Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1935)
- Date
- 1935-08-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2446951-2450858-2450890--81477-2539373- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Job 1× ep/1005326
OCR text
Seite 6 Nr. 33 < D e r {I s r a e 1 i t 15. August 1935 kündet ihn in großer prophetischer Schau über Ort und Zeit hinweg in den weiten Raum der jüdischen Geschichte. Es gilt t für ihn, mit Visionen aus Vergangenheit für die Zukunft Schat ten der Gegenwart — einer1 jedem trubeni Ge genwart — zu scheuchen: Heute, in einer Zeit umwälzender Gestaltungen, lesen wir den sieben fachen Trost, als sei er eigens für uns geprägt und verkündet worden. Vöni ersteh Doppel- Nachmu bis zum letzten Jubelruf H3 V7W ists ein Aufruf an das geschlagene Volk, stark zu sein in Not und Drangsal, stark zu bleiben nicht allein in der Erwartung der nicht ausbleibenden Erlösung, sondern noch mehr Kraft zu schöpfen aus der Not selbst; wie aus der schwar zen zerfurchten Erde die herrliche Blüte und köstliche Frucht gewonnen wird. Es gehört zum Wesen der jüdischen narn'; daß sie nicht „Trost"-im eigentlichen Sinne, — etwa im Sinne von Ersatz und Genugtuung — bedeu tet, sondern als Ueb erblicken, Umler nen und Umdenken erfaßt sein will (oru auch bereuen) und uns die Fähigkeit verschafft, in großen Zusammenhängen zu denken. Nur aus der Summe der geschichtlichen Verkettungen heraus kann die wahre Sinndeutung auch für das Erleben des Tages gewonnen werden. •p-ix pn ^sns^i pim»^ 'sn n Seinen Sinn in die Ferne hinauszutragen, rät der Freund dem um die letzten Erkenntnisse ringenden Ijob, wenn er den Dingen und dem Lenker der Dinge ganz gerecht werden sollte. So groß gedacht, spricht unser Trostprophet weniger von dem Glücke, das neben dem Unheil erblüht, als Ersatz und Wiedergutmachung, weniger von der Lücke, die geschlossen wird, als vielmehr von den Glücksmomenten, die das Unheil selbst in sich birgt, dem Glücke der Erneuerung und Wiederverjüngung, jvx "i 'D "ft'Q'in Dm „Wenn G'tt Zion und alle seine Ruinen tröstet" "UVptfD H^ST» BIP'V dann tritt nicht an Stelle der Wüste ein Eden, sondern „die Wüste selbst erscheint uns als Eden, die Einöde v wie ein Garten G'ttes." Die Trauer selbst wandelt sich in Freude ]WwV abnx TOSiT Trost und Freude wachsen ganz gradlinig und naturgemäß aus dem Kummer heraus: üju'ö D'fmo'tfi fpnorpji Die Stürme der Geschichte, die Israel nie verschonten, haben zumeist das Fremde und Unechte an ihm, das, was ihm eine Welt anhängte, um es hintennach als sein Urwesen auszugeben, weggetragen; sein Eigenes ist geblieben und erstrahlte in um so hellerem Lichte. Stets hat die Eruption einen Weg aufgerissen, der von der Niederung in die sittliche Höhe führte. Hier der Trost aus den Trümmern, dem der Prophet sein Wort, das schönste, das je Menschenmund gesprochen, leiht. „Eine Stimme sagt: Rufe! Und ich sage, was soll ich rufen, wenn doch alles Fleisch Gras ist und all seine Liebe — die Ideale, denen seine Liebe gehörte wie die Blume des Feldes dahinwelket?" Aber zu rufen und zu künden hat der Prophet: „Es verdorrt das Gras, welkt die Blume, wenn G'ttes Hauch im Sturm durch die Welt geht." Dürres Gras, fremde Blume, mögen sie welken und verdorren; die echte Saat, Saat für die Zukunft der Welt, bleibt davon unberührt. Das Wort G'ttes, durch Israel einer Welt verkündet, bleibt in aller Ewigkeit, "mi obwb äip1» u?p^8- Unzählige fühlen sich heute angerufen, beim Welken und Verdorren all ihrer Hoffnungsblüten in sich hineinzuhorchen, im Zusammenbruche ihrer Ideale Halt zu suchen im „Worte G'ttes, das von ewiger Dauer ist." Wenn in diesem dunklen Drange leider nicht alle zur letzten Trostquelle des Propheten finden; so ist es die Schuld der „falschen Seher", die, heüte wie damals zur jesajanischen