Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1935)
- Date
- 1935-07-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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18/ Juli 1935 Der Israelit Nr. 29 Seite 5 Hunderte von deutschen Juden ins Land kommen und sich gut durchsetzen können. Bei^der Beurteilung dieser Fragen" muß man sich immer vor Augen halten, daß es sich bei dem gesamten Problem der deutsch-jüdischen Auswanderung um verhältnismäßig außerordentlich geringe Zahlen handelt; haben wir doch heute im ganzen nur noch etwa eine halbe Million deutscher Juden, während selbst ein Land wie Ganada, ganz zu schweigen von den Vereinigten Staaten, vor dem Kriege in einem einzigen Jahr 400 000 Einwanderer absorbiert hat. Daß von den deutschen Juden ein sehr großer Teil aus wirtschaftlichen oder persönlichen Gründen (insbesondere wegen zu hohen Alters usw.) gar nicht auswandern kann oder will, liegt auf'der Hand. Daher könnte der Kapazität nach (also abgesehen von den augenblicklichen politischen und konjunkturmäßigen Hindernissen) ein Land wie Argentinien oder Brasilien ganz allein die deutsch-jüdische Auswanderungsfrage lösen. Und wenn dies heute aus den bekannten wirtschaftlichen und politischen Gründen leider nicht der -Fall ist, so bleiben die genannten beiden Länder doch relativ aussichtsreiche Wanderungsziele für einen Teil -unserer Auswanderer. (Im übrigen ist es nicht richtig, daß in. diesen Ländern „das Argument der heimischen Arbeitslosigkeit keine Rolle spielt." In den größten Städten, wie vor allem Buenos Aires, hat die Krise eine gewaltige Arbeitslosigkeit hervorgerufen!) 2. Antisemitismus, und sogar sehr heftige antisemitische Agitation, gibt es auch in Südafrika, trotz der vorbildlichen Haltung der dortigen Regierung und insbesondere des jetzigen Justizministers General Smuts, der ein ausgesprochener Freund des jüdischen Volkes ist. Trotzdem ist Südafrika — das für ostjüdischen Zuzug schon seit dem Gesetz von 1930 so gut wie völlig gesperrt ist — für deutsche Juden zur Zeit noch ein sehr aussichtsreiches Wanderungsziel, 3. Die von Ihnen erwähnten Pläne einer großen jüdischen Kolonisation im vorderen Orient (Transjordanien, Syrien, Irak) habe ich in meinem Aufsatz deswegen nicht erwähnt, weil ich nur d i e ugenblickliche Lage schildern und nicht entferntere Möglichkeiten erörtern wollte. Sie werden selbst gewiß zugeben, daß alle derartigen Projekte noch einer sehr weitgehenden wirtschaftlichen und vor allem politischen Klärung bedürfen. Im Prinzip stehe ich ihnen dvirchaus positiv gegenüber und habe derartige Pläne selbst gegen mancherlei Widerstände in Vorträgen und in Artikeln in der „Jüdischen Rundschau" vertreten. Zufälligkeiten im heiligen Texte gibt, so muß diese auffällige Variierung ihren tieferen Sinn haben. Sagt der Wilnaer Gaon: Die 70 Stiere, die man in der Festwoche darbrachte, entsprechen bekanntermaßen den 70 Völkern der Erde, denen Israel in «einer Liebe zur Menschheit und unverwüstlichen Welthoffnung ebenfalls Sühne verschaffen möchte. Die 70 Stammvölker sehen aber auf zwei Urväter zurück: Ismael und-Esau. In den talmudischen und kabbalistischen Schriften wird wiederholt Esau T5?wn genannt, wie er ja schließlich auch in der Thora selbst bezeichnet wird, 0r>?v vs ms\\nh während Ismael vsxn geheißen wird, was dem TP entspricht. Die Opfer mußten auf Ismael und Esau paritätisch verteilt werden. Wie wollte man es aber denn machen, daß von den 70 je 35 auf den einen und anderen kommen? Es konnte eben nur in der Anordnung geschehen, wie hier angegeben. Am ersten Tag gab es 13 Stiere, die mit dem Q'iy yvv zum Schluß auf Ismaels Konto gebracht werden. Die zwölf Stiere des zweiten Tages, (wiederum Q'ty *t»jhp}, kommen ebenfalls ihm zugute. Hätten wir nun auch die elf Stiere des dritten Tages ihm gegeben, so besäße er bereits 36, also eines zu'viel. ©arum heißt -es beim dritten Tage nur "PSW» diese elf gehören Esau. Die 10 des vierten