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Der Israelit · 1935-08-01 · Heft 31 (1.8.1935) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 31 (1.8.1935)
Date
1935-08-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1. August 1935 Der Israelit Nr. 31 Seite 3 Golus-Schicksal Eine Tisch'o beaw-Betrachtung, (Fortsetzung von Seite 1,) unsrer Jahre verflochten. Ihr Höhepunkt ist die furchtbare Nacht des neunten Aw, die jede treue jüdische Seele das Gehinnom des Verbanntseins unter die nTD^a mit jedem Jahre neu durchleben lassen soll. So lange die jüdischen Gemeinschaften in den Göllisländern, ins Ghetto gebannt oder durch Sprache, Kleidung, Lebensgewohnheiten, Eigenkultur von ihrer Umwelt gesondert, manchmal auch durch gelegentliche Pogrome, Austreibungen, Vermögens-Konfiskationen an ihr Fremdsein erinnert wurden, blieben sie — im eigenen Bewußtsein wenigstens, ob auch nicht in den Augen der oberflächlichen Masse— eben dadurch die v e r w u n sehen e n K ö n i g s söhne aus Pa läs t i na , und gerade sie, die verachteten, angespieenen Trödler und Schacherjuden repräsentierten in eindringlichstem Anschauungs- -unterricht die ungeheure Spannung zwischen vorüberrauschendem. Golus-Wander-Dasein auf fremder Erde und der dahinter sich bergenden unverlierbaren Verknüpftheitjnit dem Boden der ureigenen nationalen Existenz. Die U Verträglichkeit der Golus-Erscheinung bedeutete die schärfste Negation ihres en d g ü 11 i g e n Charakters. Allein der Lenker der Geschichte hat sein Volk vor die tausendfach schwerere Prüfung gestellt, ohn e die bequemen geschichtlichen Hilfsmittel des Mittelalters, das heißt o h n e Pogrome, Austreibungen, Rechtsverkürzungen und permanente Enrenkräirkungen ihr Golus-Bewußfsein tinter den Völkern auch als „emanzipierte" Juden, also unter der Marke des No r in al -M ensch e n - und V o 1 k s t u m s aufrechtzuerhalten. Diese Prüfung aber war zu schwer; die Westjudenheit und ein großer Teil der ostjüdischen Jugend haben sie nicht bestanden. Sie hörten auf, in Lumpen gehüllte verwunschene Prinzen aus dem Bauernländ Palästina zu sein und Wurden, nicht aus eigenem Antrieb, sondern bis ins Innerste der fremden Kultur verfallen, europäische Akademiker, Finanziers, Industrielle und sonstige Größstadtmenschen. Nur die höchstgesteigerte Intensität religiöser Gläubigkeit; vollkommenes Aufgehen im „Lernen" und restlose Treue der religiösen Lebensführung hätte vor dieser vernichtenden Konsequenz schützen können. Daß alle diese Schutzengel von dem Sturmwind der Emanzipation und der modernen Geistesentwicklung gleichzeitig mit den letzten Resten des Golusbewußtseins hinweggeschwemmt, wurden und nur einem kleinen Reste Getreuer erhalten blieben, besiegelte das Schicksal von vier Generationen westeuropäischer Juden und schuf — in Deutschland insbesondere — das ungeheure Heer der Namen-Juden und die noch größere Armee der Getauften und Mischlinge, die jetzt unter dem Namen „Nichtarier" ein bemitleidenswertes; Gespensterdasein zwischen Himmel und Erde führen. Zwar verlangt die Wahrhaftigkeit des. religiösen Denkens und die historische Gerechtigkeit die Anerkennung der Tatsache, daß unbeschadet des Charakters des Golus als Strafe, die geheimnisvolle Tatsache der jüdischen Wanderung über den gaaz&n E rdb a II auch in tiefstem Zusammenhang steht mit der ganzen S in-nu n d Z i e 1 s e t z u n g de s G es c h i c h t s - prozesse's, daß also die von ,; zionistischer Seite zu Unrecht verspottete „Missions-Theorie'V die der jüdischen Diaspora einen für die Menschheit positiv auf b. a u e n d e n Wert zuspricht, durchaus