Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1935)
- Date
- 1935-08-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 32 Der Israelit 8. August 1935 Alltagsleben immer mehr fortschreiten, je mehr sich das Leben entfaltet und alle Kulturbezirke ergreift. Aber wir bezweifeln, ob 'diesen unvermeidlichen — mit ganz anderen Mitteln auszugleichenden — Konsequenzen durch die Aeußerlichkeit einer veränderten man beim Gebet begegnet werden kann. Es wäre interessant, darüber die Meinung erfahrener Pädagogen und Psychologen zu hören, solcher natürlich, denen das Beten in heiliger Sprache keine D'IPJK mXttn*7ö1^ö' sondern eine Herzensangelegenheit und eine Quelle geistiger Befruchtung ist. Ebenso schwierig liegt, wenn auch auf einet* ganz anderen Ebene, die Frage der Aussprache an den deutsch-jüdischen Schulen. Bis auf weiteres wird wohl hier das Gesetz der Trägheit — im rein naturwissenschaftlichen Siane — wirksam sein, und man wird nicht umhin können, den Schulkindern auch weiter nebeneinander die aschkenasische Aussprache für den religiösen und die sefardische für den neuhebräischen Sprachunterricht zuzumuten. Die Krise der palästinensischen Industrie. Nach den aus dem heiligen Lande vorliegenden Nachrichten hat das Dumping, das von der Einfuhr billiger japanischer Industrieprodukte auf die Textilindustrie, insbesondere auf die Seidenwarenproduktion Palästinas ausgeht, so verhängnisvolle Wirkungen gezeititg, daß man schon von einer Krise sprechen darf. .High Commissioner Sir Arthur Wauchope hat vor einigen Tagen eine Delegation der palästinensischen Wirtschaftskreise empfangen, die seine Aufmerksamkeit auf die gefährliche Lage lenkte. Sie hat die Hilfe der Regierung und ihren Schutz gegen die mit außerordentlich niedrigen Preisen arbeitende ausländische Konkurrenz gefordert. Die Antwort, die der High Commissioner der Delegation gegeben hat, wird von der Regierung nicht veröffentlicht. Die ITA. erfährt aber, daß der High Commissioner nur .ganz allgemein versprach, die Nöte der palästinensischen Industrie, die ihm die Delegation vorgetragen hat, zu prüfen und im übrigen die Errichtung eines besonderen Departements für Handel und Industrie ins Auge fassen. Zwar ist bei diesen Nachrichten immer von Japan und ,,anderen Ländern" die Rede. Aber man darf wohl annehmen, daß es sich im wesentlichen doch immer um die japanische Einfuhr handelt, mit der eine Konkurrenz schlechterdings unmöglich ist* Japan zahlt den von ihm beschäftigten weiblichen Arbeitskräften derart I lächerliche Löhne, daß kein Land der Welt, so-- ferri es überhaupt schon die Stufe industrieller Produktion erreicht hat, damit in Wettbewerb treten kann. Bisher hat die Mandatregierung, wenn. von jüdischer Seite die Einführung von Schutzzöllen für gewisse palästinensische Industrieprodukte gefordert und diese Schutzzollpolitik als der einzige Weg bezeichnet' wurde, der auch den Abschluß von Handelsverträgen für den Absatz der steigenden Citrusproduktion ermögliche, immer auf den Artikel 18 tdes Mandates verweisen, der ihr die Einführung von Schutzzöllen unmöglich macht. In Artikel 18 wird bestimmt, daß in dem Mandatland Palästina kein Unterschied zu Ungunsten der Staatsangehörigen irgend eines dem Völkerbund als Mitglied angehörigen Staates und kein Unterschied zu Ungunsten von Waren, die aus irgend einem.der genannten Staaten kommen oder für ihn bestimmt sind, gemacht werden dürfe. Diese Bestimmung hat jedoch, nachdem Japan aus dem Völkerbünde ausgetreten ist, glücklicherweise gerade für das japanische Dumping keine Gültigkeit mehr, und es läge daher ohne weiteres die Möglichkeit vor, zunächst einmal den katastrophalen Wirkungen der japanischen Konkurrenz entgegen zu treten. Wenn man bedenkt, daß schon allein durch die Schließung der Seidenfabrik „Meshi" 150 Arbeiter (siehe den