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Der Israelit · 1935-07-18 · Heft 29 (18.7.1935) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 29 (18.7.1935)
Date
1935-07-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilleton- 4? Der Israelit Nummer 29 1935 Flucht in die Heimat* Eine Erzählung aus unseren Tagen. (Fortsetzung.) Tags darauf hielt die jüdische Stadt Purim, in den vollgefüllten Synagogen, wo fromme Menschen nach Altväterart auf die Worte der Rolle lauschten und auf der-Straße, wo Jungvolk sich vor den Kulissen des Städthauses sammelte, Musikkapellen nationale Lieder spielten und muntere Weisen zu der Horra, die unten durch die Luft wirbelte. Am Nachmittag füllten sich die Straßen, alle Dächer und Balkone mit Menschen, die den F e s t z u g , den schon traditionellen und viel berühmten Purimfestzug von Tel Awiw, bejubelten. Herr und Frau Wilde standen mit vielen Anderen auf dem blumengeschmückten Dache ihres Hotels, von wo aus man die beste Perspektive auf das Treiben der Straße hatte. Der Pestzug war diesmal nach historischen Motiven zusammengestellt und symbolisierte die A 1 i j a h in den verschiedenen Perioden der jüdischen Geschichte. Zwei ältere würdige Herren, hoch zu Roß, führten den Zug an. Dann sah man den Greis mit dem mächtigen Hirtenstab in der Hand, in dem man an Gesicht und Gewandung gleich Vater Abraham erkannte; ihm zur Linken Lot, etwas unsicher in den Beinen . . . Und hinter ihnen der ganze Troß der Knechte und Mägde und eine wirkliche, lebendige Schafherde, die, von den Hirten geführt und getrieben, mit lautem Geblök in den Jubel der Menge einstimmte. Der Oberknecht auf dem hohen Sattel des Kameles, der mit kurzem Stab seine Kommandos austeilte, war offensichtlich Eil e's er , der treue Sachwalter Abrahams. Es war .dies die erste Alija. Kaum hatte sich der Jubel der Begrüßung gelegt, als nach einigen kleinen Zwischenspielen, geschmückten Wagen aus Kolonien und leicht deutbaren Kärrikaturen aus dem Leben in Stadt und Land hinter rauschenden Musikklängen, die zweite Alijah auftauchte. Ein hünenhafter Krieger hoch zu Roß führte die mit Pfeil und Bogen bewehrten und gewappnete Scharen anr Josua, der Sohn Nuns, — das jüngste Schulkind erkannte ihn und sprach ihn so an. Der Knappe, der»auf höher Stange eine goldene Mondsichel etwas nach unten gebeugt trug, wollte damit gewißlich andeuten, daß dieser Feldherr es sich gelegentlich herausnehmen durfte, sogar Sonne und Mond zu befehlen. Uebrigens stand es ja auf dem Transparent deutlich zu lesen: ,,Sonne in Gibeon stehe still und Mond im Tale Ajalon! . . ." Als die Priester hinter dem Feldherren anhüben, in die Posaunen zu blasen, schien es einen Augenblick so, als sollten nicht nur die Mauern von Jericho in sich zusammenstürzen, sondern auch alle Mauern, Dächer und Balkone ringsherum. „Chasakj" schrie das Volk und wurde noch übertönt vom Schmettern der Posaunen. Zahlreiche Araber, die sich in ihrer bunten Festkleidung unter die Feiernden mischten, schrieen ebenfalls aus Leibeskräften „Chasak!" und ihrer einige führten sogar aus innerer Begeisterung am Straßenrande eine kleine Phantasie, eine Art Schwertertanz, auf. Bis sie der jüdische Schoter auf .seinem Rosse freundlich und entschieden mit einem lustigen Zitat aus der Estherrolle auf den Bürgersteig verwies. Neue geschmückte Wagen, die „Tozereth Haarez*4 die-vielfachen Landesprodukte, zeigten, wieder Karrikaturen, die den Amtsschimmel der Irijah, die nichtexistierehden