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Der Israelit · 1935-07-25 · Heft 30 (25.7.1935) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 30 (25.7.1935)
Date
1935-07-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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25. ii Juli 1935 Der Israelit Nr. 30 Seite 3 Die alte Schuld. (Fortsetzung von Seite 1.)-- «igentliche Beobachtungs- und Denkresultat -dieser Gelehrten war, und daß man von ihrer gewaltsamen' Anwendung des Entwicklungs-Schemas auf die jüdische Gesetzeslehre dasselbe sagen kannjwie es ihr erster Apostel von unserem Gesetze selbersagt: Sie ist „zwischen hineingekommen." 5. Damit ist die Schuld der genannten Forscher selber g e minder t , denn damit ist nur aus- .gesproeheny daß sie ih* Dogma, demzufolge nun einmal" im Christentum das Gesetz überwunden sei, historisch sublimieren und aus unserer Geschichte zu unterbauen suchen. Aber ins Riesengroße wächst die Versäumhisschuld derer^ die, auf jüdischen Lehrkanzeln westlicher Länder stehend, nicht schon vor 30—40 Jahren alle Kräfte mobilisiert haben, um diese gefährlichen wissenschaftlichen Irrungen zu bekämpfen, die, von.der Religion der Gewissensfreiheit ausgehend, in Wirklichkeit -zur Gewissens b e lastung . geworden waren. Denn es war aus der ehrlichen Tatsachenforschung eine gewaltsame Schematisierung geworden, bei der die historische Herkunft und auch der lebenssymbolische Inhalt des vorchristlichen Geistesguts möglichst erniedrigt werden mußte. 6. Von politischer Schuld an unserem Geschick, die sich die Westler dadurch aufluden, daß sie aus. Sensationslust unseren Gegnern von rechts und von links zur Bedeutung verhalfen, sei dieses Mal geschwiegen. Uns genügt es,, festzustellen, daß bei all unserem Unglück die Wiederkehr westlicher-Art "der Duldung nicht erstrebenswert scheint. Wir sind JW> T73-? OS? ]fj awnrv 8b Ü'Uil als Thorabefolger und Gesetzes- .gläubige im Westen nicht viel weniger verlassen und verkannt als hier und im Sowjetstaate. Und wenn wir ,von;1 der Wissenschaft schon in die äußere Lebenssphäre unseren Blick zu lenken nicht uns versagen können, so, sei dieser Blick ■auf die 'Passivität, ja die Gedankenlosigkeit gewendet, mit der seit nun bald zwei Jahrzehnten einflußreiche jüdische und judenfreundliche Kreise des Westens untätig zusehen und es dulden, daß rechtsradikale und linksradikale' Gottesleugner/ im Lande unserer Väter mehr und mehr zur Geltung kommen. Es gibt kein Reich, keinen Stand -und keine Bekenntnisgemeinschaft, die uns über bliese Zeit hinwegzuhelfen geistig interessiert wären. Wir haben keinen Machtfaktor dieser Erde auf unserer Seite. G'tt allein istunser Helfer. Und wenngleichMenschen auch Lebensraum brauchen, und Lebensraum für uns. Juden Europas sich nur noch im heiligen Lande bietet, es zu -einem wirklich h e i l i g e n Lande zu , gestalten, wird a u s s c hl i eß 1 i c h Aufgabe des Gesetzesbefolgerkreises allein sein, ohne andere Hilfe als den G'tt unserer Väter und unser Vertrauen-auf Ihn. ■ ■ 1. Aber alles das sind janur' die 'Auswirkungen rein geistiger Irrwege gewesen. Nie wäre es zu einem so gedankenlosen und prinziplosen jüdisch-nationalen Liberalismus gekommen, wäre nicht diese geistige Anarchie vorher auch geistig unterbaut gewesen. Unsere freisinnigen^ Freunde hatten sich nach ihrten entwicklungsschematischen Phantasien zwar wohl die Frage vorgelegt, weshalb denn aus dem Kemosch des moabitischen Volkes nicht dasselbe rein geistige Prinzip entstanden sei wie aus dem G'tte des israelitischen. Aber sie hatten darauf nicht' mehr