Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1935-08-01 · Heft 31 (1.8.1935) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 31 (1.8.1935)
Date
1935-08-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450858-2450888--81447-2539340
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Ungarn. Brief aus Budapest. Sonntagsruhe. — Tauf-Epidemie. — Neologie contra Zionismus. Budapest, 24. Juli. In der Frage der Sonntagsruhe ist nun auf dem Verordnungswege eine Entscheidung getroffen worden. Sie ist nicht günstig für die Schabbos haltenden Kaufleute ausgefallen, aber doch nicht ganz im Sinne derjenigen, die absolute Sonntagsruhe gefordert haben. Die Lebensmittelgeschäfte dürfen in der Hauptstadt Sonntags bloß eine Stunde, statt der bisherigen zwei Stunden geöffnet halten und auch in dieser Zeit nur solche Artikel verkaufen, die der Gefahr des Verdorbenwerdens ausgesetzt sind. Die Milchgeschäfte und Bäcker dürfen in der Hauptstadt ihre Läden Sonntags drei Stunden (statt der bisherigen sechs) lang öffnen. In den Städten dürften die Kaufleute ohne Unterschied der Branche bis jetzt drei Stunden lang Sonntags ihre Geschäfte offen halten. Nun wurde auch hier diese Erlaubnis auf die -Lebensmittelgeschäfte und auf bloß eine Stunde beschränkt. In diesen Städten erleiden also die orthodox-jüdischen Kaufleute einen sehr schweren Verlust. In den Ortschaften können alle Geschäfte zwei Stunden (statt den bisherigen drei), Sonntags offen gehalten werden. Die jüdische Oeffentlichkeit nahm die Verordnung mit überraschender Ruhe auf. Die jüdischen Zeitungen sind übrigens mit Alarm-Nachrichten über eine neue Tauf-Epidemie voll. Der vor Superlativen nicht zurückschreckende „Egyenlöseg" schreibt z. B.: „Die Renegat-Kandidaten belagern sozusagen das Pester und das Ofener Rabbinat. Der Oberrabbiner der Pester Israelitischen neologen Kultusgemeinde, Dr. Simon Hevesi, äußerte sich darüber u. a,. daß die Majorität der Taufkandidaten zum Brotkorb aufblicke. Die Unglücklichen glauben, sie werden den Brotkorb erreichen, wenn sie den Glauben ihrer Vorfahren opfern. Sie hoffen, daß auch sie einige Krumen erwischen -werden." Ein neologer Publizist kommt endlich in diesem Zusammenhange darauf, daß die Neologie die Renegaten überaus schonend behandelt. Die Eltern leben in vollster Harmonie mit ihren getauften Kindern und Enkeln zusammen. Bei Hochzeiten und Beerdigungen wird ihnen die größte Ehre seitens der früheren Glaubensgenossen erwiesen, sie figurieren unter den Gründern der konfessionellen Institutionen und man nimmt von ihnen Spenden für konfessionelle Zwecke entgegen. Es waren auch Fälle vorgekommen, schreibt derselbe Publizist, daß die Getauften ihre konfessionelle Würden auch nach ihrer Taufe behalten haben. Die „herrlichen" Predigten der Herren Rabbiner hören die Indifferenten, die Religionslosen nicht, sie kommen ja nicht in die Synagoge, Ein zweiter neologer Publizist erklärt ganz offen: „Wie können unsere Jungens gute Juden sein, wenn sie in der Schule nicht einmal die Grundelemente ihrer Religion erlernen, im Familienheim nicht einmal eine Spur der relgiösen Gefühle erleben und, die Synagoge boykottierend, niemals erfahren haben, wie tragisch-herrlich es ist, Jude zu sein," v Aber daran vergessen alle die Herren, die jetzt wie Klageweiber die verlorenen jüdischen Seelen bejammern, daß der neologe Landeskongreß mit der Stimme des Rabbinerseminar-Direktors Guttmann und des Oberrabbiner Hevesi den Antrag abgewiesen hat, wonach diejenigen keine Aemter innerhalb der jüdischen Kultusgemeinde bekleiden dürfen, die mif ihren getauften Familienmitgliedern in gemeinsamem Haushalt leben. Der Alterspräsident des - ungarischen Abgeordnetenhauses, Paul S a n d o r, veröffentlicht einen offenen Brief gegen die Zionisten und verlangt dieselbe reinliche Scheidung der Neologie von ihnen, wie sie die ungarische Orthodoxie seit Jahr, und Tag bereits praktiziert, Er hat Gefühle für di« Aufbauarbeit