Fakultäten der Universität, Mängel in Organisation und Verwaltung in heiterer Uebertreibung darstellten. Und schon folgte die dritte Alijah, Esra und N ehernj a h , ersterer in wallendem Gelehrtengewand, den riesigen Gänsekiel hinter dem Ohre, letzterer im bunten Regierungskleide voller Orden, schritten gravitätisch daher. Esra trug eine Thorarolle, Nehemjah einen Stab und eine Urkunde, das Cyrusmandat, ausgebreitet. Die Gefolgschaft hinter ihnen war gerüstet mit dem Hammer in der einen und dem Schwert1 in der anderen Handrdem Hammer für den Aufbau und dem Schwerte, um die schwankenden Gestalten, die mit geballter Faust und wilden Augen um sie herümtänzelten, im Schach zu halten. Es waren unverkennbar die Samaritan er, .die den Wiederaufbau zu stören suchten. Und das laute ,,Bus", die hebräischen Pfuirufe, die sich nun von den Dächern herab in „Chasak" und „Hedad" mischten, galten sicherlich diesen zweifelhaften Gestalten, die immer und überall dabei waren, wo es etwas zu stören und zu zerstören gab . . . Die Musikkapelle spielte dabei eine tuschartig hastig dahingeschmetterte Weise, 'wozu das Volk in gleichem raschen Takte „Uzu Eza . . sang: „Ratschlaget und planet, es werden die Pläne und Ratschläge vereitelt, denn mit uns ist G'tt! ..." Dieser muntere, hastige, kämpferische Gesang wollte kein Ende nehmen, fing immer und immer •von Neuem an, als die Gruppe schon längst vorbeimarschiert war. Es kamen neue Wagen mit reichem Schmuck, mit mehr oder weniger Kunst und erfinderischem Talente ausgestattet. Die Bilder von Herzl und Balfour tauchten auf. Eine Jugendgruppe in . Chaluzimtracht zeigte auf hohem Schilde den jesajanischen Satz: „Haus Jakob, auf wir gehen! . . ." — die Bilu-Alijah. Der Chor sang wundervoll das Lied vom Weinberg, den G'tt gepflanzt hatte ... Man sah dann die verschiedenen Alijoth der neueren Zeit in lebenden Bildern vorüberziehen, jede hätte ihre eigene Melodie, ihre eigene Musik. Alle Freuden, aber auch alle Leiden und Sorgen des neuen Jischuw kamen in Gruppen und Wagen zum bildhaften Ausdruck. Die steckengebliebene Stadt im Emek, A f u 1 e h , erschien mit ihrem Theater, ihren Promenaden und ihrem Rathause in leeren Attrappen. Aus einer Gruppe deutscher Juden in Frack und Zylinder winkten welche mit der glacebedeckten Hand und fragten, ob hier "der Weg nach „Erez" sei? ... Es schlössen sich die privaten Veranstaltungen an. Eine J e - m e n i t e n h o c h z e i t, deren Darsteller das Spiel sehr ernst nahmen und mit fast kultischer Inbrunst ihre Bewegungen vollzogen. Ein großer Troß einzelner Masken, von Kindern und Erwachsenen, folgte als Nachhut. Lange Stunden dauerte der -Vorbeimarsch, immer neuen Jubel auslösend. War das europäischer Karneval, ins Jüdische übertragen, oder der jüdische heimatliche Purim mit leichter Karnevaltönung? Herr Wilde war ausgesöhnt und ausgeglichen und entschied sich für das letztere. Denn es fehlte vor allem der wilde zügellose Lärm, wie man ihn anderswo bei solchen Anlässen erlebte, die „Pritschenschlacht", die Freude am Getöse. Es ging alles wie am Schnürchen. Nicht einmal mußte die am Straßenrande mit ihren weißen Wagen harrende Sanität anfahren, Keine grelle Stimme der Trunkenheit brachte eine Dissonanz in das trotz seiner Vielfalt doch so harmonisch geschlossene Bild. Es gab keinen, der sich nicht gern und willig in die Anordnungen der zwei berittenen jüdischen Polizisten fügte. Ausschweifung und Ausschreitung welcher Art schienen in dieser Luft gänzlich