Tages (wiederum nnsr V>yv) schlagen wir dann noch zu Ismael, so daß er nun die ihm gebührende Zahl von 35 voll hat. Die Opfer der folgenden Tage, (neun, acht und sieben) legen wir zu den elf, die Esau bereits vom dritten Tage her hat, so daß nun auch er seine 35 Opfer hat. So bedingen die kleinen Abweichungen die gerechte und gleichmäßige Verteilung der Festopfer auf beide Völkergruppen^ New York, 5. Juli. Der Direktor der großen Tageszeitung in Buenos Aires, fIDie Jiddische Zeitung", M. Stoliar, ist als Beauftragter der argentinischen Regierung in New York eingetroffen, um die Frage der Immigration und der Immigratiohsmethoden der Vereinigten Staaten zu studieren und seiner Regierung hierüber Bericht zu geben. In einem Gespräch mit dem ITA-Vertreter rühmte Stoliar die Arbeit der jüdischen Kolonisten in Argentinien. In den argentinischen jüdischen Kolonien leben etwa 26.000 Seelen, die eng mit der Erde verbunden sind, und die sich der Hochachtung seitens der Behörden und der übrigen Bevölkerung erfreuen. Die Bevölkerung Argentiniens ist dem Antisemitismus abgeneigt. Das argentinische Volk kennt uns als gute Bauern, die ehemalige Wüsteneien in blühende Gärten umgewandelt haben sowie als Industrielle und Arbeiter, die an der Entwicklung des Landes großen Anteil haben. "Es leben in Argentinien heute eine halbe Million Juden, davon 300.000 Aschkenasim und 200.000 Sefardim. Die soziale Tätigkeit ist intensiver als in anderen Ländern. Auch besitzen wir hebräische und jiddische Schulen, Talmud, Thoras und andere Kulturinsti- Ein Aufruf zum Mussar-Lernen- Von Rabb. M. D. Rogosnitzky in Leipzig-Telschi. Ein Historiker, der die Geschichte einer Epoche zu schreiben beabsichtigt, kann sich nicht damit begnügen, sich umfangreiches Aktenmaterial zu verschaffen, es zu sichten und nach . einem formalen Gesichtspunkt zu ordnen. Will er dem toterf Tatsachengemenge Lebenswahrheit vermitteln, so ist es für ihn nötig, das Agens zu erfassen, das die betreffende Epoche nach jener und nur jener Richtung hin formte. Nennen wir dieses Etwas, das der Wirtschaftsform, je?der wissenschaftlichen Grunderkenntnis usw. das Gepräge gibt, kürz und schlicht „das geistige Gesicht der Zeit". Nur in wenigen Fällen wird sich das „geistige Gesicht" der darauffolgenden Epoche logisch folgerichtig aus der vorhergehenden Zeit ableiten lassen. Gewöhnlich geben starke Einflüsse dem Leben eine ganz unverhoffte Wendung. Nicht konstruieren oder schaffen kann man das geistige Gesicht, weil ihm jeder bewußt und unbewußt unterworfen ist. Unseres Erachtens Kleines Feuilleton- Auf der Reise nach Palästina. Mit dem Schnelldampfer „ROMA". Mein Bericht über jüdische Zustände im „Middle West" der Vereinigten Staaten soll heute eine Ergänzung in diesem Reiseberichte erhalten. Auf unserem Dampfer, der ungefähr dreihundert jüdische Reisende mitführt, kann man das amerikanische Judentum in Miniatur beobachten, Alle Schattierungen sind vertreten, Vom bartlosen -Reformrabbiner, der, um seine Liberalität zu beweisen, am protestantischen G'ttesdienst teilnimmt, zum echt frommen Minjan, das täglich seine Getreuen sammelt. Es gibt Zionistische Gruppen, von verschiedener religiöser Schattierung, die Kurse in „Modern Hebrew" halten und „ver-. schämte" Juden, die ihre Mahlzeiten im allgemeinen (nicht jüdischen) Speisesaal einnehmen und sich, gesellschaftlich von den Juden im „koscheren" Speisesaal emanzipiert wähnen. Junge Leute, die auch Palästina besuchen wollen und Freunde der Sowjet- Republik, die, unter Führung eines Arztes, nach dem Osten gehen, Chassidim und Misnagdim, Aschkenasim und sogenannte Sefardim (d. h. Aschkenasim, die dem „Nussach Sfard" huldigen und darauf bestehen, daß das „Jazmach perkune" dem Kaddischgebet eingefügt wird), Chasanim der neuen und alten Schule, Synagogen-Mitglieder großer und kleiner Gemeinden, die "ihre Organisationsfähigkeit . bekunden wollen in der Arrangierung von „Oneg Schabbos"-Abenden und Studenten und Studentinnen, -meistens 'religiös indiftutionen. Die zionistische Bewegung übt auf die Massen den größten Einfluß aus. Sao Paulo, 1. Juli. Maßgebende jüdische Kreise in Rio de Janeiro haben einen Plan der Landansiedlung von Juden unweit der brasilianischen Hauptstadt den maßgebenden Stellen überreicht. Die große brasilianische Zeitung „Folia Domania" bringt einen Artikel des gewesenen französischen Kolonienministers Grotjan Candance, der die Fähigkeiten der Juden in der Landwirtschaft rühmt und den Palästina-Aufbau als eine beispielgebende Tat hinstellt. Demgegenüber mache die Entwicklung in Syrien, wo. es an jüdischer Einwanderung fehlt, Rückschritte. Der jüdische Deputierte im brasilianischen Parlament, Dr. Horacio Loffer, ein bekannter Volkswirtschaftler, hat ein Gesetzprojekt zur Hebung der Wirtschaft des Landes ausgearbeitet, das von der gesamten Oeffentlichkeit und Presse Brasiliens sehr lebhaft und in positivem Sinne diskutiert wird. Einige der bisherigen Reformpläne Dr. Loffers haben sich in der Praxis außerordentlich gut bewährt. ist es ein Irrtum, wenn man meint, daß „durch den Kult großer Persönlichkeiten sich diese schwer zu charakterisierende Stimmung schafft, in der der eigentliche Inhalt, der eigentliche Charakter einer Kulturepoche besteht"; denn selbst diese Former sind Geformte. Führer ist der, welcher leisestes Vibrieren, leichteste Erschütterung innerhalb des ' geistigen Gesichts wahrzunehmen imstande ist, und der sich ahnend in das Neue einzufühlen vermag. Je mehr er sich zum Führer eignet, d. h. je früher er das Neue erspürt, desto leichter, intensiver wird er dieses „Etwas" nach einer bestimmten Richtung hin weiterentwickeln oder ausbauen können. Doch höchst selten gelingt ihm eine wesentliche Beeinflussung und Formung im Rahmen des Gegebenen. Entweder eilt die Zeit mit Riesenschritten vorwärts und das, was der Betreffende fühlt, das, was er als Lebenswerk ansieht, ist schon überwunden, überholt, noch bevor seine Gedanken weitere Kreise um sich gezogen haben, oder es erschöpft sich Energie und Schaffungskraft des Führenden am*lässigen Trott der Zeit und der Masse. ferent oder farblos . . . Ich darf natürlich auch nicht die jüdischen Köche vergessen. .Doch davon später. Der Sammelpunkt des überwiegenden Teiles der jüdischen Passagiere ist der Speisesaal und das sich dem Speisesaal anschließende Gesellschaftszimmer. Die" Schiffsgesellschaft hat in großzügiger Weise den jüdischen Passagieren der dritten und zweiten Klasse einen gemeinsamen Speisesaal zur Verfügung gestellt. Bei jedem Mahle hört man jüdische Gesänge religiöser oder nationaler Art und am Freitag Abend Kiddusch und Semiroth, in die die meisten der Passagiere einstimmen. Koscherer Wein für Kiddusch wird unter Aufsicht des liebenswürdigen Herrn Max Green bereitgestellt. Es ist besonders interessant, mit Herrn Green über seine berühmten Passagiere zu sprechen, die während der letzten zwei oder drei Jahre mit ihm nach Palästina fuhren.. Da war z. B. Dr. Meir Hildesheimer s, A„ dessen Menschenkenntnis Herr Green nicht genug rühmen kann, oder der Präsident einer Orthodoxen Rabbiner-Vereinigung in New York, oder Rabbiner Leo Jung; ferner Aguda-Gruppen aus Litauen, Misrachi-Grupp,en die mit den mitreisenden Agudagruppen im fortwährenden freundlichen „Bruderkampfe" standen usw. Es dürfte ganz besonders interessieren, "daß die religiöse Führung des Herrn Green sozusagen eine Frankfurter Unterlage hat, da Herr Green ein Schüler der Breuer'schen Jeschiwa war. Am Abend bilden sich oft kleine Gruppen, in denen jüdische Probleme besprochen werden. Da der überwiegende Teil der mitreisenden Juden religiöse Erinnerungen haben, wird die Diskussion oft sehr lebhaft. Es ist befriedigend, feststellen zu können, daß die sogenannten „amerikanisierten" Juden ohne Vorbehalt mit den andern Brüdern und Schwestern darin übereinstimmen, daß eine Erneuerung des Judentums Jüdische Formung des Lebens.