Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1935)
- Date
- 1935-08-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 32 Der Israelit 8. August 1935 < Die Judenfrage auf dem Essener Gautag. Berlin, 7. August. In den richtungweisenden Reden der Reichsminister Dr. F r i c k und Dr. Goebbels auf dem Gautag in Essen wurde u. a. auch, die Judenfrage berührt. Reichsminister Dr. F r i c k warnte noch einmal ausdrücklich vor wilden Einzelaktionen, die Deutschland nur schädigen und den Endcrfölg gefährden könnten. ,,Die Judenfrage", sagte der Reichsminister, „wird langsam, aber sicher so gelöst werden, wie es das Programm der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei vorsieht." Der nächste Schritt, der von Staatswegen auf diesem Gebiet unternommen werden wird, ist, nach einer weiteren Mitteilung von Reichsminister Dr. Goebbels, eine Verordnung, die Eheschließungen zwischen Deutschen und Jüden für die Zukunft unm ö g lieh m a cht. Ausschluß von Juden. Berlin, 7. August. Das „Deutsche Nachrichtenbüro" meldet aus Ba d Tölz; „Das Bezirksamt hat nach einer Mitteilung des Kreispresseamtes der NSDAP in Bad Tölz mit Zustimmung der bayerischen politischen Polizei das in der Hauptsache von Juden besuchte „ P a r k h o t e 1" mit sofortiger Wirkung bis auf weiteres geschlossen. Anlaß zur Schließung ist der einmütige, Einspruch aller arischen Kurgäste und auch der eingeborenen Bevölkerung gegen das in letzter Zeit außerordentlich provozierende und freche Auftreten der jüdischen Hotelgäste." B e r 1 i n , 7. August, Die „Berliner Lokalnachrichten" teilen mit: „Gestern abend beschlossen die Gaststättenbesitzer und Pensionsinhaber der Stadt Rheinsberg (Mark) nach einer Aussprache des Kreisleiters Kerner einstimmig, künftig keinem Juden mehr Unterkunft und Verpflegung in Rheinsberg zu gewähren. An sämtlichen Hotels und sonstigen Gaststätten werden Tafeln angebracht mit der Aufschrift: „Hier werden Juden nicht bedient!"' Die deutschen Volksgenossen können jetzt also damit rechnen, Rheinsberg, eine der herrlichsten Stätten der Kurmark, in Zukunft judenfrei zu finden." 1 München, 6. Äugusi Der „Völkische Beobachter" bringt in seiner Nr. 218 (Münchener Ausgabe) unter der Ueberschrift „Pfälzer Gemeinden wehren sich gegen das Judentum" eine Anordnung des Gemeinderats der pfälzischen Gemeinde Breun Ingweiler, wonach 1. kein Jude ein Haus oder ein Grundstück im dortigen Gemeindebezirk erwerben darf; 2. kein Jude und keine Jüdin dort zuziehen darf; 3. kein Handwerker, kein Geschäftsmann, kein Bauer, kein Landwirt oder sonst ein Volksgenosse eine Gemeindearbeit oder eine Gemeindelieferung erhält, der noch mit Juden Verkehr pflegt bezw, diese in ihrem Handeln unterstützt. Wie die „Bremer Zeitung" meldet, hat der Bürgermeister der Stadt Nordenham, Dr, Gerdes verfügt, daß künftig bei Vergebung von städtischen Arbeiten und Lieferungen nur diejenigen Geschäftsleute berücksichtigt werden, die nicht in geschäftlicher oder privater Verbindung mit Juden stehen. Der stellvertr. Bischof von Berlin gegen Judenmission. Berlin, 7. August. Im Zusammenhang mit einem in dem Blatt ■der Berliner Stadtmission erschienenen Artikel hat der stellvertretende evangelische Bischof von Berlin, Propst Eckert, eine Erklärung veröffentlicht, in der er, im Gegensatze zu den Aeußerungen des Vorstandsmitgliedes der Berliner Stadtmission, daß das Judentum die Fähigkeit zu großen weltgeschichtlichen Taten besitze, daran erinnert, daß Adolf Stö ck er seine ganze Kraft einsetzte, um das deutsche Volk von den zersetzenden Einflüssen der jüdischen Rasse zu befreien. In ähnlichem Sinne äußert sich in einer Zuschrift an den „Völkischen Beobachter" der Vorsitzende des „Vereins für Berliner Stadtmission, W, Thiem e. Der „Völkische Beobachter" bemerkt hierzu: „Wir stellen fest, daß hier im Namen des Christentums eine Ausschaltung jüdischen Einflusses auf das Volksleben als eine Aufgabe bezeichnet wird, die von der Kirche gefördert werden muß!" Die kulturelle Betätigung der Juden in Deutschland. Berlin, 6. August. Das „Deutsche Nachrichtenbüro" meldet, daß entsprechend den geltenden Richtlinien der Sonderbeauftragte des Reichsministers Dr. Goebbels, Hans H i n k e 1, den künstlerisch und kulturell