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Der Israelit · 1935-07-11 · Heft 28 (11.7.1935) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 28 (11.7.1935)
Date
1935-07-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
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oeue iu £fe;'s4p D I s r a e .1 i t „Nur, wenige kostbare Minuten bei Mutter, allein, bei Nacht , . . Wem das gegönnt ist . . „Ganz fromme Leute pflegten es zuweilen zu tun, im Elhilmonat," wußte Schmarjahu zu berichten. „Sie nennen es Tikkun-Chazoth, Gebet der Mitternacht, und behaupten, Stimmen aus der Tiefe zu hören, die Stimme Raheis, die in Ramah um ihre Kinder weint . . ." „Sie hören Stimmen aus der Tiefe, bei Nacht und allein bei Mutter Rahel," zitterte Frau Ida wie im Fieber. „Und es wäre dir nicht unheimlich, so ganz allein um diese Stunde?" „Unheimlich bei Mutter? , . ." Es dauerte eine Weil«, bis sie den Wächter aus der Hütte daneben wach bekamen und bis dieser begriffen hatte, um was es ging. Er kam bald mit der Laterne und schloß auf. Als er mit hinein wollte, winkte Frau Ida ab, Auch Herr Wilde und Schmarjahu blieben vor der Türe. Es hörte keiner, wie sich drinnen eine jüdische Seele in Tränen ergoß, was ein Kind *in stiller Zwiesprache mit der Mutter sagte . . . Ein Kind weinte in Mutters Schoß und zugleich eine Mutter um ihr Kind ... Es zitterten dabei einige Dutzend Flämmchen aus den Oel- und Wächslichtern, die Tags vorher andere Mütter angezündet hatten ... Die Männer an der Türe horchten angestrengt. Es war nichts zu hören, niclits zu sehen als das unruhige Zittern der Flämmchen. Dann aber drang doch eine leise Stimme durch. Von oben oder von unten? Wer konnte es wissen? War das Jubel oder Seufzer? War das die Stimme der Frau Ida oder der Mutter Rahel. Es schien, als hätten sich all die Tränen und Gebete, die hier seit zweitausend Jahren in der Luft hingen, losgelöst und summten durch den nächtlichen Raum. Und nun war es wieder ganz still. Nach wenigen Minuten kam Frau Ida wieder heraus. Sie hatte nasse Augen, aber ganz aufrechten Gang, ihre Stimme klang hell und zuversichtlich. Sicheren Schrittes, fast jugendlich, stieg sie in den Wagen. „Wem dieses Glück gegönnt ist," jubelte es aus ihr heraus. „Um dieser Minuten wegen hat die Reise mit allen Mühen gelohnt ..." Sie hatte, wie die ganz Frommen, das Gebet der Nacht in Raheis Zelt verrichtet und Stimmen riefen sie" an. Eine Munterkeit, wie man sie bei ihr schon lange nicht kannte, bemächtigte sich ihrer, als sie in später Nachtstunde in die hellen, wachen und dem Feste entgegenjubelnden Straßen von Tel Awiw hineinfuhren. (Fortsetzung folgt.) Iii.: Juli: 1935 -•• — Jüdische Religionsphilosophie in der Neuzeit/) Joachim Schoeps ist in literarischen Kreisen vor drei Jahren durch sein Buch: „Jüdischer Glaube in dieser Zeit" bekannt geworden, das einen Versuch zur Grundlegung einer systematischen Theologie des Judentums darstellte. Wir haben damals die prinzipielle Bedeutung dieses Werkes gewürdigt, auch seine Offen ZUtage liegenden Mängel gegenüber der jüdischtheologischen Wirklichkeit kritisch betrachtet. Inzwischen ist der Verfasser in die politische Arena eingetreten und hat sich durch eine höchst unzeitgemäße, scharf antizionistische Haltung viele Gegner geschaffen. Das wird der gerechten Beurteilung seines neuen — jenseits aller Politik stehenden — Werkes nicht zum Vorteil gereichen. Um so mehr verdient es die Beachtung aller religiös-wissenschaftlich interessierten jüdischen Kreise. Im ersten Teile wird die Entwicklung des religions-systematischen Denkens im Judentum des