Artikel in voriger Nummer) brotlos geworden sind, und daß eine große Zahl weiterer Fabriken vor dem Untergang stehen, sollte man ein schleuniges Eingreifen der Mandatregierung erwarten dürfen und nicht erst ein monatelanges Prüfen und Erwägen. Znm Problem der jüdischen Binnenwanderung. Die Abwanderung der verhältnismäßig geringen Zahl der noch auf dem Lande wohnenden deutschen Juden in die Großstädte hält an, und der Prozeß dürfte, solange die ihn bedingenden Faktoren sich nicht ändern, auch kaum durch irgendwelche Palliativmittelchen, wie geistige Betreuung, Vorträge, soziale Beratung und ähnliche schöne Dinge, zu beeinflussen sein. Man muß vielmehr mit der allmählichen Auflösung der Landgemeinden rechnen. Dabei spielt indessen die Auswanderung aus Deutschland, soweit es sich nicht um Jugendliche handelt, die geringste Rolle, und solange nicht gigantische Summen zur Finanzierung der Emigration von Mittellosen mittleren und höheren Lebensalters zur Verfügung stehen, werden sich I die ländlichen Familien naturgemäß immer nach Iden nächstgelegenen Mittel- und Großstädten^ wenden, wo sie am ehesten Stützpunkte zur Fristung ihrer wirtschaftlichen Existenz zu finden hoffen dürfen. . Damit gewinnt aber die Frage der auf diese Weise sich vergrößernden s t ä d t i s c h e n jüdischen Gemeinden und Großgemeinden eine stark erhöhte Bedeutung. Was die Großstädte betrifft, so haben wir anläßlich der jüngst . gemeldeten überraschend hohen Zuzugsziffer für Berlin schon auf die Notwendigkeit hingewiesen,-' die Zuwanderung durch eine Art jüdischer Planwirtschaft auf die Großstädte zu verteilen; eine gewisse -Lenkbarkeit der Wanderung darf heute, auch ohne staatliches Eingreifen, innerhalb bestimmter Grenzen vorausgesetzt werden. Aber auch in der Stadt selbst wird man die Entwicklung nicht ganz sich selbst überlassen dürfen. Nur daß es dort eher eine Konzentration auf jüdische Wohnviertel zu. fördern gilt als eine Ausbreitung und Zerstreuung über das ganze Stadtbild! Die Tendenz der Absonderung der jüdischen Reichsangehörigen auf der ganzen Linie des kulturellen, gesellschaftlichen und schließlich auch des wirtschaftlichen Lebens ist so mächtig, daß eine besonnene jüdische Politik sie nicht bekämpfen, sondern nach Möglichkeit zur inneren r e 1 i g i ö s - e t h is c h e n Stärkung, der, jüdischen Gemeinschaft auswerten sollte. Wenn in der „Deutschen Justiz", dem amtlichen Organ der deutschen Rechtspflege, vorige Woche von den Absonderungsmaßnahmen ' der mittelalterlichen Städte gegen die Juden gesagt wird, daß in diesen Maßnahmen „eine tiefe Weisheit zutage trat, deren Mißachtung sich an unserem Volke bitter gerächt hat," so braucht man aus dieser theoretischen Feststellung gewiß nicht den Schluß zu ziehen, daß maßgebende Kreise an die obligatorische Wiedereinführung der Judenghetti dächten.' . Aber die freiwillige Erstreckung der sich mehr und mehr anbahnenden Autarkie jüdischen Gemeinschaftslebens auch auf die Wohnungspolitik als Basis dieses Gemeinschaftslebensr scheint uns eine weise Vorwegnahme vielleicht unvermeidlicher Entwicklungen zu sein. Manche unerwünschte Reibungen könnten vermieden werden, wenn die jüdischen Stadtbewohner sich um den Mittelpunkt ihrer G'tteshäuser und Schulen in gewissen Wohnbezirken konzentrierten. Doch muß es an dieser Stelle genügen, die zuständigen jüdischen Instanzen auf das Problem hingewiesen zu haben. Nur Stimme! Deut. 4, 12; Da sprach G'tt zu euch aus dem Feuer; Stimme von Worten hört ihr, und eine Gestalt sähet ihr nicht, nur Stimme, 13: Da kündete Er euch seinen Bund . . . 14: Und mir gebot G'tt zu jener Zeit, euch Gesetze und Rechte zu lehren , , , 15; So sollet ihr euch sehr um eurer Seelen willen hüten; denn ihr sähet keine Gestalt am Tage, da G'tt zu euch am Horeb aus dem Feuer sprach, Diese Verneinung: „Ihr sähet keine Gestalt" sehen manche Erklärer als eine Verherrlichung derer an, die am Sinai standen. Nach Num. 12, 6 ist es, wie „Arbe Nachal" bemerkt der Vorzug des Mose vor allen Propheten, daß nur er einer b i 1 d 1 o s e n Prophetie gewürdigt wurde. Und wer etwa nähere Vergleiche zwischen Mose, Jesaja und Sscharja zieht, wird bemerken, daß der Bilderreichtum im Laufe der Zeiten in gleichem Maße zunimmt, wie die Häufigkeit des Prophetenwortes nachläßt. Und eben weil Mose wußte, wie selten dieser Vorzug ist — freute er sich, auch dem ganzen Volke Israel dieses Lob zu erteilen: Ihr wurdet der klaren und b i 1 d f reien Prophetie gewürdigt an der es nichts zu deuten und zu enträtseln gab. Aus diesen Worten hörte „Arbe Nachal" die gleiche neidlose Freude, wie aus Mose's Ausruf: O, wäre doch das ganze Volk G'ttes Propheten! — In Wirklichkeit jedoch enthalten diese Verse — Yi«tt öJTJäWi ' — auch ein Verbot und zwar das Verbot, sich unnötig in Gefahren zu begeben. Unsere Weisen lehren uns in Chullin, das Meiden der Gefahr sei ein noch strengeres Gesetz, als das des Verbotenen. Was hat nun dieses Gebot, welches doch der väterlichen Liebe G'ttes allein entspringt, mit dem Gedanken von der Gestaltlosigkeit G'ttes zu schaffen, neben welchem es hier ausgesprochen ist? Die Antwort gibt uns das Buch der Könige: Die Baalsanbeter, die sich nicht scheuten, sich von ihrer Gottheit ein Bild vorzustellen und zu machen, diese selben Baalsanbeter glaubten ihrem Gotte nicht besser dienen zu können, als indem sie sich „nach ihrer Vorschrift mit Schwertern verwundeten" (Kön. 18, 28). Auch die Thora selbst berichtet uns, daß solche Anbeter .sichtbarer Gottheiten (Deut. 12, 31) sogar ihre eigenen Kinder ihren, Gottheiten opferten, — Auch Jesaja in seinem Trostkapitel weiß seinem Volke keinen anderen Trost zu spenden, als indem er den Wahn derer verspottet, die sich mühen, ein sichtbares Bild ihres Gottes zu schaffen, deren Anbeter, auch wenn sie die Mächtigsten der Erde sind, nie „ungepflanzt und unvewurzelt" hinsinken müssen; — dem Volke Israel aber gilt die Frage: Wollt ihr nicht lieber hören und nicht lieber wissen, was am Anbeginn euch verkündet wurde?" Mag (Jesaja 44, 16} der vom Götzenopfer Begeisterte sich dessen erfreuen, daß er „erhitzt" worden ist und ein (inneres) Feuer; „gesehen" hat — unsere Offenbarung war nur ein Hören der Worte G'ttes. Und wenn uns auch die „Stimmen sichtbar" (Ex. 20, 8) wurden, so ist uns (Deut. 4, 55) durch die sichtbaren Wunder des Sinaifeuers doch nichts zur Erkenntnis gebracht worden als eben die Einzigkeit und Gestaltlosigkeit G'ttes. Und auch hier folgt auf den Gedanken von der Bildlosigkeit G'ttes sogleich die Vorschrift, selbst den Sünder gegen das Menschenleben vor Vernichtung zu schützen, — also der Gedanke, daß G'tt die Erhaltung nicht die Zerstörung menschlichen Lebens und Wohlergehens wünscht. Es ist also überall ersichtlich, daß eine angeblich „gesehene" — also willkürlich innerlich erlebte — G'ttesanschauung sich vernichtend g e gen ihre Träger auswirkt, während die nur gehörte G'ttgewißheit, die klar von außen vorstellungslos und bildlos gegenüber den Menschen von G'tt ausgesprochene Belehrung, Leben fördert und s c h a f f t. - Deshalb erharren wir unsere dereinstige Erlösung (Hoheslied 2, 8) gleichfalls von einer über die Berge heraneilenden Stimme G'ttes als des Trauten Israels, eine Stimme, die (ib. 4, 2) anpochen und uns rufen wird, durch Unser Tun und unseren G'ttesgehorsam die Tore zu einer neuen'^Stätte G'ttes auf Erden zu öffnen. B. C. tfött- (Dem Andenken der Frau Gutta Hirschberg geb. Fromm ^"'i' gewidmet.) Von Saly Geis. Das Wort "„Schma" bezeichnet unser wichtigstes Gebet.*) Es beginnt aber auch den ersten Satz dieses *f Wie auch der Inhalt des „Schma" zeigt, übersetzt „Gebet" nicht das Wort „Tefillah". „Tefillah''