Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1935-07-25 · Heft 30 (25.7.1935) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 30 (25.7.1935)
Date
1935-07-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450858-2450887--81428-2539320
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 Nr. 30 Der Israelit 25. Juli 1935 Mit Recht hat Dr. Breuer in seiner Schluß rede auf der Lodzer Konferenz einen anderen „Klassen-Kampf" als zeitgemäße Losung für die agudistischen Poalim proklamiert: den Kampf gegen das Amhaareztum, dem gerade\der Arbeiter unter dem Joche einer schweren täglichen Berufsarbeit nur allzuleicht verfällt. Auf diesem Gebiete aber möchten wir glauben, bedeutet es Leerlauf und Kraftvergeudung, wenn nicht die engste Zusammenarbeit zwischen Poalim und Z e i i r i m hergestellt wird. Daß es gar noch getrennte Poalim- Jugend -Gruppen gibt, getrennte Schiurim für Poalim und Zenrirn nebeneinander, und daß die Leitungen beider Sonder-Organisationen ohne Fühlung miteinander Kulturprogramme und Thora-Erziehungsprogramme, jede für sich, ausbrüten, ist ein sachlicher Nachteil für beide Teile und ist, wie gesagt, eine offensichtliche Kraftvergeudung in der Gola und, soweit es zutrifft, auch in Erez Isroel. Die Formen der Zusammenarbeit wären unschwer zu finden. Entwicklung und Probleme der Wirtschaft Palästinas, Von den mit dem Aufbau der palästinensischen Wirtschaft beschäftigten Gremien ist der in London domizilierende Economie Board for Palestine eines der angesehensten, weil seine Geschäftsführung von vornherein auf nüchterner und parteiloser Basis aufgebaut worden ist. Der Board hat nun soeben einen Bericht veröffentlicht, der auch heute, da es an mehr oder minder kritiklosen Referaten über die prosperity in Erez Isroel nicht fehlt, Beachtung verdient, und aus dem wir daher einige Sätze an dieser Stelle wiedergeben möchten. In einem Ueberblick über die gegenwärtige wirtschaftliche Situation sagt der Bericht, daß der Fortschritt Palästinas auch die größten Erwartungen übertroffen habe. Aus einem Land, das einst aus philantropischen Erwägungen finanziert worden sei, sei es ein Land geworden, das auf einer wirklichen wirtschaftlichen Grundlage aufgebaut ist. So sind in Palästina heute die besten Garantien für seine fortschreitende Entwicklung gegeben. Die rasche Entwicklung in den letzten beiden Jahren hat jedoch einige beunruhigende Erscheinungen hervorgebracht An sich ist die Entwicklung Palästinas, seine Industrie und Landwirtschaft ernstlich durch den Arbeitermangel gehemmt, Dieses Fehlen vor Arbeitskräften verhindert die produktive Anlage von Millionen, die heute in den palästinensischen Banken liegen. Die S p e k u 1 a tion, die Art der Kreditgebarung und der. Zustrom in die Städte geben zu Beunruhigungen Anlaß. i Die Spekulation in Bauland und Grundstücken, so heißt es weiter in dem Bericht, hat ganz besonders in und um Tel Awiw einen unerwünschten Umfang angenommen. Phantasiepreise, die bei derartigen Transaktionen gezahlt werden, gehen weit über alle vernünftigen Kalkulationen über die zukünftigen Entwicklungsmöglichkeiten hinaus und müssen schließlich zu beträchtlichen Verlusten führen. Ein weit ergiebigeres Feld für Investitionen würde die Erschließung und Entwicklung der wirtschaflich rückständigen Teile des Landes sein, besonders um Gaza und Berscheba, falls dort Wasser in genügender Menge für eine intensive Bewirtschaftung des Landes gefunden werden könnte. Das würde von einem größeren Wert für Palästina sein. Der Bericht verurteilt die Art der Kreditgebarung in ^Palästina, wie sie insbesondere in einer übertriebenen Wechselhingabe zum Ausdruck kommt. Selbst kleine Zahlungen werden durch Wechsel mit einer Laufzeit von 4 oder .5 Monaten beglichen, Dieses Zahlungssystem wird durch die außerordentlich große Anzahl der Banken, die in Palästina bestehen, erleichtert. Es heißt, daß Ende des Jahres 1933 83 Banken bestanden haben. Viele von ihnen waren außerordentlich klein. Die Regierung hat bereits