Mittelalters geschildert und dabei eine Zweiteilung zwischen den mehr an dem geschichtlichen Faktum der Offenbarung orientierten Religionsphilosophen (Jehuda halevi usw.) und denjenigen Denkern vorgenommen, die von der Vernunft ausgehen und, die Offenbarung dann einbeziehen, (Rambam usw.). Die Zweiteilung ist zwar nicht neu,; aber begründet, sofern sie nicht absolut genommen* wird. Schon S. R. Hirsch hat ja in seinem berühmten achtzehnten Brief diesen methodischen Widerstreit ins Auge gefaßt, und seine eigene Position eindeutig *,) Geschichte der jüdischen Religiönsphilosophie in der Neuzeit. Band I. Von Hans Joachim Schoeps. Berlin. 1935. Vortrupp - Verlag... auf der Seite Jehuda halevis und des Ramban eingenommen. Dieser letztere allerdings kommt auch beim Verfasser zu kurz, weil über ihn zu wenig sekundäre Informationsquellen vorliegen, und überdies bei Schoeps vorerst noch, jede Vorstellung von der entscheidenden geistesgeschichtlichen Stellung der Kabbala für die jüdische Theologie fehlt Sonst könnte er nicht die drei Jahrhunderte, in denen grade das kabbalistische Denken seine gewaltigste Renaissance erlebte, , als solche „unfruchtbarer Erstarrung" bezeichnen.- . Glänzend ist dem Verfasser dagegen sein zweites Kapitel; „Die Begründung der jüdischen Religions Philosophie im System Moses Mendelssohns" gelun gen. Die Abgrenzung des Mendelssohn'sehen Denkens gegen die mittelalterliche Religionsphilosophie, insbesondere gegen diejenige Maimunis, von der er auszugehen glaubte, füllt innerhalb der Fülle der Maimonides-Literatur eine Lücke aus und macht die unheilvollen Wirkungen der Mendelssohn'schen Lehren — ohne subjektives Verschulden ihres Urhebers, der viel mehr an einer gewissen Naivität des Vernunftglaubens und völligem Mangel an geschichtlichem Denken litt —erst recht verständlich. Die Verheerungen, die dieser Glaube unmittelbar in der ersten nachmendelssohnschen Zeit anrichtete, sind im dritten Kapitel anschaulich dargestellt, der vierte und fünfte Abschnitt dieses ersten Teiles dann den spekulativen Systemen Salomon Formstechers und Samuel Hirse h s gewidmet. War Mendelssohns theoretisches Denken ganz und gar ein Produkt der Aufklärung, so bildet Formstechers Theorie den Niederschlag Schellin g s, diejenige H i r s c h s das jüdische Echo auf das Hegel' sehe System. Den ehrlichen Willen, der jüdischen Religion — wie sie sie verstanden — Bürgerrecht inmitten des zeitgenössischen Kultur bewußtseins zu verschaffen, kann man diesen Kämpen der radikalen Reform nicht streitig machen; daß sie auf diesem Wege aber faktisch die völlige Auflösung der jüdischen Religion in einen glaubenslosen Rationalismus herbeiführten, stellt Schoeps in mustergültiger Darstellung fest. Man darf auf den zweiten Teil des Werkes gespannt sein, der das Religionssystem Salomon Ludwig Stein h e i m s (als Gegenbild zu den rationalistischen Religionsphilosophen) behandeln soll. So _ wie jene Kinder der Aufklärung bezw. der spekulativen Philosophie waren, so fußt Steinheims Ideenwelt ganz auf Kant und erblickt in dem irrational e n Charakter des Offenbarungsinhaites das Kennzeichen und den Beweis seines g'ttlichen Ursprungs. Daß Steinheim grade dem modernen Denken manches zu geben hat, ist.zweifellos, und Schoeps wird-dabei der berufene Interpret sein. Schade nur, daß diesem Interpreten wie übrigens auch Steinheim selbst — die intime Kenntnis der jüdischen Religionsquellen -selber abgeht. Schabbos-Blumen- Es ist ein alter Brauch, den Schäbbostisch mit Blumen zu zieren. Dieser Brauch wird aus einer Talmudstelle im Traktat „Schabbos", Seite 33 hergeleitet. Dort