Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1935)
- Date
- 1935-08-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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8. August 1935 Der Israelit Nr. 32 Seite 3 (Fortsetzung von Seite 1,) zu? Hat Nachmähides an das Palästina gedacht, auf das die „Habonim" vorbereiten? 3. Auch die optimistischsten Beobachter des Heiligen. Landes wagen nicht zu behaupten, daß wir ihm Unsere Jugend ohne Angst anvertrauen können. Und selbst die optimistischsten Kenner der jüdischen Jugend Deutschlands wagen nicht zu behaupten, daß sie geeignet sei, in Moskau, Lodz öder Tel Awiw das Ererbte und schwer genug Erlebte am Leben zu erhalten. Die jungen Leute, von denen wir sprechen, sind in dem geistigen Hause aufgewachsen, das die Großen eines größeren Geschlechtes gebaut „haben, sind, in Purpur Geborene, nicht fähig, selber nochmals den Aufstieg aus den Niederungen der Aufklärung von vorn zu beginnen, — und soweit fähig, nicht willig dazu, da nach Heilsamerem ihr Sinn strebt. Sollen sie geopfert werden, um anderen jüdischen Stämmen in fernen Ländern ein Vorbild zu sein, das man nicht befolgt, weil es —'■ keinen irdischen Erfolg hat? Nein! Die Judenheit Deutschlands hat noch viel zu verlieren an jüdischem Geistesgut. Viel an diesem Typ des Ken n e r s und des h a I b Verachte r s der T h o r ä f e i n d s c h a f t, der nun all sein Wissen und Streben an heiliger Quelle sucht. Viel allerdings nicht an Zahl., Denn es sind'nur Wenige, von denen all dies sich sagen läßt, Wenige im Erwerbsstande und noch Wenigere vielleicht im -Lehrstande. Es ist eine so geringe Anzahl, daß es keine Schwierigkeit sein könnte, diese Wenigen an einer gemeinsamen S t e 11 e d e s H e i 1 i g e n oder — ei n e s ander e n Landes anzusiedeln. Die Einwanderungsquote keines Landes liegt niedriger als die Anzahl dieser wenigen Getreuen. _ 4. Es ist vielleicht kein Unglück, daß sich ' ihr er keine der jüdischen Organisationen bisher angenommen hat, " Sie sind kein Politikum geworden und wollen es nicht werden, Sie geben kein Mandat, sie zu vertreten und auch dl e s e Zeilen sind von ihnen nicht inspiriert. Aber sie sind das, was die Judenheit Deutschlands noch zu verlieren hat. Es scheint nicht, als ob die Juden anderer Länder diesen Typ als wertvoll anerkennen. Sie können das vielleicht aus inneren Gründen nicht. Verloren aber ist, wer 'sich selber verlor e n g i b t. An die wenigen Getreuen selber daher, soweit sie wandern müssen, ergeht der Ruf, sich zu s a m m e In und si c h s oder Welt zu erhalten. An die jüdische Welt ergeht mir die bescheidene Bitte, nicht die zu "verachten, die nur sich selber helfen wollen. Diese Handvoll Jereim kann kein Land besiedeln. Aber sie darf auch nicht Kulturdünger "eines anderen, zu anderen Idealen unternommenen Aufbaus werden. Sie sind auch für Berufsumschichtungsexperimente zu schade. Sie m ü s s e n und, da sie sehr Wenige sind, k ö n - n e n in einem fremden Lande ihr bisheriges Leben fortsetzen, um den altneuen Idealen unbeirrt weiterzudierien. Sie werden Hilfe finden. Wenn der Allgütige sich erbarmt, nur durch Ihn. Wenn noch irgendwo auf der Welt Jereim Ehre und ^Gewissen haben, werden auch sie an diesem Wunder G'ttes mitwirken wollen, und wenn es am Brot abgespart werden müßte. Diese Edlen können dessen sorglos versichert sein, daß s i e damit Samen zum Aufblühen einer, neu e n Hir s e h - und H i 1 d e s h ei m er¬ Welt in fremdem Lande stre.uen, 5. So nötig, das Aufbauwerk am Heiligen Lande für die Durchschnittsjudenheit sein mag, ■■■— für d i e