Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1935)
- Date
- 1935-08-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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22. August 1935 D e r I s r a e 1 i t Nr. 34 Seite 5 k e i t , die andere durch eiserne F £s t i g k e i t der Sache G'ttes dienen zu sollen glaubt. Offenbar war es nur ein vorüberrauschender Augenblick, in dem — vor 10;Jahren — die „Nachgiebigen" sich von den, „Kämpfern" zu jener halachischen Entscheidung hinreißen ließen, von der sie jetzt, in "ihrem ."die Tatsachen übers e h enden Optimismus abrücken zu müssen glauben. Dieser Optimismus geht so weit, daß sie sogar unglaublicher Weise meinen, die Charedim könnten heute bei Neuwahlen ge- .gen die Histadruth die Mehrheit in den palästinensischen Gemeinden erringen, so weit, ■daß sie die 25 000 Schulkinder nicht sehen, die den Geist der nächsten Zukunft bestimmen, und deren E x i s t e n z das Wort Lügen straft, die "Stimme der Rabbonim werde im heutigen Erez .Isroel „mehr oder weniger" gehört! Die Andern aber, die ihre jüdische Gegenwartsbetrachtung an Ghätham Soier und S. R. Hirsch und der langen Reihe ihrer würdigen Nachfahren orientieren, sie wissen — und sie liaben die Belege dafür aus der Tiefe der H a 1 a c h a in reichster Fülle beizubringen verstanden, leider meist nur in deutscher Sprache —, sie wissen, daß in der wechselvollen Geschichte der Thora im jüdischen Volke der k 1 a r e , o f f e n e, durch die Tat vollzogene Protest oft die einzige wirksame Waffe ist, mit der man kommenden Generationen die Reinheit und Wahrhaftigkeit des •jüdischen Bewußtseins retten kann und muß! Die sechzig Rabbinen von 5685 haben den .Austritt im Namen des G'ttes der Wahrheit geilordert, obgleich sie ja auch damals wußten, daß durch diesen Schritt unmittelbar weder das Frauenwahlrecht, noch die Herrschaft der Sabbatentweiher, noch die Subventionierung <ler Trefa-Küchen in .der Kneses Israel aufhören werden. Dennoch haben sie nicht so bescheiden und resigniert argumentiert wie die inzwischen von dem rauschenden Strom des palästinensischen Lebens eingeschüchterten Rabbinen •von 5695! Fürwahr — wenn diese letzteren Rabbinen im "Geiste des Chatham Sofer und S. R. Hirschs "handeln wollten, so müßten sie auch in Erez Isroel ihre Aemter liebet* niederlegen als auch •nur den Schein einer Mitverantwortung trafen für das ungeheure Werk der äußersten Entjudung, das sich im Namen der Kneses Israel an 25 000 Kindern jahraus, jahrein .vollzieht. Mit -anderen Worten: der Ckinuch allein schon erfordert die Trennung, solange er im Rahmen •der Kneses Israel verbleibt. „Würden sich alle Berge der Erde zu einem Altare izusammentun, alle Wälder der Welt das Holz diesem Altare liefern, alles Vieh und alle Tiere aus Feld und Wald die Opfer stellen, aller Sand am Meere und alles Wasser der Quellen sich in Mehl'und Oel für 'Speiseopfer verwandeln, der Himmel statt des Wassers Wein für die Gußöpfer regnen lassen, Sonne und Mond als Lichter für die Menorah dienen, die ganze Menschheit ohne Ausnahme als Priester an diesem Altare stehen und die Engel und Sterne sich zu einem "Chore der Sänger und Spieler zusammentun — all ■das würde nicht genügen, für nur einen