ihre legitime Begründung in der -pro-1 phetischen Lehre, und in der esoterischen Ueberr lieferung des Judentums findet. W Aber eben weil .diese metaphysischen ZusamT menhänge" sich schwer in voller Klarheit durch? dringen; lassen, bedeutet; für unser schlichtes jür disches Bewußtsein das ganze Golusdasein nichts weiter als ein Fegefeuer sühnenden Leides, und es ist kein Zufall, daß für die midraschische Weltanschauung rW»n -yiöü 'fHlO'» und — JWD^ö' K r an k h e i t, Tod und — Golus als Ausprägungen des metaphysisch „Bösen" in der Welt überhaupt, auf einem und demselben Blatte stehen. Es-ist gewiß keine Sünde, sondern im Gegenteil Pflicht, auch mit menschlichen Mitteln, den Kampf gegen Krankheit, Tod und Golüs aufzunehmen— Medizin und Politik sind uns also durchaus legitime Erzeugnisse des frei sich betätigenden Menschengeistes. Aber so wenig es der Medizin gelingen wird, kraft eigenen Könnens den Tod aus der Welt zu schaffen, so wenig werden Menschenwitz, Diplomatie und Schekelsämmlungen aus der jüdischen Geschichte die fundamentale Tatsache des Golus beseitigen, solange dieses Golus sein sühnendes und reinigendes Erziehungswerk nicht vollendet hat, Das Golus- B e wußtsei n in dieser seiner urjüdischen Form in uns selbst lebendig zu erhalten, alles Golus- Erleben — was auch seine objektive Quelle in der Welt der Erscheinung sein mag;—für uns selber ins Sittliche zu wenden, und es zu diesem Ende auszukosten in der ganzen Bitterkeit seines Wehes — das ist sub specie aeterni der einzige Weg zu seiner radikalen Ueberwindung. Wenn , heute beispielsweise in ganz Deutschland die öffentliche Meinung den Ausschluß der jüdischen Besucher aus den öffentlichen Bädern fordert, so mag man diese schmerzliche Erscheinung kausal erklären, wie auch immer — dem Juden, der sein Golusbewußtsein aus der ewigen Weisheit, seiner Propheten und Weisen schöpft, verliert auch dieses Erleben allen Stachel persönlicher Kränkung und gestaltet sich zu einem liebenden Mahnruf der erziehenden G'tteswaltung. Jahrzehntelang haben die geistigen Führer der jüdischen Gemeinschaft, soweit sie nicht selber der Assimilation an die ethische Auffassung der Umwelt zum Opfer gefallen waren, Juden und Jüdinnen die ganze herbe, strenge Schönheit der jüdischen Znius-Gesetz gebung zum Bewußtsein zu bringen gesucht; haben gegen Familienbäder und schrankenlose gesellschaftliche , Vermischung der Geschlechter überhaupt, -gegen die. heuchlerische Heiligsprechung aller Nuditäten-Exzesse in der Kleidung, gegen die hüllenlose Haartracht jüdischer Ehefrauen wie gegen die ganze Preisgabe des 711*157 - feindlichen altjüdischen Lebensregimes durch eine disziplinlose Jugend, haben gegen all das in Wort und Schrift, durch Kanzel und Presse mit anerkennenswerter Energie gemahnt und geeifert. Der Erfolg war gering. Es ist eine echte, offensichtliche Golus-Erschütterung zu Mussarzwecken, die wir jetzt in diesen Badeverboten erleben. Denn der Blick auf den Strand von Tel Awiw zeigt ja mit furchtbarer Deutlichkeiti daß die fröhliche Freiheit unter der strahlenden Pracht der palästinensischen Sonne bis heute leider noch kein taugliches MitteF ist, rwp VsiE"'» »33 mbh' die jüdische Jugend zur alten jüdischen Sittenstrenge zurückzuführen und ihr die wahre Freiheit, die mm1??! T\T\X\, zu sichern. Es scheint dazu — unter Tränen mö*gen wir's uns in der Tisch'o beaw-Nacht gestehen — noch immer der Golus-Ketten zu bedürfen, die von jener paradiesisch kostümierten Jugend am Badestrand von Tel Awiw fester geschmiedet werden für das ganze jüdische Volk, als sie's ahnt in ihrer sorglosen