w e n ige n G e t r e u e n ist nur dieser Weg | a n g b a r , abseits aller Politik und aller Projekte. Es gibt kein von Jereim bewohntes Land, das nicht diese Märtyrer der Thora- Ttultur aufnehmen, könnte. "Hoffentlich g i b t e s a b e r .au c he i n Lan d,. dessen J e r e i m "W i s s en , was s i e an dies er Handvo 11 Leute gewinnen und was alle Juden an ihnen verlieren könnten. , Um Sprache und Beruf der Wandernden laßt uns nicht bangen. Ihr thoratreuer Geist und ihre Erwerbswilligkeit ist da* Und G'tt ist mit denen, die Ihn suchen und ihr Erdenleben ihm unterstellen. Die Priester sind da. Wo ist der Tempel? Es sind Priester des L e b e n s. Ihr profanstes Leben haben sie G'tt unterstellt. Ihr Boden schwindet durch Schuld unerlöster Brüder unter ihren Füßen. Zu einem neuen Lebensbau ohne Zusammenhang mit ihrem bisherigen kann selbst von ihnen nicht die Gigantenkraft erhofft werden. Erhaltet sie der Welt! Gebt ihnen, jüdische Brüder anderer Länder, gebt diesen Wenigen eine neue Hoffnung bei Euch! Nachbem erkung der Schriftl e i t u n g: Wir können den vorstehenden, aus der leidenschaftlichen Sorge eines wahrhaft ehrlichen jüdischen Herzens heraus geschriebenen Aufsatz nicht in die Welt gehen lassen, ohne ihm ein kurzes Nachwort zu widmen, das klärend wirken soll. Vor allem eine Aeußerlichkeit. Der Verfasser sandte uns seinen Artikel unmittelbar nach Erscheinen der Breuer'sehen Aufsatzreihe „Erez Isroel-Probleme" ein und appellierte an unser Gerechtigkeitsgefühl, das uns verpflichte, seinen Appell „nach der nun geendigten palästinophilen Serie" ebenfalls zu bringen. Wir sind nun der Meinung, daß der Gedankengang des Verfassers durchaus nicht in Gegensatz zu einer palästinozentrischen Auffassung gebracht zu werden braucht. Es gibt sehr viele Leute, die in der Schaffung einer „Hirsch - Hildesheimer" - Kulturwelt gerade im Rahmen einer geschlossenen Siedlung in Erez Israel ein erstrebenswertes Ideal erblicken. Diese „geschlossene Siedlung" könnte ebensowohl ländlichen wie städtischen Charakters sein — in letzterem Falle wäre sie eben eine d e u t s c h e G e m e i n d e , die ebensowohl in Tel Awiw oder Jerusalem wie in Haifa oder Pethach Tikwa sehr wohl eine Art von religiös-kulturellem Eigenleben zu führen vermöchte, wie es der Herr Verfasser erstrebt. Dazu braucht man also die gesetzestreuen deutschen Juden nicht nach exotischen Ländern zu verpflanzen oder sie gar in künstlich zu isolierende Gruppen nach europäischen Zentren zu bringen. Die Frage ist — und darüber wäre eine ernsthafte Diskussion am Platze — ob es für die Herausbildung einer von Schöpferkraft erfüllten, nichtsdestoweniger aber fest in reinster Emuno und blutwarmer Volkhaftigkeit wurzelnden Thora-Kultur besser ist, wenn der unter ganz bestimmten geschichtlichen Bedingungen gewordene Typus des „gebildeten" deutschen Gesetzestreuen sich kollektiv in Gemeinschaften auf dem Boden Erez Isroels verfestigt, oder ob die Jünger Hirschs und Hildesheimers der jüdischen Zukunft etwa einen besseren Dienst dadurch leisten, daß sie als Individualitäten eingehen in das neue jüdische Gemeinschaftsleben und ihr geistiges Gut als eine ebenso e n t w i cklungsfähige wie fermenthaft wirkende Nuance hineintragen in den Gesamtgeist der wesentlich ostjüdisch bestimmten Thora-Gemeinschaft des heiligen Landes. Entscheidungen auf diesem Gebiete wird schon das Chinuch-Problem erzwingen, und diese Entscheidungen — vielleicht nicht zum Nutzen der Sache — werden um so rascher heranreifen je größer die Zahl der einwandernden deutschen Gesetzestreuen, die sich an