Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1935)
- Date
- 1935-08-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 34 Der Israelit 22. August 1935 r a e 1 als eine religionsgesetzliche Verpflichtung deklariert hatten! Zwar ist — ein seltsamer Widerspruch — später nur noch davon die Rede, daß „viele " (also nicht die Mehrheit) den Austritts-Psak vom Jahre 5685 unterzeichnet hätten. Wie dem aber auch sei — fest steht jedenfalls, daß zum mindesten die Namen derjenigen ü^VUl D^IKJl vom Jahre 5685, die inzwischen in die Welt der Ewigkeit, in die Welt der Wahrheit eingegangen sind, zur Dekkung dieses merkwürdigen Gesinnungswechsels nicht herangezogen werden können. Denn ein Gesinnungswechsel liegt —- wie die Erklärung ja zugibt, — v o r, so sehr sich die Erklärung des Oberrabbbinats auch bemüht, ihn plausibel zu machen. Die Erklärung des Oberrabbinats behauptet zu diesem Ende, die Pflicht des Austrittes aus der Knesses Israel sei 5685 lediglich auf die Weigerung des Waad leumi gestützt worden, die Führung der religiösen Gemeindeangelegenheiten, also Rabbonus, Schechito, Mikwe und Kwuro zu „sichern" und auf das Frauenwahlrecht zu verzichten. Diese Behauptung widerspricht aber den Tatsachen. Vielmehr zählt die Halacha von 5685 ausdrücklich v i eJr Minimal-Forderungen an die Kehillos auf, deren Nichterfüllung den einzelnen Juden religiös verpflichte, auszutreten, also „das Haus Israels in Stücke zu zerreißen" ohne Rücksicht auf VTTßnri K^« Diese vier Forderungen sind: 1. Anerkennung des Din Thora und. der darauf gestützten rabbinischen Entscheidung auch in alten Verwaltungs - Angelegenheiten, also nicht nur auf einem spezifisch „religiösen" Gebiet. 2. Abschaffung des aktiven und passiven Frauenwahlrechtes für sämtliche Organe der Gemeinde. 3. Nicht-Wählbarkeit von '^OIM mtP '»bbtin mS*HÜ auch für sämtliche Verwaltungsorgane der ' Gemeinde, insbesondere den eigentlichen Gemeindevorstand. 4. mny ■»"nw •>T> »"PD TlON d. h. Nicht- Unterstützung von Institutionen, Unternehmungen und Bestrebungen, die i,nicht dem Thoragesetz entsprechen" aus der Gemeihdekasse. Der Unterschied zwischen 5685 und 5695 ist also tatsächlich -der, daß man damals ohne jede Anpassung an die tatsächlichen Machtverhältnisse den klaren Willen des Leben beherrschenden Thoragesetzes zum Ausdruck brachte, während die 60 Rabbiner heute resigniert glauben, sich faute1 de mieux mit einer ganz und gar auf das unmittelbare p r a k t i s che Tagesbe du r f n i s des engsten ,,.r e 1 i g i ö s e n " Bezirks, abgestellten Lösung abspeisen lassen zu dürfen. Dann aber sollten die Herren Rabbiner diesen himmelweiten Unterschied zwischen dem Ausgangspunkt von 5685 und dem gerade für Erez Isroel jammervollen Kompromiß von 5695 auch offen und ehrlich zu geh en und nicht immer wieder so tun, als seien diejenigen, die dieses Kömpromiß ablehnen, also ihre Gesinnung nicht gewechselt haben. Friedenstör er und frevelhafte Zerreißer der Thora-Einheit. Ist es, so möchten wir die Herren Rabbiner fragen, wenn Ihr schon gezwungen seid, nach Herzls nun aktuell gewordenem berühmten Ausspruch Euch — wie das Berufsheer in die Kasernen — in das umgrenzte Gebiet von Schechito, Mikwe und Kwuro einsperren zu lassen, ist es nicht der Mühe wert, doch neben den halb der Thora, halb der Gottlosen-Kultur gehörigen Kneses Israel-Gemeinden für alle Zukunft in Erez Isroel wenigstens ein paar kleine einh e i 11 i c h e , ganz der Thora geweihte, ganz unter Leitung von DHin stehende Gemeinwesen einheitlichen Milieus erstehen zu lassen, in denen G'ttes Gesetz ohne Kompromisse zu herrschen vermag? Das Oberrabbinat glaubt unsre Berufung auf Chatham Sofer