Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1935)
- Date
- 1935-08-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450858-2450891--81493-2539390- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
22. August 1935 D e r h s r a e l i t Nr. 34 Seite 7 Umwälzung in Rußland im Jahre 1917 und nach dem bekannten Bürgerfreiheitsedikt von K e - renski, das auch die Juden einschloß, sich einigemal Vertreter aller Schichten und Richtungen der damals vier Millionen zählenden .ras s ischen Judenheit in Kiew zusammenfanden, um über die neue Lage zu beraten. Einmal ging die große Konferenz unter dem Titel DTTHS' ein anderes- Mal unter nih^npTl fiTWK vor. sich. Daß die großen rabbinischen Führer an der Neugestaltung der Dinge und' an diesen jüdischen Konferenzen das größte Interesse nahmen, erklärt sich mit Hinblick auf die Tatsache,. daß die Neuordnung von tief einschneidender Bedeutung auch für das religiöse Leben der Gemeinden war, von selbst. In jenen russisch internen jüdischen Konferenzen einen Präzedenzfall für einen internationalen Jüdischen Kongreß erblicken zu wollen, der nach Lage der Dinge mehr Schaden als Nutzen bringen müßte, dazu gehört ein Maß' von Demagogie, das sich Misrachi, wenn er als ehrliche Faktura im . jüdischvpolitischen Leben geachtet werden soll, nicht leisten sollte. . '." ~ •; Koscher Verpflegung auf Seedampfern. Ein Freund;" uns er es Blattes, der sich auf der Reise nach. Brasilien befindet, schreibt uns Vom Schiffe aus:' : ,,Wir hatten für eine Reise nach Südamerika uns: zuerst nach Dampfern mit Koscher-Verpflegung er-" kundigt und als uns diese. auf einer französischen Linie der Chargeurs Reunis zugesichert war,; hatten wir dort Plätze belegt. - Man hatte sich angeblich nochmals extra bei der Zentrale in Paris Informationen eingeholt und uns dann schriftlich bestätigt,, daß für vollkommene,: Koscher-Verpflegung gesorgtsei. Mündlich teilte .der Vertreter des Reisebüros noch mit, daß ein Schaumer unter Aufsicht des Pa-; riser Rabbiriafe an Bord sei, unter dessen Kontrolle die Verpflegung der III. blasse resp. des Zwischendecks Stände; Wir müßten; uns" dann ebenfalls mit dieser Verpflegung begnügen... Damit waren wir wohl einverstanden und glaubten, daß nach diesen mündliehen und ' schriftlichen Zusagen alles in schönster. Ordnung wäre.' ' . ' ' >■ Wer aber beschreibt unser Entsetzen, als wir in Antwerpen, mit Sack und Pack an Bord des Schiffes kamen und. der Maitre d'hotel und der Schiffskommissar, uns erklärten, daß sie .von nichts, wüßten, keinerlei Anweisung hätten und auch'Unmöglich eine koschere Verpflegung ermöglichen könnten. Wir lie-] ßen sofort ein dringender.-Telegramm an das Reisebüro abgehen, in dem wir unsere Billets gekauft hattefa und% 5/erlangten mit aller I^tschiedenheit, alles zu regeln, bis wir am nächsten Hafen in Hävre sein würden.'"' - ' J In Hävre kam daraufhin der Leiter der Verpflegungsabteilüng der Chärgeurs Reunis an Bord, entschuldigte sich im . Namen.. der Rhe.derei, es -müsse ein Mißverständnis vorliegen, man wolle, so gut es geht, alles regeln und hätte bereits einige koschere Lebensmittel für'uns besorgte 180 kg Fleisch. Wurst und Würstch'en und 20 kg Mazzen. Er wolle auch einen jüdischen Kbllner für unsere Bedienung aufzutreiben versuchen, und wir sollten mitteilen,'was. weiter nötig wäre, Wir haben uns daraufhin geeinigt,, daß .uns >öllig.vneües''''Ko^HgescMtr,' Eßgeschirr tind Bestecke und Aufwaschwannen geliefert 'wurden.! Eine besondere Kabine wurde für. unser Geschirr-: zur Ver-, -fügung gestellt und ein, Koch zu. unserer Verfügung ca. lj| Stunden pro Tag und ebenso das Personal zur Auf wasche. Es kam also alles in Ordnung, nur daß der Schaumer nicht von der Rhederei, sondern ivon uns ' in Gestalt meiner Frau-gestellt werden mußte. Jeden Tag steigen, wir in den Kühlraum, lassen das Fleisch für uns abschneiden, das bereits geporscht ist, um es in unserer Separatkabine koscher zu machen, dann wird alles zurechtgemacht und dem Schiffskoch zum Kochen anvertraut, der für diesen Zweck einen besonderen Herd für die Zeit unserer Fertigstellung erhält. Es machte noch in der Küche Schwierigkeiten, da hier alles ausgenützt und mit peinlicher Pünktlichkeit vor sich geht, man'hat nicht weniger als ca. 21 Mahlzeiten für die verschiedenen Parteien!