Zeit, „Friede, Friede!" rufen/ wo der Friede nicht ist, jener Lehrer, über die Jesajas das große Weh anstimmte: tpsma T"WKö' ■»»&! -.. Der Prophet aber sieht -sie letztlich alle kommen. „Wie die Wolken daherfliegen, wie die Tauben in ihren Schlag," die Söhne, die, als Ta'^naiT'OIPIö als Zerstörer einmal Zion verlas-; sen haben, als n 'law1?' als G'ttes und Zions Söhne, in der; Lehret G'ttes verharrend, zurückkehren. Sehr zu Unfecht klagte Zion: „G'tt hat mich jverlas^sen, der.rHerr meiner ,vergessen." „So wenig wie die 'Mütter, ihren Säugling vergessen, kann — und:könnte;auch einmal dies geschehen — ich. vergesse dich nimmer!" < , . Es ist gewiß, mehr als eine bloße Wortspielerei, wenn die Mi draschweisen aus äem nbn ÖS den Huldigungsruf des Volkes in-der Wüste beim Tanze um das goldene Kalb 'VmtP* JtVk heraushören, beim ffDlPK K^> ^JK an das große „Onauchi" des Sinai denken und dabei den ganzen Prophetensatz in dem Sinne deuten, daß G'tt wohl die Egelverirrung dem Volke vergißt, nie und nimmer aber s e i n G e 1 ö b n i s &m S i n a i. Das nbx war die Parole der jüdischen Verirrung in jeder Periode der Abkehr. „Dies ist'sf H'er das letzte Ziel, diese deine Götter Israel!"- so ging der Ruf durch das Lager jedes Mal, wenn das Volk an einem Wendepunkt seines Lebens sich am letzten Ziele dünkte. Aüs dem goldenenX Kalb in der Wüste wurden „die goldenen -Kälber" Jerobeams. Einmal war es der aus fremden griechischen Quellen genährte Hellenismus, ein anderes Mal das auf jüdischen Nationalboden verpflanzte Sadduzäertum, danach aller v Blicke im Verzückung wie im Glücke letzter^Erfüllung gerichtet: waren; -UngestilltesSehnen,,; unerfüllte: Hoffnungen ließen die'Jrrli^ter-'(?in'e>--Mölcho und. Sabbatai Zwi aufflä.ckern, äie ins,grausige Nichtsführten. ,,Dies ideine-!Götter Israel!"-: hieß. das Freiheitslied,; als einei junge Frreiheitseonne vor hundert Jahren den. Jüderi bürgerliche i Gleichheit vortäuschte, diej wie. man glaubte, auch geistige und seelische Angleichung bedingte. Und: umbraust heute lauter denn;: je? der gleiche Ruf den Altar rdes blutleeren, der eigentlichen Bestandteile der jüdischen Auserwähltheit baren jüdischen Nationalismus, so erleben wir damit ebenfalls, wie sich in einem entscheidenden Momente der Geschichte das n^K dem in den: Weg stellt. Die Bundestafeln gehen in Trümmer. Der Prophet sieht aber in größer, weltumspannender Schau- bis zur "Endetappe des Sieges hin* Hat der Sturm alles weggeweht, was nicht echt ihr und an uns ist, und den Boden reingefegt, dann sind die Irrlichter erlöschen, dann "ist jedes nbx* sind alle, fremden Losungen, mit denen sich Israel, zuweilen , die; Sicht verstellte, y e r g e s s e n. Unvergessen, bestimmend für sein Leben bis ans letzte, g'ttgesetzte Ziel, bleibt das große- „Sinai-Ich" "pa^S K«? ^MKVninawn M«' Ein Wegweiser durch Golusnacht« Von Dr. Michalski. Als herbe Strafe, zeitweise kaum tragabr, erscheint gar Vielen das Golusschicksal des jüdischen Volkes, so daß nur hoffnungstarkes G'ttvertrauen den Verzweifelnden vor dem letzten Schritt bewahrt.. In das undurchdringbare Dunkel unserer Tage wirft einen Lichtblick, eine Schrift, die uns das Golusschicksal verstehen lehrt. UPpm Ein jüdisch - geschichtlicher Wegweiser von Rabbiner Dr. Leo. Bresl au er in Fürth ist es,*) der aufrichtende Kraft aus beglückendem Wissen . strömen läßt,. Israel, ein Gast nur auf Erden und doch Israel bleibend, das ist Israels Aufgabe und Bestimmung, die ihm und den anderen Völkern zum Beweis G'ttes werden soll, typ . und sie ,suchen den Ewigen ihren G'tt und ihren König. David. Staatsbürger des G'ttesstaates* die. die Völker zu Bürgern des G'ttesreiches adeln, sollen Juden sein.