wird berichtet: Rabbi Simon Bar Jochai hielt sich dreizehn Jahre in einer Höhle verborgen und entsagte allen irdischen Freuden. Das Jagen und Haschen der Menschen nach Erwerb und irdischen Genüssen widerte ihn an. Als er an einem Freitag nachmittag aus der Höhle ging, sah er einen Mann mit zwei Blumensträßen in dar Hand yorübereilen. Er fragte ihn, was diese bedeuteten. Der Mann erwiderte, es sei zu Ehren des nahenden Schabbos. Darauf der Rabbi: „Wozu aber gleich zwei Sträuße?" Der Mann antwortete: „Einen entsprechend dem „Sochaur" (im zweiten M. II, Kap. 20) und den zweiten entsprechend dem „Schomaur" (im fünften M, V), Freudig bewegt sprach der Rabbi zu seinem Sohne: „Sieh doch, wie die Menschen die G'ttesgebote, insbesondere das des Schabbos eifrig und freudig erfüllen. Fürwahr, das Leben ist doch noch schön und lebenswert." Aus dieser "Erzählung wird nach der Erklärung des MahärScho zur Stelle der allgemein bekannte Brauch hergeleitet! am Schabös wenigsten« zwei Lichter anzuzünden, entsprechend dem „Sochaur" und „Schomaur". Seit jener Zeit bemüht sich auch der schlichte Mann, zu 'Schabbos Blumen, wenn auch noch so einfache, anzuschaffen. Die Vorliebe der Juden für Blumen findet sich schon in der Bibel. RubeUi der älteste Sohn unseres Stammvaters Jacob, brachte seiner Mutter die „Dudoim"-Feldblumen (Alraun) mit, um ihr damit eine Freude zu bereiten, und Rahel bat sie, auch ihr davon zu geben. Der Prophet Hosea sagt im Kapitel 14, Vers 6: „Ich will sein wie Tau für Israel, daß es blühe wie die Lili«." Das Höhelied besingt den herrlichen Duft und die Schönheit der.weißen Lilien und der Rosen und Veilchen, sowie alle wohlriechenden Gewürze, die im Frühling das Land in herrliche Farbenpracht hüllen. : Die Braut trägt einen Myrtenkranz. Man schmückt die Synagogen am. Wochenfest mit frischem Grün Und die Laubhütte am Laubhüttenfeste mit Blumen und Kränzen, während man die. Festgebete»: anudäeisem Festtage mit dem Feststrauß in der Hand verrichtet. Die beireiten Knechte wurden im Jöbe'ljahr als ,Zeichen der Freiheit mit einer Laubkrone geschmückt. Im S chulchan Aruch Araoh Chaim Kap. 216 Ist genau vorgeschrieben, welche : Benediktion man r über die; verschiedenen Wöhlgerüche und " über" Blumen sprechen soll, denn so lautet die .Regel;;dort: „Im Psalm 150 heißt es: jede Seele," .jeder l Ödem preise .den Herrn, von welcher Sache hatdie;Seele und nicht auch der Körper; einen Genuß? Von. 'dem^Düft ' der Kräuter und Blumen." Im „Owäus; de, Rabbi Noßon", Kap. 35, heißt es: In Jerusalemdürften^keinerlei Pflanzungen oder Gärten äußer. R q s e n.g ä r t e n angelegt werden, wie. sie schon seit den Zeiten der Propheten dort bestanden, .> '" .7 ■' *: ' ' Wenn nun dennoch so oft bei Todesanzeigen der Satz steht: „Von Blumen und Kranzspenden/bittet man abzusehen," so ist dieses durchaus nicht aus dem Grunde, weil der Jude keine Blumen liebt; sondern aus einem ganz anderen Motive Im Traktat „Moed Kötoh", Seite 27, wird berichtet: „Früher war es Sitte, die Verstorbenen in pomphaften Kleidern und mit großem 'Kostenaufwand zu bestatten, was den armen Hinterbliebenen oft Kummer und Sorge verursachte. Darauf ordnete der Fürst Rabbi Gamliel an, daß man ohne Ausnahme, auch bei ihm selbst, dem Toten nur, einfache, weiße Sterbekleider anlegen und - ihn nur in einem einfachen Holzsarge bestatten dürfe, wie es ja auch bei uns heute noch Brauch ist, damit im Tode wenigstens kein Unterschied zwischen Reich und Arm herrsche. Aus demselben Grunde ist auch der gut jüdische Brauch.; entstanden, keine Kränze und Blumen auf den Sarg zu legen. Aber die Freude und Liebe