberg wurden sämtliche Hotels und Pensionen darauf geprüft, ob nicht dort die aus Bad Tölz ausgewiesenen jüdischen Kurgäste Unterkunft fanden. Die angetroffenen Juden verließen daraufhin den Ort. Juden und deutsche Kultur, Berlin, 15. Aug. In einem Zwiegespräch des Deutschen Kurzwellensenders sprach der Geschäftsführer der Reichskulturkammer, Hans Hinkel, über die Reichskulturkammer und seine eigenen Aufgaben als Sonderbeauftragter für die Ueberwachung der Betätigung nichtarischer Künstler in Deutschland. Nach dem Bericht des „Angriff" führte er u. a. aus, daß die Juden in Deutschland schon seit zwei Jahren auf dem Wege zur notwendigen Selbstbesinnung seien, daß jüdische Kunst und jüdische Künstler im Grunde nur für ihre eigene Rassengemeinschaft von Belang und von Bedeutung sein können. Die Leiter der großen und .räsch anwachsenden jüdischen Kulturverbände im Reichsgebiet hätten mehrfach in aller Oeffentlichkeit betont,

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