und'S. R. Hirsch dadurch abtun zu können, daß es die Knesseth Israel-Gemeinden mit ihren Rabbonim alten Schlages, deren Stimme „mehr oder weniger" gehört werde, in Gegensatz stellt zu den Reformgemeinden Deutschlands und Ungarns und der bewußten, von der Kanzel herab betriebenen Zerstörungsarbeit der Reformgeistlichen. Daß unter historischem Gesichtspunkt dieser Gegensatz in der Tat vorhanden ist, haben wir nie bestritten und deshalb ja in unsren Ausführungen auch mit Vorbedacht darauf hingewiesen, daß die heutigen Vorschläge des Waad leumi vielleicht eine Verhandlungsbasis zur Vermeidung der Gemeindetrennung bilden könnten — wenn es sich um Deutschland oder Ungarn und nicht um Erez Isroel handelte, und wenn es insbesondere keinen Chinnuch der Knesses Israel gäbe! In Erez Isroel mindestens, wo es gilt, das ganze, volle, ungeschmälerte Gemeinschaftsleben der jüdischen Nation dem Thorageist zurückzugewinnen, in Erez Isroel darf man nicht — wie es hier geplant ist — G'ttes ewiges Wort zu einem Statut für Rabbonus, Mikwe, Schechito und Kwuro verengern, das ganze L eb en aber, Kultur und Wirtschaft und Politik, die. Erziehung vor allem andern, der vollendeten Assimilation an d asn^TJiD "»nai TD1? preisgeben. Wohl gibt es — bis zur Stunde — noch keine rasierten Reverends auf palästinensischen Kanzeln, aber wir wissen nicht, was schlimmer ist: die zur synagogalen Institution gewordene, also in ihrer ganzen Nacktheit erk ennbare europäisch-amerikanische TTJ'£D oder d i e Sorte von grundsätzlicher G'ttesu n d T h o ra le u gn u n g , die das Rabbinat in seiner traditionellen Form ruhig in dert. Bothe Midrasch hausen läßt und unterdessen jahraus^ jahrein 25 000 unschuldige jüdische Kindesseelen unter Verwaltung der Kehilla und daher unter voller Verantwortlichkeit eben dieser Rabbonim alten Schlages mit fliegenden Fahnen aus dem Judentum hinausführt,- um sie dem 'Moloch des hebräischen Kulturbolschewismus aufzuopfern! Wir bewundern die bescheidene Herzensgüte der sechzig Rabbonim, die es angesichts dieser erschütternden Tatsache fertig bringt, festzustellen, ihr Wort, das Wort der Thora werde jadoch — im Gegensatz zu dem Deutschland und Ungarn des vorigen Jahrhunderts — noch immer „mehr' oder weniger" -von den Kehillos^ gehört, also sei eine Veranlassung zur Trennung,, zur Bildung zweier Bothe Dinim, nicht gegeben. Mehr oder weniger! Das „Mehr" bezieht sich auf Schechito, Mikwe, Kwuro — das „Weniger"^ auf alles an de r e , auf das ganze Leben, auf die Zukunft der Nation, auf das Heil der jüdischen Seele! Fragt man uns aber, ob denn durch diese Trennung etwas gebessert, pb der Chinuch dadurch jüdischer, der Auflösungsprozeß, wie ihn die Kneses Israeli-Schulen betreiben, gehemmt werde — so führt uns grade die Beantwortung' dieser uns sehr willkommenen Frage in den Kern des hier vorliegenden tragischen Konflikts hinein. Es ist nicht unsres Amtes, mit den sechzig Rabbinen des Oberrabbinats eine halachis c h e Diskussion darüber zu führen, ob die — umstrittene — Entscheidung des D"3ü*v daß das mann xb ixb auch bei rmx rsn ow "»m txarangeht, auf die in Erez Israel jetzt vorliegende Situation grundsätzlich Anwendung finden könne. Aber es bedarf dessen nicht. Hier stehen sich ja, über die ganze Breite der jüdischen Geisfeswelt, zwei Gruppen von rabbinischen Führern einander gegenüber, von denen die eine durch kluge Nachgiebig- Zwischen den Zeilen der laufenden Thora- und Prophetenabschnitte. tnmvm p*a omsmi o^aa *3ai d»js »a „Wenn du Kinder und Kindeskinder zeugen wirst, und ihr werdet alt geworden sein im Lande und dann ausarten usw." Das hier angekündigte Verhängnis kann sich, wenn man den