—- oder werden. Das ist der Inhalt des Gründungsaktes "bi'wnp D'jna nsVnn.,V-"v,nfi ütiKi ,.Und Ihr, Ihr sollt Mir sein — oder werden — ein Staat, dessen Bürger nur eine Kultur kennen, für G'tt eine Seele zu haben, und ein Verein von Menschen, die nur eine Wirtschaftspolitik kennen, für den Dienst G'ttes einen Körper zu, haben." „Ihr sollt es Mir sein," das ist Israels (Bestimmung in seinem Lande, „Ihr sollt es Mir werden," — Israels Golusschicksal. Gesamtheitsaufgabe ist es, ruhend auf den Schultern jedes Einzelnen;' Sein Anteil an ihrer Lösung bestimmt den Anteil seiner Seele im Jenseits an «der Nähe G'ttes und seinen Anteil ■ dereinst in der Erfüllung des G'ttesreiches auf 'Erden. Das in den Stammvätern erwählte und zur Errichtung dieses G'ttesstaates aus Aegypten befreite Volk hat drei Feinde dieses- Staates zu überwinden, "Di msm mxnn nKjprv Hab- und Machtsucht, Sinnlichkeit und Geltungsbedürfnis. Sie wollen G'tt die Herrschaft streitig machen. In der Wüste, im Lande und. im Golus suchen sie die Bürger ihrem G-'tt und;.Seinem Staat zuentführen und entfr-emden. Beim Vollbesitz körperlichen und seelischen. Glückes Jim Lande, zur' Zeit des ersten. Tempels, beim verkürzten .und entzogenen, in der Wüste, : zur- Zeit des zweiten Tempels. und im Golus bäumen, sie sich, gegen *) Verlag Hermön Frankfurt a. M. Preis, stark broschiert, Mk. 2.50. . die Herrschaft G'ttes auf. Durch m^mi ril3257 min DHOrt' die, als sie zur Zeit des ersten-Tempels zur Rechtfertigung der drei Triebe entstellt und mißbraucht wurden, zur Zeit des zweiten Tempels durch fll^BH fiöK verschärft und verstärkt werden mußten, sollen sie zu ^niTDn ''nH£"HS nypJSM gewandelt und erzogen werden, um zu EHpn nni >TWXlp 'AXT zu führen. Die Ueberwindung dieser Triebe bedingt, daß die Bürger des G'ttesstaates. die Gastfreundschaft der Völker ihnen mit völligem Verzicht auf Habsucht, Sinnlichkeit und Geltungsbedürfnis danken und ihnen hierin vorbildlich zu werden streben sollen. Waren es in früheren Zeiten die anderen Triebe, die im. Vordergrund standen, so Ist es in der Gegenwart das Geltungsbedürfnis, das als Selbstbestimmungswille gegen G'tt und Seinen -Staat sich empört. Um sich den Schein der Gesetzlich-» keit zu geben,: entkleidet und beraubt es als Aufklärung, als Wissenschaft, "als Bibelkritik und als Entwicklungsgeschichte das G'tteswort seiner Verpflichtungskraft und stellt ihm als religiöse Reform oder nationale Selbstbehauptung den Menschenwillen und das Menschenwort eigenwillig gegenüber. Nur vollkommenste Demut unbedingten Gehorsams als Gemeinschaftsaufgabe .aller, die nichts anderes als Bürger eines G'ttesstaates sein wollen, vermag diesen Geltungstrieb zu überwinden. Selbst in denen, die in allen Tönen vom Judentum , schwärmen, aber seine Verpflichtungskraft fürchten, ist er nicht erstorben. ^DieMGemeinschaft der . bewußt ihn Bekämpfenden, die von Gemeinde und Gemeindeverband aus zur Einheit . auf Erden 'strebt, die in Schule und Beruf, in Wirtschaft, Politik und Kultur kein anderes Ziel: kennt als den G'ttesstäat, ebnet im Golus ihm den Boden, erblickt im r Golus die Möglichkeit, die drei Feinde; des G'ttesstaates, Habsucht, Sinnlichkeit und Geltungstrieb zu bezwingen und zu vernichten. Auch in Erez Isroel hat das jüdische' Volk als Gast sich zu fühlen, um dort den Böden für den G'ttesstäat, nicht für das G'ttesland zu bereiten.- Auch;!dort ist es im Golus, solange der Geltungstrieb, nationaler Selbstbehauptung den G'ttesstäat bekämpft. Golusschicksal überwindet die Feinde des G'ttesstaates- "und führt-: -seinen Aufbau iierbei. Nicht harte Strafes^nieht ^schmerzvolle Sühne, nicht unlösbares^ Rätsel ists - mehr. Bürgschaft ist es uns für den G'ttesstäat' und Wegbereitung zu ihm. Machtlos und rechtlos werden und bleiben wir auch im Golus Bürger des unsichtbaren G'ttesstaates des unsichtbaren G'ttes, dem allein die Macht und die Geltung -zu eigen.; s : . ■