Funken der Opfer, die Jedermann täglich dem Schöpfer des Alls schuldet. Und dennoch will und kann ich dir einen Altar "bauen aus den Trümmern meines kleinen .zerbrochenen Herzens! ..." Eine schwierige Talmudstelle« Von Joel Jelen in Frankfurt &. M.?anrü^ l>ttwi spp» novxb 'a „Wer gab Jacob der Plünderung preis, Israel den Räubern?" (Jes. 42, 24). Im Traktat Gittin 55, lesen wir: „Einst begab sich Rabbi Jehoschua ben Chananja nach Rom, Dort hinterbrachte man ihm, daß ein jüdisches Kind von hervorragender Schönheit und hellem Verstände im Gefängnis sitze. Er ging hin, stellte sich an das vergitterte Fenster seiner Zelle und rief den Anfang des jesajanischen Satzes hinein: "-^siwi apv t-iovnbir-n »» dvi«^? Das Kind antwortete sofort darauf mit der Fortsetzung dieses Satzes: .m-nna isa» s^i i>n vm-u k^i ib mm it fn xbn Damit wäre mehr geschehen — so glauben wenigstens die rabbinischen Vorbilder und Führer der palästinensischen Agudas Jisroel — für die -Rettung der jüdischen Zukunft, als durch einen theoretischen Protest, der sich wie ein TT»:i fwi ^21B ausnimmt, und nach dem praktisch kein Mensch fragt. Wir betonen nachdrücklich, daß wir den unter Führung und bestimmendem Einfluß des Oberrabbinats stehenden Rabbinen keineswegs das Recht bestreiten, andrer Meinung zu sein; sie werden für diese Meinung, die aus der Tiefe ihres Temperaments und ihrer seelischen Egienart emporsteigt, wohl auch irgendwelche halachisehe Argumente (abgesehen von dem umstrittenen mufln X^) anzuführen haben — ab er wir fordern das gleiche Recht für die Rabbinen der Agudas I s r o e 1 und p ro testieren gegen jeden Versuch, deren Kompetenz und religiöse Würde unter dem Vorwand e, es handle sich bloß 'um eL.e Antwort an Herrn Jacob Rosenheim, anzutasten oder den täuschenden Schein zii erwecken, als sei dieselbe Austrittsforderung, die noch vor zehn Jahren von Männern wie Rabbi Isser Salman Melzer, Rabbi Peßach Zwi Frank, Rabbi Jechiel MichelTukaczinskiu. a. als heiligste Pflicht verkündet wurde, nun — nachdem inzwischen derJlVSS-Chinuch eingemeindet Avurde — nur wegen der paar papiernen Paragraphen über die rabbinischen Räte mit einem Male zum Verbrechen, zur ,.Zerreißung des Hauses Israel" geworden! * . * ' Die Erklärung des Oberrabbinats stellt u. a. die seltsame Behauptung auf, „alle Rabbinen und Führer der Agudas Isroel, die nur kurze Zeit im Lande geweilt, hätten ihren Irrtum hinsichtlich der Anwendbarkeit der Austritts-Halacha auf Erez Isroel erkannt und teilweise öffentlich anerkannt." In der Annahme, daß die Verfasser der Erklärung bei dieser Wendung an die von Dr. Isaac Breuer veröffentlichten Aufsätze dachten, haben wir Herrn Dr. Breuer um Stellungnahme gebeten und empfingen darauf von ihm folgende Ausführungen: „Das Schreiben des Oberrabbinats in Erez Jisroel zur Gemeindefrage hat mich geradezu entsetzt. Sehe ichdoch daraus, daß offenbar auf literarischem Wege weder eine Annäherung der Geister, noch eine Klärung der sie bewegenden Fragen zu erzielen ist. Man braucht wirklich nicht erst nach Erez Jisroel zu gehen, um von der Tatsache Kenntnis zu gewinnen, daß es dort eine „Reform" wie in Deutschland und in Ungarn gegenwärtig noch nicht gibt. Kein „Ist es nicht Haschern, gegen den wir gesündigt haben und wollten nicht in seinen Wegen gehen und auf seine Lehre nicht horchen." Da sagte Rabbi Jehoschua: tis-wa nsnn rmnv? la -»anaam „Ich bin sicher, daß. dieses Kind dereinst ein Thoralehrer in Israel sein wird. Ich schwöre, daß ich nicht von hier weiche, bis ich es für alles Geld, das man verlangen xwird, auslösen werde." Und er wich nicht, bis er das Kind befreit hatte. Dann heißt es weiter: D'tjyi» D'ö' TO „es vergingen nur wenige Tage oder kurze Zeit, bis er Entscheidungen in Israel abgab und wer war es? Rabbi Jischmoel ben Elise ha." Soweit die talmudische Erzählung,, Gewöhnlich faßt man sie so auf, daß Rabbi Jehoschua an der raschen Antwort des Kinde, die den ersten Halbvers mit der zweiten Hälfte ergänzte, dessen Wissen und Begabung erkannte. Indessen zeigen sich bei tieferem Nachdenken doch manche Schwierigkeiten. 1. Wie konnte Rabbi Jehoschua aus der relativen Belesenheit des Kindes im Buche Jesaja folgern, es werde ein bsnoia nsmn mm in Israel werden? Diese Schlußfolgerung wäre berechtigt gewesen, wenn Rabbi Jehoschua eine halachisehe Frage gestellt und sofort von dem Kinde eine richtige Antwort erhalten hätte.. 2. In der Aeußerung '^"wa nsnm mia» la »jroaw fehlt das Wort ">>v" das man nach der üblichen Erklärung ich hinzudenken muß; wörtlich bedeutet sie aber; ich bin sicher, daß es bereits ein Thoralehrer in Israelit i s t. 3. Wie kann der Talmud sagen: Q'Dyin □•>»•> vn t6i es seien nur „wenige Tage", also jedenfalls nur eine ganz kurze Zeitspanne vergangen, bis aus dem Kinde der Thoralehrer Rabbi Jischmoel ben Elischa geworden sei? vernünftiger Mensch war je der Meinung, daß in Erez Jisroel Reformrabbiner ihr Handwerk treiben oder die Histadruth etwa sich für die Orgel begeistert. Der Agudismus forderte die Trennung von Knesseth Jisrael, weil diese sich der Herrschaft der Thora. nicht unterwarf und in - ihrem Wahlsystem, namentlich aber in ihrem Erziehungswesen die Gesetze der Thora' flagrant verletzte. Wahrlich nicht in dieser Forderung lag der Fehler des Agudismus, den ich bei meinem zweiten Aufenthalt im Lande entdeckte. Der Fehler lag darin, daß - der Agudismus sich. darauf beschränkt hatte, zur Trennung aufzurufen» ohne zugleich zur Sammlung und zum positiven Aufbau zu schreiten. Und hierin liegt in der Tat der Unterschied zwischen Deutschland und Ungarn einerseits, Erez Jisroel andererseits. In Deutschland und in Ungarn war die Trennung nicht Selbstzweck, sondern diente der Erhaltung und Begründung thora treuer Gemeinden und Gemeindeverbände. In Erez Jisroel aber blieb es im wesentlichen — von den Ansätzen in Jeruscholajim abgesehen — bei der Trennung. Ueber die Unnatur einer Trennung ohne gleichzeitigen sammelnden Aufbau ist aber das Leben innerhalb der Jahre, die zwischen meinem ersten und meinem zweiten Aufenthalt im Lande lagen, unerbittlich hinweggeschritten. Diese tief schmerzende Erkenntnis war es, die mir bei meinem zweiten Aufenthalt zuteil wurde, und ich habe mich vor meinem Gewissen für verpflichtet gehalten, in einer Artikelfolge sie zu veröffentlichen und zugleich die Konsequenzen anzugeben, die aus ' ihr zwangsläufig hervorgehen. Auf diese Artikelfolge, von der offenbar das Oberrabbinat