Worten den nachfolgenden Nebensinn gibt, etwa so auswirken: Die Kinder und die Kindeskinder werden, um Ausrede und Vorwand für ihre Ausartung, für ihre Anpassung an die neue Zeit und den neuen Geist zu haben, das oniwiil ausspielen. Sie werden den Vätern deren A11 s e i n vorhalten, von ihren angeblich veralteten Ideen abrücken. Das »Dnnerni der Abfall muß sich aus einer solchen Anschauung von selbst ergeben. Es gilt aber zu erkennen, daß, wie der Thora selbst, auch ihre Träger, Lehrer und Verbreiter nicht altern, n»an o'enP'a- Die Thora bleibt immer neu und ihre Träger immer jung. «Vi ]iyi3v kVi pai* «V itfrtt bin *v» ö»iitk 'bx ö» ajiiasi 'Mi «bi p^K' „Und Ihr werdet Göttern dienen, dem Werke von Menschenhänden aus Holz und Stein, die nicht sehen, noch hören, noch essen, noch riechen usw." In dieser Kennzeichnung der von den Menschen verfertigten Götter fehlt das im Hallel-Lied enthaltene xrav «Vi Dnb ns. Es wird hier nicht gesagt, efeß sie auch nicht reden können. Der Wilnaer Gaon findet hier eine Stelle aus Midrasch zu Schir Haschirim angedeutet. Dort lesen wir: Als Nebukadnezar das in der Schrift geschilderte Götzenbild aufstellte, legte er ihm den g ' 11 - liehen Namen aus dem Ziz des Hohenpriesters in den Mund, und da fing das tote Bild an zu reden und zu rufen: „Onauchi!" Daniel, um dieser gefährlichen. Irreführung ein Ende zu machen, entfernte unter Lebensgefahr den Schern aus deu Munde des Götzen, worauf das ganze Tonbild in sich zusammenfiel und in Trümmer ging. Hier lesen wir aus den Worten Mosis den ganzen Vorgang heraus: Ihr werdet in der Verbannung einem Götzenbilde aus Holz und Stein gegenüberstehen, das weder sehen noch hören, noch essen, noch riechen kann. Aber es kann sprechen, mittels des „heiligen Namens", der ihm in den Mund geschoben wird. Allein '1 m avn oiwpav ihr suchet von dort, d. h. ihr schafft von ihm den Namen G'ttes .weg, nssöl» und ihr findet, daß das Ganze ein Trugbild war und ihr findet euch zu G'tt wieder. Trugbilder, Wahnideen betörten das jüdische Herz in den Golusjahrhunderten, weil sie redeten, sogar mit dem Schern, im Namen G'ttes, im Namen des wahren Judentums zu reden wagten . . . "i Ca»» orippa'« suchen wir den wahren G'tt in deren Phrasen, flSisai und erleben, wie all jene Trugbilder in sich zerfallen, alle hohen Worte verrauschen. Und wir werden gewahr, wie wir den wahren G'tt mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele zu suchen haben. baai iaaV S>aa wrtn 'a- »nnnK Dmayi ornoi „Und ihr werdet abweichen und fremden Göttern dienen." Erst ein wenig, ganz' unmerklich vom wahren G'tt abweichen. Es ist der Anfang vom Ende, die Kluft weitet sich immer mehr, bis zur Anbetung fremder Götter. „Ghofez Chajim" sagt in seinen Schriften: Sehen wir einmal, wie zwei Bahnschienen voneinander abzweigen. Eine Weile laufen sie noch dicht nebeneinander, dann wird .die Distanz .immer größer und größer, bis sie weit entfernt voneinander verschiedene Wege laufen. Man braucht sich nur ein wenig von G'tt zu entfernen, um sich bald unversehens auf entgegengesetztem Geleise zu befinden. Aus einem leisen omoi wird gar bald ein omasv »mpnn inn prrr> -o wkw ^aw vb 'a inn inn na-v »av Als ran kann der Satz auch folgendes besagen: Ist dir ein Weg zu einer Mizwohtat gar zu weit •pnn 1»» m-p »ai scheint dir all das Gebotene unerträglich schwer, ins» Soin vb »a, es kommt nur daher, aipan naa pm» »a. daß du innerlich G'tt fern bist. In einem Leben der G' 11 e s n ä h e ist kein Weg zu weit und keine Pflichterfüllung zu schwer, ,nhff »n w'm isa 'T paa^i Der „Schir Hajichud von Gabirol erweitert diesen prophetischen Gedanken Jesajas in. grandiosen Bildern: