Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1935)
- Date
- 1935-07-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite .6 Nr. 29 Der Israelit 18. .Juli 1935 Israel ist ein selbständiger Organismus mit seinen eigenen soziologischen Gesetzen innerr halb des Körpers seines Wirtsvolkes, das heute wieder einmal —- aber durchaus nicht mehr unib nicht stärker als in anderen Epochen, wie uns moderne Hybris glauben machen will — den ohne Unterlaß pochenden Mahner unter allen Umständen aus sich ausscheiden will. Wohl wir*! das geistige Gesicht des Wirtsvolkes oder der Kultufwelt überhaupt das Leben des jüdischen Volkes formen, wohl wird „jüdische Genickr starre" Grundideen übernehmen und sie bis ins Letzte führen; aber sie werden immer an der Oberfläche haften, nie werden sie in die Tiefen einer jüdischen Neschomoh vorstoßen. So ist es auch unmöglich, Strömungen, die außerhalb des jüdischen Organismus entstanden, ein jüdisches Gesicht geben zu wollen. Der Versuch, in die Speichen des schnell rollenden Rades greifen zu wollen, um es zum Jüdischen .hin zu drehen, würde einen nutzlosen Krafteaufwand be:-J deuten, und es könnt« einem etwas entfernt stechenden nichtsahnenden Beschauer das Bild sich dahingehend verschieben, als ob der selbstiok kämpfende Mensch ebenfalls vom Rade mitgedreht würde. - Daraus folgt, daß jüdischer Mahhig heißt: sich besinnen auf u r j ü d i s c h e s Gut, heißt: sich durchdringen lassen von urjüdischem Geist-, um dann die Richtungen des geistigen Gesichts erahnen zu können. Wozu also weiden in fremden Feldernr wenn das Gewonnene ja doch nicht absorbiert werden kann und jede diesbezügliche Beeinflussung unnütz, ja falsch ist. Um das jüdische Volk ist es etwas Besonderes: Seine Grundhaltung, ist bedingt durch Sinai und das Gesicht der Eihzelzeit nur Variation davon Jund. wie könnte es auch anders sein bei einet- Lehre, die alle 49 Seiten menschlicher Erkenntnismöglich-;; keit in sich birgt). Der jüdische"Manhig kann und. hat sie und nur sie zu beeinflussen und zu formen. Die durch das Leben erheischte äußere. Lebensform legt sich sodann schützend' um' den. empfindsamen Kern, Wie ist nun spezifisch jüdische Formung zit erlangen? Es ist ein Unding, auf dem Boden nichtjüdischer oder auch nicht spezifisch jüdischer Religionsphilosophie eine Persönlichkeit^ zum Jüdischen hinzulenken, wobei nicht wesentlich ist, daß jemandem „auf Grund eines Zeitungsartikels, in dem Kant abgefragt wurde, seine ganze Emunoh ins Wasser fällt," sondern, daß sein Wesen keine geschlossene Einheit bildet. in den Vereinigten Staaten nur von einer zielbewuß- - ten jüdischen Erziehung erwartet werden kann. Die. verschiedenen Seminare, die die Rabbiner und Lehrer Hefern, werden einer wohlwollenden aber schar-.; fen Kritik unterzogen. Die neue* Jeschiwa, Rabbi;; Jizchok Elchonon nachbenannt, hat, wie es scheint,^: noch viele vortreffliche Arbeit zu leisten, bevor ihrf; Einfluß außerhalb von New York und einigen Staaten im Osten fühlbar wird. Die kühle Luft, die •erhitzte5' Gemüter leicht zur Besinnung bringt, verhindert, daß'? diese Diskussionen ins Persönliche ausarten. Da keine Zeitungen jüdischen Inhaltes am Schiffe;^ zu haben sind, warten, wir mit Sehnsucht auf unsere >' Ankunft In Gibraltar, Hier gibt es eine alte ange-v seheiie, und, sehr religiöse Gemeinde. Mir wird ver-v sichert,- daß die meisten der Geschäfte aiü Schabbosfe gesperrt' sind und daß :die'-jüdischen Bürger gesell-" schaftlich - führend sind. Da kann man vielleicht;jden*| „Israelit" bekommen .qc^er wenigstens den ,Lqndpner|; „Jeiyish Chronicle". ]\. '" .• ] ]| Weitere aWführlichere- Berichte folgen. ' ' ' A.' f§ Wochenkalender. Vom 20. — 27. Juli 1935, 7,Vom 19. — 26. Tammus 5695. »ai» «jn ■ \* Samstag: 20 19 '/13 K33 1 ■ nai ona*s Sonntag 21 20 '' n Moh'tag 22 21 i Dienstag Juli 23 rinn 22 T Mittwoch 24 23 n. Donnerstag 25 24 tJ. Freitag 26 25 ■ ■; . «nnn vonaa. •>smn nwn vmv- Samstag 27 26 Andrerseits wird aber auch derzeit noch das am nächsten Liegende, ein jeder Manhig habe seine weltanschauliche Formung (I in einer Jeschiwah zu erhalten, nicht durchgeführt. Es bliebe nun die selbstverständliche Voraussetzung, seine Weltanschauung auf Grund von einer großen ^öizahl durchgearbeiteter Blatt Gemoroh im Geiste unserer y'rn zu fundieren. Aber einfaches, manchmal gar wissenschaftliches Lernen genügt |ttircttaus nicht, ja ist total falsch. Die Gemoroh; sagt (Sabb. 88b) „Die Tauroh ist für die den rechten Weg Gehenden (Maiminim) ein Lebenskraft^ für die den unrechten Weg Gehenden ein Tödeskraut." Raschi erklärt den Begriff Maiminim dahingehend: „die sich mit ihrer ganzen Kraft dahinein versenken, um ihr tiefstes Wesen zu ergründen." Däher fand man es für nötig, selbst in Jeschiwoth (in Litauen), obwohl man sichdort den ganzen Tag in den vier Ellen der Hälacha befindet und das ganze Milieu thoragemäß ist, noch-ein zweites einzuführen, das Mussar-Lefnen und das Mussar-Hören. Um wieviel wenigef; wird es in Deutschland'—wo doch beides fehlt — selbst bei intensivem Lernen, möglich sein',* die Nischmas Tauroh in sich aufzunehmen, und ohne diese Neschomoh bleibt selbst umfassendes .Wissen wie ein toter. Körper und ohne diese Nischmas ^Tauroh hat eben der Betreffende^keine spezifisch jüdische Formung erhalten.- •': - Um sich nach dieser Richtung hin zu bilden, ist u. E. dringend eine stärkere Durchforschung und Auswertung der Vm 111*7X8 nötig im jüdischen Haus, in der jüdischen Schule und auf der jüdischen Kanzel. Die ^»Tfl J11*ÜK sind einfaches, aber notwendiges Hilfsmittel, iim in sichj "parallel zum halachisehen Wissen',* einen frTUT njn aufzunehmen, so daß nach und nach und immer stärker ein Instinkt erwächst, .jede.Tat, später auch jedes Gefühl''als thora-entsprechend bezw. nicht entsprechend, zu werten. Die letzten Jahre fordern von uns Besinnung; auf unser Judesein, daß wir unserem ganzen Leben wieder jüdisches Gepräge geben» Hierzu bedarf es der Menschen, die ihre, ganze ^Weltanschauung durch ein tieferes Eindringen in den Geist des Gesetzes an Hand unserer fllTiit gewannen, die erst nach jüdischer Formung ihrer Persönlichkeit ihr Wissen, nach;-allen Seiten der europäischen;(Kultur bereichert haben,' worauf sie dann als jüdische Manhigim sich erweisert können. £ft; Korrespondenzen. Deutsches Reich. Ein Gesetzesvorschlag. Frankfurt a. M„ 11. Jüli,. Nach Meldung der „Frankfurter Zeitung" wird in einem Aufsatz der „Nationalsozialistischen Parteikorrespondenz", der sich* unter der Ueber&chrift „Jetzt positiver Rasserischutzl" mit' Verhaftünge'n und Prozessen beschäftigt, die gegen Nichtarier wegen Sittlichkeitsdelikten geführt wurden, es als!j wünschenswert bezeichnet, wenn, „zunächst dem ijuden unter Androhung der Todesstrafe verboten wü|äe: 4. Nichtjuden als Untermieter oder Mieter zu haben; 2. nichtjüdisches Hauspersonal zu beschäftigen, 3, als Arzt oder Rechtsanwalt Nichtjuden zu betreuen." Die Lösung der Judenfrage,. ' - B erlin,'13. Juli.; In der Zeitschrift „Die deutsche. Vnlkswirtschait''- wird, .wie der „Preußische Pressedienst der.; NSE^.?. meldet, unter der Ueberschrift ,Die Judenfrage:; gelöst?" ein Aufsatz erscheinen, aus dem der „Pressedienst", folgende Ausführungen wiedergibt: ' „Wir sehen, daß den Juden an sich damit gedient wäre, wenn sie im Nationalsozialismus, als einem ihrer Geistesrichtung konträren System, ü'ntertatiaheii könnten, um. ihren eigenen, Interessen'* nachzujj||Öen. Doch die Zeiten sind vorbei..:-Aus iöffentlichen ^?m-- ternC sind sie beseitigt worden. Als „UnternehAei^^iny ■■> ihnen zu viel' persönliche /und . 'ääcMic^e.\'Bm4^$Gäi'^ auf Erlegt,, die - sie .in.