einem Orte zusammenfinden, werden wird. Wir sehen die ganze Entwicklung von mancherlei Gefahren umhegt — von rechts wie .von links. Sie bedarf größter Vorsicht auf seiten der berufenen Führer. Eine verantwortungsbewußte Diskussion in der Presse, die sich von vorschnellem Aburteilen fernhält, könnte* dabei fördernd wirken. Das Wort ergreifen sollten dann aber auch diejenigen, die sonst gewohnt sind, mehr zu denken als zu schreiben. ♦13*7^ njn nwnb ny Wochenruridschau. Aschkenasisches oder sephardisches Hebräisch? Prinzipielle Erörterungen anzustellen über die Frage, ob die-gesetzestreue Judenheit der aschkenasischen oder der sef ardischen Aussprache den Vorzug geben solle, wäre heute ein zweckloses .Unterfangen. Auch wenn man sich der wissenschaftlichen Theorie anschließt, die vor einiger Zeit einmal von einem philologischen Mitarbeiter in den Spalten unsres Blattes vertreten wurde, daß das Aschkenasische die getreue Ausprägung des auf Inhalte gerichteten S a c h d e n k e n s sei, das Sef ardische mehr einem bloßen Form denken entspreche, liegt es heute nicht mehr in Menschenmacht, drüben in Erez Israel das Steuer herumzuwerfen und einer'anderen offiziellen „Hawarah" des Hebräischen in Verkehr und Leben zum Durchbruch zu verhelfen. Es würde auch — angesichts der vielen, anderen ernsten Aufgaben der Orthodoxie nicht lohnen, sich in einen neuen Kampf auf einem Gebiete zu stürzen, das immerhin nur von peripherer Bedeutung ist. Allein auch dann, wenn man die sefardische Verkehrssprache in Palästina als unwiderrufliche Tatsache hinnimmt, bleiben noch zwei Fragen übrig; deren Beantwortung mit der Bejahung jener Tatsache noch nicht unmittelbar gegeben ist. Die eine ist die Frage der G eb e t s p r a c h e in Erez Isroel, und die ändere wirft sich dem jüdischen Pädagogen in der Diaspora, insbesondere in Deutschland, auf," wenn er es als seine Aufgabe betrachtet, die Schuljugend möglichst früh auf die ihrer wartende Zukunft vorzubereiten. Als vor dem Kriege Dr. Moses Auerbach das Schulwerk der deutschen „Freien Vereinigung" in Pethach Tikwah, Rischon, Ekron, Rechowoth und Haifa einrichtete, führte er beim Unterricht das sefardische Hebräisch ein, ließ die Kinder aber im G'ttesdienst, auch bei Schulg'ttesdiensten, ausschließlich in aschkenasischem Hebräisch beten. Maßgebend war dabei wohl nicht nur der Gedanke der Anpassung an die Gebetsprache der aschkenasischen Eltern, sondern auch der Wunsch der Scheidung zwischen profaner und heiliger ,Sphäre. , Allein, abgesehen von der technischen Schwierigkeit, die man auf diese Weise der Jugend auferlegt, erscheint es fraglich, ob der Aussprache-Unterschied psychologisch in der Tat ausreichende Wirkungskraft besitzt, um die gewünschte Vin1? unp "pa n^nun für das Bewußtsein des Individuums herbeizuführen. Unfraglich kann der Verlust einer eigen e n, ganz vom Urgeist der religiösen Heiligkeit erfüllten Gebetsprache, wie wir sie in den Ländern der Zerstreuung seit Jahrtausenden besitzen, von verhängnisvollsten psychischen Konsequenzen für die im neuen Erez Isroel heranwachsende Jugend sich erweisen. Dieser Verlust bedeutet eine Stärkung des — wenn der. Ausdruck gestattet ist — nationalen- Jezer horah und eine Schwächung der heiligenden Kräfte im Leben des Juden. Es ist ja keineswegs anzunehmen, daß etwa die Heiligkeit der Sprache das profane Leben durchdringt und es auf eine höhere Stufe sittlicher Vollendung erhebt, sondern, umgekehrt, muß mit psychologischer Notwendigkeit die Aushöhlung und Abschleifung der überlieferten biblisch-prophetischen Ausdrucksmittel durch das