ausgeschlossen. Frau Ida bKeb still und in sich gekehrt. Wie Traumbilder zogen all die Pracht, all der Jubel und Trubel an ihrem Auge vorüber. Mitten in diesem festlichen Treiben sah sie doch nur den hochgemauerten Stein im fahlen Lichte der vielen Flämmchen. Aus all den lustigen, getragenen oder rauschenden Weisen hörte sie nur eine Stimme, die Stimme aus der Tiefe, die sie um die Nachtstunde anrief und sie immer noch umrauschte: „Noch wird Lohn deinem Werke und es kehren die Söhne in dein Gebiet wieder zurück! ..." An diesem Punkte, wo sie standen, wurde der Platz leer, nachdem der Zug vorüber war, von der anderen Straßenecke drang erneut der Jubel. Herr und Frau Wilde stiegen auf die Straße hinab. Müde vom Schauen saßen die Menschen am Straßenrand oder unter den Altanen vor den kleinen Kaffees und labten sich an kalten und warmen Getränken. Wie nach einer wilden Schlacht sah die Straße aus, leer, müde mit schlaff herabhängenden Fahnen. Was da noch herumwimmelte, war ermattet und abgekämpft. „Gasus", boten die Limonade- und Eisverkäufer an. Andere hielten Zeitungen feil. „Haarez! Doar Hajom! Dawar!" überschrieen sich die Jungen gegenseitig. „Habt ihr keine deutsche Zeitung?" fragte Herr Wilde einen. Der Zeitungsjunge schüttelte verächtlich den Kopf. „Deutsche Zeitung? Da müssen Sie sich schon an den „Germani Hapere", den „wilden Germanen", wenden." „Den wilden Germanen? Wer ist das?" Es gab genug der wilden Händler in diesem Gewerbe, klagte der Junge, die der Histadruth oder sonst einer Fachschaft nicht angehörten. Vielleicht hieße man ihn deswegen so, vielleicht auch aus einem anderen Grunde. „Meine Sorge! Dawar!" schrie er weiter, um die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich zu lenken. Herr Wilde kaufte ihm ein Blatt ab, das er nicht lesen konnte, als Entgelt dafür, daß er ihn aufgehalten hatte. „Wo Jiat der wilde Germane, der deutsche Zeitungen verkauft, seinen Laden oder Stand?" „Laden?" wunderte sich der Junge, „Chanuto al Habeten, er trägt seinen Laden auf dem Bauch, genau wie ich," zeigte er auf seinen eigenen um den Leib gebundenen Zeitungsladen. „Wo ist er?" „Er wird schon hier irgendwo hinter uns her sein." Sie gingen weiter nach der Richtung des Meeres, wohin sich jetzt die Musik verzogen hatte, sie dürsteten nach einer Zeitung, einem Gruß aus der Heimat. „Berliner Tageblatt! Frankfurter Zeitung! Berliner Illustrierte"! schrie es aus einer Ecke, etwas gedämpfter, als die Rufe der Anderen. Da stand er vor ihnen, der junge, schlanke Mann mit dem Stoppelbart, in der stark abgetragenen Windjacke, den deutschen Kaufladen wie einen Leierkasten vor sich hertragend. Herr Wilde hielt ihn fest. „Geben Sie nur alles her, was Sie an deutschen Zeitungen haben." Der Zeitungsverkäufer sah einen Augenblick starr vor sich hin und ließ seinen Laden schlaff sinken, der Ausruf erstarrte ihm auf den Lippen. Er wollte etwas sagen, aber bevor er noch einen Ton von sich geben konnte, stieß Frau Ida einen Schrei aus. Es war der gleiche Schrei, so dünkte es Norbert Wilde, wie er zur Nachtstunde aus dem Zelte Raheis, so unheimlich und zugliech aufjauchzend, zu ihnen drang. Und die festmüde Straße wurde von einem neuen Erlebnis aufgemuntert, einem Feste im Feste. Die elegante deutsche Dame im Touristendreß hielt den armen, abgerissenen Zeitungsverkäufer, den halb geächteten „wilden Germanen", eng umschlungen. „James!" erkannte jetzt auch der Vater.

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