- ihre Unternehmer-Kp'nstr^iionen einbeziehen müßten.'iSo. verbleibt ejgeäitlicB'nur £3gp* k ■ noch der Handel, für dön der Jude: zweifellos jbrapnigt ••ist/:'-.Wirs sind kefteswegs;,s'ci'flile^cn'^d^siö #&ap!antisemitisch7..uin "das ücht anzuerkennen. JDer^iazelhandel hat nun allerdings die für Juden heut? unangenehme Begleiterscheinung, daß hier Verkäufer und Käufer in persönliche Berührung kommen. Und den durchweg, nationalsozialistisch eingestellten Käu- ^«masseif kan,n ma,n <ss nicht verübeln, Yf«niv sie ihren wirtschaftlich -schwer ringenden Volksgeflossen' beim Einkauf den Vorzug '"geben. Um jeder jüdischen..Tarnung hier von vornherein zu begegnen, hatte man frühzeitig die ^Kennzeichnung „Deutsches .Geschäft" feingeführt. Wenn trotzdem viele Volksg-enossenlnicht diö erforderliche Konsequenz aufbringen, so ist da« bedauerlich* liegt; aber .sehr oft .daran, daß. noch;-viele jüdische Geschäfte; anonym . und von arischem? Verkaufspersonal geführt werden. Es zeugt von einer (Unerhörten Großzügigkeit und' Toleränz,1 wenn hier {nicht auf eine verschärfte Offenlegungspflicht gedrängt wird. . Fest steht, daß viele in der Ausschaltung des Judentums aus dem öffentlichen Leben,, sowie dem. Kultur- und Geistesleben die Juderifrage als gelöst betrachten. Die Wirtschaft dagegen ist ein Gebiet, auf das sich die differenziertesten Elemente, zurückziehen dürfen: „Rein wirtschaftlich ■— ungefährlich.". Gegen einen solchen Standpunkt muß' schärfstens Verwahrung eingelegt werden. Es' geht nicht... länger an, daß öffentliche . Aufträge an jüdische Firmen vergeben werden, daß man als Nationalsozialist bisweilen unbeabsichtigt (infoige der Anonymität) in einem jüdischen Geschäft kaufen muß, daß überhaupt an einer Ware jemals _ein jüdischer: -Spekulant ungesehen sichs „die Hände gewaschen hat". Nichts als Klarheit fordern wir, denn solange die Dinge nicht offenliegen„ ist die Judenfrage nicht gelöst! Auf allen anderen Gebieten gibt es ein Judenproblem nicht mehr, man kann sogar sagen, daß dort die Judenfrage eine vorbildliche Lösung gefunden hat, Aber m der Wirtschaft können Juden weiter ihr Spiel treiben. Sie haben das auch rasch erkannt, haben sich wieder häuslich eingerichtet auf der Arbeit ihres Wirtsvolkes. Dankbarkeit dafür, daß man ihnen das „Eigentum" nicht beschlagnahmt hat, konnte und kann man nicht von ihnen erwarten. Wo man sie" als''Auslandsvertreter deutscher Tirmen untergebracht hat, arbeiten sie gegen Deutschland und finanzieren den Boykott. 'Die internationalen Juden betreiben, nach wie Vor ihre Hetze, weil sie mit Recht befürchten, daß unsere Einstellung zum Judentum auf andere. Länder übergreift. Und wenn die Juden wirklich einmal bescheiden und anpassungsfähig sich verhalten, so ist doppelte Vorsicht geboten. Sie fügen sich'zeitweilig der harten Notwendigkeit, um alsdann Wieder rückfällig ^zü'werden. —r;;* ''Es ist zwar klar;in^^ der " Jude "%lfi; Ei^öhent ■ä^[Ms^ii'^i^6H^^f£titas unter den neuen1 '*Verhälthis'seni;dlcnt "blühen, 'ttkä gedeihen.' kann;'-aber, erlebt weiter.;Wir- -hähenlHarauf zu - achten, daß - eri; nichts neue * Wiürzeln. -schlägt .-und Mflurch .-unsere jPatndosigkeit äräuenü Boden\ v. gewinnt. Deshalb '- fordern wir nichtsanderes'als eine' klare Scheidung, wie sie sich auf anderen Gebieten bewährt hat." Polem - Die wirtschaftliche, Lage der Juden m Polen, — 20,000 jüdische Wein- und Spiritushändler brotlos? Wa'rschau, 5. Juh. Aus,Presseberichten geht hervor, daß das Finanz- , . ■ * i ■; \ : r; * ■ '' ] •}' > ' a ■ ' 1 "^y ministerium sich entschlossen hat, die Lizenzen *der Wein- und Spiritushändler in Polen\nicht zu erneuern. Da ein großer Teil des Wein- und Spiritushandels sich in jüdischen Händen befindet, würde diese Maßnahme für die wirtschaftliche Lage der . Juden in Polen von einschneidender Bedeutung, sein. Ungefähr '•-..... /> -* ■ ■ -fv.■■■ -:• .:!'•!