<zü servieren^. Aber jeder war freundlich und entgegenkommend und so konnten' wir einigermaßen; gut durchhalten, An Bord sind 50 jüdische Auswanderer aus Deutschland, Polen und Ungarn. Heute, am Schlüsse der Reise, hören wir, daß einer Dame im- Zwischendeck in Budapest ebenfalls koschere Verpflegung zugesagt war, Sie hat bis heute nur treifa serviert erhalten, und sich infolgedessen nur trocken ernährt. Heute konnten wir, ihr etwas zu Hilfe kommen. > Wir glauben/' daß 'dieser Vorgang doch einen ahV gemeinen Kreis interessiert. , Wer eine große Reise antritt, muß wissen^ daß alle mündlichen. Versprechungen der Schiffsagenturen nicht ausreichend sind. Man muß eine schriftliche Zusicherung der Zentrale verlangen. Weiter, daß die Rhedereien sehr zuvorkommend sind, und Spezialwünsche nach1 ritueller Verpflegung wohl erfüllen können, und gern erfüllen. Aber man darf dabei nicht übersehen', daß sie keinerlei Ahnung davon haben, was koscher ist. Was'daraus hervorgeht, daß sie meinten, Mazzen und ein koscherer Steward gehöre dazu .oder wie der Maitre d'hotel einmal meinte, als man am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, eine Flasche Sekt spendierte, es ge- Von Edgar M, Stern in London, Wer heute in der jüdischen'Weit Umschau' Hält, wird — wie auch seine jüdisch-politische Einstellung sein mag — zur Feststellung gelängen, daß es in fast keinem Weltteile jüdische Niederlassungen gibt, Iii denen nicht agudistische Zellen vorhanden' sind. Gleichzeitig wird man aber kaum bestreiten' können, daß die Entwicklung dieser Zellen zu einem großen, star-j ken und widerstandsfähigen Organismus viel zu lange1 Zeit in Anspruch nimmt. ' Ich will diese Tatsache hier nicht registrieren, 'um eine an sich sachlich berechtigte Kritik an der agudistischen Tätigkeit auszuüben, sondern ich habe nur das eine Ziel im Auge, an Hand aller vorhandenen Realitäten nnd Faktoren^ die Situation, in der wir uns jetzt befinden, klar herauszukristallisieren. Kritisiert wird in unserien Reihen mehr als genug, und das ist unser Unglück, Denn nur selten verfolgt die Kritik den ehrlichen und ideellen Zweck, einer; Besserung der Dinge den Weg zu bahnen; vielmehr glaubt man mit , einem erheblichen Maße von Nörglertum eine Ausrede oder angebliche Rechtfertigung gefundn zu haben, von dem unerhört harten Kampf der Orthodoxie feig desertieren zu können. In allen orthodoxen Kehillaus der Welt -wird , man diese unproduktiven Kritiker und egoistischen Nichtstuer als unvermeidliche Belastung der Orthodoxie antreffen. Trotz ihrer orthodoxen privaten Lebensführung ist diesen Kreisen so wenig wahrer Idealismus und mitreißende religiöse Schwungkraft zu eigen, daß vielfach ihr bares Dasein das orthodoxe Judentum schlechterdings desavouiert. Diesen Leuten, die niemals einen Finger für die agudistische Sache gerührt haben, spreche ich das Recht abj Agudas Jisroel zu kritisieren. Für sie ist Schweigen Gold und Reden —■-. weniger wert! Wenn ich aber hier anfangs von einer kritischen Bemerkung ausgegangen bin, so ist es — wie.bereits betont — nur um Klarheit über unsere ..Gegenwartspositipn zu schaffen. Wir haben es verstanden^ der jüdischen Welt .von unserer E x i s f.e.n ,z .Kenntnis zu geben. Das; allein war eine Tat und schuf das Fundament, auf dem ein starker und eiserner Agudismus einst z ,u r vollen Entfaltung k o m m e n w i rd. Im großen Ganzen blieb es jedoch bei dieser einen Tat und man vermochte nicht, da die Aguda -allmählich als eine