in Palästina, aber kann sie nicht als eine totale Lösung der Judenfrage anerkennen und den Anschein erwecken, als seien die Juden ganz und gar auf Palästina eingestellt. Sandor erinnert an die Zeiten des weißen Terrors in Ungarn, »Die ungarischen Juden wollten keine Auslandshilfe und widerstanden beharrlich der offiziellen Aufforderung — sie kam vom damaligen Kultusminister -— daß sich die Juden als : nationale Minorität organisieren mögen. Der Kultusminister Stefan Hailer stand im Saale der Nationalversammlung und1 hielt eine Vorlesung über die Bedeutung des Zionismus In seiner Hand hielt er eine zionistische Broschüre und versprach „gewisse Begünstigungen", falls wir uns als jüdische Partei kon- ' stituieren und auf dieser Basis mit der Regierung unterhandeln. Wir wollen für Palästina Opfer bringen, aber nicht gemäß der zionistischen Vorschriften zu Händen von Provisionsreisenden, von Propagandaagenten und bei der Blechmusik der Propaganda, Die Pro Palästina-Bewegung darf nicht der Schlupfwinkel der Zionisten sein. Die Zionisten möchten die verarmten jüdischen Schichten für ihre Ziele ausnützen. Demgegenüber müssen wir darauf aufmerksam machen, daß die nationaljüdischen Parteien überall, so auch im benachbarten Oesterreich, ständig an Boden verlieren und ihre Vorhaben stets und überall Leiden für das Gesamtjudentum heraufbeschworen." Numerus clausus für jüdische Anwälte in Ungarn? Budapest, 24. Juli. j Der ungarische Justizminister Dr. Lazar hat den Advokatenkammern den Entwurf einer neuen Advokatenordnung zur Stellungnahme zugesandt. In ihm werden Bestimmungen über die Ausübung des Anwaltsberufes in Ungarn getroffen. Unter anderem ist vorgesehen, daß der Justizminister die Aufnahme neuer Advokaten beschränken kann, wenn die Zahl der Rechtsanwälte an einem dem Bezirk der Kammer angehörenden Orte im Verhältnis zu der Zahl und der Wirtschaftslage der Bevölkerung allzuhoch ist. Wie der „Pester Lloyd" berichtet, sieht der Gesetzesentwurf vor, daß im Hinblick auf die Wahrung der nationalen Gesichtspunkte und des inneren Friedens bei den Wahlen zu den Kammervorständen und leitenden Organen der Advokatenkammer auch darauf Bedacht genommen werden müsse, daß die Zusammensetzung der durch eine Wahl oder Kandidierung zu bildenden Organe oder Körperschaften vom Gesichtspunkte der für die Zusammensetzung der Nation wesentlichen Faktoren (Nationalität Rasse, Konfession) keine wesentliche Abweichung von der Zusammensetzung der Bevölkerung des Landes^ aufweise. Sollte dennoch die entsprechende Zusammensetzung der Kammermitglieder im Zeitpunkte der Wahl bezw. der Kandidierung vom Landesdurchschnitt auffallend abweichen, so kann das Verhältnis dieser Abweichung bei der Wahl, bezw. Kandidierung in billiger Weise berücksichtigt werden, Es steht dahin, ob diese Bestimmung des Entwurfs nicht auf einen .Numerus clausus für Juden im ungarischen Advokatenstande hinausläuft. " Holland. Tagung der Weltvereinigung für das religiösliberale Judentum. Haag, 29. Juli, Hier fand in den letzten Tagen eine Tagung der Vereinigung für das religiös-liberale Judentum statt, die in zahlreichen Referaten und Diskussionen die Aufgaben des religiös-liberalen Judentums in der Gegenwart behandelte. Rabbiner Dr. M e h 1 e r -Amsterdam betonte in seinem Referat, daß die Religiös- Liberalen gegen die Verweltlichung des Judentums kämpfen. Die Delegierten aus den verschiedenen Ländern gaben einen Ueberblick über die Arbeit des religiösen Liberalismus. In Holland sind in Amsterdam und Haag liberale G'ttesdienste und liberaler Religionsunterricht geschaffen worden. Ueber Wien und Budapest referierte Frau Margarete Goldstein. In Südafrika sei es Rabbiner Weiler gelungen, die liberal-religiöse Bewegung über Johannesburg hinaus zu verbreiten. In Australien gehe, die Bewegung von Melbourne aus. Neben einem liturgischen Ausschuß beschäftigte sich «in Sonderausschuß mit der Untersuchung über Begriff und Wirksamkeit