ein Komitee eingesetzt, das Vorschläge machen soll, um den Gebrauch der Bezeichnung Bank auf solche Unternehmungen zu beschränken, die nach Art und Umfang ihres Geschäftes, Sicherheiten bieten können. In dem Bericht heißt es weiter, daß die Konzentration der jüdischen Bevölkerung in den Städten immer mehr zu Beunruhigungen Anlaß gebe. Es'wird sodann in dem Bericht eine Darstellung der Unternehmen gegeben, die in Verbindung mit dem Economie Board for Palestine stehen. Von ihnen hatte die Palestine Corporation im Jahre 1934 einen Reingewinn von 11.390 Pfund im Jahre 1933. Beträchtliche Fortschrittehatten auch die Unternehmungen zu verzeichnen, an denen die Palestine Corporation beteiligt ist: die Porti and Cement Comp an y ,,N e s h e r" Ltd., Palestine Salt Company Ltd., Levant Bonded Warehouses Ltd. (Lagerhäuser-Gesellschaft) und Palestine Hotels Ltd. Am 31. Dezember 1934 hatte die Palestine Corporation bei Industrie- und Handelsunternehmungen 90.765 Pfund langfristige Gelder ausstehen und 31.377 Pfund kurzfristige. Die Zentralbank für kooperative LJnternehmungen in Palästina konnte während des Jahres ihren großen. Ruf behaupten und ihre Nützlichkeit erweisen. 88 Proz. ihrer kurzfristigen Ausleihungen entfielen auf ländliche Kreditanstalten und landwirtschaftliche Korporativgenossenschaften. Ueberhaupt hat die Genossenschaftsbewegung in Palästina einen großen Aufschwung genommen. Die Zahl der eingetragenen Genossenschäften betrug Ende 1934 623. Auch ist ein Anfang für die Organisierung arabischer Genossenschaften gemacht worden, von denen gegenwärtig 45» meist Kreditgenossenschaften bestehen. Ein weiterer Teil des Berichtes beschäftigt sich mit den Wirkungen der Einwanderung auf die Wirtschaft Palästinas. Die Entwicklung der Industrie in Palästina erfordert eine steigende Anzahl von gelernten Arbeitern, von Werkmeistern, Schweißern, Maschinisten usw. Sehr viele von ihnen befinden sich' unter den Juden der Länder, die die Hauptkategorie der Einwanderer stellen. In Palästina gibt es nicht viele Gelegenheiten, um die nötigen Handfertigkeiten zu erlernen. Es würde daher für die Industrie Palästinas und auch für die jüdische Bevölkerung m Mittel- und Osteuropa sehr viel bedeuten, wenn Mittel und We^e ausfindig gemacht werden könnten, um den dafür geeigneten jungen Einwanderern nocE vor ihrer Ankunft in Palästina eine zweijährige handwerkliche Ausbildung a n g e d e i he n zu lassen. Wenn wir einleitend die wirtschaftliche Nüchternheit des Economic Board gerühmt haben, so darf vielleicht an die Mitglieder des Board, die zum Teil führende Persönlichkeiten der englischjüdischen Gesellschaft sind, der dringende Appell gerichtet werden, diese Nüchternheit nach guter englischer Tradition durch eine Dosis von Idealismus zu ergänzen, wo es sich um Höheres als bloße Wirtschaft. handelt, vielmehr um den Urgrund alles Seins, um G'tt und sein Gesetz. Die Nesch er - Zement-Fabrik bildet eine unrühmliche Ausnahme innerhalb der palästinensischen Industrie, indem sie sich an den Sabbat nicht kehrt, sondern Hunderte " iischer Arbeiter zur Sabbatentweihung zwingt. Dieser Skandal ist in der Zeitschrift „Hajessod" wiederholt zum Gegenstand der Kritik gemacht worden; man hataber bisher nicht gehört, daß die Kritik Erfolg hatte. Ein Machtwort von London würde diesen Erfolg leicht erzielen, Besinnung — ein Wort zur Zeit. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Dumpf und ernst erklingen nun wieder die Weisen der drei Wochen. Sie. konnten uns nicht gleichgültig lassen, ohne in uns die Gefühle der Wehmut und Trauer auszulösen über das Einst, das uns geleuchtet, als wir uns seßhaft fühlten, in Sicherheit und festgewurzelt uns wähnten und uns das Sehnen nach dem Lande unserer Zukunft und Hoffnung wohl erfüllte, aber doch nicht greifbar nahegerückt schien. Wie müssen vollends in unsern Tagen jene Klänge uns aufrütteln und zur Besinnung bringen, da doch Zion als Stern der Hoffnung an unserm Lebenshimmel aufleuchtet und unserer wunden Seele den