tätigen Vereinigungen jüdischer Staatsangehöriger die Auflage gemacht habe, sich bis zum 31. August 1931 im Reichsverband jüdischer Kulturbünde zusammenzuschließen. Nur Lokalverbände, die dem Reichsverband angehören und unter Leitung des Berliner Vorstandes dieses Reichsverbandes arbeiten wollen, können sich nach dem festgesetzten Termin noch künstlerisch und kulturell betätigen. Von dieser Maßnahme ausgenommen sind die jüdischen Schulen und die Kultusgemeinden religiöser Art. Sicherheitsmaßnahmen im nahen Orient im Zusammenhang mit dem italienisch-abessinischen Konflikt. Jerusalem, 5. August. Die arabische Presse teilt mit, daß die englische Regierung die. High Commissioners von Palästina und Aegypten sowie die englischen Residenten in den anderen Ländern des Nahen Ostens zu einer dringenden Beratung nach London einberufen hat, um die Frage der Koordinierung der Schutzmaßnahmen in diesen Territorien zu erörtern. Der Völkerhund und die Auswandererfrage* Genf, 3, August. Hochkommissar James* M aedon a 1 d weilte auf der Durchreise in Genf. Nach einer kurzen Erholung in der Schweiz wird er Anfang September wieder nach Genf kommen, um hier der Aussprache in der Völkerbundsversammlung über den Vorschlag der norwegischen Regierung, eine z e n t r a 1 e I n s t i t u t i o n für alleAuswandererfragen zu schaffen, beizuwohnen. Im Zusammenhang mit diesem Vorschlag der norwegischen Regierung über die Schaffung eines Völkerbundsor ganes für Auswander er, wird aus. zuverlässiger Quelle mitgeteilt, daß schon Kandidaturen für die ehrenamtliche Stellung eines Völkerbundskommissars für Auswandererschutz erörtert werden. Aussichtsreichster Kandidat scheint der Norweger Professor H an s en zu sein. Prof. Hansen war bisher Präsident des Internationalen Gerichtshofes in Kairo, Als zweiter Kandidat wird ein bekannter Genfer Rechtsanwalt Ädrion L a c h e n a 1 genannt. Die Einsturzkatastrophe in Warscnau, Warschau, 2. August. , Üeber den Hergang der Einsturzkatästroph.e im War s c h a u e r J u d en viertel, der zahlreiche Menschenleben zum Opfer gefallen sind, und über die Rettungsarbeiten liegen die folgenden Mitteilungen vor: Der Einsturz des Hauses erfolgte mitten in der Nacht. Die Einwohner des ersten, zweiten: und dritten Stockes wurden unter den Trümmern begraben. Bis jetzt sind 16 Personen in schwerverletztem Zustande und sechs Tote _geborgen worden. Die Rettungsaktionen dauern an und werden sehr energisch unter persönlicher Leitung des polnischen Innenministers geführt. Die Eigentümer des zusammengestürzten Hauses und der Verwalter sind festgenommen worden. Es wird ihnen vorgeworfen, Beschwerden der Hausbewohner über den baufälligen Zustand des Hauses nicht beachtet zu haben und insofern in fahrlässiger Weise den Tod vieler Menschenlebenverschuldet zu haben. Dr.leoDeiilsctiläiider^^T Nach Schluß der Redaktion erreicht uns die erschütternde Nachricht aus Wien vom Ableben Dr. Leo Deutschland er s. Eine tückische Krankheit hielt ihn-in den letzten Wochen ans Bett gefesselt, doch hatte sich sein Zustand wie-- der soweit gebessert, daß man seine baldige volle Genesung erwarten durfte. Die Hoffnung wurde getäuscht, und am 9. Äw, dem Schicksalstag des jüdischen Volkes, wird uns dieser heroische und unermüdliche Kämpfer für Israels Seele, für die Thorä, der Meister und Führer des Keren Hathora und der Mitschöpfer und oberste Leiter des Beth Jaakow-Schulnetzes, Leo Deutschlähder,. genommen. Im ersten lähmenden Schmerze ist es uns versagt, in klaren Worten zu sagen, was Dr.. Leo> Deutschländer für die Geschichte des thöratreuen: Judentums in den letzten zwei Jahrzehnten, für die Regeneration des Thoralebens in Ost und West, bedeutete. In der Agudas Jisroel-Weltorganisation bedeutete der Name Deutschländer einen eigenen, in sich geschlossenen, von der Thora umgrenzten Bezirk. Bei der Bestattung, die Freitag in Wien stattfindet, wird noch einmal alle Liebe und Dankbarkeit, die das gesetzestreue Ju-- dentum für diesen ihren Führer' hat, nach Ausdruck ringen. Wir werden versuchen, in nächster Nummer * -V ■• ." in einem würdigenden Artikel die Lichtgestalt Dr, Deutschländers, den Menschen und sein Werk,, vorj den Augen unserer Leser noch einmal aufleben zu lassen. ,Y'32Jn