die: alte dog-* matisch - christliche Antwort erteilen können, daß hier einfach1 der Heil'esweg' vorgezeiclinet war. Ueber ejne solche Antwort Häfcte sich',' wenngleich die einzelnen Stationen des1 Heilesweges für uns andere sind, wohl diskutieren lassen/'Sondern sie hatten geantwortet: Hier habe ein - selektives Prinzip*; sich langsam zur Geltung;.gebracht* Also eine selektionstheoretische Umdeutung'des alten Heilesweges, eine der vielen Umdeutu*ngen liberaler Theologendenkweise, eins der vielen von den Religionsfeinden leider nicht ganz unberechtigt verspotteten „Jains, die kein Ja und kein Nein sind." Gewiß ist eine gewisse Form der Selektionstheorie auch in talmudisch-midraschischer Kosmogonie, Prähistorie und Geistesgeschichte zweifellos vorhanden. Aber die Dokumente der Offenbarung nachzudatieren, damit sie noch in der nachmosaischen Zeit eine stetige „Entwicklung", noch dazu individuellster Art, ergeben, das ist eben die grandiose Fälscherarbeit des Liberalismus, neojüdischer und protestantischer Fakultät, eine Arbeit, die auch n a c h den klarsten historisch-archäologischen Gegenbeweisen nicht zur Ruhe kam und thju ü'd D'yBnni ^SV Bj?lPn nicht zur Ruhe kommen konnte, weil das Begonnene längst zum Fundamente neuer Kämpfe gegen Autorität und Gesetz geworden war; .B^BTlPSI T'ö'»» IttHPT so. brachte ihr Strom auch aus dem Zweistromland nur Schmutz und Entwürdigung für uns hervor. Und unsere Freunde und unsere Abtrünnigen wägten es, diese Entwürdigung in die lobhudelnde Phrase zu kleiden: Seht doch, aus wie niederem Fetischismus euer erhabener jüdischer Nationalgeist euch zur Anerkennung und zur Gefolgschaft des einzigen G'ttes erhoben hat! Diese neujüdische Umdeutung des Auserwählungsgedankens ist das Fun-, dament, auf welchem die fatale Idee des jüdischen Nationalprinzips unserer Tage sich aufbaut. Im Aufbau des heutigen „Nätionalheims" im heiligen Lande können daher, wie es nach Obigem nur logisch ist, auch Leute bestimmend mitwirken, welche selbst die Akeda als mindestens versuchtes Menschenopfer ansehen, um daraufhin desto höher die „spätere Entwicklung zum reineren Opfergedanken" zu dithyrambisieren, und so darf es uns nicht wundernehmen, wenn in Sowjetrußland dem religiösen Elemente dieses Aufbaus gar kein Glauben geschenkt und das ganze Palästinawerk als imperialistische Finte angesehen und bekämpft wird. 9. Es ist nicht unsere Sache, die Ratschläge unserer erhabenen Weisen darüber zu wiederholen, wie man den Namen des Gesetzes unter seinen verschiedenen Gegnern durch das eigene menschliche Verhalten zu Ehren bringt. Vielmehr richtet sich unsere heutige Mahnung nur andie Brüder in ruhigeren Ländern, aus dem Geschehen der Gegenwart die Schritte des Weltenrichters herauszuhören, der von uns ganze Gefolgschaft verlangt und aus dieser Erkenntnis heraus den Beschluß zu fassen, von nun an nicht anders als mit den Augen des stammesbewußten Sinai-Zeugen an das Wort G'ttes heranzugehen und jede hiergegen gerichtete literarische Bewegung mit Einsatz aller Rechtsmittel jüdischer Ehrenverteidigung abzuwehren, auch wenn sie mit Lob für die spätere Entwicklung des Judentums verbrämt auftritt. 