der Autorität im liberalen Judentum; Man will herausbringen, ob es möglich ist, gemeinsame „Bindungen" im .religiösen Leben für die übe? rale Gemeinschaft zu schaffen. . Am aktuellsten und wichtigsten war in der Vorstandssitzung die Palästina-Debatte. Rabbiner Dr. Schulmann^ New York undx Rabb, Dr. D i e n e - mahn, Offenbach berichteten über ihre Eindrücke in Erez Jisroel, Der Vorstand beschloß einstimmig, in die religiöse Aufbau-Arbeit (lies: Zerstörungsarbeit) in Palästina einzutreten .und denjenigen Juden geistige und praktische Unterstützung zu gewähren, die eine religiös-liberale Entwicklung in Palästina erstreben. Der Vorstand setzte für die Palästina-Arbeit ein eigenes Komitee ein, dem u. a. Dr. Ehrenpreis, Stockholm und Prof. Elbogen, Berlin angehören. Polen. Wahlrecht der Rabbiner zu den Senatswahlen in Polen. "Warschau, 24. Juli. Das Stimmrecht zu den Wahlen zum polnischen Senat, der gegenüber dem Sejm eine Art Oberhaus darstellt, ist nach der Wahlordnung nur auf bestimmte Berufe- und Bevölkerungskreis« beschränkt. Artikel 2 der Wahlordnung zum Senat bestimmt nun, daß alle staatlichere eits anerkannten Rabbinen ebenfalls ein Wahlrecht haben. Die Aguda-Rabbiner fordern ihre Kollegen auf ihr Wahlrecht auszunutzen und sich in die Wahllisten eintragen zu lassen. Tschechoslovakei. Zwei jüdische Mitglieder der slovakischen Landesvertretung. Prag, 26. Juli. Bei den Wahlen in die slovakische Landesvertretung sind die Juden ohne Vertretung ausgegangen. Die von der Jüdischen Partei erreichte Stimmenzahl von 36.430 reichte nicht zu einem Mandat; es fehlten jedoch nur wenige Stimmen zur Erlangung der vorgeschriebenen Stimmenzahl. Von den 54 Mitgliedern des Landtages sind 36 gewählt worden, während die Regierung 18 Abgeordnete ernennt. Unter diesen 18 Abgeordneten befin^ den sich zwei Juden*, der frühere Abgeordnete der Jüdischen Partei im Parlament, Dr. Julius Reisz, Advokat in Bratislava, und Kaufmann Ludwig Mayer, eine führende Persönlichkeit der Orthodoxie, ebenfalls aus Bratislava. Ost und West in der Slovakei. Bratislava, 22. Juli. „ Die seit Monaten bestehenden Gegensätze zwischen der Zentrale der'Agudas Jisroel in Bratislava und den „Aktivisten" in der Ostslovakei und PKR. haben naturgemäß keine guten Früchte getragen. Die. Bratisr Iavaer Zentrale hat daher im Interesse einer gedeihlichen Arbeit und einer segensreichen Ägudatätigkeit auf dem ganzen Gebiet der Tschechoslovakei sich veranlaßt gesehen, alle Hebel in Bewegung zu setzen, die. bestehenden Gegensätze zu überbrücken.'Zu diesem Zweck hat die Bratislavaer Zentrale eine Besprechung nach Bratislava für den 20. Tamus einberufen, zu der außer den.Herren des Präsidiums auch die Vertreter aus der Ostslovakei und P. K. R. erschienen sind. Die Verhandlungen haben unter dem Vorsitz der ehrwürdigen Herren Oberrabbiner B r e sn i t z, Senec, und M. Eckstein, Sered, einen würdigen Verlauf genommen. Nach längerer Debatte wurde der ganze Fragenkomplex in zwei Teile geteilt. Die Plenarversammlung "behandelte den allgemeinen organisatorischen Teil, wobei auch Vertreter der westslovakischen Gruppen, wie Bratislava, Dun, Streda, Galanta, Kezmarok, Nitra, N. Zamky und Trnava zugegen waren, Ueber den speziellen Teil, betreffend die Angelegenheiten der Ostslovakei und P, K. R. hat ein dazu bestimmtes. Komitee verhandelt. Nach stundenlanger Verhandlung kam folgender Beschluß zustande: Die Vertreter der ostslovakischen Gruppen haben Sonntag, den 5. Aw, in Presov eine Sitzung abzuhalten, zu welcher jede Gruppe einen Vertreter entsendet. Bei dieser Sitzung soll bestimmt werden, a) ob für die Ostslovakei — gleich P. K, R, — ein separates Komitee errichtet werden soll, das in allen Beziehungen der Zentrale untersteht, oder b) ob zwei Personen von der Ostslovakei-ins Prä-" sidium der Zentrale kooptiert werden sollen^ die sodann die speziellen Interessen der Ostslovakei , zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.