Unbekümmertheit. So bedürfen wir leider noch immer dieser Ketten, bedürfen der Erschütterungen von außen, um im Innern das heilende Golusbewußtseih zu voller Intensität zu steigern und uns über „ die ganze Fläche des gesellschaftlichen, kulturellen, individuellen Lebens hinweg zur vollen Autarkie rein jüdischer, freilich au efr £n.h a-lt I i c h rein jüdi&cher Lebensform zu zwingen! Nicht nur mit jüdischen S c hu.len, sondern auch mit jüdischen B ä d e r n , jüdischen Cafes, jüdischen Kulturbünden, ja sogar jüdischen Kinos und Eisdielen könnte ein grandioser, das Golus anerkennender und überwindender Gesündungsprozeß eingeleitet werden — wenn alle diese Institutionen, die Schulen wie die Kinos, in den Dienst echter, vollgültiger jüdischer Inhalte ges t e 11t werden, die allerdings nicht aus Blut und Rasse, sondern aus dem Geiste strömen, aus dem Geist von Sinais Höhen. Erst wenn d i e s e r G e i s t in Blut und Rasse des jüdischen Volkes seine endgültige Verkörperung gefunden hat, ist das Golus hier und drüben zu Ende, und die Sonne geht auf über der befreiten, befriedeten Menschheit. Wochenrundschau, Entwicklungen im palästinensischen Schulwesen. Durch eine Anfrage im englischen Unterhaus ist vorige Woche bekannt geworden, daß die palästinensische Regierung die Subvention für das jüdische Schulwesen auf Gr und. der Aufwendungen berechnet, die sie selber für die entsprechende Zahl von Schulkindern in den Staatsschulen zu machen haben würde, und daß sie die Jahressubvention auf Grund dieser Berechnungen diesmal auf Lst; 36.000 erhöht hat. Das ist immerhin eine beträchtliche Summe, die,dem denkenden Beobachter so recht drastisch den Segen vor Augen stellt, der für die ganze Zukunft des jüdischen Volkes im heiligen Lahde ausgesät werden könnte, wenn das Schulwesen, das dort blüht und gedeiht, in der Tat ein j ü di s c h e s wäre; Stattdessen bleiben gerade diejenigen Sehulanstalten, die, wie die Talmud Thdra^Schurlen, , den Geist des alten echten Judentums in die Zukunft hinüherzuretten versuchen, nur deshalb, weil sie gewissen: formalen Anforderungen nicht entsprechen können, ohne jede geldliche Unterstützung und müssen um die nackte Existenz ringen. Die Misrachi-Schulen aber, die an der Subvention der Regierung in entsprechendem Verhältnis teilnehmen, geben selber die Fragwürdigkeit* ihrer Erziehungserfolge zu. Im übrigen ist von dem gesamten Nachwuchs, der heute in den Schulen Erez Jisroels jahraus jährein herangebildet wird, nach menschlichem Ermessen für die Weitertradierung der jüdischen Wahrheit und für die Entwicklung echten jüdischen Lebens leider nicht das mindeste zu hoffen. Unter diesen Umständen ist es begreiflich, daß die erst neuerdings durchgeführte Uebernahme der Schulen auch noch der äußersten Linken, der H i s t a d r u t h r S c h u 1 e n , in das allgemeine Schulnetz des Waad leumi selbst in denjenigen Kreisen Entsetzen verursacht, die sonst in Bezug auf die geldliche und moralische Unterstützung halbjüdischer oder unjüdischer Institutionen keineswegs ein empfindliches Gewissen zeigen. Sonderbarer Weise ist diese Ueberführung der linksradikalen Lehranstalten in die Verwaltung des Waad Leumi gerade vom Misrachi bezw. von dessen Vertreter im Waad Leumi, Rabb. Ostrowski, gefördert worden, wohl weil der Waad Leumi sich bei Gelegenheit dieser Uebernahme selber von der Ausübung jedes Einflusses auf den inneren Geist der Schulen ausgeschaltet hat, und weil der superkluge Misrachi-i^ührer wahrscheinlich , glaubt, auf Grund dieser Tatsache dann um so entschiedener auch

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