10. Nur so kann die alte Schuld gesühnt werden, die alte Mitschuld judenfreundlicher westlicher Kreise an unserem'heutigen jüdischen Unglück. Und wenn diese älte Schuld gesühnt ist, dann haben wir alle . zusammen den Weg Ihm gebahnt, dessen Blick durch alle Nebel der Geschichte hindurch das messianische Ende der Zeiten in voller Reinheiterkennt und dessen Gesetz diese Zeiten der Gleichheit und Brüderlichkeitherbeibannen lehrt. Woclte^ Binnenwanderung der deutschen Juden« „Das Schwarze Korps", die Zeitung der Schutzstaffeln der NSDAP., veröffentlicht einen Leitartikel ,fJudenmarsch auf Berlin". In ihm heißt es, daß im ersten Halbjahr 1935 Berlin einen Zuwachs von rund 20.000 Juden aus allen Teilen des Reiches und sogar aus dem Auslande gehabt habe, während in der gleichen Zeit 2000 Juden Deutschland, in der Hauptsache Berlin, verlassen hätten. Zum Schluß wird eine Zuwanderungssperre für Juden, die nach Berlin gehen wollen, gefordert. Wenn in der Tat ein so starker Zuwachs der Berliner Jüdischen Gemeinde in einem Zeitraum von sechs Monaten zu verzeichnen sein sollte der ausländischen Zuwanderung kommt dabei sicher nur ein verschwindender Anteil zu -r-, so wäre das eine Erscheinung, die auch vom jüdischen Standpunkte als höchst hMerfreulich betrachtet werden: muß. Sicher ist es nicht gräde , die Sehnsucht nach der Großstadt, die so zahlreiche Juden aus den Provinzstädteh oder vom Lande nach Berlin treibt, sondern es müssen dafür in erster Reihe wirtschaftliche Erwägungen, es muß die Schwierigkeit, in der 1 Provinz die ökonomische Existenz aufrechtzuerhalten, maßgebend sein. Man darf wohl erwarten, daß die verantwortlichen jüdischen Stellen in Berlin diese Wanderbewegung aufmerksam verfolgen, um — im Rahmen der allerdings recht beschränkten Möglichkeiten ■—unerwünschten Entwicklung v gen von sich aus entgegenzutreten; Eine planmäßige Verteilung der Binnenwanderung aüslLand und Mittelstadt wenigstens auf dier G es a m t - zahl der Großstädte wäre denkbar und würde vielleicht die Unterstützung der Behörden finden. Poale Agudas Jisroel. Wir veröffentlichen an andrer Stelle dieses Blattes einen ausführlichen Bericht über die dritte Landeskonferenz der „Poale Agudas Jisroel" in Polen, die in der polnischen OeiienVlichkeit einen starken Eindruck gemacht hat und die zweifellos auch nach innen eine bemerkenswerte Etappe auf dem Wege der Festigung lind Ausbreitung der Organisation bedeuten wird. , Grundsätzlich ist dabei die Zerstörung der von der gegnerischen Presse seit langem geflissentlich verbreiteten Legende wichtigi als hege die Arbeiter-Organisation separatistische Absichten und warte nur auf den Augenblick, der ihr die Losreißung vom Gesamtkörper der Agudas Jisroel gestatten werde. Demgegenüber hat der Antrag der Oppositionsgrüppe, sich autonom zu erklären, eine derart vernichtende Niederlage erlitten, daß die Diskussion über diese separatistischen Bestrebungen nunendlich > verstummen dürfte. Kaum mehr als die Stimmen der Antragsteller selbst sind für den Antrag abgegeben worden. Dieses Ergebnis wird wohl auch nach E r e z I s r o e 1 hinüber' günstig wirken undj diejenigen entmutigen, die drüben wie hüben hie und da mit dem heute ganz -gewiß unzeitgemäßen Gedanken der Arbeiter- Autonomie gespielt haben. Daß *der Klassenkampf-Gedanke in seiner maßlosen marxistischen Üebertreibung, dessen organisatorische Konsequenz die „autonome" Poalim-Bewegung wäre, heute bei dem denkenden Teil der Kulturwelt ausgespielt hat, und daß man überall in der Welt bewußt an" der Ueberbrückung der Klassengegensätze durch höherwertige Bindungen —- seien sie; nationaler, sittlicher oder religiöser Art — ar-j beitet, sollte jedermann klar sein. Dann aber bedeutet es einen vollendeten Widersinn für thoratreue jüdische Menschen, der verbrüdernden Kraft der G'tteslehre nicht jenes Maß von Vertrauen entgegenzubringen, wie es die organisatorische .Einordnung in das Gesamtgefüge der Agudas Jisroel voraussetzt.

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