fanatische und reaktionäre jüdische Sekte in Verruf kam, einen Konnex mit den j ü dischen Vo1ksmassen herzustellen. Diesen Mangel s an Erfolgen der Aguda bedauere . ich nicht nur aus dem offensichtlichen; Grunde, daß letzten: Endes jeder Mensch seine Ideen und Ideale, mögen sie noch so abstrakt sein, verwirklicht sehen will, sondern weil ich an die Möglichkeit einer praktischkonkreten Realisierung des Agudismus felsenfest glaube. Der Ideengehalt der agudistischen Weltanschauung ist vom objektiven historischen Standnüge, wenn er uns persönlich eine neue Flasche bringe und sie in unserer Gegenwart für uns entkorke." . Der Brief sehr eiber regt an, daß der Hamburger Speiseverein oder sonst eine geeignete Stelle für die großen Rhedereien Richtlinien für die Koscherverpflegung aufstellen möchte, und ist überzeugt, daß die Rhedereien im Besitze solcher Fingerzeige alle Vorrichtungen treffen würden, um den Wünschen nach Koscher-Verpflegung korrekter entgegen zu kommen, Wir schließen uns dieser Anregung im Interesse des reisenden jüdischen Publikums an. punkte aus so selbstverständlichrwahr, urjüdisch und ideologisch ungekünstelt, daß iin Grunde genommen das agudis tische Programm w ei t a ujs' w e n i g e r üt o p isch ist a 1 s d a s des Zionismus, War "deshalb zur Zeit ihrer Gründung., die Agudas Jisroel berechtigt und notwendig, so fällt ihr h e u t e. die gewältige Mission ■ z*u, der Weltjudenheit den-letzten geistigen Rettungsanker zu reichen. -Die Tragweite der agudistischen Aufgabe ist heute L schon deshalb eine viel größere als vor noch einigen Jahren, als Hunderttausende von jüdischen Glaubensbrüdern, deren Judesein bis zum 30; Januar 1933 im -besten Falle einen rein konfessionellen Charakter trug, heute auf der Suche sind nach' einem j ü d i s c h - g e i s t i - gen Eigen,heim. Aus einer jüdischen Religion ist für unzählige Juden Deutschlands und Zentraleuropas ein ungemein hartes und reales Judenschicksal geworden, mit dem Probleme ökonomischer, politischer und — last not least — g e i s t i g - w e 11 a n s c h a u 1 i - eher Art verbunden sind, die in normalen Zeiten höchstens in der Theorie bestanden, Je mehr dieses neue Golus-Judenschicksal durch die Gegenwartsereignisse stabilisiert wird, desto stärker gewinnen die neuen Probleme an Aktualität. , Nur unter dem Dach Agudas Jisroels, ist meine Ueberzeugung, kann das gesuchte jüdische Eigenheim erbaut werden und allein die agudistische Weltorganisation vermag es, die aktuellen Probleme der Judenheit im wahrhaftigen Sinne des Judentums zu lösen. :,. Heute hat Agudas Jisroel zu zeigen, ob sie imstande sein wird, die Millionen im Dunkel umhertastenden Juden den erleuchteten Weg des an Sinais Höhen geoffenbarten Judentums zu führen oder nicht. Wenn die agudistischen Führer und die orthodoxen Rabbiner aller Nuancierungen von Ost und West den dröhnenden Schofarschall der Geschichte vernommen haben, dann werden sie spontan aus innerstem Verantwortungsgefühl Klall Jisroel gegenüber trotz mancher früher gehegten Bedenken in die jüdisch-politische Arena hin eintreten müssen , um das jüdische Volk vor einer K a t a s t r o p h e zu retten. Ich fürchte, daß noch nicht alle Führer diesen Schofarruf vernommen haben. Sie sind sich, glaube ich, noch nicht bewußt, daß wir jetzt am Scheidewege stehen, zwischen Renaissance und Abgrund, Das jüdische Volk befindet sich jetzt in einer ungemein gefährlichen und krisenhaften Situation. Es handelt sich eigentlich nicht mehr um den Kampf der Orthodoxie gegen den Zionismus oder Liberalismus, sondern es geht heute schlechterdings üm die, Erhaltung der fundamentalen Grundbegriffe des Monotheismus gegenüber den giftigen atheistischen Zersetzungsversuchen der zionistisch-sozialistischen Volksverräter in Erez Jisroel ■■■^■■■■■■■■IBHHHinHBHHHHHHHHHBi^HBKKaiHBHHHHHBl Die agudistische Aufgabe als Rettungswerk am jüdischen Volke.