an der blühenden G'ttesnatur ist nach wie vor in jüdischen Kreisen erhalten geblieben und dokumentiert sich. am schönsten jede Woche in den Schabbosbl uim e n. - Rabbiner Ed; Dukesz,; Altona. Vermischtes. Frankfurt a. M., 2. Juli. Eine neu gegründete gesetzestreue Gemeinschaft im Ausland benötigt dringend für ihre Synagogen T e f i 11 o s , Chumois c h i m und Mac h s o r i m. Alle diejenigenr die gut erhaltene Exemplare dieser Ritualien .zur Verfügung: stellen können,_ werden gebeten, dem Verlag des „Israleif" und Hermon GmbH. Nachricht zu geben, worauf, dann der Abruf je nach Bedarf erfolgen wird. Berlin, 5. Juli. Die Reichsvertretung der deutschen Juden, Abteilung ,Zentralwohlfahrtsstelle, teilt "mit: Der Ausbildungslehrgang für jüdische Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen, Berlin W. 15, Meinekestr. 22, ist staatlich genehmigt worden. Als Bedingung wurde gestellt; daß jeder Lehrgang zwei "Jahre dauert, entsprechend der Ausbildungsdauer an den allgemeinen Seminaren, und höchstens 30 Schülerinnen umfaßt. Infolgedessen werden die Schülerinnen des lauf enden Lehrgangs erst im April 1936 ihr Examen ablegen können und der neue Lehrgang Ostern 1936 beginnen.. Infolge der Festsetzung der Schülerinnerizahl auf 30, können Neuanmeldungen für den nächsten Lehrgang nicht mehr entgegengenommen werden. Königsberg (Pr.), 8. Juli. Auf Einladung der Konservativen Vereinigung forderte Dr. Salomon Ehrmann, Frankfurt a. M. in seineni Vortrag über Jüdische G e g en wartsaufg ab e n zur Mi ta r - b e i t a m K*e r e n H a j i s c h u w auf. Die früheren Geschlechter fanden ihren Halt und ihre- Kraft in der tiefen Verbundenheit mit der Thora, in der sie alle Kultur verkörpert fanden, die ihnen die Umwelt, versagte. Im Laufe *der Zeit war aber aus dem Judentum ein bloßes Bekenntnis ohne innere und äußere Verpflichtung geworden. Es gäbe aber kein Bekenntnis ohne Kenntnis. Deshalb müsse die heutige Generation, die außerdem durch die Umwelt dazu gezwungen Wird, sich wieder um die Kenntnis von Thora und Talmud bemühen. Daraus und aus der Geschichte werde sie dann die Kraft zum Leben auch in schwerer Zeit gewinnen. Die Jugend, die die Möglichkeit dazu hat, möge nach Palästmä auswandern. Jedoch sollte sie daran denken, daß der 'Ursprung des Wortes „Hachscharah" „koscher" sei. — Paästina müsse, um ein wirklich jüdisches Land ZU werden, nach dem jüdischen Gesetz der Thora. aufgebaut werden. Alle edlen Grundsätze wie Nächstenliebe, Tierschütz und soziale Gerechtigkeit, sowie/ Hygiene stammen aus der Thora, und wir bedürften der Kultur und Philosophie der Umwelt nur, um unsere, eigene Lehre besser zu verstehen. Handeln wir danach, so wird das Judentum nicht untergehen, sondern leben! Dr. Ehrmann forderte zur Unterstützung, des Keren Hajischuw auf, der sich den Aufbau eines positiv-jüdischen Palästina zum Ziel gesetzt habe. Da das Publikum, das die Alte Synagoge zahlreich füllte, sich aus allen Lagern zusammensetzte, konnte der Beifall nicht ungeteilt sein. H. Z, Hamburg, 2; Juli. Für die Veranstaltungen jüdischer Organisationen ist in Hamburg eine neue Regelung getroffen worden. Die jüdischen-Organisationen haben eine , .Zentralanmeldungsstelle für ,Veranstaltungen jüdischer Organisationen" errichtet, in die die Vo-r sitzenden der Gemeinde und der größeren Organisationen-delegiert worden sind. Die: Geschäftsführung hat ein Beamter der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Gemeinschaft mit den?beamteten, Geschäftsführern der größeren: Verbände. Sämtliche; jüdischen Vejanstal-

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