Balsam der Heilung verheißt. VmE7' 'Ja 'yoa n^R „Das sind die Züge der Kinder Israel," heißt es im heiligen Schriftwort, — als sollte uns zu klarem Bewußtsein gebracht werden, daß Wandern jüdisches Schicksal ist, Schon in der Wüste; ehe es vom heiligen Lände Besitz ergriff, mußte Israel in der Schule der Leiden zur Selbstläuterung emporreifen, um würdig der Gnade des Herrn seiner Bestimmung entgegenzuharren. Und Wandern blieb nach G'ttes weisem Ratschluß das Mittel zu unserer Veredlung, und Selbsterkenntnis in all den mannigfachen Phasen unserer Geschichte und Vergangenheit. Unser Ruhen und Lagern brachte immer die Gefahren der Angleichung und Anpassung an die Umgebung und die neuen dargebotenen Verhältnisse, daß das Eigenwertige in den Schatten trat und das Ewige unseres Gebundenseins an G'tt und Bestimmung ins Wanken zu geraten schien. Dann kam der Sturm, von G'tt gesandt und zu unserer Heilung bestimmt, der uns mahnte und aus unserm Traumdasein zum Wirklichkeitsleben weckte. Ein tief- •sinniges Midraschwort ist das Gleichnis, das unsere Lehrer hier gebrauchen, nbm na frw ibn*? bvrs Ein König hat einen kranken Sohn. Er reist mit ihm nach einem ferngelegenen Ort, wo ihm Heilung werden soll. Mannigfache Gefahren sind zu überwinden, ehe das Ziel erreicht wird. Als dann Vater und Sohn glücklich heimkehren, prägt jener diesem all die mannigfachen Halteplätze ein, auf daß niemals aus seinem Gedächtnis die Erinnerung an die Gnadenbeweise der g'ttlichen Liebe schwinde . . . Jedes Blatt unserer 'Geschichte zeugt für die besondere Liebe und Gnade G'ttes, deren Israel stets gewürdigt war. Das ist doch das größte Wunder der Geschichte, daß wir geblieben sind: wart '3 71 non „Liebeswaltungen G'ttes sind es, daß wir nicht geschwunden" von der Weltenbühne der Geschichte. Diese Ueberzeugung ist uns der Öuell des Trostes und, der Hoffnung. Nur daß wir nicht so sehr über unser Schicksal klagen, als vielmehr unsern Vätern in ähnlicher Lage gleich auch unsere tiefe Schuld fühlen und beklagen! Haben wir denn nicht wieder erinnert werden müssen, daß wir Juden sind, verpflichtet dem Herrn und seinem Willen und bestimnit unserer Ewigkeitsaufgabe und unserm jüdischen Leben zu dienen und nicht im Zeitlichen und in dessen. Zufälligkeiten unsern Schutz und unsere Festigkeit zu suchen und zu finden? Wi® schmerzlieh auch dieses unsanfte Erwachen sein mag, — das sollten wir doch als des Herrn Erbarmen; preisen, daß ' wir wieder unsere große Verpflichtung und Verantwortung erkennen lernen und daß viele wenigstens von der völligen Entjüdischung gerettet worden sind. Allerdings ist der Weg zur Heilung wohl eröffnet, aber noch lange nicht vollendet'"und von vielen kaum noch recht beschritten. Wie wäre es sonst möglich, daß Juden noch immer nicht in der Sommerfrische die rituellen Verpflegung&stätten aufsuchen! Genügt es noch nicht, was hie und da unser Erlebnis wird? Wir werden doch als andersartig empfunden, warum nicht lieber und sicherer uns dort zusammenfinden, wo wir nach unserm, Schicksal hingehören und wo wir auch eine jüdisch-soziale Pflicht erfüllen können? Laßt uns doch endlich den rechten Weg finden, unsern wahrhaft jüdischen Pfad, der uns allenthalben zur jüdischen Pflicht und Aufgabe hinleitet, — dann werden wir voll gesunden und erstarken, daß G'tt uns wieder tröstet und aus der Trauer erhebt zu einer neuen lichtumflossenen Zukunft. Chaluzim. Dieses heute bekannte,, in aller Mund geführte Wort birgt einen uralten Begriff. Es heißt die Ger.ü steten, „die vor G'tt Gerüsteten"- In der heutigen Sidra stehen die ersten Chaluzim an der PfoTte des heiligen Landes, wie Unzählige heute, und sprechen: v 'V via,»p'VK 'n 'jpV D^snbn. nasa um . „Wir ziehen gerüstet vor G'tt in das Land Kanaan hinüber." Es heißt hier nicht wie gewöhnlich; nana^ isöllderir nur um- Eine alt« Messorah (Wortgleichungen)« weist auf noch andere Stellen derSchrift hin| die>dieses gekürzte Form für „Wir" wählen. So in der, Josefs-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.