nur höchst flüchtig Kenntnis genommen hat, darf ich verweisen. Die Konsequenzen, die sich im besonderenhinsichtlich der Gemeindefrage mir ergaben, habe ich zudem in einem Gesetzesentwurf zusammengefaßt, der inzwischen in der Monatsschrift „Nachlath Zwi" erschienen ist. Von den Vorschlägen, die jetzt die Genehmigung .des Oberrabbinats erhalten haben, ist dieser Gesetzesentwurf um Meeresferne geschieden. Ich verlange tho rätreu« Gemeinden im unverfälschten Sinne dieses Wortes. Eine Gemeinde, in deren Namen ein thorafremder Unterricht erteilt wird, ist keine thoratreue Gemeinde, und zwar weder in der G o 1 a, noch garp in Erez Jisroel. Ich kann mir nicht denken, daß das Oberrabbinat auch nur einen Augenblick die Richtigkeit dieses Satzes bezweifeln konnte. Warum bleibt das Oberrabbinat auf halbem Wege stehen? Warum fordert es nicht wirklich thoratreue Gemeinden, die auch vor der wichtigsten Angelegenheit der Thoratreue, die auch vor dem Chimich nicht Halt macht? Ist nicht eine Schule, die trepha ist, weit gefährlicher, als eine Schechitah, die trepha ist? Wie sich thoratreue Gemeinden in ein einheitliches Erez Jisroel einordne» lassen, glaube ich in meinem Entwurf gezeigt zu haben. Mögen die „Freien" sich mit diesem Entwurf auseinandersetzen und ihre Forderungen zur Wahrung der Freiheit ihres „Gewissens" stellen. Bei einigem guten Willen wird sich unschwer ein Weg finden. lassen, der sie nicht bedrückt, ohne uns zu kränken. Eine Besserung wird aber nur erzielt werden können, wenn in dieser schweren und großen An- Vi eileicht löst folgende Erwägung alle diese Schwierigkeiten. Wir finden sehr häufig, daß . der eigentliche Sinn einer Aeußerung nichtvon ihrem Wortlaute, sondern von ihrer Betonung, gleichsam von dem Nigun abhängt, in dem sie gesprochen wird. Dasselbe Wort wird deshalb in unserer Ueberlieferung manchmal dem einen als Ruhm angerechnet und dem anderen als todeswürdiges Verbrechen. Man denke an die Erzählung von Bar D.romo. der um seine Wortes willen: „Hast Du uns, o G'tt, nicht verlassen und ziehst nicht aus mit unserem Heere" seinen Tod fand, während wir dasselbe Wort bei König David in einem Psalmen finden: ijvnsaxa Kxn 161 unruT 'n nm xbn Der Unterschied lag eben im'Ton. Auch der Sinn der kindlichen Antwort an Rabbi Jehoschua ben Chananja liegt in der Betonung, und dies wird uns verständlich, wenn wir die Zeitverhältnisse ins Auge fassen. An Thorawissen fehlte es in jener Zeit nicht. Es gab in der Stadt Betar 400 Lehrer, von denen jeder 400 Kinder zu unterrichten hatte. All dieses Thorawissen war aber nutzlos, weil „grundloser Bruderhaß" oan miV unter dem Volke herrschte, weil jeder nur die Fehler des anderen sah, statt die eigenen zu beseitigen. Fragte man nach der Ursache aller Nöte, die in jener Zeit über das jüdische Volk heraufbeschworen wurden, so zählte jeder die Fehler des Anderen auf. Niemals hieß es: „wir haben gesündigt," sondern immer in der dritten Person; jene gingen nicht in seinen Wegen, j e n e horchten nicht auf seine Lehre.' Dieser Gedankengang war es, den Rabbi Jehoschua aus der Antwort des Kindes heraushörte und so allein erklärt sich die ungewöhnliche Form des jesa janischen Antwortsatzes, der plötzlich von der ersten